Ulrike Winkelmann

Blog von Ulrike Winkelmann

16.07.2010 | 14:52

Elterngeldkürzungen bei Armen? Nur logisch

Dorothee Bär hatte die Zeitungen früh gelesen. Schon um 9.36 Uhr lief am Freitag ihre Pressemeldung über die Nachrichten-Ticker, dass die Unionsfraktion im Bundestag die neuen Pläne ihrer eigenen Familienministerin Kristina Schröder keinesfalls mitmachen werde. „Wenn jetzt jungen Eltern, die auf einen kleinen Hinzuverdienst durch einen Minijob angewiesen sind, dieser bei der Berechnung des Elterngeldes nicht mehr berücksichtigt wird, tragen wir dies nicht mit!“, formulierte mit Ausrufungszeichen die familienpolitische Sprecherin.

Die Süddeutsche Zeitung hatte aus einem Referentenentwurf des Familienministeriums zitiert. Um einen Beitrag zum Sparhaushalt zu leisten, sollen demnach nicht bloß die 300 Euro Elterngeld für Arbeitslose gekürzt werden. Auch Geringverdiener hat Schröder ins Visier genommen: Minijobberinnen und Empfänger des Kinderzuschlags, welcher verhindert, dass Geringverdiener wegen Kindern in den Hartz IV-Bezug rutschen. Schröder will demnach im insgesamt vorgesehenen Sparbeitrag von 600 Millionen Euro etwa 440 Millionen Euro bei den Schlecht- bis Garnicht-Verdienern holen. Die vorgesehenen Kürzungen bei den mittleren Einkommensklassen betragen etwa 155 Millionen Euro. Hier dürfe nicht stärker eingeschnitten werden, erklärt Schröder, denn sonst falle der Anreiz für die meist besser als ihre Partnerinnen verdienenden Männer weg, in Elternzeit zu gehen.

Das Ministerium reagierte mittags: Es handle sich um Gerüchte. Doch gebe es in ihrem Hause verschiedene Papiere, „die ausgetauscht und diskutiert werden", gab die Sprecherin zu. Soll heißen: die Debatte ist noch nicht vorbei. Kristina Schröder hat die Absicht, das Elterngeld nur denen zukommen zu lassen, deren Reproduktion ernsthaft angeschoben werden soll: solche mit ordentlichem Einkommen.

Auch wenn die FDP am Freitag zunächst einmal ebenfalls abwehrend auf den Referentenentwurf aus Schröders Haus reagiert – deren Familienpolitikerin Miriam Gruß liegt im im wesentlichen auf Schröders Linie. Beide sind der Meinung, dass das Elterngeld nicht als Sozialleistung, sondern als Lohnersatzleistung eingeführt wurde. Es soll also den Lohnausfall nach der Geburt ein Jahr lang kompensieren – analog zum Arbeitslosengeld I.

Bei aller Empörung nun aus SPD-, CDU- und auch Grünen-Zentralen: Doch, genau so war das Elterngeld angelegt, das noch unter Rot-Grün von der SPD-Familienministerin Renate Schmidt entworfen wurde, aber dann erst in der großen Koalition zum 1. Januar 2007 von CDU-Familienministerin Ursula von der Leyen eingeführt wurde. Dass Nichtverdienerinnen auch davon profitieren sollten, wurde nachträglich ins Konzept eingearbeitet, denn irgendwie wär's schwer vermittelbar gewesen, armen Eltern so gar nichts zuzuschießen.

Natürlich war schon das mit der Sozialkomponente des „Sockelbetrags“ von 300 Euro für alle eingeführte Elterngeld für alle Gering- und Schlechtverdienerinnen ( und -verdiener) eine Verschlechterung gegenüber dem Erziehungsgeld, das zuvor ebenfalls 300 Euro betrug, aber bis zu zwei Jahre bezogen werden konnte, de facto also das Doppelte betrug. Über die Hälfte der Eltern bekommen aktuell weniger als 500 Euro Elterngeld: Grob gesagt, ist das die Gruppe der durch das Elterngeld benachteiligten.

Dass das Elterngeld als gemischte Lohnersatz- und Sozialleistung aber schon rechtlich eine schiefe und verlogene Konstruktion war, beweisen die in Karlsruhe anhängigen Verfassungsbeschwerden: Dort klagen Eltern dagegen, auf ihr Elterngeld Steuern bezahlen zu müssen, denn es sei doch eine Sozialleistung.

Schröder denkt also nur zu Ende, was im System des Elterngeldes angelegt ist: Wer verdient, soll fürs Kinderkriegen entschädigt werden. Alle anderen brauchen dazu nicht ermutigt werden. Wer dies jetzt unmöglich findet, darf sich fragen lassen, aus welchen Gründen er genau das Elterngeld eigentlich befürwortet hat. Erwerbstätigkeit der Frauen nach der Geburt – nach dem Moto, wenn das Elterngeld versiegt, schnell wieder ab in den Job? Nichts dergleichen. Die Erwerbsquote von „jungen“ Müttern ist sogar teils wieder gesunken. Und: Ja, die Männer. Viele von ihnen wechseln inzwischen für zwei Monate an den Wickeltisch. 20 Prozent der Elterngeldanträge wurden 2009 von Männern gestellt.

In dieser Logik verpflichtet sich der Staat, die Männer für ein paar Wochen Familienarbeit mit dem Geld der armen Mütter zu entschädigen. Toller Fortschritt.

 

 

 

 

 
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Kommentare
Sarah Rudolph schrieb am 16.07.2010 um 15:08
Das ist eines dieser Themen, bei denen ich kaum in der Lage bin einen klaren Gedanken zu fassen oder gar logisch zu argumentieren, weil ich mich so fürchterlich persönlich getroffen fühle.
Albern, aber wahr.

Das dahinter stehende Menschenbild macht mich verrückt.
apatit schrieb am 16.07.2010 um 18:21
... leider richtig! Beim kleinen "dummen" deutschen Michel, der sich gerade noch mal n`e Rechtsschutzversicherung leisten kann, ist man am abzocken, aber bei Banken, Politik - Totalversager, Wirtschaftsbossen und Manager-Eliten totale Funkstille...
Alien59 schrieb am 16.07.2010 um 15:12
Es ist irgendwie kaum zu glauben, dass so etwas gemacht werden kann - sparen bei den Ärmsten. Und was tun die Deutschen? Leise meckern? Sowas sollte man mal in Frankreich probieren.
Rahab schrieb am 16.07.2010 um 15:28
hier
www.judentum-projekt.de/geschichte/neuzeit/brand/index.html
kann sich das ministerium für seine diskussionen bestimmt noch ein paar inspirationen holen...
claudia schrieb am 16.07.2010 um 19:56
Inspirationen brauchen sie nicht. Sie sind ausführende Organe ihrer Lobbyisten.
Trickster schrieb am 16.07.2010 um 16:43
Was sich hinter der "Unscheinbarkeit" netten Auftretens verbirgt, ist eine knallharte Position,die sich hinter positiv besetzten Plastikwörtern langsam in der Gesellschaft durchsetzt. Der Diskurs bleibt trotz seiner akademischen Anhauchung weit unter dem Niveau, das Stammtischen so gerne nachgesagt wird. Es wäre ehrlicher, wenn Frau von der Leyen und Frau Schröder festlegten, dass Leute im reproduktiven Alter ALG II nur noch dann beziehen dürfen, wenn sie in einem kontrazeptionellen Methadon-Programm mitmachen. Denn einerseits vermindert das die Zahl dieser Wechselbälger, andererseits ist die Unfruchtbarkeit vorübergehend und lässt sich im Bedarfsfall - Krieg, Arbeitskräftemangel rückgängig machen.
Ulrike Winkelmann schrieb am 16.07.2010 um 16:43
Gerade kommt ein kleiner Nachtrag aus dem Familienministerium per mail eingetrudelt, der bestätigt, dass der kleine Aufschrei aus der Unions-raktion die Sache noch nicht erledigt hat:

"Das BMFSFJ teilt mit:

Zur heutigen Berichterstattung über geplante Veränderungen beim Elterngeld erklärt die Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend, Dr. Kristina Schröder:

Die Berichterstattung gibt zwar die Regelungen des Arbeitsentwurfs teilweise zutreffend wieder, ist aber in wesentlichen Punkten auch falsch:

Es ist der klare und erklärte Wille des Familienministeriums, eine Sonderregelung für die sogenannten Aufstocker zu finden und im Gesetz zu verankern.

Eine solche Sonderregelung für Aufstocker steht aber im engen Zusammenhang mit der Neuregelung der Hartz-IV-Sätze und der Erwerbstätigenfreibeträge, die im Laufe der kommenden zwei Monate erfolgen soll. Nach derzeitiger Planung wird es hier am 8. September entsprechende Festlegungen durch das Bundesministerium für Arbeit und Soziales geben.

Ausgehend von diesen Festlegungen wird dann im Gesetzgebungsverfahren durch Änderungsanträge eine passgenaue Regelung für die Aufstocker gefunden werden, um diejenigen nicht zu bestrafen, die versuchen, durch Erwerbsarbeit ihren Lebensunterhalt aus eigener Kraft zu sichern.

Dass es eine solche Regelung geben soll, habe ich immer erklärt, zu dieser Erklärung stehe ich. Allein aus technischen Gründen konnte diese Sonderregelung im Arbeitsentwurf noch nicht aufgenommen werden, weil das Haushaltsbegleitgesetz schnell ins parlamentarische Verfahren eingebracht werden muss. Es ist durchaus üblich, dann im Verfahren solche Anpassungen vorzunehmen.

Gleiches gilt für die Regelungen, die die Minijober betreffen. Ein großer Teil dieser Minijober fällt unter die Aufstockerregelungen, so dass hier sachgerechte endgültige Festlegungen erst möglich sind, wenn Klarheit hinsichtlich der Erwerbstätigenfreibeträge besteht. Dabei ist für mich selbstverständlich, dass Anreize zur Aufnahme von Erwerbsarbeit nicht verschüttet werden.

Gleiches gilt auch für die Veränderungen beim Kinderzuschlag. Diese sind rein technischer Natur, die Ausgaben für den Kinderzuschlag bleiben im Ergebnis unverändert. Aber auch hier können endgültige Regelungen erst im Zuge der Neuberechnung der Hartz IV-Sätze erfolgen."

Aaaahaaaa. Man achte auf solche Feinheiten wie: "Die Ausgaben für den Kinderzuschlag bleiben IM ERGEBNIS unverändert." Eine Umschichtung innerhalb dieses Topfes ist also nicht auszuschließen? Zu Lasten von wem? Und selbst wenn der Kinderzuschlag niemand weggenommen wird: Da steht jetzt immer noch nicht, dass Familien, die den Kinderzuschlag beziehen, keine Elterngeldkürzungen hinnehmen müssen.

Klingt nach einer Menge Klärungsbedarf.
mh schrieb am 17.07.2010 um 11:43
ja, es gibt ne menge klärungsbedarf, wenn man im familienministerium selbst noch nicht mal weiß, was da nun genau gemacht werden soll.

sommerloch?

na hauptsache wir können mal wieder alle eugenik vermuten. aber das richtete sich nun nach unten.

mfg
mh
Trickster schrieb am 16.07.2010 um 16:56
LiebeU.W.,ich habe da ein Problem mit diesen Minjobbern. Ist da jetzt vorgesehen, dass die, weil sie ja unter den miesesten Bedingungen arbeiten, dafür Kompensation erhalten?
Das Elterngeld ist doch eine "Ersatz"leistung, die sie ja nur bekommen können, wenn sie gerade NICHT arbeiten. Ansonsten ist es eine offene Subvention der armen Arbeitgeber (sonst geben sie ja auch tatsächlich nichts). Mit Bitte um Aufklärung.
Ulrike Winkelmann schrieb am 17.07.2010 um 21:41
Oh ja oh ja, die Bezeichnung des beruflichen Status in der Debatte bezieht sich immer auf die Zeit, also die Beschäftigung VOR der Geburt eines Kindes.

Wenn ich etwa Freitag-Redakteurin bin, und dann nach der Geburt Elterngeld und Elternzeit beantrage, bekomme ich zwei Drittel meines Freitag-Netto-Gehalts für die Dauer der Elternzeit, zum Beispiel 12 Monate (max), aber nie mehr als 1.800 Euro pro Monat (was beim Freitag eh nicht erreicht wird).

Wenn ich bis zur Geburt meines Kindes Minijobberin war, wird mein Elterngeld, das ich dann ggf beantrage, etwas anders bemessen. Da die typische Minijobberin 400 Euro verdient, wird sie nicht die zwei Drittel von 400, i.e. 267 Euro bekommen. Denn durch einen recht komplexen Schlüssel ersetzt das Elterngeld bei Geringverdienerinnen bis 1.000 Euro Netto bislang bis zu 100 Prozent des Einkommens. Die typische Nur-Minijobberin auf 400 Euro-Basis etwa bekommet 388 Euro Elterngeld.

Hier will Schröder aber offensichtlich ran, bzw. bestreitet das wiederum in der nachgeschobenen Pressemeldung etwas lau-mau: Wer arbeitet, also auch die Minijobberin, wird demnach nicht durch Elterngeldentzug bestraft (die Arbeitslose bekanntermaßen schon). So die Behauptung.

Ich vermute aber, der Plan ist, in der Tat die Leistungen für die Unter-1.000-Euro-Verdienerinnen so zusammenzustreichen, dass sie auch max. zwei Drittel bekommen, und dies dann als Gleichstellung mit den über-1.000-Euro-Verdienerinnen zu verkaufen. Wir werden sehen. Gut ist, dass Schröder es nun im Handstreich gelungen ist, die Koalitions-Fraktionen gegen sich aufzubringen. Das wird deren Widerständigkeit auch im weiteren Verfahren erhöhen, Schröder muss dann was "wieder gut machen". Na, soweit erstmal.
mh schrieb am 17.07.2010 um 22:47
du konzentrierst dich zu sehr auf kristi.

atm gibt es einen verteilungskampf zwischen arbeits- und familienministerum. entsprechend wurde nun eine version eines referentenentwurfs "medial begleitet", der vor allem den plänen von ursi zuwiderlaufen dürfte. ihr, siehe mitteilung, jobliegt a die eigentliche planung für all diese schandtaten, denn sie muss das mit ihren hartz IV-plänen verwursten.

d.h. wenn irgendwo gespart werden kann, dann über die berechnungsmethodik in teilsparten die recht wenigen leuten weh tun und in der öffentlichen diskussion somit hinten runter fallen.

mfg
mh
Ulrike Winkelmann schrieb am 18.07.2010 um 12:24
Naaajaaaa, über 100.000 Haushalte kriegen derzeit den Kinderzuschlag, etwa 300.000 Haushalte wären berechtigt, was bedeutet, dass 200.000 Haushalte das noch relativ neue Instrument noch nicht entdeckt haben, aber das kann ja noch kommen. Sind immerhin bis zu 140 Euro im Monat. Die Zahl der Minijobberinnen, die mit Hartz IV aufstocken, sehe ich grad nirgends, aber sie dürfte wesentlich höher liegen. Das ist auf jeden Fall mehr als "recht wenige leute".
Und was Ursula vdL mit den neuen Hartz IV-Vorgaben macht, darauf sind wir alle gespannt, Schröder offenbar auch. Dass Schröder aber die erste Ministerin war, die von sich aus mitteilte, sie sei gewillt, aus ihrem (ohnehin schmalen und seit dem Elternegld überhaupt erst nennenswerten) Haushalt einen "Sparbeitrag" zu erbringen, und hierzu schon die glorreiche Kürzung des Elterngelds für Arbeitslose einbrachte, weist darauf hin, dass sie eben nicht bloß auf UvdL reagieren wird. Wie gesagt - nach der Sommerpause wissen wir mehr.
Gruß uwi
GeroSteiner schrieb am 16.07.2010 um 18:43
Ein unleidliches Thema. Die Verteilung von Nichts an Viele ist ein schwieriges Geschäft.

Ob sich jemand mit Kinderwunsch durch die fehlenden Almosen der Regierung dazu verleiten ließe, seinen Herzenswunsch aus finanziellen Erwägungen zu unterdrücken, bezweifle ich.

Dass sich diese Gesellschaft immer mehr zu einer Feudalgesellschaft mit gesicherten Refugien für die Reichen und Wohnklos mit angeschlossener Kinderaufbewahrungsanstalt für die Armen entwickelt, ist offensichtlich.

Was mich dabei am meisten ärgert, ist dieses stille Leiden der Betroffenen. Solange der Bundeswehreinsatz für Polizeiaufgaben noch nicht gekommen ist - und er wird kommen, wenn die terroristische Bedrohung nur groß genug aufgebläht werden kann - gibt es noch die Möglichkeit mit ein paar bissigen Transparenten nebst brennender Autoreifen und Megaphonen vor dem kuscheligen Büro des Familienministeriums die Sachlage im Sinne der Betroffenen ein wenig zu verdeutlichen.

Da sind sich unsere Machthaber immer noch sehr sicher, dass die deutsche Kleinkrämerseele nicht zum Helden taugt. Es wird gejammert und weiter gemacht, bis achtzig Prozent der Bevölkerung im Armenghetto leben und dankbar sind, wenn ab und zu eine Packung Soylent Green unters Volk gestreut wird.
claudia schrieb am 16.07.2010 um 20:16
4 Jahrzehnte lang wurde die Bevölkerung einlullt mit der massiven Propaganda vom "Wirtschaftswunder" und der Behauptung, dass dies auf immer so bleiben werde. Jede Meldung über "Aufschwung" knüpft dort an und weckt die irrationale Hoffnung, dass es nun doch wieder besser werde, aufs Neue.

>>Solange der Bundeswehreinsatz für Polizeiaufgaben noch nicht gekommen ist - und er wird kommen, wenn die terroristische Bedrohung nur groß genug aufgebläht werden kann<<

Wahrscheinlich wird die schwelende Verzweiflung irgendwann in einem grossen Aufstand explodieren. Irgend eine weitere Kürzung, sogar eine weitere Hetztirade eines Politiikers kann der Auslöser sein.
Deswegen werden die "Ordnungskräfte" unter dem Titel "linker Extremismus" neu formiert.
Ich halte für wichtig, die "Ordnungskräfte" der unteren Ränge, das heisst, nicht die befehlen, sondern die prügeln und schiessen, auf die Seite der Unterdrückten zu bringen. Damit kann das zu erwartende Blutbad vermieden werden. Natürlich besteht die Gefahr, dass die Leute, die gegen das Volk in Stellung bebracht werden, psychologisch auf ein "Elitebewusstsein" eingeschult werden. Es muss klar gestellt werden, dass sie trotzdem die Deppen der Nation sind, die gegen ein von oben betrachtet lächerliches Entgelt ihren Kopf für die Unterdrücker riskieren.
Achtermann schrieb am 16.07.2010 um 23:15
@ Claudia

Na ja, so schnell wird es keinen Aufstand geben. Die Profiteure unseres Systems lassen von den Massenmedien die öffentliche Meinung steuern. Und solange Sozialdemokraten und Grüne mit den Konservativen und Liberalen eine Koalition der Vernunft bilden, werden wir weder ein Blutbad noch sonstiges Marzialisches erleben (müssen). Deine Barrikadenprosa in Ehren, aber das Auto in der Garage ist wichtiger. Außerdem sind "wir" bei der Fußballweltmeisterschaft, dem wichtigsten Ereignis des Jahres, fast ins Finale gekommen. Das ist doch nicht wenig!
GeroSteiner schrieb am 16.07.2010 um 23:48
@Achtermann

Das Finale?
Das Banale muss man nun nicht auch noch schälen.

Völlig richtig. Das Blutbad wird es in Deutschland deshalb nicht geben, weil jeder Angst hat, dass das Auto einen Kratzer in den Lack bekommt oder schlimmer noch die Ziehung der Lottozahlen ausfällt oder gar die Rabattmarken bei Kaisers nicht mehr eingelöst werden.

Wie knapp wir mit unserer dekadenten Gesellschaft am Abgrund lavieren, werden wir erst dann wissen, wenn das Fernsehen und Internet für eine Woche ausfallen und die Lebensmittelversorgung mehr als eine Woche lang wegfällt. Dann wird es richtig spannend.

Dann können wir das erste mal beobachten, wie sich nach fortgeschrittener Entsolidarisierung selbst parfümschwangere Porschefahrer ums letzte Brot im Regal prügeln.
Achtermann schrieb am 17.07.2010 um 08:18
@ GeroSteiner

Meinst Du wirklich, die Porschefahrer legen sich noch Parfüm an, bevor sie sich ums letzte Brot im Regal prügeln? Außerdem habe ich gelernt: Fett schwimmt immer oben.
claudia schrieb am 17.07.2010 um 09:39
>>bis achtzig Prozent der Bevölkerung im Armenghetto leben<<
von dort kommen Aufstände
>>aber das Auto in der Garage ist wichtiger. <<
nicht aus der Garage mit dem teuren Fahrzeug.

Die Aufassung, ein Aufstand käme von jenen, die bis jetzt noch glimplich oder sogar komfortabel leben: Das ist eben der grosse Irrtum, Achtermann.
Diejenigen, die den laufenden Lebensunterhalt nicht mehr bezahlen können, werden immer mehr. Da geht es nicht um ein Auto in der Garage, sondern dass man einen Zahn verliert, weil der Eigenanteil beim Zahnarzt nicht bezahlbar ist, zum Beispiel. Ich kenne auch Leute, die keinen Kühlschrank mehr haben, weil der alte kaputt ging und sie keinen neuen kaufen können, auch keinen gebrauchten. Die werden mehr. Schon alle Versicherungen gekündigt, Zeitungsabo gekündigt, Schuhe und Klamotten immer wieder flicken, solange es nur geht, aber das Geld reicht trotzdem nicht mehr.
Die in der Tache geballte Faust schnellt irgendwann heraus, nur ist Zeitpunkt nicht vorhersehbar.

Volksaufstände sind keine geschmäcklerische Meinungssache und keine romantische Aktion vom Revoluzzer, im Zivilstand Lampenputzer, sondern etwas völlig anderes: Verzweiflung und Zorn, die sich Bahn brechen.
Und das war noch nie vorhersagbar. Nur dass es bei grassierender Verarmung hochwahrscheinlich passieren wird, das ist Erfahrung.
Und dass diejenigen, die die Schraube immer noch etwas härter anziehen, den Punkt, an dem sie bricht, ebenfalls nicht kennen.

Wer nichts mehr zu verlieren hat, der hat keine Angst, dass irgend jemandes Auto einen Kratzer bekommen könnte.

Ansichten, die die real existierende Verarmung ausblenden, haben darauf keinerlei Einfluss.

>>Solange der Bundeswehreinsatz für Polizeiaufgaben noch nicht gekommen ist - und er wird kommen,...<<
er wird kommen, ja, denn die Veruracher rechnen natürlich mit den "zunehmenden sozialen Spannungen". Das war schon zu Beginn der Agenda 2010 prognostiert worden.
Die noch was haben, sind dann mehrheitlich auf der Seite des Staates, der einen Aufstand der Verarmten zusammenballern lässt, das zeigt die historische Erfahrung auch. Weil sie Angst um ihr schniekes Autolein haben, zum Beispiel.
claudia schrieb am 17.07.2010 um 09:52
Ergänzung:
Der Artikel oben handelt von der Streichung des Elterngeldes, aber ihr könnt nicht aus der luxuriösen Porschewelt hinausdenken. Dem Porschefahrer wird gar nichts genommen, sondern gegeben.
Nur wenn der Porsche mit einem gutbezahlten Job finanziert ist, dann kann der mal weg sein.

Ich habe bei Kollegen erlebt, wie sie erst mal den Schock, jetzt plötzlich zur exotischen "Unterschicht" zu gehören, nur mit Depression verarbeiten konnten. Aber das bleibt eben nicht lebenslang so, wen der Druck immer stärker wird...
Achtermann schrieb am 17.07.2010 um 11:04
@ claudia

Du schreibst u.a.: "Die Aufassung, ein Aufstand käme von jenen, die bis jetzt noch glimplich oder sogar komfortabel leben: Das ist eben der grosse Irrtum, Achtermann."

Diese Auffassung hege ich nicht. Deshalb kann auch kein großer Irrtum vorliegen. Ich neige eher der Einschätzung zu, dass SPD und Gewerkschaften, vielleicht auch noch die Linkspartei, immer mal wieder den Kapitalbesitzern Zugeständnisse abkaufen, damit weiterhin Fußball geguckt werden kann. Und außerdem: Wer möchte schon der Bildzeitung nicht glauben, wer möchte vom Privatfernehen und den öffentlich rechtlichen Anstalten sich nicht unterhalten lassen, wer möchte dem Spiegel nicht mehr trauen?

Ich vermag nicht zu beurteilen, wie weit die Sozialsysteme noch ausgedünnt werden können, ohne dass es den Kapitalbesitzern unkomfortabel wird, und zwar in dem Sinne, dass das von Dir beschriebene Szenario eventuell nicht mehr beherrschbar wäre. Ich denke nicht, dass die Kapitalbesitzer am eigenen Untergang arbeiten, außer man ist der Auffassung, sie stünden tatsächlich im Konkurrenzkampf. Die neue englische Regierung ist schon einen Schritt weiter als die deutsche. Deren Kürzungen im Sozialbereich fallen deutlicher aus. Vergiss' auch nicht: Die amerikanische Regierung hat erstmals ein Versicherungsrecht im Gesundheitswesen eingeführt, von dem Millionen was haben, ohne vorher überhaupt das Recht auf ärztliche Behandlung besessen zu haben. Hier zeigt sich die Felxibilität der Kapitaleigner.
mh schrieb am 17.07.2010 um 11:47
solange ihr euch alle noch n individual-fortbewegungsmittel leisten könnt, bei dem ihr auf den lack aufpassen müst, kann man da noch genug wegkürzen ohne eine schlechtes gewissen zu haben.^^

mfg
mh
claudia schrieb am 17.07.2010 um 13:38
Der Artikel, der hier kommentiert wird betrifft diejenigen, die sich das schon lange nicht mehr leisten können. Das sind die, die künftig ihre Wohnung nicht mehr heizen können, wenn sie was zu essen kaufen wollen.
Und die werden immer mehr.
claudia schrieb am 17.07.2010 um 14:00
>>Ich neige eher der Einschätzung zu, dass SPD und Gewerkschaften, vielleicht auch noch die Linkspartei, immer mal wieder den Kapitalbesitzern Zugeständnisse abkaufen, damit weiterhin Fußball geguckt werden kann.<<
Die SPD, zusammen mit den Grünen, hat den Druck zur Armutsarbeit (im Prinzipe das Gleiche das im 19. Jahrhundert als „Pauperisierung” bekannt war) mit der Agenda 2010 extrem verschärft. Den Grundsatz: "die Schraube anzuziehen bis es knirscht" habe ich schon vor mehr als 20 Jahren aus Mangementkreisen gehört.
In der SPD und mehrheitlich bei den Grünen denkt niemand daran, das zurückzunehmen, sonst würden erhebliche Spendengelder wegfallen. Die DGB-Gerwerkschaften haben sich zu sehr auf die Regierungspolitik eingelassen und betreiben jetzt den Versuch, Besiztzstandschutz für die Restbelegschaften zu betrieben. Wer erst mal rausgeflogen ist kommt im DGB gar nicht mehr vor.
In der Linken gibt es Leute, die nur eine Art Gewerkschaftarbeit nmahcne wollen iúnd nichts weiter. Es gibt aber auch einen beträchtlichen Teil, der neben pragmatischen Lösungen zur Linderung der aktuten Not auch tiefergreifende Änderung der Machtverhältnisse zwecks stabiler Demokratisierung des Wirtschaftens anstrebt. das ist allerdings ein notwendiges Fernziel und keine „Tagespolitik.

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>>Wer möchte schon der Bildzeitung nicht glauben, wer möchte vom Privatfernehen und den öffentlich rechtlichen Anstalten sich nicht unterhalten lassen,<<
Wer erlebt, dass er/sie den täglichen Lebenunterhalt nicht mehr finanzieren kann, muss nicht glauben oder nicht glauben, sondern erlebt selber.

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>>Ich denke nicht, dass die Kapitalbesitzer am eigenen Untergang arbeiten,..<<
Sicher nicht. Deswegen wird auch erwogen, das Militär zum Schutz des angehäuften Kapitals und seinen Besitzern vor den Opfern einzusetzen. Da ist Gero schon richtig informiert.
Übrigens ist das nicht Neues, denn das wurde schon immer so gehandhabt wenn ein Notstand erzeugt wurde.

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Die USA sind ganz wo anders und die Entwicklung verläuft nicht notwenigerweise in jedem Lande gleich.
Nostradamus schrieb am 17.07.2010 um 12:46
@Claudia:
Interessanterweise lese ich von diesen Aufstandsszenarien immer wieder. Nur passieren tut nichts. Viele wundern sich doch schon längst, warum nicht bereits die Luft brennt. Ich bin der Meinung, das Resignation und pure Verzweiflung eben nicht auf die Barrikaden treibt, sondern eher das Gegenteil eintritt: die Betroffenen werden phlegmatisch und antriebslos. Depressive Menschen sind denkbar ungeeignet, um gegen die Zustände, die sicher noch schlimmer werden, auf die Straße zu gehen. Die verbliebene Kraft und Energie geht bei vielen wohl dafür drauf, ihren kärglichen Restlebensunterhalt zu sichern oder die zermürbenden Kämpfe gegen den sturen, schikanösen und teils menschenverachtenden Hartz4-Bürokratismus zu führen. Das Protestpotential derer, die von dieser verordneten Armut betroffen sind, also überwiegend Langzeitarbeitslose und Rentner, ist sehr gering und tendiert vermutlich eher gegen Null. Etwas besser sieht es nur bei den jüngeren aus, wie man an den Protestaktionen gegen die "Bildungs-Misere" in Deutschland sieht.

Meine Prognose sieht eher so aus: der große Teil derer, die in eine hoffnungslose Armut und damit ins soziale Aus rutschen (vor 20 Jahren hätte ich übrigens nie erwartet, dass es solche Zustände hier gibt), werden resignieren. Die aktiven Protestler, die auf die Straße gehen, werden zahlenmäßig eher klein bleiben und, da die übliche Form des Protestes oft wirkungslos verpufft, langfristig ebenfalls resignieren. Bei den Jugendlichen und jungen Erwachsenen, die in diese um sich greifende Perspektivlosigkeit und Armutsfalle geraten, wird, in der Breite, eher die Kriminalität steigen.

Fazit: den großen Protest oder den großen "Knall" sehe ich auch nicht kommen. Weder mittel- noch langfristig. Ein Blick in die Staaten zeigt, dass die Gruppe der "Aussortierten", der Verarmten und "Überflüssigen" noch wesentlich größer werden kann, ohne das sich der Zorn gegen die politischen und wirtschaftlichen Macht- und Missverhältnisse des jeweiligen Landes richtet. Wie gesagt, lediglich die Kriminalitätsrate steigt. Nun ist mir klar, dass unterschiedliche Mentalitäten eine gewichtige Rolle spielen. Aber auch diese Tatsache spricht eher gegen einen wie auch immer gearteten "Aufstand" in Deutschland. Impulse könnten höchstens von Frankreich, Griechenland oder vielleicht noch von Spanien ausgehen. Wenn dort die Lunte brennt, könnte der Funke überspringen. Aber selbst in diesem Fall gehe ich höchstens von kleinen, lokal begrenzten und daher, aus Sicht der Regierung, beherrschbaren "Bränden" aus. So ein Feuer wird wahrscheinlich ausgetreten sein (im wahrsten Wortsinn), bevor es sich zum Flächenbrand entwickeln kann. Andererseits kann in einem solchen Szenario, wie Du bereits angedeutet hast, der kleinste Auslöser einen heftigen Knall produzieren. Wahrscheinlich würde das an dem Punkt eintreten, wo ein mehr oder weniger geordneter Protest (oder eine Protestwelle) in ein extrem dynamisches, chaotisches und damit nicht mehr beherrschbares Verhalten umschlägt. Das macht das Ganze im Prinzip natürlich unvorhersehbar. Dennoch denke ich, dass die Schwelle, an der ein organisierter, bewusst gewaltfreier Protest kippen kann, hier in Deutschland sehr hoch liegt.
claudia schrieb am 17.07.2010 um 15:02
>>Wahrscheinlich würde das an dem Punkt eintreten, wo ein mehr oder weniger geordneter Protest (oder eine Protestwelle) in ein extrem dynamisches, chaotisches und damit nicht mehr beherrschbares Verhalten umschlägt.<<
Ja. Armutsaufstände folgen keiner linearen Gesetzmässigkeit und sind nicht geplant. Das ist aus der Geschichte bekannt. Eine Wut der Opfer schwelt eventuell lange und wird durch Depression verdeckt.
Aber die Erkenntnis, dass man nichts mehr zu verlieren hat, kann sich plötzlich durchsetzen.

Ich halte für gut, das zu wissen.
Denn regierungsseitig weiss man es und versucht, darauf vorbereitet zu sein.
Schon bei der Einführung von Hatz4 war die Stimmung nicht weit davon entfernt. Die Angestellten der Agenturen für Armut waren psychologisch geschult und auf Wutausbrüche der Opfer vorbereitet worden. Auch die Polizei war damals in Alarmbereitschaft.
Dass Agenturleute verhauen und die Einrichtung zerkloppt wurde, bleiben damals Einzelfälle.
Aber niemand weiss das vorher.
TomGard schrieb am 17.07.2010 um 15:51
Zur Aufstandsdebatte

Die "Lebens"lüge der im Lohnfetisch befangenen Empörung über den Pauperismus kommt in absurden Szenarien des Kalibers "bis daß 80% (Pauper sind)" zur Erscheinung. Als ob Deutschland kein imperialistischer Staat und Mitglied eines Klubs imperialistischer Staaten wäre, denen es mit und in ihrer Konkurrenz um Pfründe und Ressourcen, die unter anderem mit einem Klassenkampf gegen soziale Besitzstände von Arbeiterschaft und Kleinbürgertum geführt wird, gelingt, die überwiegende Mehrheit ihrer Arbeitsbevölkerungen funktional und dienstbar zu halten.
Selbstverständlich wird es eine relativ leicht, wenn auch mit einigem Aufwand und Geduld zu bewerkstelligende Lösung des Pauper-Problems mittels Beseitigung der Überflüssigen und "Untüchtigen" geben und Gero Steiner tut recht daran, darauf hinzuweisen, daß das militärische Szenario dazu längst in Arbeit ist.

Das Blöde an der Debatte ist die funktionelle Arbeitsteilung der sog. "Armutskritiker" mit den Technikern der Macht, die wissen, daß sie, um die Pauperisierung nicht vorzeitig über ein Maß hinaus zu treiben, das moralisch akzeptiert wird, zunehmend an die Besitzstände der noch benutzten Bevölkerung sowie der Rentner und Pensionäre "'ran" müssen. Ein Armutsbegriff, der seine Bestimmungen aus den Maßstäben physischen Überlebens bezieht (das ist der Haupt-"Witz" an der hoch symbolisch aufgelegten "Eugenik"-Debatte, der Nebenwitz liegt in der Mobilisierung des Rassismus der Konkurrenz für den Unterwerfungswillen), kommt den Typen bestens entgegen.

Kurz:
Solang die Verwandlung von Lebenszeit in (Lohn)Arbeitszeit "durchgeht", die in den letzten 60 Jahren die Dienstbarkeit der Leut an der Konkurrenz um Privateigentum bis in die letzten Winkel neuronaler Ressourcen vorgetrieben hat, und die komplementär ergänzt wird durch einen horror vacui, der Leere einer Zeit, in der die Lebenden sich selbst kein Zweck mehr zu sein wissen , weil jede Zweckhaftigkeit an jenem Dienst und dessen realen und ideellen Entlohnungen gemessen wird, solange also, wie dies nicht als Armut gilt, wird es allenfalls Hungeraufstände und unter dem Beifall des Dienstvolkes die Exekution der Unbrauchbaren geben.
Das Problem, das die Herren damit haben, besteht vielmehr in dem, was Gero Steiner oben die "Verteilung von Nichts" genannt hat. Die imperialistische Konkurrenz wird sie zwingen, den Abbau sozialer Besitzstände der noch brauchbaren Bevölkerung, v.a. auch der regulären Rentner und Pensionisten, voran zu treiben, noch bevor die Zeit für zwischenzeitliche Endlösungen reif ist, und dabei hilft ihnen die Sorte Armutskritik, die Claudia exemplarisch vorführt. Das Hin und Her von lechts und rinks, das ganze Getobere und Getrommle ist eine ideologisch ungemein produktive Begleitmusik des Verfahrens, die Mehrheit der brauchbar gehaltenen über die konzedierten Einbußen gegen die Minderheit der nicht mehr Brauchbaren aufzuhetzen, bis denn die Zeit reif sein wird für die Nächte der langen Messer, viel eher aber das Humanum der erlösenden Spritze (anstelle der häßlichen Gaskammern).

Viel Spaß noch bis dahin, Leute!
j-ap schrieb am 17.07.2010 um 16:44
Was die allzu fleißigen und bereitwilligen Alarmisten der Tat so geflissentlich übersehen ist der Umstand, daß sich jede konkrete Ausschreitung, die zur Änderung der Verhältnisse führen soll, mangels wirklicher theoretischer Imperative lediglich als variierende Reproduktion des schon Bestehenden entfalten muß, die die ins Institutionensystem selbst eingelassene Gewalt freisetzt, entweder als manifeste Gewalt von oben oder in Gestalt erweiterter Partizipationsspielräume.

Auf diese Weise hat man den Standpunkt des Systems implizit schon längst akzeptiert, wenn man vor den etwaigen Fährnissen einer tatsächlichen gewaltlosen Alternative kapituliert. Der lächerliche Rest dieser kruden Phantasie ist daher nichts anderes als eine Exkulpationsstrategie für den Massenmord, die knallhart darauf spekuliert, daß sich nach gelungener Tat restrospektiv schon noch einige Rechtfertigungsgründe dafür finden werden.

Das allein hat schon finsterste Tradition, bedenkt man, daß der Revolutionarismus von Nazis und KPD vor 1933 sich in aggressiver Weise gegen die »Bosse« und »Bonzen« wandte und der Antisemitismus der Nazis nicht etwa deshalb so ganz populär werden konnte, weil er sich zuerst an verarmten jüdischen Flüchtlingen aus Polen entzündet hätte, sondern weil er die von ihren revolutionären Konkurrenten ebenfalls gallig herausgestrichenen schlechten Eigenschaften der 'raffenden' Kapitalisten als jüdische »erkannte«.
claudia schrieb am 17.07.2010 um 20:43
>>bis denn die Zeit reif sein wird für die Nächte der langen Messer,<<
es geht nicht darum, eine "Nacht der langen Messer" zu beschören. Es geht darum, zu wissen, dass wir nicht wissen, wann die Machtstruktur zusammenbricht. (Auslöser kann ein Aufstand sein.) Und zu wissen, wie wir dann damit umgehen wollen.
Denn die Einen bereiten sich darauf vor, eine andere Form der Herrschaft anzuwenden, wenn die derzeitige verbraucht ist. Die Anderen hoffen teils, dass es schon mal wieder irgendwie besser werden wird, teils auf den auf den Messias, z.B. einen BGE-Propheten.

Wir werden von Ereignissen überrascht, von denen wir wissen, dass sie möglich, aber nicht sicher vorhersagbar sind. Andere werden nicht überrascht, weil sie das Mögliche einkalkuliert haben und die haben die Kontrolle über das Ereignis.
TomGard schrieb am 18.07.2010 um 11:29
@ claudia

Falls Du Dich mal durchringen könntest, die Quellen Deiner Erwartung einer "zusammenbrechenden Machtstruktur" zu reflektieren, würdest Du als Erstes einen kapitalen Widerspruch bemerken:
Die Szenarien, die Du dazu in diesem Blog angedeutet hast, sprechen vom glatten Gegenteil eines Zusammenbruches, stattdessen von Exzessen, die bezwecken und geeignet sein sollen, eine "Machtstruktur", sprich einfach die Infrastruktur, Organik und Logistik militärisch gesicherter und zivil funktionell gehaltener Herrschaft, gegen Erosionserscheinungen aus veränderten Herrschaftsbedingungen und Herrschaftszielen (Achtung, Ziele, nicht Zwecke!) zu sichern und an die neuen Parameter anzupassen.
Obendrein haben Deine Szenarien den Webfehler, daß sie nicht aus solchen Erosionserscheinungen, sondern dem Gegenteil konstruiert sind: Nicht "Unrast" und "Unruhe" der Unterworfenen, sondern das Gegenteil nimmst Du als Menetekel Deiner Zusammenbruchserwartung, so als hättest Du es mit einem Vulkan zu tun, in dem ein kontinuierlicher Druckaufbau zur Explosion drängte. Die Symptome sprechen aber vom Gegenteil, der Druck wird nach "innen" abgebaut, wie Dir von einigen Kommentatoren schon entgegen gehalten wurde.

Falls Du mal an diesem Punkt bist, könntest Du dann auch bemerken, daß die reale Quelle Deiner Zusammenbruchserwartung eine verhohlene Affirmation der Herrschaft ist. Wie bei allen Kleinbürgern gibt Dir nicht diese Herrschaft Anlaß und Gründe, mithin die Inhalte der Empörung, sondern der Vorwurf an sie, sie mache es Dir bis zur Unmöglichkeit schwer, Dich mit ihr und den Dir gestellten Bedingungen zu arrangieren . Und dann zeigt sich die eigenartige Protestkultur, die Du in der gegenstandslosen Zusammenbruchstheorie pflegst, als eine verzwackte Methode, Dich trotzdem zu arrangieren: Noch ist es ja nicht so weit , nur "vorbereitet" willst Du sein, wie der Christ sich auf den Jüngsten Tag vorbereitet gibt .
Deshalb:
"Andere werden nicht überrascht, weil sie das Mögliche einkalkuliert haben und die haben die Kontrolle über das Ereignis."
Das ist absolut irre! Einerseits propagierst Du mit "Zusammenbruch" den kompletten "Kontroll"verlust selbst der Herren, von den Untertanen zu schweigen. Obendrein soll der nach Deiner Meinung daraus folgen, daß die existierende Kontrolle der Herren ein Schein, eine Fata Morgana sei. Wie kommst Du dann überhaupt auf Kontrolle?

Selbstkontrolle!
Selbstkontrolle ist das, worüber Du wirklich sprichst, deshalb ist Dein Menetekel das Bild eines Totalausfalls der Selbstkontrolle bei einer substantiellen Minderheit oder gar Mehrheit des Volkes. (Oh, wie Du Dir da mit dem jap einig wirst, es ist ein Graus')

Genau so wird der Wahnwitz logisch! Dir ist unter der Decke der semantischen Dissimulationen derart bewußt, daß Du über Selbstkontrolle sprichst, daß deren katastrophischer, agonistischer Verlust Dir als die Chance der Erlösung von ihr erscheint. So projizierst Du den gegenstandslosen Wahn einer Möglichkeit eines iwie als "echt" vorgestellten Kontrollgewinns eschatologisch in die Katastrophe eines allgemeinen Kontrollverlustes.
TomGard schrieb am 18.07.2010 um 11:45
@ jap

Die Mär von den blutdurstigen Massen, die von selbst, nach dem Muster losgelassener tausend Teufel, oder auch den ausgeklinkten Reflexbogen einer durchgehenden Viehherde, und nicht etwa angeleitet von ermächtigten Herren zum "Massenmord" schreiten, ist so ziemlich das dümmste Schreckgespenst, das sich die Pfaffen in der Restauration haben einfallen lassen, ihre Schäfchen einzuschüchtern. Die tat-sächlichen Herren hatten solche albernen Legenden nicht nötig, sie hatten nämlich den wahren "Mob", die Soldateska, gewöhnlich auf ihrer Seite. Falls nicht, richtete es meist ein Backschisch, notfalls verließ man das Land, unter Zurücklassung einiger Bauernopfer in Gestalt von Zarenfamilien, an denen die Pfäfflein dann ihre Legenden bilden konnten, um die Herde in den Hürden zu halten.
Pah!
Was für einen Schwachsinn gebildete Leute verzapfen können, das vermag mich gelegentlich noch zu wundern.
j-ap schrieb am 18.07.2010 um 20:00
Nunja, TomGard, das ist ein mittlerweile hinreichend bekanntes Problem bei Ihren Sermonen und den Einwendungen darauf: Wie soll man sich mit jemandem über aktuelle Entwicklungen unterhalten, der irgendwann vor 200 Jahren (und seien's nur 150 gewesen) in der Theorie steckenblieb und sich seither jede Bewegung im Lauf der Welt nur mehr als Zumutung zurechtrationalisiert, auf die dann — im Sinne des Konstrukts nur logisch — nur mehr gewendete Beleidigung als Reaktion folgen kann?
TomGard schrieb am 19.07.2010 um 06:55
Wo ist hier eine Beleidigung, und was soll ich unter einer "gewendeten" Beleidigung verstehen?

Nur mal so zur Info zum verpassten "lauf der Welt" gefragt ... ;)
PicaPica schrieb am 22.07.2010 um 01:28
Was für ein selten dummes Geschwätz.
PicaPica schrieb am 22.07.2010 um 01:32
Bezog sich auf den Kommentar von j-ap vom 17.7., 16.44 Uhr.
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archinaut hat gerade einen Kommentar geschrieben.
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claudia hat gerade einen Kommentar geschrieben.
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