Tom Strohschneider

Blog von Tom Strohschneider

04.05.2011 | 12:44

Souverän über den Strömungen der Linken: zum 80. von Arno Klönne

Besonders zahlreich sind die öffentlichen Gratulanten nicht – was wenig über Arno Klönne sagt, der heute seinen 80. Geburtstag feiert, dafür aber viel über die politische Engstirnigkeit und das Geschichtsvergessene in dieser Republik: Anderen Jubilaren, auch solchen von geringerem Format, hätte man Sondersendungen hinterhergeworfen. Vielleicht liegt es an der gewissen Entfernung zu allen Stühlen, die sich der Bochumer stets bewahrt hat: seine Biografie gibt davon Zeugnis. In der Jungen Welt beschreibt ihn Georg Fülberth als „radikal und bündnisfähig“ (was üblicherweise ein Gegensatz ist), als einen, der Katholik blieb und trotzdem mit den Kommunisten kooperierte, der das Sozialistische Büro in Offenbach und die Zeitschrift links mitgründete, in der SPD als Kritiker der oberen Etagen mit Funktionsverbot belegt wurde. Ein Mann der Arbeiterbewegung in jeder Hinsicht: als Wissenschaftler und bester Kenner des Jugendwiderstandes gegen die Nazis, als Aktivist und Warner vor den absoluten Wahrheiten, als einer, der „souverän über den Strömungen der deutschen Linken“ steht, wie es Christoph Jünke vor ein paar Jahren einmal formuliert hat.

          Arno Klönne im Freitag:
          Kritisch - 50. Jahre Blätter für deutsche und internationale Politik - hier
          Linientreu? - über seinen Lehrer Wolfgang Abendroth und die Politik - hier
          Gespür - Ein Nachruf zu den Nachrufen auf Johannes Rau - hier
          Umsturz - Diktat der Wirtschaft versus neue Partizipation - hier

Die Gründung einer neuen Linkspartei hat Arno Klönne begrüßt, ohne in übertriebenen Optimismus zu verfallen. Schon die Regierungslinken in der PDS waren seiner Kritik an jeglichen Illusionen in den herrschenden Parlamentsbetrieb ausgesetzt, und als sich im März 2004 die WASG zu gründen begann, schrieb er: „Wer nicht der Meinung zuneigt, Parlamente und Wahlen seien völlig funktionslos geworden, kann es nur nützlich finden, dass über wählbare Alternativen“ nachgedacht wird. Allerdings: „Wahlen sind nur eine Methode, um sich politisch einzumischen. Es wäre ganz falsch, wenn die Debatte über eine neue Partei davon ablenken würde, dass andere Formen politischen Engagements, zum Teil gerade erst wieder entdeckt, zu nutzen und weiterzuentwickeln sind“.

Wahlauftritte, so Klönne damals, „haben nur Sinn, wenn sie soziale Bewegung zum Ausdruck bringen. Parteistrukturen sind nur dann vor Entdemokratisierung einigermaßen geschützt, wenn sie in Anregung und Kritik außerparlamentarischer Akteure einbezogen sind.“ Was man auch als eine Analyse der gegenwärtigen Lage der Linken lesen kann: Es fehlt in diesem Land nicht zuletzt an jener sozialen Bewegung, die eine Partei parlamentarisch zum Ausdruck bringen könnte. Arno Klönne hat sich allerdings nie darauf beschränkt, Kritik zu formulieren. Er hat dann immer auch versucht, es in der politischen Praxis anders, besser zu machen – zuletzt im Linken Forum Paderborn, wo man „Raum für den Diskurs jenseits der etablierten Parteienstruktur, auch für das Engagement gegen die Sozialdemontage“ geben will; oder der Demokratischen Initiative Paderborn, die bei Kommunalwahlen antritt – „für soziale Solidarität und kommunale Demokratie“.

2005 schlug er in einem “Plädoyer für eine kommunikative Linke” vor, über eine “Zeitung der sozialen und demokratischen Opposition” nachzudenken – auch das lässt an aktuelle Debatten in und um die Linkspartei herum denken. Nicht dass diese schon die ganze “soziale und demokratische Opposition” wäre oder das überhaupt sein könnte. Aber Klönnes Diagnose hat nicht nur viel mit der Frage des Verhältnisses zwischen Linken und den Medien zu tun, sie ist trotz Neues Deutschland, analyse & kritik und ein paar Onlineforen (und, ja?, auch Freitag) brennend aktuell: “Zu weiten Teilen ist die derzeitige Schwäche der Linken im öffentlichen Kräftefeld der deutschen Gesellschaft selbst verschuldet. Es mangelt links an Kommunikationsfähigkeit. Das wird kein angeborener Mangel sein.”

Zum Weiterlesen
Gottfried Oy: Spurensuche Neue Linke
Das Beispiel des Sozialistischen Büros und seiner Zeitschrift links – hier

 

Erschienen auch auf lafontaines-linke.de

 
Senden Bookmarken Drucken
Kommentare
goedzak schrieb am 04.05.2011 um 13:29
Danke für die Links, ist manchmal interessant, alte Artikel wieder zu lesen.
paulart schrieb am 04.05.2011 um 13:56
Eine redlich verdiente Würdigung Arno Klönnes durch Tom Strohschneider!

Wie kommt das eigentlich, dass sich dieser hochbegabte Analytiker Klönne relativ unbeachtet an den Reihen vieler SPD-Abgeordneten vorbeischleichen konnte, ohne dass einer von ihnen mal gesagt hätte: "Komm' doch mal auf ein Gläschen vorbei - wir reden mal miteinander."

Es gab und gibt sie doch, diese Sozialdemokraten, die es nicht nur der eigenen Partei, sondern auch sich selbst schwer gemacht haben. Nicht, weil ihnen das etwa Spaß gemacht hätte, sondern weil sie eben radikaler als ihre eigene Partei dachten und auch handeln wollten.

Karl-Heinz Hansen zum Beispiel. Er flog 1981 auf Grund seiner Kritik an der Regierungspolitik aus der SPD. Aus Solidarität mit Hansen verliess auch Manfred Coppik die Partei.

Jochen Steffen ("Der rote Jochen") wäre zu nennen. Er war Landesvorsitzender der SPD in Schleswig-Holstein. Steffen brach Anfang der 70er Jahre mit der Wachstumsideologie und trat schon damals gegen Kernkraftwerke und für Naturschutz ein. 1973 legte er den Vorsitz der SPD-Fraktion im Kieler Landtag nieder. Mitte der 70er Jahre trat Steffen vom Vorsitz des SPD-Landesverbandes zurück und schied aus der SPD-Grundwerte-Kommission aus. Zwei Jahre danach verzichtete er auf sein Landtagsmandat und den Sitz im SPD-Bundesvorstand. 1980 verließ er die SPD aus Enttäuschung über den seiner Meinung nach zu kapitalismusnahen Kurs die sozialdemokratische Partei.

Ottmar Schreiner ist seit 1980 Mitglied des Deutschen Bundestages, er war von 1997 bis 1998 stellv. Fraktionsvorsitzender der SPD-Bundestagsfraktion und von 1998 bis 1999 Bundesgeschäftsführer der SPD. Schreiner war von Anfang an ein scharfer Kritiker der Agenda 2010. Zudem war er der einzige Abgeordnete in der großen Koalition, der gegen eine Lieferung von U-Booten nach Pakistan gestimmt hat.

Sie alle, Farthmann, Eppler wären u.a. noch zu nennen, hätten ihre praktischen Erfahrungen mit Klönnes theoretischen Deutungsmustern zusammen in eine Richtung lenken können, die eine Stärkung der Linken - insgesamt - in Deutschland möglich gemacht hätte.

Herzlichen Glückwunsch zum heutigen Geburtstag, Arno Klönne!
Tom Strohschneider
vom "Blauen" zum "Roten" geworden
Mitglied seit:
3 Jahre 17 Wochen
Zuletzt aktiv:
19.02.2012
Status:
Blogger
Aktivität:
Beiträge: 269
Kommentare: 377
Logbuch
12:09
THX1138 hat gerade einen Kommentar geschrieben.
12:08
petrella hat gerade einen Kommentar geschrieben.
12:07
Dreizehn hat gerade einen Kommentar geschrieben.
12:07
Fritz Teich hat gerade einen Kommentar geschrieben.
12:05
KarinL. hat gerade einen Kommentar geschrieben.
David Foster Wallace Das hier ist Wasser Kiepenheuer & Witsch 2012

64 Seiten. Kartoniert.

4,99
 
David Foster Wallace wurde 2005 darum gebeten, vor Absolventen des Kenyon College eine Abschlussrede zu halten. Diese berühmt gewordene Rede gilt in den USA mittlerweile als Klassiker und Pflichtlektüre für alle Abschlussklassen – eine kleine Anleitung für das Leben, die man jedem mit auf den Weg geben möchte >> mehr
Arte-Kooperation

portlet_ArabienArte.png

portlet-gaertnerbuch.png

wir müssen reden

Augstein und Blome

Probe-Abo

probeabo260x120.jpg

Aktuelle Ausgabe bestellen
Die grüne Guerilla

Ausgabe 22/2012
31.05.2012

keine Versandkosten
kein Aufpreis

Einzelpreis: 3.60 €

>> bestellen
der Freitag Kollektion

Freitag-Kollektion_Gaertner.jpg

Arte

portlet_arte+zeile.pngportlet_arte+zeile.png

Freitag-Buchshop.png

 
 
 
 
© der Freitag Mediengesellschaft mbH & Co. KG