"Laut
der Internationalen Arbeitsvermittlung (ZAV) in Bonn haben im vergangenen Jahr 150 000 Deutsche der Heimat den Rücken gekehrt; [n]ach Schätzungen des
Bundesforschungsministeriums verlassen inzwischen rund 20 Prozent der deutschen Jungakademiker das Land."
(Quelle: Focus online, März 07, http://www.focus.de/karriere/management/umfrage_aid_51984.html)
Ein Jahr später waren es schon "160.000 Auswanderer", das "Prognos-Institut
hatte im Auftrag des Bundeswirtschaftsministeriums rund 1400 Fachkräfte befragt,
die dauerhaft im Ausland leben. Von ihnen hätten gut 83 Prozent einen
akademischen Abschluss".
(Quelle: Zeit
online, Juni 08, http://www.zeit.de/online/2008/26/fachkraefte-auswanderung)
Gründe wurden die verschiedensten genannt, nach Art der (akademischen) Ausbildung
deutlich unterschieden, restriktive (Embryonen-)Forschungsgesetze machten vor
allem Naturwissenschaftler geltend, Stichwort mangelnde Forschungsfreiheit, zu
hohe Steuern waren ein etwas allgemeinerer Grund und konkreter "bessere
Einkommensaussichten" waren v. a. für Ökonomen ein Argument.
Doch auch Geisteswissenschaftler zieht es vermehrt ins Ausland. Aus dem persönlichen
Umfeld zieht es tatsächlich die berüchtigten 20 Prozent in die große weite
Welt, die einen mehr (USA), die anderen weniger (Niederlande). Wir reden hier
von Philosophen. Da möge die große Mehrheit einwenden, dass deren Fehlen keine
Lücke reißt, genügt der Masse doch der unvermeidliche, der ewige Habermas,
dessen Wirkung sich, allgemeingutverträglich, darin erschöpft, dass alle nur über
alles reden müssen, und zwar richtig reden. Das tut niemandem weh, ist aber
auch nur leidlich revolutionär. Vielleicht können einige noch den Populärphilosophen
und Gelegenheitspolitiker Nida-Rümelin nennen, denn der macht ja Ethik, und hat
'ne Meinung zu Embryonen, Folter und Flugzeugabschüssen, vielleicht. Dass er
eine Schwester hat, die auch Philosophin ist, weiß dann kaum noch jemand. Die
macht Philosophie des Geistes, "Qualiadebatte" - das klingt nach
Qual, hat aber mit Folter nix zu tun, ergo uninteressant. Analytische
Philosophie findet in den Feuilletons im Wesentlichen als angelsächsische
Debatte statt, die Thematik verkauft sich schlecht, Ohrensesselphilosophie für
Elfenbeinturmbewohner. Vielleicht ist also mangelnde Leserschaft, mangelndes
Forum, mangelnde Anerkennung Motivation für einige, das Weite zu suchen.
Besinnt man sich aber zur Abwechslung auf "die Klassiker" und unter
denen vielleicht auf den klassischsten, nämlich Platon, und auf dessen "Politeia",
so rückt mit den Philosophenkönigen eine alte Bestimmung des/der Philosophen
ganz neu in den Blick. Kraft ihrer kritischen Denkfähigkeit, eines gesunden
Skeptizismus, aufklärerischer Ideale und dem Willen zum Guten, zur Freiheit des
Menschen und dessen Selbstvervollkommnung - nicht herrenmenschlich überhöhend,
wie Nietzsche unterstellt - sondern durchaus auch durch Selbsterkenntnis zur
angemessenen Demut einsichtig machend, kommt ihnen im Staat eine zentrale
Position zu. "Führungs"position sein hier vermieden, der schäbigen
Assoziationen wegen. Wenn schon, dann nicht die Leitfigur an der Spitze einer
Masse, sondern ein "an-die-Hand-Nehmer", und im Idealfall ist der Schüler
hinterher weiter als der Lehrer. Der sokratische Dialog ist, man glaubt es
kaum, sogar älter noch als z. B. Habermas - und funktioniert. Eine Rückbesinnung
auf politische, das heißt gesellschaftsfördernde Funktionen könnte den hier
lebenden, hier lehrenden Philosophen vielleicht eine Aufgabe über
selbstzweckhaftes Expertenzirkeln liefern; man kann öffentliches Interesse
einfordern und ein Ausbleiben beleidigt mit der kalten Schulter quittieren,
oder man kann versuchen, öffentliches Interesse zu <i>wecken</i>. Diese
Bereitschaft scheint mir etwas unterentwickelt, die Bereitschaft, das Land,
welches einem das Studium zu weiten Teilen finanziert hat, zu verlassen,
scheint hingegen etwas leichtfertig überhöht.
Natürlich sieht jeder Student, dass Deutschlands öffentliche
Bildungseinrichtungen, Universitäten, unattraktiv sind in vielerlei Hinsicht,
bei erschreckenden baulichen Defiziten (undichte Dächer, karzinogene Baustoffe,
Schimmel etc.) angefangen über hohe Arbeitsbelastung (schlechtes Dozenten-Studierenden-Zahlenverhältnis
bei wenig Forschungszeit) bis zu finanzieller Unterversorgung. Trotzdem möchte
ich von jedem Einzelnen verlangen, sich zu fragen, ob "Weglaufen" irgendetwas
an der Situation verbessert. An der persönlichen ja, vielleicht. Aber wäre eine
gesellschaftliche Verantwortung, wie sie so gerne ans "Kapital" gerichtet
wird, nicht auch an das geistige Vermögen zu stellen? Die Utopie war lange
genuine Domäne von Phantasten, Poeten, Philosophen, eine vielleicht
geisteswissenschaftliche Urform des Fortschrittsgedankens. Und im Zeitalter
der, aus der Utopie ins Reale überführten "Neuen Medien" verliert die
physische Verortung immer mehr an Bedeutung - die Utopie, wörtlich der "Nicht-Ort",
ist immer häufiger Realität des vernetzten Nutzers, die globalisierte
Vernetztheit macht geeingte Forschungsvorhaben grenzüberschreitend möglich und
einfach, lässt Standorte zusammenwachsen, könnte "elitäre" Hierarchien
abschmelzen helfen, wenn sich in Stanford Professoren zu Internetkooperation
mit Essen-Duisburg herabließen, wenn Massachusetts auf einmal in
Klickreichweite ist!
Wer will, dass es besser wird, kann hingehen, wo es besser ist,
oder es da besser machen, wo er/sie ist - ein kleiner Appell, (s)einen Ort zu
einem besseren zu machen, eine Utopie zu verwirklichen...
freies radikal(iberal) - Student der Philosophie & Germanistik, gegen Schubladen und Denkverbote. [Aus Gründen der Schreibökonomie und Textästhetik verwende ich das generische Maskulinum]
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Logbuch
23:22
Urmel auf dem Eis hat gerade einen Kommentar geschrieben.
David Foster Wallace wurde 2005 darum gebeten, vor Absolventen des Kenyon College eine Abschlussrede zu halten. Diese berühmt gewordene Rede gilt in den USA mittlerweile als Klassiker und Pflichtlektüre für alle Abschlussklassen – eine kleine Anleitung für das Leben, die man jedem mit auf den Weg geben möchte
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