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Kann man über nationale „Mentalitäten“ sprechen, Schlussfolgerungen über die „Psyche eines Volkes“ ziehen, behaupten, dass etwas „typisch deutsch, russisch, französisch usw. ist“ ohne rassistisch zu sein? Ist es möglich eine bestimmte Gruppe oder Gemeinschaft, ein bestimmtes Volk oder Nation zu analysieren, ohne sich dabei in Vorurteilen zu verlieren? Könnte man den alternativen Rucksacktouristen Voreingenommenheit oder gar Engstirnigkeit vorwerfen, wenn er oder sie behauptet, dass Menschen in Indien viel spiritueller, viel naturverbundener sind? Und kann man Vorurteile, so positiv sie auf den ersten Blick auch erscheinen mögen, nicht immer auch in ihr Gegenteil verkehren und so beispielsweise „spirituell“ auch in „weniger rational“ umbenennen?
Diese Fragen beschäftigen mich zur Zeit ungemein, denn mein Herz schlägt links und das soll auch so bleiben. Aber Fakt ist nun mal, dass unser Denken und Kommunikation untereinander auf die Fähigkeit beruhen: Dinge, Zustände und Menschen in Kategorien einzuteilen, zu benennen oder gar zu verdinglichen. Und so stelle ich in meinem Denken des öfteren fest, dass ich die Neigung habe Menschen in Schubladen zu stecken, unterbreche mich dann nicht selten um dieser Verleihung von Vorurteilen Einhalt zu gebieten, erinnere mich aber gleichzeitig daran, dass meine Haltung gegen eine Kategorie zu sein, die Existenz dieser Kategorie doch nur bekräftigt, oder etwa nicht? Und dann frage ich mich zum wiederholten Male, ob ich eventuell rassistisch bin, gerade weil ich dagegen bin? Ich denke, dass ich mich mit derartigen Fragen auseinandersetze, weil ich fast sieben Jahre im Ausland gelebt habe und weil ich dort nicht selten mit einem Deutschlandbild konfrontiert wurde, von dem ich mich innerhalb meiner „antifaschistischen“ Jugend eigentlich immer bewusst abgegrenzt hatte.
Am Ende meines langjährigen Aufenthalts in Amsterdam gab ich eine Abschiedsparty und meine schwedische Mitbewohnerin schlug vor diese Party: „Deutschland über alles“ zu nennen. Ich schaute sie etwas skeptisch an, aber sie meinte, dass ich ja schließlich zurück in mein Land „emigriere“ und somit Deutschland über die Niederlande stelle. Ich musste ihr (in diesem Moment) Recht geben und während ich den Titel in das Subjektfach tippte und einen englischen Text verfasste, war es sicherlich naiv von mir zu denken, dass meine Freunde mich kennen und diese Aussage „im Kontext“ betrachten würden. Meine Mitbewohner und ich haben die Einladung mit „anstößigen Titel“ sicherlich an über zweihundert Leute geschickt, und irgendwie ist es fast erschreckend, dass sich kaum jemand beschwerte, bis auf, ja bis auf einige Freunde von mir, die aus Deutschland angereist kamen und eine deutsche Bekannte, die in an der Universität von Amsterdam Psychologie studiert. Diese Bekannte, die ich nur flüchtig kenne, fand das Partymotto „geschmacklos“ und eigentlich hatte sie ja Recht. Wie konnte ich nur so „entgleisen“, wie konnte ich nur meine Ideale verraten, über so was macht man nun mal keine Witze – ja so oder ähnlich hätte ich vor meinen Auslandsaufenthalt auch argumentiert. Ich möchte innerhalb dieses Textes darlegen, wie ich versucht habe diese „unmoralische Äußerung“ vor meinen Freunden und vor allem vor mir selbst zu legitimieren, und warum ich glaube, dass man manchmal gerade durch bewusst gewählte „politisch inkorrekte Aussprachen“ den „Status Quo“ eines Vorurteils herausfordert.
Aber was war genau passiert, ich war doch schließlich mit Aktion Sühnezeichen Friedensdienste in die Niederlande eingereist und hatte mich innerhalb, durch diese Freiwilligenorganisation organisierten Seminare, intensiv mit der Geschichte des zweiten Weltkrieges und mit dem niederländischen Deutschlandbild auseinandergesetzt. Hängen geblieben ist mir auf einem dieser Seminare eine Karikatur, worauf ein dickbäuchiger Deutscher mit Badehose bekleidet, eine Büchse Bier in der Hand haltend, in einer durch Stacheldraht umzäunten Kuhle liegt und die Sonne am Sandstrand geniest. Ich erfuhr zum ersten Mal, dass es tatsächlich deutsche Touristen gibt, die an niederländischen Stränden „kuilen graven“ (Gruben graben). Ich habe diese Touristen immer noch nicht entdeckt und möchte sie wirklich gerne mal kennen lernen. Meine niederländischen Freunde schwören jedenfalls auf deren Existenz und es hält sich hartnäckig das Gerücht, dass einer dieser deutschen Touristen auf Zeeland ums Leben kam, weil ein Windstoß seine „Grube“ zum Einstürzen gebracht hatte. Ich erinnere mich in diesem Zusammenhang auch an Freunde, die in der Tourismusbranche arbeiteten und mir gegenüber zuweilen ihren Ärger über deutsche Touristen, die ganz selbstverständlich auf Deutsch Anweisungen erteilen, Luft machten. Ich war innerhalb solcher Gespräche immer ganz peinlich berührt und entgegnete manchmal kleinlaut, dass Spanier und Franzosen, doch auch oft kein Englisch sprechen. Aber es ist wohl so, dass man die spanische und französische Sprache im „kollektiven Gedächtnis“ als „attraktiver“ und nicht so „arrogant“ empfindet, wie meine Muttersprache. Und es müssen echt jede Menge Filme kursieren, worin deutsche Soldaten lauthals: „Jawohl“ und „Ausweis“ rufen, denn diese Worte wurden mir schon ab und an zur Begrüßung entgegen geschrien. Es sind wohl solche Filme und Rammstein-Lieder, die manche Niederländer schlussfolgern lassen, dass die deutsche Sprache besonders hart, fast militärisch sei. Irgendwann hab ich das nicht mehr hingenommen und erklärt, dass ich meine Stimme in meiner Muttersprache eigentlich viel sanfter und leiser als im Niederländischen empfinde. Dies wird auch bedingt durch das niederländische „g“, welches man als „ch“ im Rachen ausspricht.
Merkwürdig auch, dass es irgendwann einen schleichenden Übergang gab, hatte ich in den ersten Jahren auf die Frage nach meiner Herkunft immer bewusst geantwortet, ich komme aus Deutschland, sage ich inzwischen gerade heraus, dass ich deutsch bin. (Übrigens, wenn Sie einen Niederländer auf deutsch nach dem Weg fragen und dieser, wie aus der Pistole geschossen, antwortet: „Immer geradeaus!“, sollten Sie nicht unbedingt dieser Wegbeschreibung nachgehen.) Im Nachhinein glaube ich, dass mein Übergang vom politischen Idealismus zu einem gewissen Zynismus während einer Studienfahrt geschah. Einer meiner niederländischen Kommilitonen rief unter Lachern begleitet meinen Namen, während er gleichzeitig Zeige- und Mittelfinger senkrecht unter seine Nasenlöcher hielt und somit wohl den berühmten Hitlerbart andeuten wollte. Anstatt eine Schnute zu ziehen und mich hierüber mal wieder zu ärgern, besann ich mich und streckte meine Hand ganz plötzlich zum verbotenen Gruß empor. Ich glaube mich zu erinnern, dass das Gelächter für einem Moment erstarb, bevor es meiner Meinung nach wieder lauter als zuvor anschwoll. Irgendwie ermutigt durch dieses Erlebnis, lass ich mich inzwischen nicht mehr allzu sehr entmutigen, wenn ein Niederländer sagt, dass er „sein Fahrrad zurück haben will“. Dies bezieht sich übrigens auf deutsche Soldaten, welche sich wohl beim fluchtartigen Verlassen der Niederlande am Ende des Krieges, jedes Transportmittel, dass nicht niet und nagelfest war, unter den Nagel gerissen hatten. „Wir haben es nicht gewusst“ ist ein weiterer, viel zitierter Satz, der zusammenhängt mit der in Deutschland erst in den sechziger Jahren statt findenden Aufarbeitung des Holocausts. In den Niederlanden wusste man schon Jahre vorher, was geschehen war. Irgendwie habe ich mich zuweilen dazu hinreißen lassen, auf derartige Äußerungen zu entgegnen, dass „wir“ den Niederländern wirklich dankbar sind, dass sie es „uns“ so einfach gemacht haben ihr Land innerhalb von zwei Wochen zu erobern. Die Königsfamilie war ins Ausland geflüchtet und die Listen über jüdische Mitbürger lagen beim Einwohneramt schon bereit, bevor „wir“ diese in Auftrag gegeben hatten. 94 Prozent der niederländischen Juden sind im zweiten Weltkrieg ums Leben gekommen, diesen „Rekord“, haben „wir“ in keinem anderen Land zustande gebracht. Meine Odyssee im Umgang mit Vorurteilen gegenüber meiner Nationalität endete wie gesagt im unmoralischen Abschiedspartymotto.
Ich wollte an dieser extrem persönlichen Beispiel zeigen, dass es eventuell sein könnte, dass eigentlich jeder „rassistische“ oder „faschistische“ Äußerung von sich gibt, egal wie oder gerade weil er oder sie so linksextrem ist. Ich glaube um das „negative Deutschlandbild“ weiter aufzuweichen, werden noch einige AuswanderInnen vonnöten sein, die sich ins Ausland einverleiben und ihren dickbäuchigen Vätern im Restaurant eine Szene machen, wenn diese in großmännischer Manier den Ober auf deutsch herbei zitieren. Und manchmal wünsche ich mir, dass gerade jene ähnliche Erfahrungen machen würden, die sich allzu sehr durch ihr „antifaschistisches“ beziehungsweise „antirassistisches“ Dasein definieren und meinen hierdurch vor „Intoleranz“ gefeit zu sein. Da ich trotz meiner Ideale im Ausland eben öfter mit „Faschisten“ in einem Topf geworfen wurde, kann ich mich nicht dagegen wehren, eben dies auch bei einigen Linken in Deutschland zu tun. Und so habe ich eben absolut kein Verständnis dafür, dass man sich darüber freuen kann, wenn ein „Fascho“ eine Flasche abkriegt und glaube wirklich nicht, dass dieser hierdurch „bekehrt“ wird. Ist es nicht vielleicht so, dass Rassismus und Faschismus eben auch zu unserer Nation gehören und dass, wir diese Ansichten vielleicht nur überwinden können, wenn wir das Gespräch mit jenen suchen. Und nicht, wie dies 2004 nach dem Wahlerfolg der NPD in Sachsen geschah, provokativ aus dem Fernsehstudio läuft, sobald der rechte Politiker sein Statement abgibt. Ich muss in diesem Zusammenhang oft an ein Konzert denken, welches im Amsterdamer Club „melkweg“ (Milchstraße), wo ich eine Zeit lang gearbeitet habe, stattfand. Es war eine dieser Bands, die sowohl Fans vom rechten, als auch vom linken Rand anzieht. Meine niederländischen Kollegen konnten gar nicht verstehen, warum ich so aufgeregt war. Ich erwartete wirklich, dass es jeden Moment „abgehen“ würde und überlegte schon, ob ich Deckung suchen sollte. Und was geschah, dreimal darf man raten: nichts. Es war tatsächlich so, dass obwohl man entgegengesetzte Ideologien vertrat, nebeneinander stand und das Konzert konsumierte.
Dass sich in den letzten Jahren viel Positives auf dem Gebiet von Vorurteilen gegenüber Deutschen getan hat, muss ich an dieser Stelle auch noch erwähnen. Und das die erwähnten „Witze“ und „Zitate“ tatsächlich nachgelassen haben, kann man vielleicht auch damit begründen, dass sich in den letzten Jahren so viele deutsche Studenten in die Niederlande integrierten. (Siehe letzten Blogeintrag.) Und schließlich erweisen sich Vorurteile ja oft als unhaltbar, wenn man einen Menschen, der auf den ersten Blick diesen Vorurteilen entspricht, tatsächlich begegnet. Auch schien beispielsweise der Studiengang „deutsch“ mit einer Handvoll eingeschriebener Studenten im Jahr 2003 so gut wie ausgestorben, erfreut sich unsere Sprache unter Niederländern inzwischen wieder größerer Beliebtheit. Dieser Umstand mag allerdings auch an der ungemeinen Popularität von Berlin liegen, und ehrlich gesagt, bin ich (bitte, verzeihen Sie den Ausdruck) als Deutsche hierauf inzwischen auch ein bisschen stolz.
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Gefällt mir sehr Dein Text. Darin erkenne ich einige Erfahrungen welche ich in NL gemacht habe wieder.
Wegen der Party-Einladung, guck mal: Meine Schwester & ihre Familie hatte in NL erst in einer "normalen" Gegend gelebt. Da gab es keine Deutschfeindlichkeiten. Dann zogen sie in eine feinere Gegend. Dort ging es dann richtig los. Inzwischen leben sie seit 8 Jahren in den USA. Da fallen wir Deutschen nicht auf. |
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Würden sich mehr so viele Gedanken machen, bräuchte niemand mehr solche Sorgen haben.
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Danke!
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Wo hat denn Deine Familie gewohnt? x
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schrieb am
11.12.2009 um 14:09
Roermaond. Provinz Limburg.
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schrieb am
11.12.2009 um 14:10
Pardon,
Roermond. So ist es richtig. |
Ausgabe 22/2012
31.05.2012
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