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Am Sonntag habe ich zum ersten Mal gewählt. Zum ersten Mal meinen Beitrag zur Herrschaft des Volkes geleistet. Zum ersten Mal die demokratische Macht des deutschen Bürgers ausgekostet.
Entsprechend aufrecht betrete ich das etwas düstere Wahllokal im Kellerspeisesaal einer grauen Plattenbaumittelschule. Ein Wunder, dass sie's nicht in den Luftschutzbunker gelegt haben! Wenn dieses Wahllokal eine Metapher auf den Stellenwert der Demokratie in unserer Gesellschaft ist, erscheint die Wahlbeteiligung plötzlich hoch...
Die Wahlhelferin am Eingang - wie auch alle anderen bereits im Rentenalter - würdigt mich keines Blickes und grüßt einsilbig. Dabei dachte ich schon, man würde als Erstwähler wenigstens mit einem auswendig heruntergeleierten Spruch begrüßt. Aber die Frau hat schon am Morgen schlechte Laune - kein Wunder, bei dem Raum!
Also ab in die Wahlkabine. Eine enttäuschende Vorrichtung - wenn ich mich ein bisschen zurücklehne, kann ich den Wählern in den Nachbarkabinen beim Kreuzemachen zugucken. Eine kleine Überraschung: In der Kabine links neben mir sitzt mein Vater. Aber eigentlich ist es bei traditionell niedriger Wahlbeteiligung kein Wunder, dass man nur Familienmitglieder im Wahllokal trifft.
Mein Kreuzchen zur Kommunalwahl ist schnell gesetzt - in Leipzig hat man nicht wirklich eine Wahl . Dann der Europazettel - was für eine gigantische Schriftrolle. Ich bekomme ihn kaum in der Kabine entfaltet. Soviel Papier ... Hoffentlich haben die Grünen bereits das Recycling-Papier für Wahlzettel durchgesetzt...
Ich mache mein Europakreuzchen und denke an die Belgier, Niederländer und all die anderen, deren Stimmen mehr wert sind als meine. Vielleicht fühle ich deshalb so wenig Macht - ich wähle hier gerade das mächtigste Parlament dieses Planeten, aber ein Hochgefühl will sich beim besten Willen nicht einstellen. Ich bin trotzdem froh, wählen gegangen zu sein - es ist ein gutes Gefühl, an der Volksherrschaft mitzuwirken.
Am nächsten Morgen hat sich das gute Gefühl verflüchtig: Das Wahlergebnis auf kommunaler und europäischer Ebene finde ich ausgesprochen enttäuschend. Dass Demokratie frustrierend sein kann, habe ich auch schon vor Erreichen des Wahlalters gewusst, aber wenn man mit der eigenen Stimmabgabe eine bestimmte Hoffnung verbindet, ist es natürlich noch frustrierender, wenn sie nicht in Erfüllung geht.
Natürlich werde ich trotzdem im September wieder wählen gehen. Dann ist die Wahlbeteiligung vermutlich noch niedriger, und das heißt: Meine Stimme ist stärker. Ein gutes Gefühl. Wenn auch ziemlich undemokratisch...
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Und ich kann dich nicht mal damit trösten, daß das früher alles besser gewesen sei. Zu dem schalen Erlebnis kam bei mir damals noch der Geruch von abgestandenem Bier. Das Wahllokal war in einer Kneipe. Ich mache deshalb nur noch Briefwahl, seit es die gibt.
Gruß Titta |
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Vielen Dank für den interessanten Beitrag.
Ich erinnere mich noch an meinen ersten Wahlgang. Das Wahllokal war im Kunstraum meiner Schule und ich überlegte mir, ob ich nicht vor der Wahl irgendwelche versteckten politischen Botschaften in den aushängenden Bildern hätte verstecken sollen. Zu spät gedacht, leider. Bei der nächsten Wahl war kein Kurs in einen anderen Kunstraum umgezogen. |
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"mein Kurs" natürlich. :-)
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Ausgabe 22/2012
31.05.2012
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