Ich vergehe vor Scham, wenn ich mit dem Handwagen durch die Stadt fahren soll. Ich empfinde es als unwürdig, mit einem Handwagen durch die Straßen von Sangerhausen zu ziehen. Ich komme mir wie ein Bettler vor. Das Straßenpflaster lässt den Handwagen sehr laut rasseln, alle Fenster öffnen sich, alle Augen richten sich auf mich, sehen mich an und diese Fratzen lächeln und grinsen.
Ich habe Leute einen Handwagen ziehen gesehen, die gingen schlecht gekleidet oder waren angetrunkene, widerliche Gesellen. Ich wehrte mich gegen den Auftrag: „Was? Ich soll das machen? Ein Handwagen auf der Straße, zwanzig Jahre nach Kriegsende. Das sehe ich nicht ein. Das ist ja wie auf dem Dorf. Dort kann man mit einem Handwagen durch die Gassen rumpeln. Aber in der Stadt nicht. Ich ziehe ich nicht mit Johannisbeeren los. Nein, niemals, das mache ich nicht.“
Ach, meine Arroganz. Nur die Sonne kann mehr blenden. Ich heulte, ich würgte, ich log und schützte Mathematikaufgaben vor. Es nutzte nichts. Vater wies mich an. „Primaner mit Handwagen“ bemerkte meine Mutter schelmisch und zog die Schärfe aus den Wortgefechten. Sie machte mich lächerlich. Doch nicht ich, sondern mein Vater zog am folgenden Morgen den Handwagen mit den Wassereimern voller Beeren zu „Müller & Co.“
Ich brauchte den Handwagen nur am Mittag wieder nach Hause zu ziehen auf meinem Heimweg von der Schule, voll beladen mit den schlanken, langhalsigen Mostflaschen und den Gummikappen als Verschluss oben drauf. Dreißig Flaschen sind eine Last. Im Handwagen auf Holzrädern damit die Alte Promenade hinauf zu kommen, ist eine Frage der Kraft in den Beinen. Die wird mit jedem Meter Steigung weniger. Ich hätte anders fahren und weniger Steigung nehmen können. Die Friedrich-Schmidt-Straße zum Beispiel herunter an der Jakobikirche entlang und dann durch die Stadt am Kino hoch. An der Ulrichkirche wäre das schwierigste Stück des Weges geschafft. Aber nein. Mit dem Handwagen am Kino vorbei, niemals! Lieber schinderte ich meine Knochen und schwitzte den Berg der Alten Promenade hinauf. Ich erinnerte mich auf halber Höhe an die Erntelasten von Brücken, wie wir dort manche steile Strecke den Wagen schoben und nicht zogen und damit besser die Steigung nahmen, als mit dem Ziehen an der Deichsel. Da schob ich auch die Last im Handwagen den steilen Promenadenberg hinauf, es wurde tatsächlich etwas leichter, aber die Erleichterung musste ich mit Unterbrechungen bezahlen, weil die Wagendeichsel häufig in die falsche Richtung drehte und der Handwagen auf die Straße zu kippen drohte, wenn die Deichsel schnell und steil aus der Richtung geriet. Oben endlich angelangt, nahe am Tennisplatz hinter der alten Stadtmauer, wo die Aussicht auf die entfernt am Horizont liegenden Kyffhäuserberge frei ist, wenn die Linden an der Promenade still halten, dort oben rollen die Holzräder über den sandigen Seitenstreifen fast allein. Dort hat man die gleiche Höhe wie die Zifferblätter der Uhr an der Ulrichkirche.
Ich verschnaufte, schaute zur Kirche und noch weiter bis zum Wald auf dem Schlösschenkopf weit im Norden und ließ derweil meinen Schweiß unter dem Hemd trocknen.
Nein! Nie wollte ich mit dem Handwagen durch die Stadt fahren.
Nein! Nie wollte ich das Gespött der Menschen vernehmen, in Zeiten beginnender Motorisierung mit einem Handwagen durch die Stadt zu holpern. Nein! Niemals wollte ich mich so fühlen wie Hänschen Schröder.
Hänschen, der Mongoloide, das bekannte Gesicht, das Downsyndrom von Sangerhausen mit dem klappernden Handwagen. Hänschen hing bei seiner Arbeit in weiten Hosen und Hosenträgern. Über seine Schulter streifte man ihm einen Lederriemen zum Ziehen seines Arbeitsgefährts, dem Handwagen. Hänschen führte Besen und Schaufel bei sich. Hänschen Schröder war der Straßenkehrer von Sangerhausen. Aus den Winkeln und Gassen, vom Pflaster der Hauptstraße kehrte er den Kot der Pferde und die feuchten Fladen der Kühe zusammen und zog damit durch die Stadt in den fünfziger Jahren. Und dem Hänschen johlte man auf der Straße hinterher. Er wurde verspottet und gekniffen wegen seiner Behinderung und wegen der stinkenden Last und seiner gering geschätzten Arbeit. Böse Leute taten ihm dabei Böses an. Dieser hilflose kleine Mann mit den wenigen blonden Haaren auf dem runden Kopf, der lachte einfach, wenn ihm wieder jemand einen Knuff verpasste oder eine Schmähung hinterher rief. Hänschen, der dann doch weinte, wenn er endlich fühlte, was Knuff und Schmähung eigentlich bedeuten sollten. Und aus dessen sehr kleinen wimperlosen Augen rollten die Tränen, wenn man ihm dann auch noch den Handwagen umstieß und der Kot wieder auf der Straße lag, weil er sich nicht zu wehren verstand, denn er verstand ja die ganze Welt nicht. Er hatte keine Sprache für sein Leben mitbekommen. Er saß am Bordstein, wirre Laute trauerten aus seinem Mund heraus und niemand hielt diejenigen inne, die noch mehr über ihn lachten, über so ein Stück wertlosen Menschen, bis sich einer berufen fühlte, über die Köpfe der Umstehenden hinweg Unauslöschbares zu rufen, dass selbst das Grinsen erstarb: Dän hahnse wohl verjessen bei Adolfen zu vergasen.
Das sind meine Erinnerungen über einige Momente grausiger Zeugenschaft. Und meine Mutter sagte mir als Kind, ich solle da nicht stehen bleiben, bei dem Hänschen. Nun stand ich oben auf der Alten Promenade, in Augenhöhe mit der vergangenen Zeit und mit dem Zifferblatt der Ulrichkirche, und die Zeit war nicht stehen geblieben und den Hänschen Schröder gab es nicht mehr. Ich wollte nicht seine Fortsetzung sein mit meinem Handwagen. Aber irgendwie kam ich mir doch so vor.
Ausgabe 22/2012
31.05.2012
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