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Bereits über eine Stunde vor Veranstaltungsbeginn stand am Alten Leipziger Rathaus eine lange Schlange, die auf den Einlass wartete: Herta Müller hielt gestern die Leipziger Poetikvorlesung 2009. Im Vornherein hatte es Unsicherheiten bezüglich ihres Kommens gegeben, doch die Dichterin hielt trotz des Ansturms auf ihre Person Wort.
Nicht alle, die gekommen waren, fanden im Festsaal Platz. Der Leipziger OBM Jung fragte in seiner kurzen Rede zu Recht, ob auch ohne die Nobelpreisverleihung so viele Gäste zu Herta Müllers Poetikvorlesung geströmt wären. Sie ist sicherlich die am schwersten zugängliche Dichterin in dieser Reihe - 2008 sprach Uwe Tellkamp in Leipzig, im Jahr zuvor war es Ingo Schulze.
Mit Sicherheit ist Herta Müller auch die medial Ungeschulteste der Reihe. Man merkte deutlich, dass diese Frau das große Publikum nicht sucht und frei ist von allen selbstdarstellerischen Allüren. Diese Haltung spiegelt sich auch in ihrer Literatur wider - Herta Müller schreibt nicht für das Publikum und will auch keine Botschaft verbreiten. Sie schreibt, weil sie nicht anders kann.
Am gestrigen Abend wurde die Dichterin von Michael Lentz (Deutsches Literaturinstitut Leipzig) zu ihrer Schreibweise und ihrem Verständnis von Literatur befragt. Obwohl es den Fragen manchmal an Tiefe fehlte und Lentz nicht auf die Antworten der Dichterin einging, erfuhr der Zuhörer doch viel über das Schreiben der Nobelpreisträgerin.
Schnell kann einem dabei klar werden, dass die Besonderheit von Herta Müllers Texten nicht so sehr in deren Sujet wie in der verwendeten Sprache besteht. Sie markiert den Unterschied zwischen "Schreiben" und "Beschreiben" - bei Herta Müller ist ein sprachliches Bild keine Entsprechung eines Umstands, es ist Ausdruck dessen. Metaphern werden nicht erfunden, sie sind schon da. Diese Präzision macht die Besonderheit und sicher oft das Quälende der Literatur dieser Dichterin aus. In dem Gespräch wird auch die Bedeutung Oskar Pastiors für das Erzählen des neuen Buches "Atemschaukel" deutlich, die Bedeutung seiner Erfahrungen und besonders seiner Worte - auch nach seinem Tod im Jahr 2006.
Gleichzeitig ist diese Poetikvorlesung geprägt von Herta Müllers Persönlichkeit. Sie ist eine Künstlerin im wahrsten Sinne des Wortes, kehrt im Gespräch mit solcher Selbstverständlichkeit ihr Innerstes nach Außen, dass es beinahe unheimlich wirkt - welch ein Kontrast zum Vorjahresredner Tellkamp, der ohne zu stocken einen geschliffenen schöngeistigen Vortrag hielt. Mir war es direkt ein bisschen peinlich, Herta Müller bei dieser Veranstaltung zu besuchen, eine Frau, die ihr Leben lang auf der Flucht vor Beobachtung und allgegenwärtigen Augen war. Und man begreift endgültig: Der Nobelpreis ist für Herta Müller eher Fluch denn Segen.
Doch Angst, Ruhm und Geld könnten ihre Schreibe verändern, müssen die Bewunderer der Dichterin nicht haben - Herta Müller bezieht ihre Literatur aus einer Tiefe, in die Preis und Preisgeld nicht reichen. Der Nobelpreis verblasst vor den übrigen Erfahrungen dieser Frau.
In jedem Fall entlässt die Leipziger Poetikvorlesung den Zuhörer in nachdenklichem Zustand in die Nacht. Egal, ob man zu Herta Müllers Literatur einen Zugang findet oder nicht - dieser Abend war eine Bereicherung.
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Danke Dir, das war sehr interessant. Du hast Herta Müller sehr einleuchtend und hilfreich vorgestellt. Ich kenne von ihr bisher nur "Herztier." Und auch ich habe ein bisschen Probleme mit dem Zugang zu ihren Büchern. Wobei man sagen muss, auch eine gestandene Kritikerin wie Iris Radisch hat ihr Buch verrissen und steht jetzt ein bisschen blamiert da.
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liebe Magda, ich möchte Dir gern noch einmal als einstieg ihren ersten band "niederungen" an herz legen, einen guten text dazu findest Du unter folgendem link: martinus-literatur.blogspot.com/2009/10/herta-muller-niederungen.html
und hier: www.kulturradio.de/rezensionen/buch/2009/herta_mueller__niederungen.html Im buchhandel scheint das buch derzeit nicht verfügbar, aber in bibliotheken und antiquarisch: www.zvab.com/angebote/herta-muller-niederungen.html |
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Danke Dir jayne, ich folge Deinen Links.
Aber sag mal, hat der Tom Zille nicht einen schönen Bericht geschrieben? |
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ja, da muß ich Dir recht geben, also hiermit auch ein dankeschön an tom zille!
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Das ist aber lieb, Dank für den Dank! Aber kay.kloetzer hat auch einen schönen Beitrag zum Thema geschrieben.
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Lieber Tom,
das ist ja mal schön: zwei Blogs zum gleichen Ereignis – so dicke sind die Leipziger ja hier nicht vertreten, wenn ich das richtig überblicke. Dein Text gefällt mir sehr gut. Ja, der Lentz, mal abgesehen davon, dass ich von seiner Stimme und speziell der mundartlichen Färbung gar nicht genug bekommen kann, war mein Gefühl, dass er sich zurückzunehmen versucht. Der Umstand, dass die beiden befreundet sind, hat sicher eine größere Nähe zugelassen, als das bei anderen Veranstaltungen möglich ist. Meinst Du, das hat ihn auch gebremst? Ich dachte, er versucht sie vorsichtig zu lenken, leicht war das ja nicht. Liebe Grüße kk |
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Ich hatte mir von der persönlichen Freundschaft der beiden eigentlich Nähe erhofft, finde aber, dass die nicht wirklich aufgekommen ist. Lentz hat ja überwiegend vom Blatt abgelesen und ihre Antworten weitgehend ignoriert.
Im Übrigen Danke für das Lob. Als ich deinen Beitrag las, dachte ich "Mensch, kay.kloetzer hat auch im Publikum gesessen." - Vielleicht sogar ganz in meiner Nähe. Ein beunruhigendes Gefühl... |
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... zwei Reihen vor Dir, oder drei.
Herzlich kk |
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Das soll doch hoffentlich ein Scherz sein. Wenn nicht, werde ich paranoid!
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Ruhe bewahren, ich kann ja nicht überall sein.
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Was für eine Aufmerksamkeit hat sie erregt?!-Wie soll ich das deuten,da sie auf einmal über allen Wolken von Bürgerlichen gelobt wird?
Ist bspw. eine irische Interpretin -gemeint ist Anne Wylie,die ich am Freitagabend den Genuss hatte zu hören und auch zu verstehen,wenngleich einige Texte auf Gälisch waren,weniger wichtig wie eine Autorin die sich selbst noch sucht? Da ich zweifelsohne einer Republik des gesamten Irlands fürspreche,habe ich bspw. Verständnis für die Belange einer irischen Folksängerin,die es schafft,"Überlieferte Wurzeln in neue Formen zu giessen und damit die Grenzen der Tradition zu überschreiten..."-das ist ihr zweifelsohne gelungen und ich war überrascht.Überrascht deswegen,weil ich bislang nur ein einziges Land kenne,das das Gleiche wagt-Cuba- |
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Cuba bleibt zweifelsfrei veralteten Idealen verhaftet, das nur nebenbei.
Darüber hinaus verstehe ich den Zusammenhang Wylie-Müller nicht ganz. Bitte um Aufklärung. |
Ausgabe 22/2012
31.05.2012
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