Turbo Wamczyk

Punkt.

15.05.2009 | 10:54

Journalismus Offline oder wie man einen "Trend" verpennt

Es ist beschämend. Mich als Blogger - so nennen "echte" Journalisten mich - bestürzt es, in welcher Form eben einige dieser wahren Schreiberlinge ihr Unwissen mit einer unbeschreiblichen Laissez-Faire in den letzten paar Tagen von sich gegeben haben. So gesehen in der Endlos-Debatte um Ursula von der Leyens Internet-Sperren. Ein bekannter Hamburger Rapper hätte es wohl vorsichtig mit "oraler Inkontinenz" umschrieben.

Es wird von Argumenten gesprochen, die sich nicht auf 140 Zeichen reduzieren lassen - Meine Herren, dafür gibt es Links. -, von fehlenden Gegenentwürfen, die wir, also die Blogosphäre, anbieten müssten - Seit wann sind wir ein legislatives Organ? Vielleicht hab ich da was verpasst. Vorschläge jedenfalls gibt es von "unserer" Seite genug. - , dass wir uns gefälligst auch für andere Belange fernab unserer eigenen Interessen stark machen sollten - Genau das empfehle ich den vermeintlich echten Journalisten ebenfalls; hätten sie ihre Hausaufgaben gemacht, wir könnten hier im Netz wenigstens auf Augenhöhe diskutieren. - und schlussendlich belächelt man immer noch ca. 80000 Petenten, die man nicht ansatzweise für voll nimmt. Eine Farce. Und eine Demaskierung.

Der größte Ruck, der je durch das deutsche, politische Internet ging; und die Herren gedenken sich lieber in Selbstgefälligkeit zu aalen, als zu erkennen, welch große Chance darin liegt, diesen schlafenden Riesen, den politischen Netzbürger, im Wachzustand vor der Flinte zu bekommen. Hier werden Elfmeter vergeben.

Ganz abgesehen davon, dass man Frau Von der Leyen in die Hände spielt. Schlafmützigkeit ist genau das, was ihrer Kampagne entgegen kommt. So hätte sie uns gern und so bekommt sie zumindest große Teile der schreibenden Riege, ergo auch große Teile der blattlesenden Bevölkerung. Das langsame Erwachen des Journalisums spricht jedenfalls nicht für dessen scharfen Verstand; und den braucht es, wenn man seine Arbeit gut machen will. Nicht nur vor der Tastatur. Andernfalls kann man sein Blatt in weiser Vorraussicht auch gleich 3-lagig drucken lassen. Das wäre zumindest seriös.

 
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Kommentare
Steffen Kraft schrieb am 15.05.2009 um 12:43
Ein Aspekt ihres Beitrags finde ich besonders spannend: wie der politische Netzbürger, wie sie ihn nennen, für erfolgreiche Einflussnahme aktiviert werden kann. Jenseits von den paar Klicks, die für eine Petitions-Mitzeichnung notwendig sind, meine ich.

Ich habe ja den Eindruck, dass das Problem oft darin besteht, dass viele Netzdiskutanten nicht gewohnt sind, mit weniger technik-affinen Menschen zu diskutieren. Und das führt in der Tat zu wenig überzeugenden Ergebnissen.
Turbo Wamczyk schrieb am 15.05.2009 um 14:48
Was soll denn hier immer aktivieren heissen? Er ist aktiv. Muss denn jemand erst einen Zettel bekritzeln, bevor man ihn ernst nimmt?

Was denn zweiten Punkt angeht, möchte ich die Frage gern zurückgeben: Müssen denn die weniger technik-affinen Menschen sich anmaßen, über Dinge zu entscheiden oder zu berichten, von denen sie keine Ahnung haben? Hier geht es nicht um irgendeinen Firlefanz, sondern die Grundfesten unserer Demokratie. Fehlversuche sollte man aus gegebenem Anlass nach Möglichkeit vermeiden. Diese (!) Unwissenheit führt zu wenig überzeugenden Ergebnissen. Will man es anders machen, muss man nur fragen. Es sind nicht "wir", die lernen müßen. Zumindest nicht in erster Linie, letzteres haben die letzten Tage mehr als deutlich belegt.
Steffen Kraft schrieb am 15.05.2009 um 15:31
Die Netzgemeinschaft nimmt erfolgreich Einfluss? Was bisher läuft, reicht Ihnen?

In Ordnung. Dann habe ich wohl diesen Aspekt Ihres Beitrags missverstanden. Schade, ich hege immer noch die Hoffnung, dass sich der Einfluss des "politischen Netzbürgers" ausweiten lässt. Ich bin gespannt, ob das mit dem von Ihnen favorisierten Diskursmodell funktioniert.
Turbo Wamczyk schrieb am 15.05.2009 um 15:48
Verstehen Sie mich nicht falsch, es geht garnicht darum, was mir reicht. Den Stiefel müssen sie sich anziehen. Entweder sie helfen mit, diesem zarten Pflänzchen (s.u.) unter die Arme zu greifen oder sie verpassen den Zug.
Was das Diskursmodell angeht, würde ich mich an Ihrer Stelle eher davor "fürchten", dass es das eigene ist, welches auf kurz oder lang überholt sein wird. Der Diskurs im Netz jedenfalls wir Ihr Fehlen überleben.
Steffen Kraft schrieb am 15.05.2009 um 16:07
Sie haben Recht: Lassen Sie uns abwarten, ob sich eine ausreichend große Menge Menschen von Leuten überzeugen lässt, die meinen, nichts lernen zu müssen. Denn darum geht es ja: andere überzeugen. Oder verstehe ich Sie auch da falsch?
Turbo Wamczyk schrieb am 15.05.2009 um 16:26
Genau darum geht es. Die Existenz des Internets ist eine Tatsache, und genau wie Politiker nicht darüber entscheiden können, ob MP3s, Filme, etc über das Netz geteilt werden, können sie dies auch nicht über Meinungen, Proteste und Petitionen. Die Frage ist nicht, ob die Politik das Netz erhört, sondern wann. Gleiches gilt für Journalisten.
Streifzug schrieb am 15.05.2009 um 14:04
Die Mediengiganten schlafen nicht. Unterschätze nie den Gegner. Der größte Teil der Medien unterstützt Zensursulas Internet-Sperre eben weil sie sich gut für andere Dinge gebrauchen lässt. Zum Beispiel um unliebsame Blogger beim leisesten Hauch einer gedachten Übertretung von irgendwas ohne richterliche Verfügung sperren zu lassen. Bevor der Michel in Deutschland aufwacht und sich politisch aktiv im Netz informiert und einbringt, soll die Bloggersphäre und der freie Zugang zu Informationen und wissenschaftlichen Texten mit von Lobbyisten verfertigten Gesetzen, kruden Heidelberger Appellen und wirren Urheberrechtsdiskussionen gekappt werden.

Die Medien sind ein Teil des Problems.
Bildungswirt schrieb am 15.05.2009 um 15:16
Der politische Netzbürger existiert als zartes Pflänzchen; objektiv hoher Handlungsbedarf, subjektiv mit mannigfaltigen Ladehemmungen und kommunikativen Mißverständnissen.
Zur aktuellen Illustration mein Blog-Beitrag zu "Bundesweite Abiturprüfungen in der Dunkelkammer". Obwohl diese Aufgaben mit öffentlichen Steuergeldern entwickelt werden (pro Bundesland etwa Kosten von 2 bis 2,5 Millionen Euro) werden sie anschließend für 5000.-Euro (!!!) an private Verlage verscherbelt, im Grunde verschenkt. Anschließend können dann die nächste Abiturientengeneration die Abivorbereitungshefte privat kaufen. Ein schön zu kalkulierender Absatzmarkt.
Die Forderung - "alle Abiaufgaben plus Lösungen kostenfrei ins Netz zu stellen" - wird von Landesregierungen bisher stur abgelehnt und auf die ungeklärte "Copyrightfrage" abgeschoben. Es handelt sich hier um ein reines Ablenkungsmanöver, alles wurde im Detail widerlegt. Die Linken haben jetzt zuerst im hessichen Landtag eine "Große Anfrage" in der Sache eingebracht.
Und was ist mit der Netzcommunity? Sie versteht noch nicht die politische Dimension und Aktualität der Auseinandersetzung, verspielt sich eher im Nebel der Abstraktion mit ein paar Befindlichkeitsgirlanden. Betroffen sind jedes Jahr hunderttausende Jugendliche,letztlich auch Eltern und Lehrer. "Zensur" oder anders formuliert "Nicht-Freigabe" geht einher mit ganz konkreten wirtschaftlichen und politischen Interessen.
Und bei den Journalisten? Überwiegt immer mehr der "Bezahl-Journalismus" (Brecht nannte diese Spezie mal die TUIs) bei sich fest formierender Medienmacht. "Die Mediengiganten schlafen nicht."(Streifzug)
Die FAZ und die FR sind beispielsweise genauestes über diesen Skandal INFORMIERT, ziehen es aber vor zu schweigen. Dies ist bisher auch offizielle CDU-Politik.
taschentiger schrieb am 15.05.2009 um 15:57
Es gibt Nerds, und es gibt Netzbürger. Netzbürger verstehen das Web als Teil ihres Lebens und Wirkungsfeldes. Schließlich arbeiten viele (ganz normale) Bürger beruflich extrem viel mit dem Netz, organisieren ihre Freizeit und sozialen Beziehungen darüber. Sie vernetzen sich politisch. Sie kommunizieren über das Netz, um sich dann in der realen Welt zu treffen. Die Netzgemeinde, von der wir hier sprechen, ist schon lange nicht mehr auf das Netz limitiert. Die Petition haben viele Menschen unterzeichnet, die aktiv in ihren Ortsverbänden Politik machen oder sich andersweitig RICHTIG engagieren. Falls sich hier jemand erinnert: Am Tag, als Zensursula ihren Lauf nahm, gab es bereits Proteste vor Ort. Ist das real genug? Ist es real genug, wenn Menschen sich informieren und fundiert argumentieren? Ob dies dann als Blogpost geschieht, oder als poltische Rede im Bundestag oder anderswo, kann nicht ausschlaggebend sein.
Tessa schrieb am 15.05.2009 um 16:22
Ich habe gerade einen empfehlenswerten Text von Malte Welding bei der Netzzeitung gelesen:
www.netzeitung.de/internet/blogblick/1355601.html

und bin dabei auf ein paar Aktionen gestoßen:
Wo seid Ihr am Sonnabend dem 23. Mai?
mogis.wordpress.com/2009/05/08/wo-seid-ihr-am-sonnabend-dem-23ten-mai/

Die als Flashmob geplante Aktion ist mittlerweile als Demo angemeldet:
"Am Reichstag Washingtonplatz werde ich dann einfach mal laut aus dem Grundgesetz vorlesen [1] .. so eine Art “Best-Of” .. Dazu werde ich mir wohl hier eine Kopie des Grundgesetzes herunterladen und die ersten 20 Artikel ausdrucken .. Update zum Update: Da ja die Resonanz so groß ist, habe ich heute genau für den selben Zeitpunkt eine Demonstration am Reichstag im befriedeten Bezirk angemeldet, das Innenministerium meinte, das sollte kein Problem darstellen, so gibt’s dann auch keinen Ärger mit der Polizei, man kann danach also noch etwas dableiben und vielleicht mit ein paar Leuten unterhalten .. wer weiss, was sich aus diesem Treffen später noch mal ergibt .. ausserdem haben wir noch ein paar prominente Sperrgegner eingeladen .. :)"

Das Grundrechtefest soll als bundesweite Aktion stattfinden

www.thomasmoehle.de/zensur/index.php/GrundrechtefestBerlin
nbo schrieb am 22.05.2009 um 15:12
1. immer noch blogger vs. journalisten... die auseinandersetzung ist doch jetzt wirklich ein alter hut. die blogosphäre ist überschätzt, und die journalisten kommen zu selten ihrer aufgabe nach, ergo mindestens 80 prozent beider lager streichen wir, die restlichen 20 prozent kümmern sich um wichtigeres.

2. die nicht technik-affinen zu mobilisieren, sollte man nicht unterschätzen. diese leute unterzeichnen keine e-petition, weil sie sich in anderen lebenswelten befinden (was nicht automatisch heißt, dass sie nicht das netz benutzen). solange sich die netzbürger als avantgarde begreifen, werden sie entweder genauso baden gehen wie frühere avantgarden, oder so unerträglich werden.

lieber turbo, es sind bestimmt noch nicht alle so weit wie du. hab nachsicht.
Turbo Wamczyk
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