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Die gestrige Premiere von Kafkas „Der Prozess“ am Leipziger Centraltheater lockte ein großes Publikum jeden Alters ins Schauspielhaus.
Intendant Hartmann führte persönlich Regie bei diesem potentiell prestigeträchtigen Stück und entwickelte teilweise das Raumkonzept. Auch ein großer Teil der wichtigen Schauspieler des Ensembles war in der Besetzung vertreten.
Dramaturg Billenkamp hat die Leipziger Version des Prozesses ohne Zweifel sehr eigenwillig gestaltet. Zu Beginn erzählt Josef K. – gespielt von Guido Lambrecht – den auf der Bühne versammelten Schauspielern den Beginn der Handlung, zwar als Ich-Erzähler, trotzdem aber Außenstehender. Noch sind alle recht entspannt. Der Zuschauer wird gelegentlich durch den Anblick einer aufrecht gehenden Schabe abgelenkt, die den hinteren Teil der Bühne überquert. Diese ironische Reminiszenz an die „Verwandlung“ ist vielleicht noch recht witzig, bildet aber nur einen Auftakt. Das Stück wird immer wieder, in fast Brechtscher Manier, von grotesken Brüchen aufgehalten werden, in denen die Schauspieler beispielsweise tanzen oder Bier trinken.
Vielleicht sollen diese radikalen Abschweifungen die Absurdität der Geschehens illustrieren – Fakt ist aber, dass es sich hier keinesfalls um kafkaeske Absurdität handelt. Diese zeichnet sich durch eine Atmosphäre der Beklemmung aus – doch Beklemmung kommt beim Leipziger „Prozess“ niemals auf. Das hat wiederum viele Gründe.
Zum einen ist Guido Lambrecht als Josef K. eine klare Fehlbesetzung. Sein offenbar schwer überspielbares Selbstbewusstsein und seine oft clowneske Hysterie lassen ihn nicht das Opfer sein, welches Kafka beschrieb.
Hinzu kommt das wahnwitzige Tempo des Stückes. Hier aber wird nicht Josef K. von den Ereignissen überrollt, sondern der Zuschauer. Ständig wird auf der Bühne gerannt oder herumgehopst, die physische Aktivität besitzt klaren Vorrang vor dem Text. Wann immer die Aufführung wirklich an Tiefe zu gewinnen scheint, wird das Geflecht wieder zerrissen. In diesem Kontext erfüllen auch die erwähnten Brüche im Stück ihre Funktion nicht, da zwischendurch keine dichte Atmosphäre erzeugt wird.
Daran kann auch die teilweise wirklich brillante Besetzung nichts ändern. Bernd Stübner - als einer der „Wächter“ sowie als Advokat von Josef K. - darf immerhin noch sprechen, anstatt in das allgemeine Gebrüll einzustimmen.
Holger Stockhaus kann in dieser Inszenierung zwar wieder einmal sein Slapstick-Talent ausleben, spielt aber auch echte Verzweiflung, wo sie nötig ist.
Und Matthias Hummitzsch, der unter anderem den Onkel des Protagonisten verkörpert, darf die philosophischste Stelle dieser Aufführung spielen, die zugleich letzte Szene ist. Er erzählt über das unzugängliche Gesetz als solches und beweist an dieser Stelle, dass ein kleines Stück Text wirklich mehr Kraft besitzen kann als all die hektische Bewegung zuvor.
Das Programm weist als Aufführungsdauer zwei Stunden und fünfzehn Minuten aus – an diesem Abend jedoch ist das Stück bereits nach zwei Stunden vorüber.
Es gelingt Sebastian Hartmann nicht, eine kafkaeske Atmosphäre zu schaffen. Für eine moderne Ausführung von Kafkas Werk bieten sich viele Möglichkeiten an, und „Der Prozess“ vermag uns für die Gegenwart viel zu sagen. Doch diese Möglichkeit hat das Centraltheater nicht genutzt. Der Inszenierung fehlt ganz klar eine Idee, ein tragender Gedanke, welcher Vorbedingung für echte Tiefe ist.
Vielleicht ist diese Kafka-Aufführung nur so etwas wie ein „schlechter Tag“ der Macher. Sollte der Intendant die erste Spielzeit aber nur genutzt haben, um sein Publikum langsam an sein Theaterkonzept heranzuführen und nun mit einem Turbo auf Version zwei zu beschleunigen, wird sich der Kauf einer Theaterkarte bald nicht mehr lohnen.
Zum Glück jedoch ist die Entwicklung des Leipziger Theaters nicht so zwangsläufig wie die des „Prozesses“.
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Lieber Tom,
ich fürchte, Du hast mit jedem Satz recht. Fürchte deswegen, weil es mir als Leipziger Theatergängerin lieber wäre, es gäbe mal wieder eine Inszenierung eines Textes oder Stücks mit dem Ziel, das Publikum gleichermaén zu unterhalten wie dessen Denken und Empfinden eine Facette hinzuzufügen. Aber is nicht. So allmählich bekomme ich nun doch Wut auf die spätpubertären Therapiesitzungen. In der ersten Spielzeit dachte ich: gut, ist eben anders, musst du erstmal gucken. Es sehe aber nicht, weil dieser Kaiser-Nachfolger gar nichts anhat. Eines aber: Hartmann hat die Regie erst vor kurzem übernommen, nachdem der ursprüngliche Regisseur, ein Schwede, dessen Namen ich nicht parat habe, wegen Unfähigkeit in die Wüste geschickt worden war. An Deinen grundsätzlichen Anmerkungen ändert das aber nichts. Liebe Grüße kk |
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Das mit dem ursprünglichen Regisseur war mir wirklich nicht bekannt. Alter Schwede!
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Ausgabe 22/2012
31.05.2012
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