7
]
immer die fast bis zur bewusstlosigkeit betrunkene rückkehr von deinen beutezügen riesige plastiktüten ausgebeult mit klirrendem inhalt bis zum zerreißen gespannte folie und dein glastorkelnder blick moskovskaya und eine kalte kippe im mundwinkel und der schnelle griff nach om koulthum deine göttin im land der gläsernen schwerter die zerreißprobe wieder gelungen noch einmal gelungen bis zum unausweichlichen scheitern vorprogrammiert in den neonerleuchteten gängen westlicher konsumkultur so sagst du dein recht dir zu nehmen wenn das menschliche leben versagt wird deine vorstellungen von menschsein deine pflicht dir zu nehmen wenn dein intellektuelles gebäude in seinen grundfesten erschüttert und om du königin der zerschmetterten kehlen entführe mich in die hügel von mazanderan winde mir das grüne band des propheten um die stirn und stoße mich in die glühende sonne bis geschlagenes blut den rücken hinabläuft und derwische wirbelnd den horizont durchstoßen liebe liebe im rosenpochenden herzen festgenagelt liebe die nach erde schreit und in die luft stürzt ich sehe dich im glas der klaren gedanken schweben aber wenn die nacht vorbeigeht bist auch du nicht mehr hier aber da winkst du schon wieder ab und zitierst marx und gleichzeitig ziehst du brecht hervor und sagst ja sagst dafür hätten sie mich umgebracht aber glaube nicht du würdest mit deinen letzten worten noch das kapital beschwören und sagst du du könntest mit mir gehn und eine kalaschnikow schultern und deine braunen augen in blaue hügel tauchen aus grünem blätterwerk spähend aber du träumst du träumst du badest jede nacht und schneidest mit scherbenhänden dein herz entzwei und deine zwölfquadratmeter minus vier wände an einem kühlen sonntagmorgen komm wir gehn telefonieren und du führst die sichelförmige drahtschlinge in den münzschlitz ein und erreichst die ganze welt stundenlang und auch das ist dein recht dir zu nehmen wenn der garten von golestan des nachts erblüht ist und von dir bewässert wurde drei tiefvernarbte messerschnitte in deinem nacken und eine geschichte die nie erzählt wird die ganze welt ist ein vernichtungslager sagst du hörst victor jara und inti illimani und redest von den detektiven die dir folgen bis hierher deine superachteindrücke gehen in den untergrund und zeigen das innere von mülltonnen den bauch der stadt die ästhetik reiner betonwände adorno sagt dir nichts du überführst alles in einen widerspruch und abends ist bei dir schon um fünfuhr und die nacht beginnt mit dem ersten gläsernen ton und endet mit dir
*
in memoriam
|
|
Toll finde ich das.
"dein glastorkelnder blick", "liebe liebe im rosenpochenden herzen festgenagelt" gefällt mir besonders. Ein Verlust verdichtet? Verstanden habe ich: Es ist jemand gegangen? Und die verlinkte Musik finde ich auch sehr spannend. Eine Welt, die ich nicht kenne. |
|
|
Liebe Magda, danke, freut mich.
Zum Hintergrund des Textes: ja, jemand ist gegangen, eine von vielen ähnlichen Geschichten, wenn Exil ein Leben zerstört. Ein hochbegabter Mensch, der mit der Sprache und der neuen Welt, in die er gestoßen wurde, nicht zurecht kam, der das hiesige Gesellschaftssystem in Frage stellte und keinen Weg fand, die alte Welt zu verlassen und in der neuen anzukommen. Zur Musik: Om Koulthoum (der Name wird sehr unterschiedlich transkribiert) ist im arabischen Sprachraum eine Legende, sie wird zutiefst verehrt, selbst heute noch, fast vierzig Jahre nach ihrem Tod. Sie hat sich als Frau in einer ausschließlich von Männern dominierten Domäne durchsetzen können, zu Beginn ihrer Karriere ist sie noch in Männerkleidern aufgetreten. Wenn Dich diese Welt interessiert: es gibt einen sehr guten biographischen Roman über Om Koulthum, von Sélim Nassib, er heißt ganz blumig Stern des Orients. Darin wird die Lebensgeschichte der Sängerin erzählt, sehr gelungen, wie ich finde, auch im Hinblick auf die Vermittlung arabischer Mentalität. Das oben verlinkte Stück ist ihr bekanntestes Lied, Inta Omri (dt. Du bist mein Leben). Insgesamt ist dieses Lied etwa 40 Minuten lang. Wenn man Konzertmitschnitte von Om Koulthum hört, gewinnt man ein wenig einen Eindruck von der Stimmung dort. Bei Inta Omri beginnt das Orchester zu spielen und es dauert schon an die 10 Minuten, bis Koulthum überhaupt auf der Bühne erscheint. Es ist wirklich eine ganz andere Welt, aber sehr interessant und spannend. |
|
|
Wer sich das einmal komplett anhören will:
Inta Omri live, 58 Minuten lang... :-) |
|
|
![]() |
|
|
Das Bild sagt sehr viel zu dem Text..., vielen Dank!
|
|
|
*ein Stern
jedes Wort* *ein tanzender Stern (in Abwandlung eines bekannten Zitats... www.sterneck.net/literatur/nietzsche-stern/index.php) |
|
|
der Stern bekommt einen Namen...., vielen Dank für so viel Licht.
|
Ausgabe 22/2012
31.05.2012
keine Versandkosten
kein Aufpreis
Einzelpreis: 3.60 €
>> bestellen