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ulysses' blog

09.02.2009 | 16:08

Frankens fähigster Freiherr

Kaltes Wasser hilft beim Schwimmenlernen. Und dass er schwimmen kann, wenn es darauf ankommt, hat Karl-Theodor Freiherr von und zu Guttenberg bereits unter Beweis gestellt. Jetzt darf er zum zweiten Mal innerhalb eines halben Jahres ein neues Amt antreten. Nach dem CSU-Generalsekretärssposten wird der 37-jährige noch diese Woche das Bundeswirtschaftsministium übernehmen, eine rasanter Aufstieg. Er ersetzt den als Wirtschaftsminister glücklosen Michael Glos.

Wenn er nicht ausgerechnet Franke wäre, hätte der nächste Karrieresprung des Freiherrn vielleicht noch etwas auf sich warten lassen. In der CSU ist der Proporz der Landsmannschaften ein wichtiger Faktor. Nach der Abwahl des Mittelfranken Günther Beckstein als bayerischer Ministerpräsident, und dem Rücktritt des Unterfranken Glos, war klar: Damit die ewige Balance der Macht in Bayern nicht ins Ungleichgewicht fiele, musste der nächste Wirtschaftsminister der fähigste aller Franken sein.

"Ein guter Anwalt der Wirtschaft in Deutschland [zu] sein", wie Bayerns Ministerpräsident und CSU-Chef der Horst Seehofer es ausdrückte, wird das in der schweren Zeit der Bankenkrise und aufziehenden Wirtschaftskrise reichen? Wirtschaftskompetenz und Wirtschaftsnähe sind zwei verschiedene Dinge.

Hat zu Guttenberg, nicht nur die unbestrittene fachliche und persönliche Qualifikation, sondern auch den Bürger auf seiner Seite? Dem streng frisierten Freiherrn wird nachgesagt, dass er immer ein bisschen eloquent und steif daher käme. Ein Wirtschaftsminster wird wohl nicht direkt vom Volk gewählt, folglich muss er nicht durch Bürgernähe glänzen. Aber dass die öffentliche Einschätzung seiner Person doch über Wohl oder Wehe mitentscheidet, wird im Falle Glos mehr als deutlich.

Karl-Theodor Freiherr von und zu Guttenberg, Adelsspross aus Oberfranken, Urenkel eines der Attentäter im Kreis um Graf Stauffenberg, ist zwar als profilierter Außenpolitiker einem Fachpublikum bekannt. In der Wirtschaftspolitik hat er sich jedoch noch nicht hervorgetan. Trotzdem gilt er als fähiger Politiker. Sein politisches Gespür scheint zu Guttenberg allerdings verlassen zu haben, als er als oberfränkischer CSU-Bezirksvorsitzender den Willen von Parteichef Seehofer kritiklos exekutierte, und die in der Partei angefeindete Strauß-Tochter Monika Hohlmeier, eine Oberbayerin, "überfallartig" als fränkische Kandidatin für das Europaparlament präsentiert hat.

Noch ist CSU-Chef Seehofer sehr angetan und des Lobes voll von seinem nagelneuen Wirtschaftsminister. Auf der Münchner Sicherheitskonferenz habe zu Guttenberg ganz locker mit dem britischen Außenminister auf Englisch parliert. Aber die fleisch gewordene Allzweckwaffe einer runderneuerten CSU gehört einer neuen Politikergeneration an und kann auch nach hinten losgehen - für den Chef und die Partei. Dann nämlich, wenn der Mann, der von allen «KT» gerufen wird, zu viel frischen Wind in die CSU bringt und mit den sich andeutenden, neuen Ideen einen offeneren Kommunikationsstil und eine Teamkultur pflegt und einfordert. Die streng hierarchische, konservative CSU wäre so etwas nicht gewohnt.

Außer Horst Seehofer braucht zu Guttenberg mehr Verbündete, wenn er im politischen Berlin bestehen will. Michael Glos hatte nicht mal den.
 
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Kommentare
kukidenta schrieb am 09.02.2009 um 22:32
Für mich ein Beweis, wie wenig fähiges Personal die CSU noch zu bieten hat und wie gross dem gegenüber ihr Anspruch auf Posten ist. Guttenberg bleibt ein halbes Jahr bis zu den Bundestagswahlen, um sich wirtschaftspolitisch zu profilieren. Das ist nicht viel Zeit.
Seehofer hat der Kanzlerin zwar einen Gefallen getan, aber sie wirkt immer hilfloser und dass nutzt der CSU Chef nur allzugern aus. Dabei ist das Problem vorrangig ein Problem im Personenkarusell der CSU.
lukasheinser schrieb am 09.02.2009 um 23:20
Zum einen hat von Guttenberg den Vorteil, dass gegen Glos auch eine Flasche abgestandenes Mineralwasser mehr Energie und Tatendrang versprühen würde.

Zum anderen begrüße ich es, dass deutsche Politiker wieder Karl-Theodor Freiherr von und zu Guttenberg heißen. Das klingt wenigstens nach ruhmreicheren Zeiten, in denen Politiker noch Beinamen bekamen, die sich auf ihre Führungsstärke bezogen.
mischa schrieb am 10.02.2009 um 04:03
Guttenberg ist als jungem Gesicht erst mal Aufmerksamkeit sicher; außerhalb Bayerns war er bisher nur Freunden der Landespolitik bekannt. So gesehen könnte sich der Wechsel für die Union noch bezahlt machen, Wirtschaftskompetenz hin oder her.

Denn Glos hätte man wohl auch dann nicht vermisst, wenn er über die ganze Vorwahlzeit abgetaucht wäre. Zu sehr hatte er sich bereits aus seinem Posten herausemigriert.

Vielleicht war die Entscheidung bereits am Dienstag im Wagen gefallen: Ein Polizist ließ Glos bekanntermaßen ja nicht durch die Absperrung, dem Gastgeber wurde die Zufahrt zum eigenen Termin versperrt. Ein letztes Stück Demütigung, könnte man denken. Der Minister musste daraufhin fußläufig zum kasachischen Gast. Es folgte: kurze Verwirrung um einen angeblichen Plattfuß und ein letztes Stück mediale Häme: „Rambo-Glos“. Aus, vorbei. Glos, der 2. Problembär im Museum.
ulysses schrieb am 10.02.2009 um 12:02
@ kukidenta:

Wie gesagt, der Proporz innerhalb der CSU wird eifersüchtig beäugt und verteidigt. Die CSU hätte vielleicht noch gestandene Wirtschaftspolitiker, aber es musste ja ein Franke sein, und ein möglichst junger noch dazu.

@ lukasheinser:

Wenn ich auf einen Adelsnamen in der Politik stoße, muss ich zuerst an Otto Graf Lambsdorff und seine rechtskräftige Verurteilung als Steuerhinterzieher denken (http://de.wikipedia.org/wiki/Otto_Graf_Lambsdorff). Das waren wenig ruhmreiche Zeiten.
@ mischa:

Der Mann muss ja nicht jede einzelne Fachentscheidung bis ins Detail verstehen, dafür hat er schließlich seine Fachleute. Er muss aber soviel von der Materie verstehen, dass er gut unterrichtete Entscheidungen trifft und dazu steht. Und diese intellektuelle und politische Leistung traue ich ihm allemal zu.
Über Glos wird wohl viel Häme ausgeschüttet, aber dumm ist er nicht. Als WiMi war er eine Fehlbesetzung, doch als Chef der CSU-Landesgruppe hat er für die CSU einiges bewegt, oder auch an der Bewegung gehindert. Ich glaube, dass er kein guter Selbstdarsteller ist und kein gute P.R. in eigener Sache gemacht hat.


bembel schrieb am 10.02.2009 um 15:28
wenn eines der Haupt"argumente" (oder gar das?) für die "Wahl" dieses Herrn ist, daß er ein Proporz-Franke ist, dann kann der einfache Wähler nur noch fassungslos den Kopf schütteln über dies Postengeschacher in Gutsherrenart...
ulysses schrieb am 12.02.2009 um 09:56
@ bembel:

Das macht leider nicht nur die CSU so, mit dem Postengeschacher aus Proporz-Gründen.

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