„Und“ und seine Bedeutung (auch für Ihren Geldbeutel?)
„Ich will den Hunden ja nur einbläuen [...], dass die Parteiprogramme allen jungen, lebensfähigen Wahrheiten den Hals umdrehen.“
Henrik Ibsen, „Ein Volksfeind“, Fünfter Akt
(1) Stellen Sie sich eine Wanderung vor. Plötzlich packt Sie der große Hunger. Sie kehren in einen Gasthof ein, bestellen Schnitzel und Pommes. Es kommt ein Teller, auf dem sich ein einsames Schnitzel räkelt. Etwas missmutig fragen Sie den Kellner: „Da fehlt doch was?“ „Wieso denn?“ „Na, wo sind die Pommes, die bei dem Schnitzel sein sollen? Auf der Speisekarte steht Schnitzel UND Pommes.“ Der große Hunger bringt Sie nach längerer Diskussion mit dem recht verstockten Kellner dazu, dass Sie erst ihre Empörung und dann das Schnitzel herunterschlucken. Ersteres ist unbezahlbar, zweiteres zu bezahlen. Nach dem Zahlen gehen Sie.
Stellen Sie sich weiterhin vor, etwas später auf Ihrer Wanderung geraten Sie in einem Wald an eine Stelle, an der ein blaues Schild mit weißem Pferd deutlich macht: Hier ist ein Pferde-Weg. Darunter steht, auf einem anderen Schild: Radfahrer und Fußgänger frei. Also, so meinen Sie, können Sie auf dem Pferde-Weg weiterwandern. Plötzlich aber – springt der Ihnen bekannte bösartige Kellner aus dem Dickicht hervor und wedelt bedrohlich mit seiner Schürze: „Sie können hier nicht durch!“ „Wieso nicht?“ „Na, wo ist der Radfahrer, der sie begleiten muss? Auf dem Schild steht: Radfahrer UND Fußgänger frei. Schließlich mussten Ihrer Meinung nach vorhin beim Schnitzel auch Pommes dabei sein, weil auf der Speisekarte stand: Schnitzel UND Pommes!“ Hat der Kellner recht? Wenn Sie denken: Nein, denn das Wörtchen „und“ hat im zweiten Fall eine andere Bedeutung als im ersten – nun, dann lesen Sie weiter. Ansonsten: Lassen Sie’s...
Im ersten Fall „Schnitzel und Pommes“ hat das Wörtchen „und“ eine verknüpfende Bedeutung und ist eine Art Synonym für „gemeinsam mit“ oder „in Begleitung von“. Im zweiten Fall „Radfahrer und Fußgänger“ hat das Wörtchen „und“ eine verkürzende Bedeutung und ist eine Art Synonym für „gleichermaßen, aber nicht unbedingt gleichzeitig“. Die Phrase „Radfahrer und Fußgänger frei“ verkürzt also die Phrase „Radfahrer frei und Fußgänger frei“.
(2) Leider muss der Autor dieser Zeilen in unregelmäßigen Abständen feststellen, dass sein Sprachverständnis anscheinend nicht einmal ausreicht, die Bedeutung des Wortes „und“ vollständig zu erfassen. Dass er das nicht vermag, grämt den Autor dieser Zeilen gar sehr. Denn: Wie erschreckend muss dann erst seine Unkenntnis anderer Wörter und komplizierterer Phrasen sein???
Es geht um Folgendes: In unregelmäßigen Abständen taucht in parteipolitischen Diskussionen das Thema „Ehegatten- vs. Familiensplitting“ auf. Blitzgescheite Geister aus Politik und Justiz meinen dann, das Ehegattensplitting sei wegen Grundgesetz-Artikel 6 geschützt. Weniger blitzgescheite Bürger (wie der Autor dieser Zeilen) schlagen dann in ihrer Grundgesetz-Ausgabe nach und lesen dort: Ehe und Familie stehen unter dem besonderen Schutz der staatlichen Ordnung. Abgesehen davon, dass jener besondere Schutz nicht unbedingt heißen muss, dass es Steuervorteile gibt, sondern auch anderes bedeuten kann („Jede Ehe / jede Familie bekommt von Vater Staat eine Gratis-Flasche Sonnencreme, denn das schützt gegen Hautkrebs“ oder „Jede Ehe / jede Familie erhält einen Schraubenzieher mit ergonomischem Schraubenziehergriff, denn das schützt gegen Blasen an HeimwerkerInnen-Händen“) – abgesehen davon stellt sich der Autor dieser Zeilen die simple Frage: Was kann das „und“ in jener Grundgesetz-Formulierung eigentlich bedeuten?
(3) Die Schnitzel-und-Pommes-Variante des „und“
In dieser Variante wäre die staatliche Ordnung nur dann verpflichtet, Schnitzel und Pommes... pardon: Ehe und Familie... besonderen Schutz angedeihen zu lassen, wenn beides gleichzeitig geliefert wird. Die Schnitzel-und-Pommes-Variante des Wortes „und“ kann in der politischen Diskussion „Ehegatten- vs. Familiensplitting“ also eigentlich nicht gemeint sein. Denn ein wie auch immer geartetes Steuersplitting gäbe es bei dieser „und“-Variante nur dann, wenn beides auftreten würde: Es müsste eine Familie geben und eine Ehe, damit es zu einer Steuersubvention käme. Dabei spielt es nicht einmal eine Rolle, wie man Familie definiert: Sie darf bloß nicht das gleiche wie eine Ehe sein.
(4) Die Radfahrer-und-Fußgänger-Variante des „und“
In dieser Variante wäre die staatliche Ordnung nur dann verpflichtet, Radfahrern und Fußgängern... pardon: Ehe und Familie... besonderen Schutz angedeihen zu lassen, wenn eines davon geliefert wird. Die Radfahrer-und-Fußgänger-Variante des Wortes „und“ kann in der tatsächlichen Steuerpraxis eigentlich nicht gemeint sein. Denn ein wie auch immer geartetes Steuersplitting gäbe es bei dieser „und“-Variante, wenn mindestens eines von beiden gegeben wäre: Es müsste eine Familie geben bzw. eine Ehe. Das entspricht nicht der steuerlichen Praxis, in der nur die Ehe in den Genuss des Splittings kommt. (Auch bei dieser und-Variante spielt es übrigens keine Rolle, wie man Familie definiert: Sie darf bloß nicht das gleiche wie eine Ehe sein.)
(5) Der dem allgemeinen Sprachspiel nicht entsprechende mysteriöse dritte Fall des „und“
Ein bösartiger Bürger könnte aufgrund der Punkte 1-4 Parteipolitikern und -juristen nun tatsächlich unterstellen, sie
Ein weniger bösartiger Bürger jedoch (wie der Autor dieser Zeilen) wird dem deprimierenden Gedanken verfallen, dass die Sprache von Politikern und Juristen halt nicht die ihm geläufige deutsche Sprache ist, sondern ein eigener Soziolekt, ein vollkommen anderes „Sprachspiel“ (Wittgenstein) mit vollkommen anderen Regeln. Das würde auch erklären, warum der Wähler anscheinend oft nach der Wahl die Politiker-Äußerungen aus der Zeit vor der Wahl missverstanden haben muss, wenn er sich die politische Praxis nach der Wahl anschaut: Falls die Bedeutung des banalen Wortes „und“ im politischen Gebrauch mysteriöserweise eine andere ist als im Alltagsgebrauch – wie sollen schwieriger zu definierende Dinge wie „Solidarität“ oder „Eigenverantwortung“ (und was sonst noch so in Grundsatzprogrammen und –reden herumschwirrt) das gleiche bedeuten wie im Alltagsgebrauch?
Torsten Haß ist freier Autor und Bibliotheksleiter in der Hochschule Kehl. Als Bibliothekar hat er regelmäßig mit dem Booleschen Operator UND zu tun (Schnitzel-und-Pommes-Variante des UND).
Ausgabe 22/2012
31.05.2012
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