Rezension zu Monsieur Rainer, „Der Winkeladvokat“
Fangen wir mit einem zweischneidigen Kompliment an: Dieses Buch eignet sich zur TV-Verfilmung. Tatsächlich verfilmt werden wird es allerdings nicht, denn in den alles andere als parteifernen Fernsehgremien wird eine Titelfigur auf wenig Gegenliebe stoßen, die solche Dinge äußert wie „Ich kann diesen verlogenen Ami-Scheiß nicht mehr hören“ oder: „Eine gefährliche Melange aus spießiger Mittelmäßigkeit und verhetztem Kleinbürgertum, das ist unsere politische Klasse!“ Außerdem kann es vorkommen, dass die Titelfigur außer sich ist „vor Zorn über diese Ansammlung von wandelnden Sprechblasen, blauäugigen Gutmenschen, unabsetzbaren juristischer [sic!] Ignoranten und pseudowissenschaftlichen Schwätzern.“ Weil ziemlich gleichmäßig nach politisch-rechts und politisch-links ausgeteilt wird, wird es also nix mit einer TV-Verfilmung werden. Da hilft nur eines: die Lektüre des Buches „Der Winkeladvokat“!
Einstieg in den insgesamt locker wegzulesenden Roman ist der Abschied der Titelfigur Jean-Paul Malin alias Tristan Wöhrlin von der französischen Fremdenlegion. Weiter geht es mit Malins Jura-Studium in Nizza und Tübingen und den Stationen von Malins Rechts-Referendariat, wo Malin es beispielsweise mit einem kafkaesken „Monstrum von Beamtenapparat“ zu tun bekommt, „das offensichtlich keinem anderen Zweck als der schieren Schikane seiner Bürger und seinem eigenen Selbstzweck dient.“ Bereits zu Beginn des Romans wird der Haupt-Spannungsbogen aufgebaut: Der in einem Juristen-Haushalt als Tristan Wöhrlin aufgewachsene Malin ist „nur nach Deutschland zurückgekehrt [...], um sich an seinen Eltern zu rächen.“ Und zwar auf deren ureigenstem Terrain: im Gerichtssaal. „Er will sie dort, auf ihrem eigenen speziellen Gebiet, der Juristerei, schlagen, und zwar mit ihren eigenen Mitteln.“ Grund des Rachefeldzugs: Der Teilzeit-Bettnässer Malin ist traumatisiert dank der Kindesmisshandlungen durch Adoptivvater und –mutter, vor denen Malin in die Fremdenlegion floh. Erzählt wird das per Rückblende.
Nach abgeschlossenem Jura-Studium macht dieses „Explosiv-Geschoss von einem Anwalt“ mit unorthodoxen Methoden auf sich aufmerksam, die ihm außer beeindruckender Presse unter anderem eine siebentätige Ordnungshaft einbringen. Malins Fälle stellen, ebenso wie die Referendariats-Stationen, die Binnen-Spannungsbögen unterhalb des Haupt-Spannungsbogens dar (nämlich der erwähnten anti-elterlichen „Obsession“). Und weil das so ist, soll in dieser Rezension nur soviel über diese Fälle verraten werden: Entweder scheinen sie auf tatsächlichen Strafrechts-Fällen zu beruhen, oder aber sie sind anscheinend gut recherchiert. Warum welcher Fall wie ausführlich dargestellt, erschließt sich mir leider jedoch nicht.
Verglichen mit diesen Fällen tritt der „Krieg“ gegen die Adoptiveltern dagegen über weite Strecken in den Hintergrund, und eher mau fällt die tatsächliche „Schlacht“ aus, von väterlichen juristischen Drohungen abgesehen (Aufhebung des Adoptionsvertrages und somit finanziell-materielles Ungemach) sowie zwei persönlichen Konfrontationen (ungebetener weihnachtlicher Auftritt der Adoptiveltern sowie Prozessführung von Mutter Wöhrlin gegen einen von Malins Mandanten). Dass das Ende dieser „Obsession“ weitgehend im Sande verläuft (von einer überraschenden, letztlich aber folgenlosen Wendung am Schluss abgesehen) dürfte manche/n LeserIn enttäuschen. Mich allerdings nicht, denn gerade das ist realistisch: Obsessionen mit einem ’außer Spesen nix gewesen’. Mir behagt, wenn überhaupt, etwas anderes nicht. Da gibt es einen Titel-(Anti-)Helden, dessen Charakterbruch vor der erzählten Zeit liegt (mit Haarrissen in der Gegenwart). Doch von ihm und einem leicht klischeehaften Italo-Gangster mit Herz abgesehen kommen die Figuren für meinen Geschmack allzu glatt her, allzu schwarz-weiß: entweder fähig oder inkompetent, entweder böse oder gut. Was sie wiederum für eine TV-Verfilmung geeignet machen würde. Wie eingangs gesagt: ein zweischneidiges Kompliment...
ISBN 978-3-8370-3251-2; 15,80 EUR
Ausgabe 22/2012
31.05.2012
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