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Es ist nicht lange her, da waren ich und mein Kumpel am Wochenende unterwegs auf der Suche nach, ja, wonach eigentlich? Im Mindesten vielleicht auf der Suche nach Erlebnissen. Wir kreuzten die Fußgängerzonen einer kleinen Ruhrgebietsstadt nach geeigneten Kneipen, um eine Cola (er ist Sunnit) und ein Bierchen zu trinken. Und dann war sie plötzlich vor uns: Eine Zufluchtsstätte für Rechtsradikale oder diejenigen, die das gerade lernen wollen. "Meinste wirklich?", meinte Mustafa noch zu mir, bevor er die Augen zukniff und wir betraten die Kellerbar. Mustafa ist ziemlich klein. Ich bin auch nicht gerade der Typus Schrank. Nun denn, einmal unten angelangt, durften wir feststellen, dass sich es ein Trupp Faschos am Tresen gemütlich gemacht hatte und wir exakt das darstellten, was die sichfür jenen Abend wünschten: Angstkunden. Man liebt ja immer ein wenig von dem, was man so leidenschaftlich zu hassen glaubt. So setzen wir uns an den Tresen unter die homogene transpolitische Masse, die sich derweil im Böse gucken übte. Zu unserer Überraschung sahen wir mitten unter ihnen, naja, seitlich versetzt, einen älteren Marrokaner namens Mohammed, der uns nicht unbekannt war. Mohammed hat keinerlei Probleme mit Neonazis. Mohammed sieht zwar aus wie ein Marrokaner, aber auch die Faschos dort hatten wenig Probleme mit seiner Anwesenheit. Mohammed ist trotz seines gehobenen Alters eine solch' versoffene Nervensäge, dass er wohl dem braunen Tross nicht als Zielobjekt transpolitischer Aktivitäten oder Diskussionen so recht taugen mag. Außerhalb seines Mezier bewegt er sich in einer ziemlich beschränkten Behelfssprache, die ihm wie ein Korsett mit Stahlstreben anliegt und ihn stets in Belustigung und Wahnwitz abzudriften zu zwingen scheint. Mohammed ist auch, das sei hier erwähnt, der Alptraum eines jeden Gastronomen,..aber das ist eine andere Geschichte. Uns gegenüber entdecken wir einen Stadt-bekannten Alt-Linken. Er hat Krebs im Endstadium und seinen Schäferhund dabei. Auch ihn läßt man gewähren. Mich und Mustafa aber nicht. Wir sind neu und unschuldig. Kleine Nickeligkeiten wie Beinchen stellen und anrempeln werden einseitig ausgetauscht. Vielleicht hat der braune Tross an diesem Abend schon gewirkt. Vielleicht ist es aber auch der Schäferhund, der alles im Zaum hält: Was sich nun abspielt, können Mustafa und ich nicht glauben, denn zu surreal ist die Szenerie. Jedesmal, wenn ein brauner Aktivist die Örtlichkeit aufsuchen will, um sich dort zu erleichtern, muss er am Altlinken und seinem Schäferhund vorbei. Jedesmal bemerkt man, wie die Jungs, die durch diese schmale Gasse gehen müssen, kurz aufschreien und sich hektisch um drehen. Durch die laute Musik hört man ein Knurren. Der Altlinke verweilt dabei zugedröhnt bis Oberkante Unterkiefer ausdrucklos über seinem Bier. Es ist sein Schäferhund, der zwischen Freund und Feind unterscheiden zu vermag, und jeden, nach dem Grade seiner politischen Einstellung nach, in den Arsch beißt. Mich zwickt er nur ein bißchen beim ersten Passieren, woraufhin ich natürlich sofort politische Verhandlungen mit ihm aufnehme ihm mein Hinterteil direkt präsentiere und ihm ganz nahe das Gesicht zeige, ohne ihm dabei direkt in die Augen zu schauen. Akzeptiert und durchgewunken. Der nächste hinter mir hat weniger Glück. Zack Zack, Schmerz im Gesäß und der Springerstiefel muss zum Absprung Richtung WC genutzt werden. So geht das eine ganze Weile. Den alten Marrokaner auf diese Vorgänge ansprechend, erwidert er:"Das ist ganz normal so." Die Frage danach, ob er sich in einer rechten Kneipe wohl fühlt, verkneife ich mir. Ich schätze, Mohammed hat seit den Siebzigern von ganz anderen, nicht Uniformierten soviel zu seiner Herkunft und seinem Akzent zu hören bekommen, dass er heute eigentlich nur säuft, ihm alles andere egal ist und er nichts mehr ernst nimmt und somit nicht mal als ausländisches Feindbild taugt. Mustafa und ich mussten uns aber noch hüten.
This is no fiction. Kaum zu glauben, oder?
[korrigiert um 16.09 Uhr am Erscheinungstag]]
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ach und weils passt und der freddie geburtstag hat..
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Das ist eben Erlebnis-Gastronomie, lebendig beschrieben, gerne gelesen!
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"Kaum zu glauben, oder?"
allerdings. "Alptraum eines jeden Gastronomen,..aber das ist eine andere Geschichte" Erzähl sie bei Gelegenheit:-) "um eine Cola (er ist Sunnit)" ich dachte gerade: wieso muss man denn rechtfertigen, dass einer keinen Alkohol trinkt? Aber so war es nicht gedacht, oder? Je weiter ich beim Lesen nach unten kam, desto stärker wurde ein Gedanke: das ist doch nicht wahr. Das kann nicht passiert sein. Ich muss mir aber eingestehen, dass es genau dieser Gedanke ist, der mich selbe nachts, bei der Arbeit, manchmal durchfährt. UNd das nachdem ich eine Situation selber erlebt habe. Insofern: alles ist möglich. Ich hätte mir in die Hosen gemacht...nein, ich wäre garnicht erst darein gegangen. Wie kam das eigentlich? Ihr steht davor und denkt: hui, ne Faschokneipe, lass mal gucken, was passiert? Schon ein bisschen Lebensmüde, oder ;-)? Gerade bei den Ruhpottnazis... Ich bin ganz durcheinander und beende hiermit diesen Kommentar...und werte Deine Sterne kurz auf - ging ja schnell mit dem einen. |
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es ging nicht ganz ohne Fiesematenten ab, zwei dreimal Beinchen gestellt bekommen, ein paar Ansagen, aber irgendwie hatte ich mehr Schiss vor dem Verlassen als während des Aufenthaltes...zum Glück war bei den Gästen in Punkto Alkoholkonsum jeder Drops gelutscht. Wir haben uns dann trotzdem ein Taxi direkt an den Tresen bestellt.
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Irgendwann werden wir alle mal bei den braunen Kameraden sitzen: krank, verhaltensauffällig und todtraurig.
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Was der Schäferhund vom Altlinken dazu wohl sagen würde..
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"Was der Schäferhund vom Altlinken dazu wohl sagen würde.."
Ey, Blondie! Rutsch mal rüber! @hadie: wenn ich alt bin, wohn ich in nem linken Senioren-Wg-Projekt...da passt "krank, verhaltensauffällig und todtraurig" vielleicht auch, aber wenigstens kann man sich dann weiter übers Putzen streiten und nicht darüber, wer einem früher mal die Arbeitsplätze weggenommen hat;-) |
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Die beste Vermeidung von Streit ist oft eher ranzurücken und mitzusaufen.
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Luzieh, das kam eigentlich nach einigen Gesprächen mit Mustafa über die gegenwärtige Situation und unser beider Lebensläufe und wann wir als deutsch betrachtet werden, als ein Teil des ganzen und wann nicht und wie wir das selber sehen, ..ab da war es dann Zufall. Schlimmer finde ich übrigens die bürgerlichen Kneipen in dieser unbenannten Kleinstadt, in denen die gut situierten uns auf ganz andere, wie ich finde, üblere Art und Weise ihre Abneigung haben spüren lassen. Das subtile trifft wenigstens mich viel mehr als das substanzlose.
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Sehr gern gelesen. :)
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au backe! sehr lesenswerter Beitrag!
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Hab ich mit Freude gelesen! :)
P.S.: Toller Schäferhund!!! |
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Fand ich auch klasse.
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Ach ja, Hunde haben ein sehr feines Gespür dafür, wer Angst vor ihnen hat ...
Die Vorstellung ist sehr schön, daß die Faschos von einem deutschen Schäferhund gezwickt wurden. Und ihr habt wohl an diesem Abend noch eure Erlebnisse gehabt, schätze ich. Ganz schön mutig von euch war das aber schon, muß ich sagen. |
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schrieb am
07.09.2011 um 10:48
… schöner Beitrag. Ich hatte auch mal einen Schäferhund, der hatte vor fast nichts Angst – außer weißen Kitteln! ( Tierarzt ) Das hat er nur mir gesagt, sonst hätten verkleidete Maler, Köche usw. ohne weiteres mir die Bude geknackt! Nazis konnte mein Deutscher Schäferhund irgendwie auch nicht leiden…
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"This is no fiction. Kaum zu glauben, oder?"
...oooch, doch! Bin im Ruhrgebiet aufgewachsen und kann mir die Szenerie lebhaft vorstellen - naja, das Kuriose daran ist ja, dass gerade der Pott ja seit Jahrhunderten Einwanderungsgebiet ist und inzwischen eigentlich schon als "Melting Pot" bezeichnet werden kann...nicht nur in negativer Hinsicht übrigens! |
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Hi Tycho,
ich habe beim Lesen die Szenerie irgendwie so richtig gesehen und grinse noch immer... LG, Carl |
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Amüsant.
Über ähnlich kuriose Kneipenszenen hab ich vor 20 Jahren in Leipzig berichtet, wo man in einem Sportlerheim eine Zeitreise ins 3. Reich erleben konnte. |
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Hallo Tycho!
Schöne Story ich als Hundchenbesitzer wundere mich über den Hund noch mehr als über alles andere, zum Beispiel Eueren Mut, in der Geschichte! |
Ausgabe 22/2012
31.05.2012
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