Türkei alle Tage

Mittendrin

19.09.2010 | 08:16

Die arschsteile Strasse

(auch diese Geschichte ist aus Bodrum-Stadt und aus der jüngsten Vergangenheit)

Boncuk bellt ein Trio mit anderen Hunden aus der Gegend. Es ist sechs Uhr zehn. Beim Ascheimer an der arschsteilen Strasse sahen wir gestern Katzen. Wir sassen auf dem Bordstein. Dıe arschsteile Strasse ist sehr schweisstreibend, selbst in der Nacht. Die Katzen sprangen nach Rang und Ordnung in den Ascheimer und suchten nach Essensresten. Sie sind ägyptisch mager. Die Sehnsucht nach Zuwendung, selbst Steine haben sie. Wir haben einen Backofen gekauft, für 85.- €. Im Dolmuş-Taxi karren wir ihn nach Hause, stellen ihn auf den Balkon. Das Essen ist schon vorgekocht. Heute abend kommt unser erster Gast, der Nachbar Ali Bey. Er wohnt alleine und anscheinend ist er Taucher. Wir haben auch einen Schwamm gekauft. Vielleicht hat er ihn aus der Tiefe geholt? Dilek fasst den Schwamm mit Gruseln an, als sei er lebendig. Unser Duschwasser ist wie alle Tage sehr warm, da es von der Dachtonne kommt.

Seitdem ich hier bin, habe ich erst einmal Jeans getragen, aber nie Socken. Ich besitze nun fünf Badehosen, drei schwarze und zwei blaue. Die kalte Dusche – das Wasser ist nicht wirklich kalt, aber von angenehmer Kühle – ist ein reiner Luxus, außerdem haben wir ja den Badeschwamm.

Ich will Informationen über Schiffstypen und Segel einholen. Von Teyzene Giritli Yeri sehen wir Regatten in der Bucht ablaufen.

 

Dilek malt an ihrem mehrteiligen Bild “Vajina monologları”, fügt darin Fotos von Huren und von dienenden Frauen ein, ich scanne ihr das Interview dazu aus Cumhuriyet ein, ausserdem alte Familienfotos von Müttern und Töchtern, die sie vom Flohmarkt hat. Sie hat mir den Artikel vor ein paar Tagen übersetzt. Meine Vagina war mein Dorf, sagten die Frauen, und: sie ist süss, sauer, blutig, salzig, sie ist Wasser, Moschus, Zitrone, Himmel, Erde, Stolz, Freude. Und was ist nach der VerGewaltigung? Alleine schon die Pflicht der türkischen Ehefrau, ihrem Mann Rechenschaft zu geben wenn sie ausgeht, zu sagen wohin und wie lange, ist eine unerträgliche Zumutung, oder? Dann immer für ihn dazusein, wenn er Lust bekommt. Dann eingetrichtert zu bekommen, sich danach zu waschen und zu reinigen, und zwar, weil die Liebe schmutzig sei. Was bewirkt das für ein Selbstwertgefühl? Ich staune über die Streitbarkeit und Offenheit der Cumhuriyet-Redakteure. Was hier möglich ist und was nicht, das gilt es herauszufinden. Wir haben die Idee zu einer Performance-Reihe “Forbidden things”, die wollen wir ausarbeiten.

Über Minderheiten. Vater und Sohn Karpuzcu sind Roma. Die Giritlis sind Rum – so werden die Griechen hier genannt. Sie sind also Christen. Die vielen Levantiner auch. Levantiner ist hier kein abwertender Name wie bei uns. Sie sind angesehene und reiche Kaufleute, die ursprünglich aus İtalien oder Frankreich stammten.

Du wunderst dich, dass die Kurden hier nicht vorkommen? Warte noch.

 
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Kommentare
Rahab schrieb am 19.09.2010 um 08:43
vielleicht bestellen?

so ist das, meine schöne
www.orlanda.de/sachbuch/sachbuch_einzelbuch.php?ID=9
goedzak schrieb am 19.09.2010 um 09:19
Schönen guten Sonntagmorgen allerseits!



Danke für den Beitrag und den Buchlink!
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