Tom Strohschneider

Blog von Tom Strohschneider

12.06.2010 | 09:13

Rüttgers Club: NRW-SPD verlängert CDU-Restlaufzeit

Natürlich kommt einem das alles sehr bekannt vor: Eine rechnerische rot-rot-grüne Mehrheit findet aus verschiedenen Gründen nicht zusammen, die Regierungsbildung zieht sich, ein bei der Wahl abgestrafter Ministerpräsident bleibt geschäftsführend im Amt – und irgendwann folgen Neuwahlen. Roland Koch konnte in Hessen eine Mehrheit gegen CDU und FDP aussitzen. Und jetzt bekommt Jürgen Rüttgers in Nordrhein-Westfalen eine Restlaufzeitverlängerung auf dem Regierungssessel: Die SPD an Rhein und Ruhr hat am Freitag neue Gespräche über die Bildung einer großen Koalition mit der CDU abgelehnt.

„Maßstab war immer ein Politikwechsel“, erklärte Hannelore Kraft am Abend, sich ein kleines schwarz-rotes Hintertürchen offen haltend: Die Kooperation mit den Christdemokraten hält sie „auf Basis der Sondierung“ für gescheitert, gebe es eine andere, so lässt sich das interpretieren, etwa nach einer deutlichen Bewegung bei der CDU nicht zuletzt in Personalfragen (dazu auch hier), könnte die Entscheidung auch wieder anders ausfallen. Es ist die Kraftsche Politik des „derzeit“: „Derzeit“ ist die Linkspartei nicht regierungsfähig, „derzeit“ ist mit der CDU keine soziale Politik möglich. „Derzeit“ soll es auch keine rot-grüne Minderheitsregierung in Düsseldorf geben. Und so bleibt „derzeit“ Rüttgers geschäftsführend im Amt.

 

Die Landesverfassung sieht für den Fall, dass am 23. Juni kein neuer Ministerpräsident gewählt wird, weitere Wahlgänge vor. Bleiben auch diese ohne Sieger (im vierten Durchgang reicht die einfache Mehrheit), könnte der CDU-Arbeiterführer „theoretisch Monate oder Jahre“ in der Staatskanzlei sitzen bleiben, wie es der Verfassungsrechtler Martin Morlok formuliert. CDU und FDP stellen dann im Prinzip eine Minderheitsregierung, die zwar keinen Haushalt verabschieden kann, im Bundesrat aber voll handlungsfähig wäre. Genau das hat nun auch zu heftiger Kritik seitens der Grünen geführt: Die Entscheidung, so Fraktionschefin Sylvia Löhrmann, sei defensiv und nicht zu Ende gedacht, da sie „die zentrale Rolle der Landesregierung bei den anstehenden wichtigen Bundesratsentscheidungen außer acht“ lässt.

Interessant wird zu beobachten sein, ob und wie es den Sozialdemokraten gelingt, den „Politikwechsel aus dem Parlament heraus in Gang“ zu setzen. Kraft strebt nun gemeinsame Mehrheiten mit Linken und Grünen gegen die schwarz-gelbe Minderheitsregierung in konkreten Fragen wie etwa der Abschaffung der Studiengebühren an. Womit sich der Erinnerungskreis schließt: In Hessen kippte vor ziemlich genau zwei Jahren eine rot-rot-grüne Landtagsmehrheit im zweiten Anlauf die Studiengebühren, der amtierende Ministerpräsident Roland Koch musste die von ihm selbst eingeführte Lerngebühr schon nach einem Jahr wieder kassieren.

Eine rot-grüne Minderheitsregierung will die SPD „derzeit“ nicht anstreben, man habe im Landesvorstand zwar auch diese Option erwogen, sei sich in der Ablehnung aber einig gewesen. Dabei hatten inzwischen auch die Grünen, die es zunächst ausgeschlossen hatten, „unter Tolerierung einer Partei zu regieren“, dafür geworben. Fraktionschefin Renate Künast sagte in der Rheinischen Post, jetzt könne „der Weg nur über eine Minderheitsregierung führen, die sich darauf beschränkt, die ersten notwendigen Maßnahmen zu ergreifen, beispielsweise die Stärkung der kommunalen Finanzen und die Abschaffung der Studiengebühren“.

Am Wochenende diskutiert die SPD-Basis an Rhein und Ruhr auf Regionalkonferenzen über die Hängepartie bei der Regierungsbildung und das weitere Vorgehen. Am Montag wird dann der sozialdemokratische Parteirat eine Entscheidung treffen.

 
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Kommentare
KalleWirsch schrieb am 12.06.2010 um 11:37
Mir ist nicht klar geworden, was Frau Kraft damit meint, wenn sie sagt, dass sie einen Politikwechsel nun aus dem Parlament heraus in Gang setzen will. Wenn sie offen erklärt, dass sie keine Regierungsbildung mit Chance auf einen Politikwechsel sieht und die CDU nur mit der SPD oder Jamaika regieren könnte, was beides schon ausgeschlossen ist, dann denke ich mal, dass Neuwahlen das Ehrlichste wären.
Onkel Wanja schrieb am 12.06.2010 um 21:44
HAHAHAHAHAHAHAHAHAHA!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!
st sowas den zu fassen, die gehen wirkliche den gleichen Weg wie die SPD in Hessen! Das ist Seeheimerpolitik, das ist Verrat und politische Bankrotterklärung.

Frau Krafts Politik ist genauso hilflos wir ihr Politikerlachen! Und was macht ihre verrottete SPD-Basis, sie beklatscht diese Frau auch noch!

Die setzen auf Neuwahlen und hoffen die LINKE aus dem Parlament zu diffamieren!
Ich wünsche der SPD in diesem Falle eine saftige Wahlniederlage!
lausemädchen schrieb am 12.06.2010 um 21:55
ja, genau so isses.
mitohne lachen.
koslowski schrieb am 12.06.2010 um 21:59
OK, Onkel Wanja, du bist sauer.Das ist aber kein Grund den Kopf zu verlieren:
Wenn die SPD Neuwahlen will, ist dies eine der wenigen Optionen, das politische Patt in NRW aufzulösen;
eine "saftige Wahlniederlage" der SPD bei Neuwahlen wäre möglich, aber nicht wünschenswert, auch nicht für jene LINKE, die ein wirkliches Interesse an politischen Inhalten hat. Aber zu denen scheinst du ja nicht zu gehören.
Deaktivierter Nutzer schrieb am 12.06.2010 um 22:04
Wie auch immer. Neuwahlen werden maximal das gleiche schöne Ergebnis für die "Gesamtlinke" zeitigen. Ich glaube ehr an Ordnungsliebe des Wählers und Altauflage der Regierung. Dann lachte ich aber mit Onkel Wanja mit. Im übrigens hätte die SPD dann ihre ewige Aufgabe als Steigbügelhalter wieder erfüllt.
koslowski schrieb am 12.06.2010 um 22:16
@walter ter linde 22:04

Man lernt in der Community immer dazu; von dir lerne ich, dass sich wirkliche Linke über eine "Altauflage der Regierung" Rüttgers freuen.

Was meinst du eigentlich mit der Rolle der SPD als "Steigbügelhalter"? Das habe ich zuletzt in den 60/70er Jahren gehört, als Eltern und Lehrer meinten, die "neue Ostpolitik" sei eine Kapitulation der SPD vor dem "sowjetischen Imperialismus".
Deaktivierter Nutzer schrieb am 12.06.2010 um 22:25
Nein, die neue Ostpolitik sollte die Alternative mürbe machen, Gorbatschowe entwickeln und die eigene Klientel dumm halten.
Ich lache mit O.W. über die Selbstillusion der SPD, die immer noch nicht um ihre objektive Rolle weiß, seit über 100 Jahren Beta Version.
koslowski schrieb am 12.06.2010 um 22:33
Naja, mit Leuten, die über die "objektive Rolle" der SPD wissen, habe ich mich schon vor 40 Jahren mit den Genossen vom MSB Spartakus gestritten. Wusste gar nicht, dass es solche wie die immer noch gibt. Dann wünsche ich viel Spaß bei der Freude über die Niederlagen der Sozis.
Deaktivierter Nutzer schrieb am 12.06.2010 um 22:37
Namen sind Schall und Rauch. PRAWDA bleibt.
claudia schrieb am 12.06.2010 um 23:04
Die "neue Ostpolitik war eine Folge des gescheiterten "Röhrenembargos"
Deaktivierter Nutzer schrieb am 13.06.2010 um 00:51
Die meisten denken ja schon die Ideologie falsch; also eben in ihrem Sinne als Störung der Feindaufklärung und Befestigung der Feinderklärung.
B.V. schrieb am 13.06.2010 um 11:53
Ob dieses Taktieren der SPD wirklich so unklug ist, wird sich noch zeigen. Vielleicht geht aber genau diese Rechnung auf. Da sich überwiegend alle Anderen nun darüber Ärgern, nicht an die Fleischtöpfe zu kommen, kann dieses Verfahren vielleicht gar nicht so verkehrt sein.
Die Option für Rot-Grün Minderheitenregierung bleibt ja bestehen.
B.V. schrieb am 13.06.2010 um 11:54
"Naja, mit Leuten, die über die "objektive Rolle" der SPD wissen, habe ich mich schon vor 40 Jahren mit den Genossen vom MSB Spartakus gestritten. Wusste gar nicht, dass es solche wie die immer noch gibt. Dann wünsche ich viel Spaß bei der Freude über die Niederlagen der Sozis."

Dito. Die machen so weiter bis sie ins Grab steigen, haben nichts anderes gelernt als diese ihre Lebensaufgabe. :-)))
Onkel Wanja schrieb am 13.06.2010 um 19:36
@koslowski

Wieso sollte ich den sauer sein? Aber nicht im geringsten! Ich bitte Sie mir doch zu glauben! Nein ich wünsche doch die SPD am Boden und zwar WEIL es mir um politische Inhalte geht. Die SPD ist verlogen, sie lügt ihre Wählerschaft an, sie belügt ihre Mitglieder, sie lässt sich Wahlprogramme schreiben und glaubt nicht an sie, sie denkt nicht dran sie umzusetzen, weil sie das nie vorhatte! Sie blinkte links um rechts abzubiegen zu können. Die Linke hätte sie am rechts abbiegen gehindert und deshalb wollten sie nicht mal in Koalitionsverhandlungen eintreten.
Sauer sind sie wohl eher, oder warum duzten sie mich wohl?

Immer schön sauber bleiben!
Onkel Wanja schrieb am 13.06.2010 um 19:43
Solange es Menschen wie sie gibt, wird es auch Spartakisten geben, es sei denn sie werden an die Wand gestellt! Das werden sie sich doch nicht etwa wünschen, oder?

Die Sozis sind für ihre Niederlangen selbst verantwortlich und für die Gründung der KPD, der USPD, der GRÜNEN, der WASG und der Linkspartei.

Sowas kommt von sowas, sowas kommt von Leute verraten!
koslowski schrieb am 13.06.2010 um 19:51
@onkel wanja 19:36 und 19:43

Ganz ruhig, Onkel Wanja, alles wird gut, und machen Sie sich keine Hoffnung, als Märtyrer in die Geschichte einzugehen.
Onkel Wanja schrieb am 13.06.2010 um 21:47
@Koslowski: "Ganz ruhig, Onkel Wanja, alles wird gut"

Richtig! Die SPD wollte nicht mit den LINKEN, wollte es von Anfang an nicht! Sie haben das doch für richtig befunden, wenn ich mich recht an den Tenor ihrer Aussagen hier im Forum erinnere?

Nun hat sich die SPD dadurch in selbst gefesselt, im Auto eingesperrt, die Schlüssel abgebrochen in eine Sackgasse ohne Wendehammer festgefahren -Um es mal in einem sprachlichen Bilde auszudrücken und sie merken langsam, dass dies nicht ohne folgen bleiben wird..... Für die SPD, nicht für die LINKE

Dass ist den Damen und Herren im Vorstand zwar nicht egal, aber für so eine Politik wird man belohnt. Hierher, nach verlorener Wahl, wie in Hessen. Albrecht Müller wittert hier eine Verschwöhrung, weil er der Meinung ist, die SPD sei fremd bestimmt.
Jedenfalls bekommt man so einen schönen Posten, in irgendeiner landeseigenen Entwicklungsgesellschaft, oder so.
Und die verdummte Basis der SPD steht dann weiter am Infostand und verteilt was? Rosen zum Muttertag! Dann beginnt das Jammern, und das Entschuldigen und schimpfen auf die Clements und Schröder.... Bis die nächsten Abziehbilder in 3D in der SPD zur Wahl stehen und gewählt werden!
claudia schrieb am 14.06.2010 um 14:01
>>Dass ist den Damen und Herren im Vorstand zwar nicht egal, aber für so eine Politik wird man belohnt. Hierher, nach verlorener Wahl, wie in Hessen.<<

So ist es. Dass sie eine Veränderung der Mehrheitsverhältnisse im Bundesrat momentan so ausdrücklich nicht wollen, zeigt doch ja Richtung an: Erst soll das Schwarz/Geld-Regime noch ein Schrauben festziehen, dann kommt die SPD und kann ja nun leider nichts mehr ändern...

Klar lohnt sich das. Es hat sich schon immer bezahlt gemacht, Schaum zu schlagen und die Wähler einzuseifen....
I.D.A. Liszt schrieb am 13.06.2010 um 00:47
Wenn ich es recht verstanden habe, ist der 12. Juni Frau Krafts Geburtstag.

An so einem Tag darf man sich ja schon mal etwas wünschen.
Deaktivierter Nutzer schrieb am 13.06.2010 um 00:52
Ja denn: Hau weg! /Werner/
Tom Strohschneider
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