Vaustein

Blog von Vaustein

24.10.2011 | 14:26

Ein Bundesamt für etwas, das es gar nicht gibt. Gibt es das?

Das gibts und zwar schon ziemlich lange.

 

Das Bundesamt für Verfassungsschutz, gegründet im September 1950, das hauptsächlich die Tätigkeit der 16 Landesbehörden für Verfassungsschutz koordiniert und auswertet schützt damit etwas, das wir gar nicht haben : Eine Verfassung.

 

Wir haben ein Grundgesetz, dessen Artikel 146* sämtliche Parteien gezielt ignorieren.  Bedeutende Staats-und Verfassungsrechtler wie der Bundesverfassungsrichter a.D. Prof. Dr. Dr. h.c. Dieter Grimm, LL.M. (Harvard) vertreten durchaus die Meinung, dass der Artikel 146 GG als Auftrag in das Grundgesetz aufgenommen wurde, der dann von den politischen Parteien, hier insbesondere von der CDU/CSU gezielt ausser Acht gelassen wurde, ja, sogar ganz aus dem GG verschwinden sollte, was die SPD verdienstvollerweise verhinderte. In einem Gespräch mit dem Humboldt-Forum-Recht der Humboldt Universität, Berlin (HFR) vertritt Grimm klar und eindeutig die Auffassung, dass die Nichtbeachtung des Artikel 146 GG im Rahmen der Wiedervereinigung ein höchst fragwürdiges Vorgehen war. 

www.humboldt-forum-recht.de/deutsch/20-2007/beitrag.html

 

 


Ein Auszug:

 


HFR: Herr Professor Grimm, Ihre Abschiedsvorlesung an der Humboldt-Universität stand unter dem Titel "Ist das Verfahren der Verfassungsänderung selbst änderungsbedürftig?". In welchem Zusammenhang sind Sie auf dieses Thema gekommen?

 

Professor Grimm: Im Zusammenhang mit der Wiedervereinigung. Damals hatte sich ja die Auffassung durchgesetzt, das Grundgesetz dürfe nicht zur Disposition gestellt werden, es müsse auch im geeinten Deutschland gelten. Gleichwohl löste die Wiedervereinigung eine stattliche Zahl von Verfassungsänderungen aus. Die Art und Weise, wie diese ausgehandelt wurden, weckten bei mir zum ersten Mal Zweifel an der Güte des Verfahrens. "Verfassungsreform in falscher Hand" lautete damals meine Schlussfolgerung im "Merkur". Die Zweifel erhielten weitere Nahrung durch die Änderungen im Grundrechtsteil der Verfassung: Art. 16 GG im Jahr 1993 und Art. 13 GG im Jahr 1998 - in meinen Augen ein Musterbeispiel dafür, "Wie man eine Verfassung verderben kann", so der Titel eines Beitrags für die FAZ. Auch dabei ging es mir nicht um den Inhalt, sondern um die Machart. Zuletzt fand ich mich durch die Föderalismusreform bestätigt, die ich ja aus der Nähe beobachten konnte, weil ich Mitglied der Föderalismuskommission war.

Auch im weiteren Verlauf des Interviews weist Grimm mit Recht auf die politischen Winkelzüge hin, die veranstaltet wurden, um seinerzeit am Artikel 146 GG vorbei die Wiedervereinigung zu organisieren.

...Die Erinnerung daran, dass es nur als Provisorium gedacht war, musste danach freilich getilgt werden. Zwar blieb es bei dem Namen "Grundgesetz", mit dem sich der westdeutsche Verfassungspatriotismus verband. Die Präambel bringt aber zum Ausdruck, dass "Einheit und Freiheit Deutschlands" nun vollendet sind. Art. 23 a.F. wurde gestrichen, damit niemand Verdacht schöpfen konnte, Deutschland hätte noch unerfüllte Gebietsansprüche. Und auch Art. 146 erfuhr eine Veränderung, wenn auch eine, die das alte Versprechen noch nachklingen lässt. Einerseits wird bekräftigt, dass das Grundgesetz nun für das gesamte deutsche Volk gilt. Andererseits wird bestätigt, dass das deutsche Volk sich auch eine neue Verfassung geben kann. Dass es dazu noch kommt, halte ich freilich für sehr unwahrscheinlich, solange Deutschland von einem erneuten tiefen Bruch in seiner Entwicklung verschont bleibt...

 

*Art 146 GG
Dieses Grundgesetz, das nach Vollendung der Einheit und Freiheit Deutschlands für das gesamte deutsche Volk gilt, verliert seine Gültigkeit an dem Tage, an dem eine Verfassung in Kraft tritt, die von dem deutschen Volke in freier Entscheidung beschlossen worden ist.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 



 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

*1 

 
Senden Bookmarken Drucken
Kommentare
Parfumuer schrieb am 24.10.2011 um 15:49
Sehr interessanter und vor allem aufschlussreicher Artikel, solche Aufdeckungen könnten zwingend dazu beitragen, sinnlos verprasste Gelder einzusparen, um sie sinnvoller zu investieren.
Vaustein schrieb am 24.10.2011 um 18:00
Dnke für Ihre Anmerkungen.

Was das eigentlich üble an der Sache ist, dass sich die Parteien alle mit dem Grundgesetz arrangierten, dieses aber durch Hunderte von Zusätzen und Ergänzungen in ihrem Sinne zurechtbogen, dass der Geist, den ihm die Gründerväter und -mütter nicht mehr vorhanden ist.

Gründe für eine neue Verfassung, die ja im Wesentlichen auf dem GG aufbauen würde, gibt es mehr als genug, u.a. besteht Regelungsbedarf auf folgenden Gebieten:

Neuregelung des Verhältnisses Bund/Länder
Plebiszitäre Elemente, wie Mitwirkung der Bürger
Festschreibung der Bürgerrechte
Umweltschutz als Verfassungsgrundsatz
Angleichung bildungspolitischer Gesetze
Einsatz der Bundeswehr im Ausland ohne Verteidigungsfall

Angleichung bildungspolitischer Gesetze
Vaustein schrieb am 24.10.2011 um 18:02
Kleine Ergänzung. Es sollte heissen: ..dass der Geist, den ihm die Gründerväter und -mütter mitgaben nicht mehr vorhanden ist.
Vaustein
Politik; Geschichte, Musik aller Richtungen von Telemann bis Garbarek, Tomatenzucht und Kochen, Brotbacken und Rezepte erfinden.
Ort:
Datteln
Mitglied seit:
3 Jahre 0 Wochen
Zuletzt aktiv:
02.06.2012
Status:
Blogger
Aktivität:
Beiträge: 23
Kommentare: 554
Mein Projekt:
Logbuch
23:54
ideefix hat gerade einen Kommentar geschrieben.
23:52
Blackbird hat gerade einen Kommentar geschrieben.
23:40
Georg von Grote hat gerade einen Kommentar geschrieben.
23:39
Theda hat gerade einen Kommentar geschrieben.
23:39
Dreizehn hat gerade einen Kommentar geschrieben.
David Foster Wallace Das hier ist Wasser Kiepenheuer & Witsch 2012

64 Seiten. Kartoniert.

4,99
 
David Foster Wallace wurde 2005 darum gebeten, vor Absolventen des Kenyon College eine Abschlussrede zu halten. Diese berühmt gewordene Rede gilt in den USA mittlerweile als Klassiker und Pflichtlektüre für alle Abschlussklassen – eine kleine Anleitung für das Leben, die man jedem mit auf den Weg geben möchte >> mehr
Arte-Kooperation

portlet_ArabienArte.png

portlet-gaertnerbuch.png

wir müssen reden

Augstein und Blome

Probe-Abo

probeabo260x120.jpg

Aktuelle Ausgabe bestellen
Die grüne Guerilla

Ausgabe 22/2012
31.05.2012

keine Versandkosten
kein Aufpreis

Einzelpreis: 3.60 €

>> bestellen
der Freitag Kollektion

Freitag-Kollektion_Gaertner.jpg

Arte

portlet_arte+zeile.pngportlet_arte+zeile.png

Freitag-Buchshop.png

 
 
 
 
© der Freitag Mediengesellschaft mbH & Co. KG