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Film ist: dem Tod bei der Arbeit zuschauen (Jean Cocteau)
Heute Abend laufen auf dem Filmfest Hamburg drei Filme über den Tod:
17 Uhr, Passage 1: Halt auf freier Strecke von Andreas Dresen
19 Uhr, Cinemaxx 2: Once Upon a Time in Anatolia von Nuri Bilge Ceylan
22.30 Uhr, Cinemaxx 8: Restless von Gus Van Sant
Aber eigentlich handelt nur Once Upon a Time in Anatolia vom Tod. Restless ist ein Liebesfilm, in dem vom Tod viel geredet wird, Halt auf freier Strecke erzählt vom Sterben, er beginnt mit der Diagnose eines unheilbaren Hirntumors und endet mit dem Entschlafen der Hauptfigur. In beiden Filmen bildet der Tod den Erzählhorizont, der zu einer Intensivierung des Dargestellten führt, zu einem Überschuss an Erfahrung und Emotion, der durchaus bewegend sein kann (im Fall von Dresen). Das hat aber mit meinem Verständnis vom Tod wenig zu tun: Verwesung und Leere. Das ist etwas, was man selten sieht im Kino, beim frühen Jörg Buttgereit vielleicht oder in The Act of Seeing With One’s Own Eyes von Stan Brakhage.
Once Upon a Time in Anatolia ist ein Film über den Tod, da er von seiner formalen Struktur her ein Film über die Abwesenheit ist, über das Fehlen von Dingen, deren Mangel nie direkt angesprochen, sondern immer nur angedeutet wird. Wie schon der Titel deutlich macht, bedient sich Ceylan des Westerngenres als Erzählrahmen: Once Upon a Time in Anatolia ist ein Film über Landschaft und über eine Welt, in der die Zivilisation noch nicht Einzug gehalten hat (oder schon wieder verschwunden ist). Die erste Hälfte des in Breitwandformat gedrehten Werks spielt in einer Nacht in den Hügeln Anatoliens. Drei Autos schälen mit ihren Schweinwerfern die Felder und Bäume aus der Dunkelheit, in der sie auch gleich wieder verschwinden, eine beeindruckende Studie einer Art negativen Landschaft, die nicht aus der Fülle, sondern der Leere des Raumes gestaltet wird. (Nuri Bilge Ceylans fantastische Panoramafotos kann man sich hier ansehen.)
Die Insassen der Wagen sind ganz genrekonform auf der Suche nach einer Leiche. Polizisten, Handlanger, Soldaten, ein Staatsanwalt und ein Arzt folgen den schlechten Erinnerungen von zwei gefesselten Mördern, die in den Schemen der Nacht den Ort ausfindig machen sollen, an dem sie ihr Opfer verbuddelt haben. Ceylan lässt sich viel Zeit für die Suche, erst nach und nach lernt man die einzelnen Figuren kennen, die übermüdet sind und wenig sprechen, den cholerischen Polizeichef, der seine Familie zu selten sieht, seinen Assistenten, der gern allein in die Hügel fährt, um mit Pistolen in die Luft zu schießen, den Staatsanwalt und den Arzt, die die Nacht hindurch eine immer wieder unterbrochene Unterhaltung führen, an deren Ende ein ganz anderer Todesfall aufgeklärt wird. Die Figuren und das Thema des Films haben ebenso wenig wie die Landschaft einen sichtbaren Horizont und klare Konturen, schlaglichtartig tauchen Motive auf, verschwinden wieder, neben den Gesichtern interessiert sich Ceylan für den Wind, der durch die nächtlichen Bäume weht, für einen Apfel, der einen Bach hinuntertreibt, das Flackern der Feuer.
Das Erzähluniversum des Nuri Bilge Ceylan, so habe ich mal an anderer Stelle geschrieben, breitet sich aus, es wird kälter, die Figuren driften immer weiter voneinander weg. Once Upon a Time in Anatolia führt diese Expansion fort, die im Film weniger beschriebene als präzise umrissene Gesellschaft Anatoliens, in der Ceylan aufgewachsen ist, befindet sich in einem archaischen Zustand des Dauermangels. Zusammengehalten wird sie von einem Netz gegenseitiger Gefälligkeiten, von dem die Frauen grundsätzlich ausgeschlossen scheinen, die hier, wie so häufig bei Ceylan, den Männern entweder als stumme Engel oder als passive Leidensfiguren erscheinen. Once Upon a Time in Anatolia ist auch deshalb großartig, weil er dieses auf der visuellen Ebene selbst geschaffene Frauenbild auf der Tonebene gnadenlos untergräbt, man muss nur genau zuhören. Toll auch das Sounddesign der letzten zehn Minuten, in denen man zwar nicht sehen, aber genau hören kann, wie eine Leiche aufgeschnitten, zersägt und ausgenommen wird. The Act of Hearing With Your Own Ears.

(aus: Matthew Diffee, Die besten Cartoons, die der New Yorker nie druckte)
Und jetzt alle:
„It’s fun to be dead, fun to be dead
Fun to be dead, fun to be dead
Problems, problems
Everybody’s got them
Not me, not me
I look around
from a hole in the ground and ...
I see, I see
I see the sun coming up
and the moon going down
Everybody worried
about the world spinning around
But I’m dead, I’m dead
And it’s fun to be dead
Fun to be dead, fun to be dead
When I wake up in the morning
I’m still asleep
Dreaming that
the birds in the trees go cheap
Waiting for somebody to knock at my door
But no one is gonna knock at my door
Anymore, more, more, more
Fun to be dead, fun to be dead“
(Bob Flanagan, Supermasochist)
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Schade, dass dieses blog mit dem hamburger filmfest zu ende geht. Es war eine freude, einem filmkritiker bei der arbeit zuzuschauen. und nun ist wohl schluss, fini, aus die maus. Film ist manchmal eben auch reine gegenwart, und wenn das licht aufgeht in der dunklen blackbox auch schon wieder zu ende. Ein nachleuchten aber bleibt. Vielen dank für die vielen erhellenden beiträge, in denen man mehr als über einzelne filme, über den film an sich nachdenken durfte, was er alles ist, sein kann, sein sollte. Mir gefällt, dieser genau beobachtende, breite, teils unorthodoxe zugang zum diesem erstaunlichen medium. Der jahrmarkt der blogs hat doch einfach mehr zu bieten als das gut verheftete feuilleton.
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Ausgabe 22/2012
31.05.2012
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