16
]
Heute morgen traf ich wieder einmal auf eine bemerkenswerte Koinzidenz zwischen literarischer Fiktion und Realität. Früh las ich im Bett Graham Greenes "Dr. Fischer aus Genf oder Die Bombenparty".
Dr. Fischer ist ein reicher Exzentriker, der die Menschen verachtet. Auf seinen exklusiven Partys müssen sich die Gäste erniedrigenden Ritualen unterziehen (wie z.B. dem Verzehr von kaltem Porridge), um anschließend von Dr. Fischer wertvolle Geschenke zu erhalten. Interessanterweise sind alle Gäste sehr wohlhabend oder reich und könnten sich diese "Geschenke" auch selbst leisten. Doch Dr. Fischer kennt die "Gier der Reichen", die schließlich auf der "Bomben-Party" soweit geht, dass die Gäste ihr Leben auf's Spiel setzen, um hohe Geldsummen zu gewinnen.
Der Roman hat mich stilistisch wie inhaltlich schwer beeindruckt, obgleich seine "Moral" auf den ersten Blick recht simpel scheint.
Vor dem Frühstück ging es dann mit der Familie zum Erdbeerenpflücken auf eines dieser Selbstpflück-Felder vor der Stadt. Beim Bezahlen an der Kasse stand vor mir ein älterer Mann, der einen riesenhaften Korb Erdbeeren bezahlte und dabei grimmig dreinblickte. Als er gegangen war und ich die vollen Eimer auf die Waage wuchtete, meinte die Verkäuferin, "sowas sei ihr auch noch nicht passiert".
Auf Nachfrage erzählte sie, dass eben jener Mann einen kleineren Korb Erdbeeren bezahlt hatte, während seine Frau mit dem bewussten großen Korb versuchte, sich durch eine Lücke im Zaun am anderen Ende des Feldes davonzumachen. Ein anderer Pflücker hatte die Verkäuferin darüber informiert und sie war dem Ehepaar auf den Parkplatz gefolgt und hatte sich den Kofferraum zeigen lassen. Dann musste der Mann seine restlichen Erdbeerpfunde bezahlen.
Erstaunlicherweise sah der ältere Herr sehr respektabel aus, und nach einem Blick auf das Auto, in dem seine Frau sich verschämt wegdrehte, musste man zu dem Schluss kommen, dass es den beiden an Geld eigentlich nicht mangeln konnte.
Angesichts des versuchten Diebstahls von Erdbeeren konnte man sogar durchaus von der "Gier der Reichen" sprechen. Ein solches Manöver durchzuführen, sich heimlich vom Feld zu schleichen, nur um einen Korb Erdbeeren zu klauen, erinnerte mich sofort an die Geschichte von Dr. Fischer. Obwohl diese Leute sich den Korb locker hätten leisten können, versuchten sie ihn auf diese Weise umsonst zu bekommen. Hätte es eines Beweises für Graham Greenes Theorie bedurft, hätte dieses Ehepaar ihn erbracht.
Nach einem solchen Erlebnis wage ich nun kaum, ein Buch zu lesen, in dem ein Überfall oder gar ein Mord geschieht. Wer weiß, was mir dann beim nächsten Erdbeerpflücken passieren würde...
|
|
Keine Sorge, es liegt an der Farbe. Reiche bezahlen sehr ungern Rote (Früchte).
|
|
|
Vielleicht war der Mann der Meinung, er habe die Erdbeeren ja gepflückt und deshalb hat er seine Arbeitszeit in Rechnung gestellt und sich selber in Naturalien gezahlt.
Aber wenn Du bei ihm im Garten eine Blume pflückst... |
|
|
In diesem Falle wäre der Mann ja selbst ein Roter, denn wer mit seiner Arbeitsleistung bezahlt, folgt dem guten Marxe...
|
|
|
Vielleicht ist sein Auto auch geklaut.
|
|
|
Genau wie die respektable Kleidung...
|
|
|
Ja, sowas gibt es alles. Was aber die Sache problematisch macht, ist die Verallgemeinerung. Es gibt unter den Menschen so'ne und solche. Ist einfach so. Es gibt auch unter den "Reichen" so'ne und solche. Ein Ehepaar mit Erdbeeren kann den Beweis, den Du siehst, nicht erbringen.
Es sind aus meiner Sicht noch andere Triebkräfte als die Gier, die Reiche - im kapitalitischen Sinne - antreibt. Ich will demnächst mal wieder Max Weber angucken: "Die protestantische Ethik und der Geist des Kapitalismus". Greene, den ich immer gern gelesen habe, neigt auch zu einer pessimistischen Sicht auf die Menschen. Ist im Moment auch wieder sehr im Trend. |
|
|
Magda, tu dir doch nicht so was an.
Ich hab gerade ein Buch gelesen was auch ein paar Jahre auf dem Buckel hat, aber wesentlich lesenswerter ist: Adelsmacht und Bürgertum. Die Krise der europäischen Gesellschaft 1848 - 1914 von Arno J. Mayer Das bekommst du bei Amozon gebraucht schon für keine zwei Euro. |
|
|
Ich möchte keineswegs behaupten, dass alle Wohlhabenden wie das Erdbeerpaar handeln. Und auch Greene differenziert in seinem Buch ja zwischen den einzelnen "Reichen", deren Motivation sicher keine klassische Gier ist. Vielleicht hat der Drang zur Anhäufung von Werten eher etwas von Geiz...
Greenes gelegentlich pessimistisches Menschenbild finde ich übrigens durch "Die Reisen mit meiner Tante" vollständig ausgeglichen. Es ist überhaupt mein Lieblingsbuch von ihm. |
|
|
Und Streifzugs Äußerung habe ich nicht bewusst ignoriert. Ich tippe einfach zu langsam.
|
|
|
"Wohlhabendes Erdbeerpaar" klingt irgendwie interessant. Fehlt nur noch die Sahne.
|
|
|
Sieh an. Ein Kannibale auf Streifzug. Ich glaub, mich streift ein Zug!
|
|
|
Wie das Sprichwort schon sagt:
Geiz ist die Armut der Reichen. |
|
|
Irgendwie fügt sich hier doch alles ins Bild:
Der resektabel aussehende ältere Herr, die verschämte Dame, das Auto wahrscheinlich der oberen Mittelklasse oder der Oberklasse. Wie wir hier im niederdeutschen Sprachraum sagen: Vun nix kütt nix! Oder die Herschaften waren verarmter, auf Hartz IV gesetzter Landadel, der eine größere Gesellschaft zu unterhalten hatte. Sie brauchten einfach noch die Erdbeeren zu den Törtchen und der Sahne, die sie sich vom Munde abgespart hatten, weil sie ja der Tochter das Studium der 'International Relations and Economics' and der Princeton University ermöglichen müssen. Leute habt Mitleid mit ihnen. Der gierige Feldbesitzer, de ja eigentlich den Mehrwert dessen abschöpft, was die armen Pflücker erwirtschaftet haben, und ihnen dafür noch Geld abknöpft, hätte lieber noch ein paar Pfündchen drauflegen sollen. So als Rettungspäckchen! |
|
|
Wie hartherzig ich doch war!
Natürlich darf man diese Menschen nach einem solchen sozialen Abstieg nicht dafür zeihen, wenn sie ihren Gästen frisches Obst auftischen wollen! Ich schließe mich dem Appell zur Barmherzigkeit an. |
|
|
Ich glaube, Magda hat das weiteroben schon richtig erkannt. Es gibt in allen Lebensbereichen - egal wie definiert - Menschen, die den Ruf anderer in den Dreck ziehen. Hier sind es eben Wohlhabende, die mit dieser Aktion alle andere Wohlhabenden in ein eher bescheidenes Licht rücken.
|
|
|
Ja, Magda hat recht, dass es überall "so'ne und solche" Menschen gibt. Vielleicht war die Erdbeergeschichte auch vielmehr Ausdruck der allgemeinen Abzock-Mentalität als von Graham Greenes "Gier der Reichen."
|
Ausgabe 07/12
16.02.2012
keine Versandkosten
kein Aufpreis
Einzelpreis: 3.60 €
>> bestellen