Die Grünen strecken sich neuerdings auch nach der „inneren Sicherheit“. Das Thema müsse man als umfragengeblähte Partei ernst nehmen, vom „letzten Tabu“ ist die Rede und auch davon, dass man nach dem nächsten „Mentalitätswechsel“ dann ja auch mal einen Polizeiminister stellen könne. In die neue Begeisterung für die Verantwortung über jene anderen „Grünen“, die heutzutage meist in Blau herumrennen, platzen nun Nachrichten hinein: In Thüringen gibt es ein bösen Drogenskandal. Und in Berlin ließ sich der Wahlkampfmanager der Partei betrunken am Steuer erwischen.
Das Ganze sorgte für mehr („Grüner Manager randaliert“) oder weniger („Grüner Politiker schläft blau vor roter Ampel ein“) doofe Schlagzeilen – und die waren noch gar nicht gedruckt, da hatten die Hauptstadt-Grünen ihren Landesgeschäftsführer schon vor die Tür gesetzt. Natürlich nicht wegen des umweltschädlichen und in Berlin zudem völlig unnötigen Autofahrens. Vielmehr hat der schnelle Rauswurf vor allem mit der Tatsache zu tun, dass André Stephan bei der vorläufigen Festnahme ein bisschen ruppig zur Polizei wurde – ein Käßmannsches Alkoholvergehen allein hätte die neue Volkspartei vielleicht noch akzeptieren können, der angebliche Tritt gegen eine Zivilstreife aber könnte ja jene bösen Bilder der Vergangenheit ins Gedächtnis rufen, auf denen spätere Außenminister noch ganz anderen Widerstand gegen Vollstreckungsbeamte leistete. Wenn jetzt noch herauskommt, dass der frühere PDS-Politiker (!) bevor er an einer Ampel pennte bereits beim Hoffest des Regierenden Bürgermeisters durch Schlafen am seltsamen Ort aufgefallen war, kriegen sich Bild, BZ und Co. wahrscheinlich gar nicht mehr ein.
Dass die Grünen nicht mehr von jenem Format sind, mit dem sich über das Krakele mit einem gewissen Stolz hinwegsehen lässt, ist so traurig wie epidemisch. Auch in Thüringen lässt sich die Angst der Volkspartei vor der Volkssele beobachten. Dort hat die Polizei auf dem Balkon des Geraer Grünenbüros ein paar Hanfpflanzen gefunden. Die Sache ist natürlich ein unglaublicher, ja staatsgefährdender Skandal. Denn auch wenn es sich bei den Kräutern offenbar um Industriehanf handelt, aus dem sich die Partei allenfalls ein paar Untersetzer für die Teetasse hätte flechten können, und trotz eines Grundsatzprogramms, das für die Legalisierung von Cannabis eintritt, muss die Parlamentarische Geschäftsführerin der Thüringer Grünen jetzt überall versichern, mit allem nichts zu tun zu haben: „Weder habe ich die Kästen bepflanzt, noch gepflegt“, wird Astrid Rothe-Beinlich zitiert. Und bestimmt hat sie auch niemals inhaliert. Vielleicht wäre aber genau das eine hilfreiche Therapie gegen jene Zugekniffenheit, die dazu führt, ein paar Industriehanfpflanzen bloß aus Rücksicht auf Medien und wegen der gespielten Empörung der politischen Konkurrenz als „Vorgehen“ zu brandmarken, das man „weder unterstütze noch verharmlose“.
Was kommt als nächstes? Wahrscheinlich erklärt Jürgen Trittin bald öffentlich, nur ein Grüner Innenminister werde den Gammlern das Spritzen von Haschisch nachhaltig austreiben können.