Ursula Schwarzer

Blog von Ursula Schwarzer

15.05.2011 | 16:18

Gespensterdiskussion um einen Journalistenpreis

Erst amüsiert, dann befremdet, inzwischen entsetzt und besorgt verfolge ich seit einigen Tagen eine Gespensterdiskussion:

Am Freitag, den 6. Mai  2011, wurden auf der Bühne des Hamburger Schauspielhauses die Henri-Nannen-Preise vergeben. In der Kategorie "Reportage" erhielt René Pfister vom Spiegel für seinen Text Am Stellpult, eine Nahaufnahme des bayerischen Ministerpräsidenten Horst Seehofer, die Auszeichnung.  Als eine Art Running-Gag kam der Autor darin immer wieder auf die Spielzeug-Eisenbahn in Seehofers Hobbykeller zurück.  Die Jury ließ verlauten, ihre Entscheidung sei knapp zugunsten des Spiegel-Redakteurs ausgegangen, weil er diese "beeindruckende Nähe" zur Person gefunden habe. Schließlich sei er ja sogar in diesem Keller gewesen.  Das Problem aber war, René Pfister hatte den Hobby-Keller Seehofers nie betreten, was er auf Rückfrage der Moderatorin Katrin Bauernfeind auch freimütig erzählte.

Daraufhin entbrannte eine aufgeregte Diskussion, die später damit endete, dass René Pfister der Henri-Nannen-Preis wieder aberkannt wurde. Diese Entscheidung erboste die Ressortleiter des Spiegel sehr, las ich am Mittwoch, den 11. Mai, und zwar unter der Überschrift Was ist eine Reportage? Schon da rieb ich mir die Augen und fragte mich: Was ist hier eigentlich los? Könnte es evtl. sein, dass die Redaktionen vom Spiegel und anderer Verlage, erst Artikel einreichen, später selbst mit in der Jury sitzen und dafür sorgen, dass das eigene Haus einen der Preise bekommt und sich bei der Preisvergabe dann gegenseitig auf die Schultern klopfen? 

Schließlich wurde auch noch Wolf Schneider bemüht, der Autor von Büchern wie Deutsch für Profis. Und der erklärte, Pfisters Stück sei ein guter Text, der nur in der falschen Kategorie ausgezeichnet worden sei. Es handele sich um ein Porträt und nicht um eine Reportage. Wie kann es nur angehen, dass die so hochkarätig besetzte Jury für den Henry-Nannen-Preis nicht bemerkt hat, dass ihr mit dem Text Am Stellpult gar keine Reportage vorliegt?

Journalistenpreise sollten eigentlich dazu dienen, die Qualität in der Branche zu heben bzw. hohes Niveau zu erhalten. Doch wie ist das zu bewerkstelligen, wenn die Jury selbst nicht weiß, was heutzutage schon Schüler im Deutschunterricht in der Schule lernen, nämlich dass jemand, der nichts erlebt, nichts gesehen, nichts gefühlt, nichts gerochen, nichts gehört, nichts geschmeckt hat, keine Reportage schreiben kann? Und dass eine Reportage kein Ersatz für eine Nachricht oder einen Bericht sein kann, sondern immer nur eine Ergänzung dazu ist. Selbstverständlich ist ein Magazin keine Tageszeitung; und für die sogenannte "Spiegel-Geschichte" gelten andere Gesetze als für die Tagespresse. Das dürfte die Spiegel-Redaktion aber nicht hindern, eine richtige Reportage zu drucken und die dann für den Henry-Nannen-Preis in dieser Kategorie einzureichen.  Unabhängig davon schlage ich vor, diese Jury zu suspendieren und durch eine besser ausgebildete zu ersetzen.

Die Chefredaktionen aber, die diese Journalisten beschäftigen, bitte ich, ihren Redaktionsmitgliedern einen der Kurse zu finanzieren, die man z.B. im Haus Busch in Hagen, in der Evangelischen Medienakademie, in der Akademie für Publizistik in Hamburg oder in der Akademie der Bayerischen Presse besuchen kann, damit sie lernen, was eine Reportage ausmacht. Vielleicht wäre es auch gut, wenn sie noch weitere Fachseminare besuchten, um weitere journalistische Darstellungsformen kennenzulernen, um sie gegen einander abgrenzen zu können, und ganz nebenbei auch einmal den Unterschied zwischen fiction und non-fiction zur  Kenntnis zu nehmen.

Denn wirklich die Sprache verschlagen hat es mir, als ich die Glosse von Hellmuth Karasek  am 14. Mai auf Seite 1 des Hamburger Abendblatts las. Darin bezieht er sich auf die Spiegel-Geschichte des René Pfister und erklärt seinen Lesern dann schmunzelnd, dass auch Dante für seine Göttliche Komödie nie in der Hölle gewesen sei, Shakespeare für seinen Kaufmann von Venedig nie am Rialto, Karl May nie im Lande Winnetous oder im wilden Kurdistan usw. Darf das denn wahr sein? Kennt der hochgebildete Journalist, der 20 Jahre lang das Kulturressort des Spiegel leitete, als Professor am Institut für Theater, Musiktheater und Film der Universität Hamburg arbeitete und viele Bücher geschrieben hat, den Unterschied zwischen Journalismus und Literatur, zwischen Tatsachenbericht und Erfundenem nicht? Und: Nehmen wir einmal an, er selbst würde ihn wirklich nicht kennen, dann wäre es die Pflicht des verantwortlichen Redakteurs gewesen, ihn darauf aufmerksam zu machen und diesen Text so nicht zu drucken.    

 

 

 
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Kommentare
Gustlik schrieb am 15.05.2011 um 16:58
So ist ein Pfisterling kein unbekannter Pilz hinterm Spiegel, sondern ein Journalist, der nur Journale liest.
Ehemaliger Nutzer schrieb am 15.05.2011 um 17:16
Die Reaktionen der Leute sind imgrunde dieselben wie bei jeder schiefgelaufenen Angelegenheit, keiner will es gewesen sein. Die erste Pflicht besteht für mich beim Schreiber selbst, ihm war doch klar in welcher Kategorie er nominiert ist (oder liege ich da falsch?).
Der Run nach Ruhm, der läßt erblinden.
Ursula Schwarzer schrieb am 15.05.2011 um 19:02
Sofern sich der Schreiber selbst beworben hat, stimme ich Ihnen zu. Aber ich weiß natürlich nicht, ob die Einreichung des Textes durch den Schreiber oder durch seine Redaktion erfolgte oder ob die Jury selbst gute Texte nominiert und dann prämiert hat.
Jedenfalls empfinde ich diese Sache als so etwas wie ein Waterloo für die Qualität des Journalismus insgesamt.
Rosa Sconto schrieb am 15.05.2011 um 18:13
Der Preis ist doch eine ziemlich Bekannte Auszeichnung, kein Wunder das zu dessen Rettung sogar Wolf Schneider bemüht werden musste. Ähnlich, aber diskreter, sagt und schreibt er ja manchmal noch und geniesst ansonsten die Weisheit des Alters. Dank für den Bericht, gerne gelesen...
Ursula Schwarzer schrieb am 15.05.2011 um 19:13
Ich kritisiere nicht die Tatsache, dass man Wolf Schneider bemüht hat. Mir geht es darum, wie leichtfertig Journalisten, die sich für die allerbesten in Deutschland halten, die journalistischen Darstellungsformen vermischen. Dann auch noch aus Jux, weil es sich so nett liest - wie Hellmuth Karasek das getan hat - Literatur und Berichterstattung zu verquicken, ist indiskutabel. Wie glaubwürdig ist diese Branche denn jetzt noch, die uns alle mit Informationen versorgen soll, die uns als Grundlage unserer politischen Meinungsbildung dienen?
Ursula Schwarzer schrieb am 15.05.2011 um 19:15
Ich kritisiere nicht die Tatsache, dass man Wolf Schneider bemüht hat. Mir geht es darum, wie leichtfertig Journalisten, die sich für die allerbesten in Deutschland halten, die journalistischen Darstellungsformen vermischen. Dann auch noch aus Jux, weil es sich so nett liest, Literatur und Berichterstattung zu verquicken (was Hellmuth Karasek getan hat) ist indiskutabel. Wie glaubwürdig ist die Presse denn jetzt noch, die uns alle mit Informationen versorgen soll, die uns als Grundlage unserer politischen Meinungsbildung dienen?
Ursula Schwarzer
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