Twister

Twisters Tag- und Nachtgedanken

11.02.2009 | 07:48

Von Der Leyens Traum von den Scheuklappen

Wenn man sich die Debatte um die "Webseitensperrungen als Mittel gegen Kinderporno" so ansieht, dann muss das Ganze ungefähr so ablaufen: Plötzlich und unerwartet gerät man auf eine Kinderpornoseite, sieht dasBild eines vergewaltigten Kindes und denkt sich: "Wow, stimmt, das hat mir schon immer gefehlt, ich will mehr davon." Zeitgleich kauft man im nächsten Supermarkt schon die Familienpackung Lutscher ein und beginnt, wie der Fritzl aus Amsdetten, den Keller ausbruchssicher zu gestalten, um endlich auch Kindesmissbrauch zu betreiben.

Anders kann man sich die ewig gleiche Diskussion darum, dass Netzsperren helfen, nicht erklären. Als würden diejenigen, die tatsächlich darauf fixiert sind, sich an Bildern von missbrauchten Kindern aufzugeilen, nicht wissen, wo sie solches Material herbekämen, als würde es für sieirgendetwas ändern, dass nun ein paar Seiten (die nach einem Monatwahrscheinlich sowieso bereits eine neue Adresse haben, die die Runde macht) mit einem plakativen "Diese Seite enthält Kinderporno"ausgestattet werden.

Gut, derjenige, der noch nie von ausländischen Proxies gehört hat, der wird jetzt natürlich schnüffelnd vor dem Rechner sitzen und "warum? warum?" weinen (zumindest denken dies wohl einige in derBundesregierung), der Rest hat entweder sowieso kein Interesse oder bewegt sich halt gähnend auf die Systemsteuerung zu, ändert ein paar Einträge und sagt sich "tja, okay, ich musste ein klein wenig tricksen, aber was tut man nicht alles fürs Vergnügen?" Ist in etwa so wie Captcha-Eintragen oder dergleichen.

Für die meist im Bekannten- oder Verwandtenkreis sexueller Gewalt ausgesetzen Kinder bringt dies rein gar nichts, hier ist Kinderporno höchstens Abfallprodukt.

Und auch in den armen Ländern, in denen die 14jährigen sich willig anbieten, um etwas zu Essen zu bekommen, wird sich rein gar nichts ändern. Die Seitensperrungen sind da eine ähnlich absurd-schwachsinnige Angelegenheit wie der Ruf nach kontrolliertem Organhandel, den ein Professor Oberender anstieß. "Der Hungernde in Indien muss die Möglichkeit haben, seine Niere legal zu verkaufen." lautet die vollmundige Forderung - nicht etwa: "Wir müssen uns alle mal überlegen, wie alle von dem Reichtum der Welt profitieren können. Wir müssen uns überlegen, wie wir die Armut in Indien dauerhaft bekämpfen können."

Aber die lächelnde Übermutter von der Leyen spielt hier erfolgreich den nützlichen Idioten für die Contentindustrie, die schon lange auf Filter gegen  Urheberrechtsverstöße schielt. Entsprechende Firmen, die den Terrorfilter, den Nazifilter usw. im Angebot haben, stehen auch schon in den Startlöchern. Und Vorzeigemutti von der Leyen, im Betroffenheit-ist-wichtiger-als-Sachverstand-Modus, eignet sich wunderbar, um die Debatte auf Kinderporno zu verlagern.

Wenn erst die Polizei die Listen an die Provider gibt, ist alles gut... und wenn es dann heißt: Darf es ein wenig mehr sein? dann haben auch Musikindustrie und Co. endlich ihr Deutschlandnetz, ihr Netz der Netze, das man willkürlich einschränken kann, auf dass irgendwann nur noch dem Staat genehme Kommunikation stattfindet. Kinderporno wirds schon richten.
 
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Kommentare
ebertus schrieb am 11.02.2009 um 08:45
Kinderporno oder die bösen Araber als moderne Kreuzzügler! Vice versa, wie es beliebt, gerade in den jeweiligen Bedrohungskontext passt. Schlimmstenfalls muß Christian Klar reloaded werden, weil andererseits Stamokap nun schon beinahe zur offiziellen Staatsräson mutiert. Zypries und Schäuble mit von der Leyen als Trio Infernale; oder so...

Btw: Contentindustrie. Gibt's da nicht (mehr) so viele nützliche Idioten, sprich Konsumenten für den hochwertigen Müll? Oder haben die einfach keine Kohle mehr dafür; müssen zunehmend die Basics, die untere Etage der Maslow-Pyramide adressieren?
Stadler schrieb am 11.02.2009 um 19:45
Nachdem jetzt sogar der wissenschaftliche Dienst des Bundestages sagt, dass effektive Netzsperren nur dann möglich sind, wenn man chinesische Verhältnisse etabliert, sollten zumindest ein paar Leute im Politbetrieb wachgerüttelt werden.

Jenseits der juristischen Betrachtung werden diese sog. Sperren - eigentlich werden ja nur Inhalte versteckt - auch mit Blick auf die Verbreitung von Kinderpornografie den gegenteiligen Effekt erzielen. Man hat das bei den Düsseldorfer Sperrverfügungen damals ja gesehen. Der Zugriff auf die zu sperrenden Seiten ist sprunhaft angestiegen. Man erhöht mit diesen Sperrlisten also v.a. die Zugriffe Neugieriger, die mal sehen wollen, ob die Sperrung funzt. Wichtig ist dabei auch nur, dass sich Frau von der Leyen am Ende des Tages hinstellen und sagen kann, dass sie heute wieder 10.000 Pädophile von einem Zugriff abhalten konnte. So stellt sich das nicht mal klein Fritzchen vor.
Aber was soll schon rauskommen, wenn Blinde über Farbenlehre diskutieren.
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