22.08.2011 | 23:59

Popo without a sex. Eine Auflese.

 

Das erste Mal begegnete ich dem Thema in der Erzählung einer Freundin, welche psychisch erkrankte Menschen betreut. Die eine Geschichte war, dass sie Bernd (Name frei erfunden) ins klassische Konzert begleitete (denke ›beglitt‹), denn der war Klassikfan und pochte mit allem Recht auf seinen Klassik-Fanatismus. Das Problem mit Bernd war, dass er Gefühle hatte, und zwar viele, und Bernd war ziemlich egal, WO er Gefühle hat. Nichts mit ›Psssst‹ im Konzert, nein, raus mit der Sprache. Aber dazu später mehr, von ›raus‹. Auch wenn es Bernd zu heiß wurde, denn Gefühle erzeugen Hitze, riss es ihm die Kleider vom Leib, ja und ob, Sitz 34, Parkett, da kannte er nichts, und Brigitte sollte sich tunlichst seiner Vorstellung von freier Meinungsäußerung anschließen. Tat sie, indem sie ihn gewähren ließ, selbst-bewusst und zärtlich an seiner Seite. Schon mal ein Grund, sie dicke zu bewundern.

Verliebte mich in sie, als ich sie tanzen sah, sie sah, mit ihrem wunderbar geschnittenen Gesicht. Etwas Indianisches in ihren Zügen, scharf, prägnant, doch einen herzlich offenen Blick. Wir sahen uns einige Male, auch in ihrer Wohnung, auf dem Weg dorthin irgendwann mein Tape von »Menschenfischer« – ».... zu feige, der Welt dein Bestes zu geben, das beste der Welt...«

Bei ihr auf dem Sofa, Küsse, Getränke, Xavier Naidon't, sorry, not my style. Ja, und später später, vielleicht auch am Telefon, erinnere mich nicht genau, was gelegentlich ihre Finger zu tun hätten: Bernd und seine ›Verstopfung‹, seine Verstopfung und Bernd, nicht das erste Mal, und sie hätte mit ihrem Finger in seinem Anus herumgetastet, die quersitzende Blokade zu erfassen. Weiteres erspare ich mir, da nicht meins, damals.

Brigitte lange nicht gesehen, aber offenbar gibt's eine Kombination von Nahrungsaufnahme, die dazu führt, mich an sie zu erinnern: Kuchen mit Schokolade, Industrie vom Feinsten, vermarktet als ›Herrentorte‹, ganz ohne Anspruch auf ›Herrentort‹. Dazu Sahne, den ganzen Becher, geschlagen und süß vor Zucker.

Folge, nichts geht mehr, alles drängt. Das hast du schnell kapiert und bleibst erst mal unverrichteter Dinge da, wo du gerade bist. Immerhin, dOrt sitzt es sich eigentlich ganz gut. Deine Peristaltik sieht das etwas anders, sie arbeitet, während der Rest der Angelegenheit sich weigert, gewisse Windungen zu passieren. Das ist Härte, wenn sich oben beschriebene Ingredienzien zu einer unflexiblen Konsistenz verschwören und sich den organisch orgiastischen Reflexen des Enddarms konsequent verweigern.

Anstrengung überfällt in seriellem Schauer. Du zitterst in krampfähnlicher Befindlichkeit. Das glaubst du nicht, das erste Mal vergessen. Verlässt das Porzellan und suchst noch im Gehen, leicht gekrümmt, nach Anzeichen einer Erleichterung. Bemerkst, dass etwas in deinem Körper dort steckt, wo du in deinem vorherigen Leben noch nie etwas gespürt hast, was Durchgangsstationen so ziemlich eigen ist. Muskulär desorientiert lenkt es dich zum Ort gewohnter Entladung, dort in die Hocke, als selbstverständlich verinnerlicht, nun im zentralen Wesen erkannt, genötigt, was nur annähernd umschreibt, wenn dein Gehirn Darm wird, ganz Darm, mit Energien, die letzlich jeder körperlichen Ausscheidung höchstschöpferisches Diktat bescheinigen.

Ja, nun schon das zweite Mal, dass dir deine ernährungsspezifische Unbedarftheit physischen Tribut abverlangt, dich heimsucht und findet. Erinnerung an vierstündigen Kampf gegen den inneren Widersacher hattest du irgendwohin verbannt. Pech. Du verfügst über jahrzehntelang trainierte körperliche Beweglichkeit, unzähligeTänze in den Mai und zurück, Bilder exotischer Motorik jederzeit abrufbar – so auch jetzt, stakkatohaft lässt du dein Becken kreisen, zucken, in der Hoffnung, dorthinein Funken von Vorwärtsbewegung zu versenden. Du stehst, nackt. Alles ist Drängen und Wissen, dass es noch nicht so weit ist. Der Enddarmreflex des Herausschreiens von Unbrauchbarem und Gift durchzittert dich weiterhin. Du würdest vor Erleichterung noch in die Diele machen. Völlig egal. Humpelst herum und zurück, es treibt dir den Arsch auseinander, kennst kaum noch einen Unterschied zwischen Gehen und Krampf, Zubodenkrümmen, Atmen, Pressen, beides ineinander, Stöhnen. Beckenzentrisches Schütteln hinunter bis zu den Knien. Fragst dich, in der Hocke, am Boden, überreizt, worin letztlich der Urgrund des Tanzes liegt, wähnst dich eingespurt auf Wahrheit.

Steckst dir den Finger rein, der etwas kötelig Hartes ertastet. Du kratzt, versuchst, es von der Seite anzugehen, herauszupörkeln. Mit nichts als deinem dunkel geränderten Fingernagel streckst du die Rechte unter den Strahl des Handwaschbeckens. Was steigt dir in die Nase? Gute Nachricht: es ekelt nicht, denn du hast ein Ziel. Wiederholst die Prozedur. Das ein oder andere Bröckchen verlässt das Ende dessen, was sich dir partout nicht als Erlösung zeigen will. Stunde drei der Szenerie. Du spürst den Schutz deiner Wohnung. Faszination purer Körperlichkeit macht sich breit. Gedanken an B. –  sähe sie dich, wüsste sie, dass du dich dessen erinnerst, was dich von ihr entfremdet hat: Hände, die Finger haben, die in den Aftern fremder Männer ihrem beruflichen Auftrag nachgehen, sollten dir nicht über die Wange streichen, nicht deine Haut liebkosen, nein, sollten sie nicht. Inzwischen erkennst du den Wert solcher Geschichten.

Heißes Wasser läuft ins Bad. Irgendwas muss helfen. Weiterhin lernst du deine Körpermaße zu schätzen, die Reichweite deiner Extremitäten, suchst dir dort Entlastung, wo schon Liebe ihrem besonderen Kick aufgelauert hat. Den Wasserzerstäuber gegriffen, gebündelten Strahl anal gesetzt, gepumpt, Krampf in der rechten Hand. Kurzes Innehalten, einfach nur liegen, lassen... bereit, auch hier und jetzt den Muskeln höchsten Dehnungsgrad zu bieten. Nichts dergleichen. Wieder aufrecht, gehen, vierte Stunde. In diesen Phasen und schon vorher gibt es kein Zurück. Zersprengende Energie. Du denkst an ein Stadium, wo du zum Hörer greifen wirst, ärztlichen Notdienst zu bemühen. Bitte diesmal noch nicht. Fünfte Stunde. Wieder hastest du zum Ausgangspunkt, lässt dich nieder, erwartest eigentlich nichts mehr; es grenzt an Schwindel, Übelkeit, du gehst mit aller Kraft in den Punkt, noch ein letztes Mal. Und dann passiert es, wie eine lange Bewegung, ein langer Zug, nicht ohne Schmerz, doch er scheint nicht mehr vergebens, er verspricht sich dir, er deutet an, er vergewissert Erlösung. Es war das Bad oder die Zeit, eine Spur von Glück hat sich inwendig erbarmt, Schleim und Haut sich ihrem Sinn vereint. Bewegung wird stummer Schrei, Erschöpfung, Drama und ›auto reverse‹ zu dort, woher wir sind, aus Meer und kleinster Zelle, die ungeheuer sind und wurden, was wir nur selbstverständlich als ›so und anders nicht‹ verstehn.

 

 
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Kommentare
SuzieQ schrieb am 23.08.2011 um 21:01
Reisebericht in der Urlaubszeit?
Nach so nem Thema sucht man anderswo vergeblich.
Und ist doch fündig geworden,
"...er konnte nicht, ach, wie unangeneeehm...."(verkürzt aus "Wo laufen sie denn", Loriot).
Vadis schrieb am 23.08.2011 um 21:57
»Im Po auch? ... Ach, sind Sie ordinär.« (dito)

:-)
SuzieQ schrieb am 23.08.2011 um 22:13
Die "Flut" der Kommentare spricht dafür, dass viele darüber nicht schreiben, aber, ich hab die Klicks gehört, haha, lesen tun sie's schon, (>_<)
"Wie, er reitet auf einer Blume?" Loriot, :)
Magda schrieb am 23.08.2011 um 21:15
Spannende "hinter" (n)sinnige Geschichte. Kennt Jeder oder Jede immer mal im Leben.

Allerdings habe ich eher Erfahrungen mit "Nichts erzwingen", geht irgendwann von allein. Der Glaube, es müsste was aus einem raus, hemmt nur.

Und - im Ernstfall hilft ein grundehrliches Klistier. Ich hab das immer mal vor Fastenkuren gemacht. Geht wie der Blitz.
Vadis schrieb am 23.08.2011 um 22:06
Das klingt auf jeden Fall selbstverständlicher als vielleicht meine Geschichte. Meine Fastenerfahrungen wurden jeweils mit dem unsäglichen Glaubersalz eingeleitet, effektiv, aber beim Trinken von heftiger Gesichtsverrenkung begleitet. 40 g auf einen Liter lauwarmen Wassers und den ganzen Liter hintereinander weg getrunken.

Von Yogis hab ich gehört, die zur endgültigen Darmreinigung eine feine Gaze durch den ganzen Körper ziehen.
Magda schrieb am 23.08.2011 um 22:20
Glaubersalz kenne ich auch. Aber, ich muss gestehen, bei mir gibts da nichts zu glaubern .
Und - auch die Ernährung spielt eine Rolle.

Da mir heute so kalauerisch zumute ist:

Glauberfragen - Steuern abführen oder nicht.
Vadis schrieb am 23.08.2011 um 22:37
zB. Körperschaftssteuer,
nicht zu verwechseln
mit Körpersaftabgabe...
Rosalix schrieb am 07.09.2011 um 20:19
Leider habe ich diesen Eintrag aus Gründen der urlaubsbedingten Abwesenheit verpasst! Verstopfung als lyrischer Weltschmerz voll ins philosophische schwappend, köstlich.
Vielleicht sollten wir Sex echt nicht so überbetonen wenn's Kacken auch tut!:-)
Vadis
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