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Der amerikanische Autor Adam Haslett ist hierzulande vor allem durch seinen hochgelobten Erzählband „Das Gespenst der Liebe“ (2002) bekannt geworden. Jüngst erschien der erste Roman des Schriftstellers: „Union Atlantic“, im Klappentext als das große Werk zur Wirtschaftskrise angekündigt.
„Union Atlantic“ ist ein Finanzkonzern, Arbeitgeber des Investmentbankers Doug, dessen Geschichte Haslett erzählt. Den Lebensweg des Bankers kreuzen die ehemalige Lehrerin Charlotte und ihr jugendlicher Nachhilfeschüler Nate. Der Autor lässt die Weltanschauungen seiner Protagonisten am Beispiel eines Grundstücksstreits in der amerikanischen Provinz aufeinanderprallen. Dem Finanzspekulanten Doug, der sein Gewissen gewohnheitsmäßig unterdrückt, steht die alte Charlotte als moralische Eiferin gegenüber. Nate ist zwischen beiden hin- und hergerissen: Einerseits fühlt er sich seiner Lehrerin verpflichtet, andererseits verliebt er sich in Doug.
Hasletts Figuren sind komplexer, als es zunächst den Anschein hat. Die Lebensgeschichten von Doug und Charlotte erklären, warum beide ihre Standpunkte so fanatisch vertreten. Gleichzeitig lässt der Autor sie dadurch aus seiner Schablone heraustreten. Trotzdem ist der Leser nie versucht, sich auf Irgendjemandes Seite zu schlagen.
Haslett ist ein exzellenter Beobachter. Das hilft ihm dabei, sich auf eine manchmal fast unheimliche Weise in seine Figuren und ihre Wahrnehmung der Welt hineinzuversetzen, ohne jedoch dadurch zimperlich in bezug auf ihre Schicksale zu werden. Oft glaubt man, seinen persönlichen Standpunkt zu erkennen, um dann zu bemerken, dass er nur wieder eindringlich die Sichtweise einer Figur angenommen hat. Diese Fähigkeit erlaubt es ihm, dem Leser sogar das Empfinden eines Bankers nahe zu bringen.
Damit wäre der Autor ideal gerüstet gewesen, um endlich den großen Roman zur Krise zu schreiben, das wahre Buch der Stunde. Adam Haslett hat sich daran versucht und ist doch an seinem Ziel vorbeigeschrammt.
Es ist die andere Seite seiner großartigen Beobachtungskraft, welche zur Schwäche des Buches wird: Er ist bemüht, die Realität der Bankenwelt treffend abzubilden und modelliert seine Charaktere sorgfältig. Aber auf dem Weg dahin geht seine Abstraktionsfähigkeit verloren. Irgendwann repräsentiert jede Figur nur noch sich selbst und Hasletts literarische Bankenwelt hangelt sich verkrampft und ironiefrei an der realen entlang. An diesem Punkt bleibt der Leser ein wenig verloren zurück.
Zum anderen will der Autor erkennbar seine Botschaft zur Krise vermitteln. Und diese wird bereits klar, nachdem die Hauptcharaktere und ihr Konflikt eingeführt sind. Ab diesem Punkt sind die Schlussentwicklungen der Geschichte fast schon zwangsläufig und also vorhersehbar. Haslett hat weder Lösung noch Apokalypse gewählt, um die Handlung abzuschließen. Ihrem Ende fehlt letztlich die Perspektive. Der Leser kann in der Summe der Einzelschicksale keinen größeren Kontext erahnen und an der eigentlichen Wirtschaftskrise wird lediglich der Banker Doug scheitern.
Was beeindruckt, sind die präzisen sprachlichen Bilder und originellen Ausdrücke, die Haslett für das, was er sagen will, findet. Seine Figuren wirken wie aus dem Leben gegriffen, seine Schilderung der amerikanischen Gesellschaft ist von luzider Leichtigkeit. Als Reaktion auf die Krise aber ist Hasletts Roman enttäuschend. Am Ende kann das Buch nicht einlösen, was der Verlag verspricht.
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Ausgabe 22/2012
31.05.2012
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