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in Kooperation mit freitag.de

30.12.2011 | 16:55

231 Miniaturen vom Meer



Feiertagslektüre: Carola Gruber hat Andreas Unterwegers Novelle »Du bist mein Meer« gelesen, in der es um einen Urlaub am Meer geht, und um noch viel mehr: Um Idylle, um das Glück, zu zweit zu sein und um das Pech, seinen Fotoapparat vergessen zu haben.

Das Meer. Ein Urlaub zu zweit. Ein verliebtes Paar. Die Frau erwartet ein Kind. Das ist der Rahmen, in dem Andreas Unterwegers Buch »Du bist mein Meer« spielt. Der Autor baut ein geradewegs idyllisches Setting auf:

Das Haus am Meer.
Im Internet haben sie Fotos davon gesehen. Der Fotos wegen haben sie es gemietet: für sechs Tage.
(Damit sie noch – ein letztes Mal!, denkt er – allein sein können [besser gesagt: zu zweit].

Das Idyll hält. Das Paar verbringt die letzten sechs Urlaubstage vor der Geburt des gemeinsamen Kindes in einem Fischerort an der schottischen Küste. Spaziergänge, Lesen, Zeichnen. Der Urlaub verläuft geradezu perfekt. Ein einziges Ärgernis passiert dem Protagonisten: Er vergisst seine Kamera zuhause und steht vor der Aufgabe, diesen letzten gemeinsamen Urlaub auf andere Weise festzuhalten. Und so dreht sich das Buch weniger um einen Konflikt zwischen den Figuren als vielmehr um die Frage, wie eine glückliche Zeit festgehalten, wie Gesehenes und Erlebtes beschrieben und damit »haltbar« gemacht werden kann: Durch Zeichnen, durch Schreiben, durch Fotografieren mit der Handykamera? Lassen sich Dinge besser erfassen, wenn man sie durch ein Fernglas betrachtet? Diese Fragen umkreist das Buch in 231 Miniaturen, die immer wieder zum Meer zurückkehren und zum Protagonisten, der es zu beschreiben versucht und sich dabei mehrfach scheitern sieht: »Er stellt fest, dass man das Meer nicht zeichnen kann.« Schließlich hat der Protagonist die Idee, eine »Novelle« – so heißt Unterwegers Buch im Untertitel – zu schreiben. Er notiert Sätze zu einer Geschichte, die auffällige Ähnlichkeit mit dem gerade Erlebten (und dem gerade Gelesenen) haben: »›Er hat seinen Fotoapparat verloren‹, steht in seinem Notizblock.« Parallelen ergeben sich auch zwischen Autor und Figur: Der Protagonist entpuppt sich als Schriftsteller, der – wie Unterweger – nach einem ersten Buch, einer »Liebesgeschichte«, nun die Idee zu einem zweiten Buch hat:

Aber natürlich müsste so ein zweites Buch – wenn es denn tatsächlich jemals wieder so weit kommen sollte, dass er eines schreibt, denkt er – ganz anders werden als das erste.
(›Das Buch müsste von fremden Leuten handeln‹, denkt er, ›nicht von uns.‹)

Spielerisch holt sich die Fiktion ein, reflektiert sich selbst, das Verhältnis von Fakt und Fiktion: Die 231 Miniaturen sind »schriftliche Fotos«, die sich selbst wiederum beinhalten. Das zweite Buch des österreichischen Autors Andreas Unterweger ist eine lustvolle Reflexion auf die Liebe zum Schreiben und das Schreiben über die Liebe. Der Text kommt leichtfüßig daher. Einige der Miniaturen sind gerade einmal einen Satz lang. Der Autor hat den Mut, mitunter nur drei Wörter auf eine Buchseite zu stellen. Das ist ein Wagnis. Dass es gelingt, liegt an der schlichten, stilsicheren Sprache sowie an der Komposition des Bandes. Konsequent, aber nie aufdringlich kreist Unterwegers Text um das Meer, um die Beziehung des glücklichen Paares und um die Frage der Darstellbarkeit des Erlebten. Zweimal setzt der Text – nach jeweils 77 »Bildern« – neu an und führt aufs Neue die Bandbreite dieser »schriftlichen Fotos« vor: Ein Spektrum, das von Reflexion bis Urlaubs-Schnappschuss, von Aphorismus bis Mini-Erzählung reicht.

Andreas Unterwegers Novelle »Du bist mein Meer« ist im Literaturverlag Droschl erschienen, hat 236 Seiten und kostet 17 €. Zum Buch bei TUBUK »

Carola Gruber wurde 1983 in Bonn geboren. Sie studierte Kreatives Schrei­ben und Kultur­jour­nalismus sowie All­gemeine und Ver­gleichende Literatur­wissen­schaft in Hildesheim, Berlin und Montreal. Ihr Debüt »Alles an seinem Platz» ist im poetenladen Verlag erschienen. Zur Autorin bei TUBUK »

 
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Kommentare
Joachim Petrick schrieb am 02.01.2012 um 18:25
@TUBUK

Danke für die Buch Empfehlung
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lothar.ackermann hat gerade einen Kommentar geschrieben.
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