Tuntematon

Blog von Tuntematon

16.04.2011 | 13:43

Das böse Atom und die falsche Panik

Inzwischen ist es amtlich: Fukushima wurde auf INES Stufe 7 eingeordnet. Tschernobyl hat sozusagen einen Bruder bekommen. Diejenigen, die es schon immer gewusst haben, dürfen jetzt mit Recht sagen, sie hätten es schon immer gewusst. Es ist die Stunde der Pessimisten.

Da mag so mancher die Moralkeule schwingen, wie tief man denn sinken muss, um die Not von Hunderttausenden zum Anlass für Selbstgefälligkeit und Rechthaberei zu nehmen, aber es ändert nichts daran: sie haben es nun mal schon immer gewusst. Und sinken dabei kein bisschen tiefer als diejenigen, die sich mal schnell durch Zocken mit Windenergie-Aktien eine goldene Nase verdient haben. Aber das stört ja niemanden, und Geld stinkt nicht.

Panikreaktionen sind an der Tagesordnung. Die Wähler ergrünen, und damit sie der Regierung nicht weglaufen, ergrünt diese den Wählern hinterher.

Das Fatale an der Sache ist, dass diese Panikreaktionen eigentlich kontraproduktiv sind. Sie verkleistern die Augen und führen zu nutzlosen, wenn nicht sogar falschen Resultaten.

Da sind zum Beispiel diejenigen, die rufen "wir haben es doch schon immer gewusst, die Atomenergie ist nicht beherrschbar!" Das macht es ihren Gegnern leicht, sie als Technikfeinde und Puritaner abzustempeln, auf deren Argumente man sowieso nicht zu hören braucht. Schließlich zeigen Hunderte von zuverlässig arbeitenden Kernkraftwerken, dass Atomenergie durchaus beherrschbar ist, vorausgesetzt... doch dazu später.

Und dann sind da diejenigen, die rufen "so etwas kann jederzeit auch bei uns passieren". Das ist zwar so nicht richtig, aber diese Leute lassen sich leicht beschwichtigen. Also werden sie beschwichtigt, zum Beispiel mit ähnlichen Unrichtigkeiten. Wie das geht, hatten wir gleich zu Anfang des Dramas gesehen. "So etwas kann bei uns nicht passieren, unsere Kraftwerke schalten sich nämlich bei Erdbeben automatisch ab", sagte ein Sprecher des Bundesumweltministeriums, während man gleichzeitig schon beobachten konnte, wie die Katastrophe ihren Lauf nahm, ungeachtet der Tatsache, dass sich die Kernkraftwerke in Japan bei dem Erdbeben selbstverständlich bereits automatisch abgeschaltet hatten. Aber dieser Luftnummer kann man ja noch eine weitere drauf setzen: wir schalten alle Kernkraftwerke ab und machen sie noch sicherer, indem wir die Anforderungen für Erdbeben um einen Punkt auf der Richterskala erhöhen. Ja, da kann man doch mal wirklich sehen, dass die Sorgen und Nöte der Wähler bei den Regierenden auf offene Ohren stoßen!

Sind unsere Kernkraftwerke nach dieser Aktion denn wirklich sicherer? Ich meine: nein.

Man braucht nur mal in die Wikipedia zu schauen. Da gibt es lange Listen von Unfällen, Störfällen und meldepflichtigen Ereignissen. Und zur großen Verblüffung muss man feststellen, dass kein einziger Zwischenfall jemals durch einen Flugzeugabsturz verursacht worden ist und nur ein einziger durch Erdbeben: just der, der jetzt in aller Munde ist. Also gerade die Gefahrenquellen, die am meisten diskutiert werden, haben die allerwenigsten Zwischenfälle verursacht!

Stattdessen stößt man auf ein Sammelsurium von Ursachen, denen man oft gar kein sonderlich großes Gefahrenpotenzial zutraut. Hier eine kleine Auswahl:

  • Greifswald, 1975: ein Elektriker wollte einem Lehrling etwas vorführen und löste dabei einen Kurzschluss mit Kabelbrand aus.
  • Biblis, 1987: das Personal ignorierte eine Warnlampe, man hielt die Ansteuerlogik der Lampe für defekt.
  • Dukovany, 1994: der Fehler eines Elektrikers beim Netz-Unterhalt führte zur Abkopplung aller vier Reaktorblöcke vom Netz.
  • Biblis, 1994: ein Motor brannte, weil ein bei Wartungsarbeiten vergessener Meißel einen Kurzschluss verursacht hatte.
  • Tihange, 2002: durch einen Test wurde fälschlicherweise ein Sicherheitsventil des Druckhalters geöffnet und wegen Kommunikationsproblemen erst nach drei Minuten wieder geschlossen.
  • Forsmark, 2006: nach einem Kurzschluss fiel die Stromversorgung aus, weil versäumt worden war, einen Erdschluss-Sicherheitsschalter einzubauen. Außerdem waren im Abschaltsystem der Generatoren zwei Phasen vertauscht und nicht getestet worden.
  • Dampierre, 2007: ein ähnlicher Störfall wie in Forsmark (aus Fehlern anderer nichts gelernt).
  • Gravelines, 2007: ein ausgetauschter Notstromdieselmotor war nicht ordnungsgemäß eingebaut worden, was drei Monate lang unentdeckt blieb.
  • Fukushima, 2011: nachdem die Stromversorgung für die Notkühlung ausgefallen war, konnten die mobilen Stromgeneratoren nicht angeschlossen werden, weil die passenden Kabel fehlten.

Ich denke, es wird deutlich: die Gefahrenquelle ist nicht die Technik, nicht das Atom, sondern schlicht und ergreifend - - - der Mensch. Der Mensch macht Fehler, denn Irren ist menschlich. Dagegen ist kein Kraut gewachsen. Ja, letztendlich lässt sich doch jedes so genannte "technische Versagen" auf menschliches Versagen zurückführen, weil irgend ein Detail übersehen, nicht bedacht, nicht kontrolliert, nicht überwacht worden war. Atomenergie ist durchaus beherrschbar, vorausgesetzt, Konstrukteure und Bedienpersonal besitzen päpstliche Unfehlbarkeit.

Daraus folgt die nüchterne Erkenntnis: der nächste GAU kommt bestimmt. Nicht durch ein Erdbeben oder einen Flugzeugabsturz, sondern weil irgend ein Trottel irgend eine Kleinigkeit vergessen oder falsch gemacht hat und weil irgend ein anderer Trottel dies nicht überwacht hat. Und dieser GAU kann schon morgen auftreten, in unserer nächsten Nachbarschaft.

Selbstverständlich ist solch ein GAU nicht auf Kernkraftwerke beschränkt. Auch in einer Windenergieanlage kann jemand ein Werkzeug liegen lassen und vergessen. Nur: wenn dann etwas passiert, braucht niemand in der Umgebung evakuiert zu werden.

Der nächste GAU ist unvermeidbar. Diese Erkenntnis entspringt nicht einer Panikreaktion, sondern "Murphys Gesetz". Auch das kann man in der Wikipedia nachlesen:

  • Wenn etwas schiefgehen kann, dann geht es schief.
  • Hat man alle Möglichkeiten ausgeschlossen, bei denen etwas schiefgehen kann, eröffnet sich sofort eine neue Möglichkeit.
  • Früher oder später wird die schlimmstmögliche Verkettung von Umständen eintreten.

Das klingt zwar witzig, aber die obige Liste zeigt: es ist Realität.

 
Senden Bookmarken Drucken
Kommentare
Jacob Jung schrieb am 16.04.2011 um 14:15
Ich stimme Dir völlig zu.

Seit 1954 (Beginn der Nutzung von Atomtechnologie zur Stromgewinnung) haben sich weltweit 18 Unfälle ereignet, die auf der INES mit mindestens Stufe 4 bewertet wurden:

8 x INES 4 (Unfall)
5 x INES 5 (ernster Unfall)
3 x INES 6 (schwerer Unfall)
2 x INES 7 (katastrophaler Unfall)

In den meisten Fällen war "menschliches Versagen" die Ursache.

Es stellt sich vor diesem Hintergrund die Frage, ob wir das Recht haben, Menschen in Arbeitsverhältnissen einzusetzen, in denen sie die Verantwortung für das Leben von Hunderttausenden und die dauerhafte Zerstörung der Umwelt tragen.

Und es stellt sich die Frage, ob es uns recht ist, dass die Aufmerksamkeit, die Tagesform, die Kompetenz und letztlich auch die Gut- oder Böswilligkeit einzelner Menschen darüber entscheiden, ob wir am leben bleiben oder nicht.
Vaustein schrieb am 16.04.2011 um 16:36
...Und es stellt sich die Frage, ob es uns recht ist, dass die Aufmerksamkeit, die Tagesform, die Kompetenz und letztlich auch die Gut- oder Böswilligkeit einzelner Menschen darüber entscheiden, ob wir am leben bleiben oder nicht...

Nun, mir ist es nicht Recht, dass die Unaufmerksamkeit eines Einzelnen, der im AKW seinen Dienst versieht, für mich und meine Kinder Lebensgefahr herzustellen in der Lage ist.

Nur...ändern kann ICH das nicht. Und das ist das Fatale an dieser Technik: Versagt sie, ist der Beweis erbracht, dass diese Technik nicht verantwortbar ist. Vermutlich kommt aber diese Erkenntnis für meine Kinder und mich zu spät angekommen.
Jacob Jung schrieb am 17.04.2011 um 12:35
Dieser Beweis ist ja längst erbracht.

Ich frage mich, auf welche weiteren Ereignisse wir noch warten wollen, bis wir es als erwiesen ansehen, dass die Kernenergie mit Risiken verbunden ist, die in einem deutlichen Widerspruch zu unserem Grundrecht auf Unversehrtheit stehen.

Und was das Ändern angeht: Verbreite Deine Auffassung darüber, widerspreche denen, die vom Abwägen zwischen Nutzen und Risiko reden, gehe für Deine Kinder auf die Straße und wähle klug.
Tuntematon schrieb am 17.04.2011 um 17:19
Das ist stark verallgemeinert. Schließlich kann auch die Unaufmerksamkeit der Person, die das Auto steuert, in dem du und deine Kinder sitzen, für dich und deine Kinder Lebensgefahr herstellen.
GeroSteiner schrieb am 18.04.2011 um 00:20
@Tuntematon
Dieser Vergleich hinkt nicht, der geht gar nicht.

Die Auswirkung eines Fehlers (singuläres Ereignis mit den daraus folgenden Konsequenzen) ist für Autofahrer und Kernkraftwerksbetreiber nicht gleich.

Für jedes Auto gibt es eine Haftpflichtversicherung mit einer dem Risiko angemessenen Verischerungssumme. Das Risiko des GAU eines Atomkraftwerks ist nie, war nie und wird nicht mehr versicherbar sein.
gweberbv schrieb am 18.04.2011 um 18:49
@GeroSteiner

Schonmal in Mannheim/Ludwigshafen gewesen? Was passiert, wenn dort a la Ceveso/Bhopal vom BASF-Werk Giftstoffe in großem Maßstab freigesetzt werden?

Nun gut, bis zu einigen tausend Jahren werden diese die Region nicht verseuchen, aber eingie Jahrzehnte sind durchaus drin.
GeroSteiner schrieb am 18.04.2011 um 23:38
@gweberbv

Schon mal in Leverkusen gewesen? Was passiert, wenn dort die Phosgen-Anlage hochgeht und das Zeug übers Bergische Land weht?

Nun gut, die haben da eine Ammoniak-Anlage, die das Zeug neutralisiert. Aber auch die kann ausfallen. Und heutzutage will keiner auf das gute alte Polycarbonat verzichten. Sogar die Ausweise sind schon daraus gemacht.

Was hat das Eine mit dem Anderen zu tun?
Richtig. Nichts!

Und wenn Sie sich einmal über die Halbwertszeiten der üblichen Verdächtigen erkundigen, dann käme Ihnen nicht in den Sinn über denkbare Zeiträume zu fabulieren. Tausend Generationen sind da gar nichts. Siehe hier.
Gustlik schrieb am 16.04.2011 um 16:44
Es ist verboten, Blogeinträge auf dem grünen Sofa zu verfassen.
Tuntematon schrieb am 17.04.2011 um 17:15
Wer allergisch gegen eine bestimmte Farbe ist, braucht sich nur eine Brille mit Gläsern in der betreffenden Komplementärfarbe aufzusetzen.
h.yuren schrieb am 17.04.2011 um 23:50
nicht allein die frage nach der beherrschbarkeit einer technik ist wichtig, auch die frage nach der verantwortbarkeit muss gestellt werden.
wer aber sein geld damit verdient, und zwar verdammt viel geld, indem er andere in die strahlenden atomanlagen schickt, ohne sich zu kümmern um den hochradioaktiven abfall - es gibt noch kein einziges endlager auf der welt -, handelt kriminell, d.h. gewissen- und rücksichtslos.
GeroSteiner schrieb am 18.04.2011 um 00:02
Aktivität: ja.
Radioaktivität: nein.
Tuntematon
Manches kommt mir so naheliegend und glasklar vor, dass ich mich wundere, dass es nicht schon längst von anderen Leuten kommuniziert wird.
Mitglied seit:
1 Jahr 7 Wochen
Zuletzt aktiv:
17.04.2011
Status:
Blogger
Aktivität:
Beiträge: 1
Kommentare: 5
Logbuch
22:47
Georg von Grote hat gerade einen Kommentar geschrieben.
22:45
jesper mikkel kjaer hat gerade einen Blogbeitrag erstellt.
22:44
Theda hat gerade einen Kommentar geschrieben.
22:31
lothar.ackermann hat gerade einen Kommentar geschrieben.
22:29
lothar.ackermann hat gerade einen Kommentar geschrieben.
David Foster Wallace Das hier ist Wasser Kiepenheuer & Witsch 2012

64 Seiten. Kartoniert.

4,99
 
David Foster Wallace wurde 2005 darum gebeten, vor Absolventen des Kenyon College eine Abschlussrede zu halten. Diese berühmt gewordene Rede gilt in den USA mittlerweile als Klassiker und Pflichtlektüre für alle Abschlussklassen – eine kleine Anleitung für das Leben, die man jedem mit auf den Weg geben möchte >> mehr
Arte-Kooperation

portlet_ArabienArte.png

portlet-gaertnerbuch.png

wir müssen reden

Augstein und Blome

Probe-Abo

probeabo260x120.jpg

Aktuelle Ausgabe bestellen
Die grüne Guerilla

Ausgabe 22/2012
31.05.2012

keine Versandkosten
kein Aufpreis

Einzelpreis: 3.60 €

>> bestellen
der Freitag Kollektion

Freitag-Kollektion_Gaertner.jpg

Arte

portlet_arte+zeile.pngportlet_arte+zeile.png

Freitag-Buchshop.png

 
 
 
 
© der Freitag Mediengesellschaft mbH & Co. KG