8
]
|
|
Ich glaube auch nicht, dass das BGE auf absehbare Zeit eine Chance hat, verwirklicht zu werden. Das "Klima des Duckmäusertums" beobachte ich so auch. Nur beim Fazit bin ich etwas anderer Auffassung: Es geht nicht darum, dass man "niemandem mehr Butter auf dem Brot gönnt als man selbst hat." Der Neid, der durch ein BGE ad absurdum geführt würde, kann doch nur der Neid auf diejenigen sein, die nicht arbeiten, aber trotzdem essen. Es ist nicht der Neid auf diejenigen, die andere für sich arbeiten lassen.
Der Neid der Mittelschicht richtet sich eben nicht gegen die reichen Müßiggänger, sondern gegen die "faulen Hartzler", denen der gemeine Spießer unterstellt, sich eben jenen unwürdigen Arbeitsbedingungen zu entziehen, unter denen er selbst leidet. Und dann muss er die Arbeitslosen auch noch mit seinen hart erarbeiteten Steuergroschen "durchfüttern". In den Medien wird "Sozialneid" zwar grundsätzlich als Neid auf Reiche definiert, ich glaube allerdings, dass dieses Phänomen maßlos überschätzt wird. In Wahrheit beneiden die meisten Leute die Reichen lediglich, weil sie insgeheim davon träumen, selbst einmal reich zu werden und sei es als Lottogewinner. Daher auch die großen Ressentiments gegen Vermögensteuer oder höhere Erbschaftssteuer - von Leuten, die selbst gar nicht davon betroffen wären. Mir hat in einer privaten Diskussion zum BGE einmal jemand allen Ernstes erzählt, er sei gegen das BGE, weil er das als "Gleichmacherei" empfinde und er für seine harte Arbeit auch entsprechend viel verdienen wolle, damit er seine Kinder ernähren könne. Ein absurdes Argument, aber hier liegt der Schlüssel zum Verständis: Es scheint für viele offenbar kein Problem zu sein, wenn andere deutlich mehr Geld haben. Man redet sich dann eben ein, diese müssten sich ihr Vermögen ja erarbeitet haben. So wie man selbst arbeitet - und glaubt, davon irgendwann reich zu werden. Wenn aber jemand nicht arbeitet und dafür "noch" mehr Geld als bisher bekommen soll (BGE statt Hartz), dann wird dies als Bedrohung empfunden. Es könnte sich nämlich herausstellen, dass Leistung sich oft nicht lohnt, und in einer Gesellschaft mit BGE würde Duckmäusertum sich nicht mehr in dem Maße auszahlen wie bisher. Damit aber wäre nicht nur der Mythos von der Leistungsgesellschaft schwer angeschlagen, sondern auch der gesamte Lebensentwurf des braven Spießers wäre im Eimer. "Jede Arbeit ist besser als keine", hatte er immer gedacht, und jetzt auf einmal soll das nicht mehr gelten? Das ist dieselbe armselige Einstellung wie das "Argument" von Gegnern einer Abschaffung der Wehrpflicht: "Mir hat das auch nicht geschadet." = das finde ich aber doof, wenn ich das machen musste und die nachfolgenden Generationen müssen es nicht mehr. |
|
|
Vielleicht sollte man das Konzept des BGE als etwas vorstellen, was als Idee in Deutschland akzeptiert wird: soziale Absicherung. Man könnte es sogar als sozialer und gerechter "verkaufen", indem man die Vorteile gegenüber einer überbürokratisierter, kontrollierenden & auch nicht billigen Hartz4-Regelung vorzieht. "Da hast du dein Grundgeld zum leben, nicht mehr und nicht weniger, aber keiner kümmert sich um dein sonstiges berufliches oder Freizeit-Leben!"
Ein zweiter Punkt wäre es, eben hervorzuheben, daß man BGE nicht darauf aufbaut, daß man Steuern erhöht (egal welche). D.h. daß es auf den kostenmäßigen UMBAU (nicht Erhöhung) der Sozialausgaben bewirkt, gleichzeitig die Bürokratie abbaut, und auch noch den Menschen mehr Freiheit bietet. Vielleicht noch mit dem Zusatz, dass JEDER ein BGE bekommt - ob er arbeitet oder nicht. D.h. wer arbeitet, bekommt eben NOCH MEHR Einkommen. Aber dann dürfen die einen vom "Reichwerden" träumen, und sich dafür abrackern, und die anderen das Leben frei vom Materialismus eher geniessen. |
|
|
Ich gönne jedem sein BGE, wenn es denn käme. Und ich würde es ohne Rücksicht auf den "Sozialneid" anderer in Anspruch nehmen, wenn ich darauf angewiesen wäre.
Aber aus zwei Gesichtspunkten heraus halte ich diese "feine Idee", wie Stoppok singen würde, nicht für gut: 1. setzt das BGE (ganz gleich in welchen Konstruktionen) immer voraus, dass es nur von einer Minderheit in Anspruch genommen wird - kämen Mehrheiten oder fast alle auf die Idee, bei einem entsprechend bemessenen BGE (das nicht nur das nackte Überleben, sondern gesellschaftliche Teilhabe ermöglicht) lieber in materieller Beschränkung, aber dafür selbstbestimmt leben zu wollen, bräche doch das ganze System zusammen. Die Befürworter des BGE gehen also mit ihrer Idee davon aus, dass sich große Mehrheiten aus rein materiellem Interesse (lieber BMW statt Fahrrad) dauerhaft den Zwängen der Verwertung (genannt Lohnarbeit oder Job) unterwerfen. Da scheint die "morlaische Überlegenheit" der BGE-Befüworter doch durch alle Knopflöcher. Und 2. setzt das BGE (ganz gleich in welchen Konstruktionen) immer voraus, dass es mit dem Kapitalismus immer schön weiter geht - sonst wäre das BGE schlichtweg nicht finanzierbar. Der BGE-Befürworter muss also schon von der Sache her die bestehenden Verhältnisse aufrecht erhalten. Emanzipation von den Verhältnissen? Transformation der Verhältnisse? Fehlanzeige. So Recht Du hast, Twister, dass der Fetisch Arbeit wie auch das ganze Fetischverhältnis der Wertvergesellschaftung durchbrochen und aufgehoben werden muss - das BGE ist dazu nicht geeignet, denn es "verurteilt" die "Anderen" dazu, so weiter zu wursteln wie bisher und alle, am Bestehenden festzuhalten. |
|
|
Dein Artikel über die Arbeiterin am Kiosk, wie sie von ihrem Chef fertig gemacht wird, - vor Kunden, ein Viertel mehr arbeiten muss, als sie bezahlt bekommt, und das ganze für lächerliche 800€, die wohlmöglich noch „aufgestockt“ werden müssen, deckt sich mit meinen eigenen Erfahrungen. Doch ihr schlussendlicher Tritt im letzten Absatz geht nach unten, gegen die Sozialschmarotzer. Der Kampf um ein „basic income“ wird weltweit geführt, aber in Deutschland stehen wir vor dem Problem, dass die Menschen so konditioniert sind, durch die Medien, dass halt nach unten getreten werden muss. Anstatt sich Gedanken zu machen, welch sinnvoller Arbeit man sich nach dem BGE zuwenden kann.
Es ist eine Angst vor der Freiheit, die sich durch die deutsche Geschichte zieht seit 200 Jahren, in denen die Deutschen gegen die da oben nichts zustande brachten. Und wer mir jetzt mit 1989 kommt, dem kann ich erwidern. Ja, da war es für ganz kurze Zeit erfolgreich, weil es da im Westen ein noch attraktiveres Oben gab. Dafür sind die Ossis den Wessis seitdem die Erfahrung voraus, wie sie entgegen leerer Versprechungen anschließend abgezogen wurden. Und der Westen steht jetzt vor einem ähnlichen Dilemma: die Gesellschaft ist an ihrem Scheideweg angekommen. Befindet sich zwischen einem Planeten mit begrenzten Ressourcen, der Scylla, und einem entfesselten, menschenverachtenden (entweder du bist die Straße, oder die Dampfwalze!), profitgierigen Kapitalismus, flankiert von Politikern jeder Couleur, die mit Lobbyisten der Wirtschaft dicht verwoben sind und einer domestizierten, „freien“ Presselandschaft, die mit den Zirkeln der Macht eng verbunden ist, - also der Charybdis. Aber die Pendel sind in Gang gekommen. Susanne Wiest hat mir ihrer Initiative der Bundestagspetition eine Front für ein neues Denken aufgemacht und viel Unterstützung erfahren, die dann mit manipulativen Verkürzungen, wie der „Vollkaskostaat“, denunziert wurden. Es gilt noch andere Fronten aufzumachen. Wir müssen das Bankensystem überwinden und ein eigenes Mikrofinanzsystem auf den Weg bringen, welches das Schuldengefängnis der Banken niederreißt. Kommende Implosionen an den Finanzmärkten, erwähnt seien etwa der Gold carry trade, die Zinsswaps und die Credit Default swaps (CDS) werden uns dabei helfen. Und es gibt noch viel mehr... Zitat: CDPP funds together with subprime CDOs squared are finalists for the title of “most idiotic financial instrument ever created”. Die wichtigste Front ist die Gegenöffentlichkeit, die Menschen aufzuklären, im Netz, im Freundeskreis, in den Straßenbahnen, U-Bahnen und Zügen, am Arbeitsplatz, in den Arbeitsämtern und an den Häuserwänden. Um mit all jenen, die bereits sind, neue Ideen zu entwerfen und zu verwirklichen und diese durchzusetzen, den Weg zwischen Scylla und Charybdis zu finden. |
|
|
Der reiche Promi muss aber nicht von der Gesellschaft mitfinanziert werden. Er hat genug Geld, verdient oder bekommen, um davon leben zu können. Wenn er hoch verschuldet ist, tingelt er durch (Frauen-)Zeitschriften, lässt seine Leidensgeschichte vermarkten und verdient wieder an dem "Mitleid" (oder der Dummheit) der Leserschaft Geld. Den Hartz VI-Empfänger aber muss ich mitfinanzieren, weil ich aufgrund des Solidarprinzips dazu verpflichtet bin. Es geht meines Erachtens hier nicht darum, WIE jemand seinen Tag rum bringt, ob mit Faulenzen oder Müßiggang, ob mit ehrenamtlicher Arbeit oder harter Schufterei. Es geht nur darum, auf wessen Kosten er das tut! Dein Vergleich mit Promi und Hartz VI-Empfänger hinkt daher gewaltig!
|
|
|
@zigeunerin
So ähnlich sehe ich das auch. Ich glaube allerdings, der entscheidende Punkt ist, dass die meisten Menschen nicht erkennen, dass sie die "reichen Promis" und Reiche im allgemeinen ebenfalls mitfinanzieren. Wenn "Schumi" sich ein schönes Zubrot mit Werbespots verdient, zahle ich dafür auch mit, indem ich die beworbenen Produkte kaufe. Die vorherrschende Meinung lautet aber: "Privatfernsehen ist umsonst." Auch nicht prominente Promis füttere ich durch, meinen Chef z.B., indem ich für ihn arbeite. @Freiligrad Der Grund dafür, so sehe ich das auch, ist die deutsche Tradition, nach oben zu kuschen und nach unten zu treten. Ich befürchtete aber, dafür sind nicht nur die Medien verantwortlich. Das Phänomen scheint mir tiefer zu liegen, fest in der Mentalität verankert. Warum haben etwa die Franzosen eine viel positivere Einstellung zu Streiks und Demos? Allein an den Medien kann es nicht liegen. @Lukasz Szopa Ich glaube zwar auch, dass das BGE besser zu verkaufen wäre, wenn es als reiner Umbau der Sozialausgaben konzipiert würde. Ich sehe aber nicht, wie es dann - ohne Steuererhöhungen - finanziert werden soll. Jedenfalls nicht, wenn es zumindest die Höhe des aktuellen ALG-II-Satzes erreichen soll. Und drunter geht es sinnvollerweise wohl kaum. Ich finde, es käme eher darauf an, die "richtigen" Steuern zu erhöhen. Aber das scheitert ja leider auch regelmäßig am Widerstand breiter, davon gar nicht betroffener, Bevölkerungskreise. Mein Fazit lautet daher: bevor ein vernünftig konzipiertes BGE eine Chance hat, ist noch ganz viel Aufklärungsarbeit zu leisten. Und das kann dauern. |
|
|
@ derDonnerstag
Logisch, da haste schon recht, das habe ich natürlich verkürzt, indem ich auf die Medien verwies. Wobei ich schon andeutete, dass das die letzten 200 Jahre in Deutschland so läuft, und da schlägt sich schon die Mentalität nieder. Heinrich Mann hat da ein sehr pointiertes Werk darüber geschrieben. Wir werden am Samstag in Berlin und Frankfurt vielleicht 50.000 Menschen auf die Straße kriegen, wenn es hoch kommt vielleicht auch 100.000. In Frankreich waren es 3 Millionen, bei zustimmenden Umfragen in der Bevölkerung von bis zu 75% zum bereits 2.Generalstreik diesen Jahres. Für Deutschland ist das absolut illusorisch. Ich habe geschrieben: der Deutsche wird erst so dann richtig mutig, wenn es darum geht nach unten zu treten. Damit tu ich sicher vielen unrecht, aber im Großen und Ganzen ist das schon die Tendenz. Und bei der Etablierung dieser Herrschaft sind die Konzernmedien der wichtigste Transmissionsriemen und deswegen natürlich unser Hauptgegner. Ein ums andere Mal werden sie von Wolfgang Lieb und Albrecht Müller auseinander genommen und seziert, im wahrscheinlich wichtigsten Blog der Blogosphäre. Wie auch heute wieder: http://www.nachdenkseiten.de/?p=3846 Deswegen sind die Nachdenkseiten auch so wichtig als Kristallisationpunkt der Gegenöffentlichkeit und auch das was hier im 'Freitag abläuft, scheint mir sehr konstruktiv zu werden. Aber unsere Reichweite ist natürlich noch sehr begrenzt. In Telefonaten mit meiner Familie z. B. eruiere ich jedesmal, was sich in der normalen Bevölkerung niederschlägt. Noch funktioniert es ausgezeichnet, das Mind Fucking durch Medien und Werbung, sogenannte Experten und Meinungsforschern, die die Meinung generieren, die es zu messen gilt. |
|
|
Nachtrag: Aber wir haben etwas, das sehr, sehr kostbar ist, in diesen Zeiten: Humor!
Früher hieß es: ein Lachen wird es sein, das sie dereinst besiegen wird. Darauf hoffe ich immer noch. Und ich wünsche mir, das mehr Menschen den Mut, Elan, Verve und Chuzpe an den Tag legen, wie dieses kleine Warzenschwein: So!, müssen wir vorgehen. Dann funktioniert es auch mit dem Ende des Raubtierkapitalismus... |
Ausgabe 07/12
16.02.2012
keine Versandkosten
kein Aufpreis
Einzelpreis: 3.60 €
>> bestellen