In der großen arabischen Sandwüste Rub al-Kali sprudelt eher
das Wasser als Ideen in der derzeitigen Diskussion hierzulande um den Nahen und
Mittleren Osten. Ein paar traurige Kakteen aus der Verschwörerbranche (wie
immer) und die üblichen Fatwa Morganas der Schuldzuweisungen, die einen Frieden
nie, Frontstellungen und Kriege aber immer voranbringen – vor allem aber die
Schuldzuweiser auf das Podest der eigenen unfehlbaren Selbstgerechtigkeit
stellen. Ob konservative Zeitungen munkeln, es begänne »eine neue Periode der
Kriege« oder retrolinke die Hände über den »Rechtsruck« in Israel zusammen
schlagen, ist im Grunde der Ausfluss ähnlicher Ideenarmut.
Vielleicht sollte man sich mal Möglichkeiten überlegen –
auch die versäumten. Vielleicht sollte man mit weniger Wertungen hineingehen,
den arabischen Staaten gegenüber, dem Iran gegenüber, Israel gegenüber, den USA
gegenüber. Doch weit verbreitet scheint die Meinung vorzuherrschen, die Lage
ist desolat, die Feindbilder sind festgeklopft, Aussichten auf Frieden sind in
weite Ferne gerückt.
Tatsächlich hat im Nahen und Mittleren Osten soeben eine
Periode von Kriegen, Aufständen und Revolutionen stattgefunden: die
Al-Aqsa-Intifada (2000-2005), seit 2001 der Afghanistan-Krieg, 2003 der
Irak-Krieg mit anschließender Okkupation, 2005 die Zedern-Revolution in
Libanon, 2006 der Libanon-Krieg und 2008/9 der Gaza-Krieg. Fokussiert man auf
die Kriegsregionen, nämlich auf Afghanistan, Irak, Libanon und Israel bzw.
Westbank und Gaza, erkennt man sofort: Das sind von Kriegen ausgelaugte Regionen,
die alle schon eine Jahrzehnte lange blutige Vorgeschichte haben. Umso
dringlicher ist es, der Kriegsspirale zu entkommen.
Man kann nicht immer nur gewohnte Denkbilder und gewohnte
Feindbilder bedienen. Zumal nach »acht vergeudeten Jahren« (Walter Russell
Mead) mit dem Wechsel in der US-Präsidentenschaft sich auch ein
Paradigmenwechsel anzukünden scheint. Barack Obama hat in seinem Interview für
den arabischen Sender Al-Arabiya deutliche Worte gewählt: »Ich
denke wirklich, dass es für uns unmöglich ist, nur in Begriffen des
palästinensisch-israelischen Konflikts zu denken, ohne in jenen Begriffen zu
denken, was mit Syrien oder dem Iran oder Libanon oder Afghanistan und Pakistan
geschieht. … Diese Dinge werden zueinander in Beziehung gesetzt. ... Und was
wir tun wollen, ist zuhören, einige Vorurteile beseitigen, die existiert und
sich im Laufe der letzten Jahre verfestigt haben. Und ich denke, wenn wir das
tun, dann gibt es bestimmt eine Möglichkeit einige Durchbrüche zu erzielen.«
Sein Beauftragter für den Nahen und Mittleren Osten, George Mitchell, sprach
wie Obama vom »mangelnden Respekt« in den letzten Jahren. Auf seiner ersten
Reise hörte er sich vor allem verschiedene Standpunkte an. Die arabischen
Medien registrierten dies mit einiger Verwunderung. Und in einigen US-Medien
hat bereits eine Debatte begonnen, wohin die Nahostreise gehen könne, mit
welcher israelischen Regierung auch immer und vor allem unter ganz anderer
Beteiligung der Palästinenser, nämlich unter Anerkennung der nakba.
Bevor hierzulande Stereotypen fortgeschrieben werden, ist
dieses »Zuhören« zu empfehlen. Hat man jemals schon aus dem Umfeld, nämlich von
den Beratern einer US-Regierung so grundsätzliche Erwägungen über die Lage der
Palästinenser gehört? Im letzten Heft der Foreign
Affairs, der alten Tante der US-Zeitschriften für Politik, zuletzt oft ein
neokonservatives Sprachrohr, erklärt Walter Russell Mead, der Schlüssel zum
Frieden im Nahen Osten liegt bei den Palästinensern. Wenn eine klare Mehrheit
von ihnen ein Friedensabkommen unterstützt, kann Israel die Sicherheit
bekommen, nach der es sich sehnt. Eine hundertprozentige Sicherheit aber gibt
es nirgendwo, erst recht nicht durch eine dauerhafte Besetzung der Westbanks.
Israel ist heute in einer kritischen Lage. Seine
Boomwirtschaft, die das Land aus seiner Umgebung so herausstellt, steckt
inzwischen auch in der Krise. Obwohl mit der informationellen Revolution gern
auch eine Entterritorialisierung der Ökonomie behauptet wird, trifft das
offensichtlich auf das Land nicht zu. Das Nachlassen der Börsenkurse für so
genannte Israel Bonds, wichtige Injektion für die Volkswirtschaft, zwingt die
Regierung zu tiefen Schnitten; Staatsverschuldung sowieso, aber auch Verarmung
von Teilen der Bevölkerung nehmen zu bei gleich bleibend enorm hohen
Militärausgaben.
Das könnte ganz anders sein. Israel, ein Staat in der Größe
etwa von Hessen, ist politisch und ökonomisch eine Regionalmacht. Es ist
eingebettet in ein Netz sehr unterschiedlicher Staaten und ist es doch nicht.
Das ist ein Nachteil für das Land, für die Region und für die Welt. Die
Nichteinbettung entspringt einem Konflikt, der schon mehrere Generationen
verschlissen hat und noch immer weit entfernt von einer Lösung ist. Das ist für
alle Beteiligte ein enormer sinnloser Verschleiß an Menschenleben und deren
Kreativität, die eigentlich dringend benötigt werden für die Bewältigung
existenzieller Probleme der Region und ihrer Staaten. Es geht um Probleme, die
nicht einfach »Juden«, »Araber« oder »Israeli«, »Syrer«, »Jordanier« etc. oder
gar »Juden« und »Muslime« betreffen, sondern alle zusammen. Wasserfragen,
Umwelt, Kommunikation, Infrastruktur, Lebensqualität eines von der tektonischen
Struktur her sensiblen, teilweise hoch verdichteten Raumes müssen gemeinsam
gelöst werden, zwischen souveränen Staaten, die miteinander zusammenarbeiten
und zur Bewältigung ihrer gemeinsamen Probleme bi- und multilaterale Abkommen
schließen. Dazu könnte Israel als entwickelter Industriestaat einiges an
Know-how anbieten. Mit der Türkei hat sich in den letzten Jahren schon einiges
entwickelt, mit den Golfstaaten könnte sich einiges entwickeln, zu den ärmeren
arabischen Staaten ließe sich einiges entwickeln. In diesem rohstoffreichen
Raum ist einiges möglich, ein anderer Raum hat ansatzweise in den letzten
Jahren einen kleinen Eindruck davon gegeben, nämlich Südostasien mit dem
ASEAN-Bündnis – auch wenn die politische Entwicklung zu wünschen übrig lässt.
Denkbar wäre perspektivisch eine mediterrane oder nahöstliche
Wirtschaftsgemeinschaft in Assoziation mit der Europäischen Union und dem
Golfkooperationsrat, in der Israel zum Nutzen seiner Nachbarn eine wesentliche
Rolle spielen könnte. Schon heute ist Israel ein Staat mit starker Vernetzung
seines Hochtechnologie-Sektors in die Globalwirtschaft und würde in der EU im
Mittelfeld liegen. Damit könnte es in einem entspannteren Umfeld zum
Impulsgeber werden.
Doch von einer integrierten Region kann heute keine Rede
sein, es dominieren die bekannten Konflikte. Verfehlt wäre es aber, immer
wieder dieselben Formeln herunterzubeten, etwa, mit wem man nicht sprechen
darf, weil er auf der Terrorliste steht; oder dass man mit den iranischen
Gotteskriegern nicht verhandeln kann; oder dass Hilfe für Gaza sinnlos ist,
weil man damit nur Hamas unterstützt und anderes mehr. In den letzten Jahren
wurde in Europa oft der Fehler gemacht, imperiale Vorgangsweisen der
US-Administration zu unterstützen. Der gerechte Zorn gegen gemeine
Terroranschläge wurde genutzt, ihn im Rahmen des »war on terror« gegen ein
vages und umfassendes Feindbild zu wenden. Kein Zweifel, dass Osama bin Laden,
Saddam Hussein oder Mullah Omar Verbrecher gegen die Menschlichkeit sind. Über
die zahlreichen scheinbar glänzenden Analysen des »Greater Middle East« sind
jedoch tiefe Zweifel angebracht. Mussten die Menschen dieser Region erleben,
dass ihre Länder als Verschubmasse in dieser strategischen Blaupause betrachtet
wurden, weil eine Macht ihre Einflusssphären gegenüber Russland und China
auszudehnen suchte.
Jede Menge schwerer Fehler wurden gemacht, statt die
»Chancen der Krise« zu nutzen, nämlich auf beiden Seiten ein positives Szenario
von Möglichkeiten zu entwickeln, auf die es für beide Teile Sinn macht darauf
hinzuarbeiten. Beide Seiten werden dabei auch gegenseitige Zugeständnisse
machen müssen. Gar keinen Sinn macht das ständige Zeigen mit dem Finger, du
bist schuld und du bist schuld. So funktioniert kein Ausgleich, keine
Versöhnung. Und von gegenseitiger Vernichtung hat niemand was davon – das ist
wohl die mindeste Lehre aus dem Zweiten Weltkrieg und dem Holocaust. Aber
Respekt vor jedem, der sich am Abbau der Feindbilder beteiligt. Und Beispiele
kennt die Geschichte, dass auch Todfeinde sich respektieren lernen, Frieden
miteinander schließen und manchmal sogar Freunde werden.
David Foster Wallace wurde 2005 darum gebeten, vor Absolventen des Kenyon College eine Abschlussrede zu halten. Diese berühmt gewordene Rede gilt in den USA mittlerweile als Klassiker und Pflichtlektüre für alle Abschlussklassen – eine kleine Anleitung für das Leben, die man jedem mit auf den Weg geben möchte
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