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Regen Regen Regen. Die tägliche S-Bahn-Fahrt zur Arbeit gerät zum melancholielastigen Ausflug in die graue Realität. Das Panorama (Beton Baustellen Bahntrassen) und das Wetter (kalt klamm kühl) tragen nicht dazu bei, die Stimmung aufzuhellen. Ich befinde mich gerade in einer höchst produktiven "Arbeitsweg-Lesephase". Will heißen, dass ich die tägliche Reiserei mit dem Lesen von Büchern und Zeitungen überbrücke.
Aber heute morgen, also, die Wende kam plötzlich und nicht sehr überraschend. Ich hatte keine Lust, ein neues Buch einzustecken. Ich hatte keine Lust, eine Zeitung zu kaufen. Ich wollte in das Trübe starren und melancholisch sein. Die Linien der Regentropfen auf den Scheiben mit den Augen nachziehen. Die Mundwinkel nach unten ziehen und keinen Menschen ansehen. Mich allein fühlen. Das war die Wende. Ich tastete in meiner Tasche nach dem MP-3-Player. Er lag ganz unten, unter der Mappe, dem Brillenetui, dem Kalender, auch unter dem Apfel und den Stiften, dem Schlüsselbund und den Krümeln. Der Lippenstift hatte sich geöffnet und steckte voller Brösel. Ich zog an dem Kabel für die Ohrstecker und zerrte alles zusammen aus der Tiefe. Einige Stifte und der verbröselte Lippenstift fielen heraus in die Regenpfütze neben mir. Egal. Die Stifte waren versaut und der Lippenstift sowieso. Ich musste mich auf den neuesten Stand bringen.
Die letzte "Arbeitsweg-Musikhör-Phase" war nun schon einige Zeit her und ich datierte sie gen Ende der letzten grimmigen Kälteperiode, etwa Ende März.
Ich zappte in den Liedern und Interpreten herum, unschlüssig. Landete schließlich bei den Wiedergabelisten, "Meine Top 25". Diese Top 25 legen Zeugnis davon ab, was ich auf dem Höhepunkt meiner letzten Phase am meisten gehört hatte. Auf Platz eins, nein, wirklich,
Antony and the Johnsons - Kiss my name
dicht gefolgt von
Morrissey - I'm throwing my arms around Paris
Diese Top 2 sagen nicht unbedingt etwas über die grundlegende Richtung meines Musikgeschmacks aus. Es dürfte sowieso nicht einfach sein, überhaupt eine grundlegende Richtung meines Musikgeschmacks auszumachen, wie Top 3 beweist,
Le cheval de Thomas (version chantée)
Aber Antony and the Johnsons auf Platz 1, mit "Kiss my name"!
Ich spiele den Song an und erinnere mich sofort. Ein schönes Lied, poetischer Text, wirklich. Ich weiß noch, dass dieses kiss my name mich länger beschäftigte.
Küsse meinen Namen. Bilder von Hände küssenden Männern und Frauen, Königshände, Priesterhände, Hände mit schweren Ringen und blasse, kraftlose Hände. Bilder von Fotografien küssenden Menschen, Fotos von denen, die weit weg sind, gestorben oder verloren, verreist oder verehrt. Bilder von Briefe küssenden Menschen, sie küssen die Schrift, die Namen, mit denen unterzeichnet wurde, das Papier, das zuvor in der Hand jemandes anderen lag. Dass der Name eines geliebten Menschen mit jedem Mal, indem man ihn ausspricht, geküsst wird.
Meine Top 25 sagen mir, dass ich während meiner täglichen Reisewege eine Art Betäubung suche. Es sind Lieder, die in mir Bilder aufscheinen lassen, die mich in bestimmte Stimmungen versetzen, Gefühle konservieren oder erzeugen. 
Dockville 2009
Ich halte diese auditiven Phasen nicht lange aus. Das Lesen halte ich immer sehr viel länger durch, als das Musik hören. Ich kann mich auch nicht kontinuierlich von Musik berieseln lassen, das macht mich nervös. Nur manchmal, Tage lang, tauche ich gerne ein, sehe aus einem verregneten S-Bahn-Fenster und starre trübe in die Großstadtsilhouetten. Klischee pur.
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top 3 hilft sehr gut gegen die r. r. r. stimmung, find ich. (ich sah schon mitfahrer/innen, die die gesamte mitfahrzeit damit verbrachten, das kabel des mp3-player-ohrhörers zu entwirren.;)
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ja, Thomas auf seinem Pferd, fällt er nun, oder fällt er nicht, diese musikalisch ummantelte Frage mit zweifellos psychologischem Tiefgang verdient eigentlich den ersten Platz, genau! :-)
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antony & the johnsons finde ich stimmungsaufhellend, trotz der unterschwelligen melancholie, und nicht zuletzt gefällt mir dein text ...
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merci, Jayne, das hellt meine Stimmung jetzt auf... :-) Ich mag Antony Hegarty und seine Johnsons insgesamt sehr gerne.
Für den heutigen Tag empfehle ich Bill Callahan: Eid ma clack shaw und ganz besonders für den kühlen Mai Mansfield TYA: Je ne rêve plus. |
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Mansfield TYA kannte ich noch nicht, gefällt mir sehr, davon werde ich mir noch einiges mehr anhören ...
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Ausgabe 22/2012
31.05.2012
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