Volker Hummel

Ein Blog zum Filmfest Hamburg

07.10.2011 | 13:42

Die Wahrheit

Film ist: die Wahrheit, 24-mal in der Sekunde

Auch wenn ich ihn nicht ganz verstehe, darf dieser berühmte Satz von Godard hier nicht fehlen. Warum ist es wichtig, bei einem Film von der Wahrheit zu sprechen, wo doch jeder weiß, dass Bilder niemals objektiv, immer manipulierbar sind und sehr viele Menschen an ihnen herumarbeiten: Kameramann, Regisseur, Cutter, Redakteur, Produzent, Zensor, Propagandaminister? Es hieße, Godards Gedanken allzu achtlos beiseitezuschieben, wenn man ihm unterstellt, von einem idealen Film gesprochen zu haben, der erst noch zu realisieren ist. Ich glaube, er meinte jeden Film, der aus Einzelbildern besteht. Sie sind es, jedes einzelne von ihnen, in denen die Wahrheit verborgen ist. Der utopische Gehalt des Satzes, seine Forderung zur Realisierung eines noch nicht eingelösten Versprechens, richtet sich nicht an den Filmemacher, sondern an den Zuschauer. Dieser muss zu schauen lernen: auf die Beleuchtung, auf die Effekte, auf die Schnitte, auf die Ideologie, auf die Konventionen, auf die Körper, auf die Gesten, auf das Bild und seine Manipulation. Es gibt Filme, die einem dabei helfen, und es gibt Filme, die es einem schwer machen, aber ganz verhindern können sie es nicht, dass ihre Bilder die Wahrheit preisgeben.

„Cause film is twenty-four frames a second, and when you sit in a room, between every fucking frame is a little bit of black. So, at the end of the fucking hour-and-a-half movie, everybody here sat in the dark for maybe thirty minutes. When you watch tapes, it’s a constant obliteration of your mind. In these thirty minutes of darkness, there is a symbiosis between the audience and the film. That’s when you make your own film.“ (Abel Ferrara)

Darüber würde ich mit einem Kognitionsforscher gern mal sprechen: Was im Hirn passiert, wenn es 24 Bilder in der Sekunde zusammensetzt zu einem Film, und wie sich dieser unterscheidet von einem per ununterbrochenen Videobeam projizierten. Eigentlich wollte ich aber etwas schreiben über die gestrige Podiumsdiskussion zum Thema „Die Zukunft der Presse im digitalen Zeitalter“, an der die Dokumentarfilmerin Gisela Tuchtenhagen, die Journalistin Simone Schellhammer und der Journalistikprofessor Volker Lilienthal teilnahmen, moderiert wurde das Gespräch von Matthias Dell, Kulturredakteur vom Freitag. Als einziger Satz wirkt in mir noch die abschließende Aussage von Gisela Tuchtenhagen nach, dass sie heutzutage nicht mehr an einer Filmhochschule studieren und einen anderen Beruf ergreifen würde, weil die Studenten keine Freiheit mehr hätten, sondern nur noch eine marktkompatible Art des Filmemachens eingetrichtert bekämen. Das gefiel mir, wie da mit leichter Hand von einem Beruf sich verabschiedet wurde, weil er dem Ausübenden nichts mehr bringt, keine Bildung, keine Erweiterung seiner Talente, keine Freude, keine Liebe.

Schockierend fand ich den Satz aber auch, obwohl ich ihn schon oft gehört habe. Wer schreibt das Curriculum von Filmhochschulen? Wer bestimmt über das Programmschema von Fernsehsendern? Wer entlässt ältere Mitarbeiter und stellt junge, schlecht bezahlte Volontäre ein? Wer legt fest, dass für lange Reportagen Honorare bezahlt werden, die jede aufwendige investigative Recherche zur Selbstausbeutung werden lassen? Worüber zu wenig geredet wurde in der Podiumsdiskussion und dem anschließenden Film Page One: Inside the New York Times, das war die Ökonomie und ihre Gesetzmäßigkeiten, die sich gern verstecken hinter behaupteten Publikumswünschen, Einschaltquoten, Abonnentenzahlen etc. Wenn bei der New York Times 100 Mitarbeiter entlassen werden, wie in Page One zu sehen, dann interessieren mich nicht die Skrupel des Chefredakteurs und nicht die Tränen der Betroffenen, sondern einzig die Frage, wessen Gewinnspanne sich so verkleinert hat, dass er diesen Schritt als einzig möglichen der Welt präsentiert.

An Page One lässt sich erkennen, was an deutschen Filmhochschulen heute vermutlich gelehrt wird: Die Schnitte sind schnell, Regisseur Andrew Rossi bewegt sich von Thema zu Thema, von Wikileaks zum Iran zur Twitter-Revolution, von schnellen TV-Einblendungen zu Interview-Schnipseln zu Konferenz-Mitschnitten. 14 Monate war er in der Redaktion und hat es doch nicht geschafft, einen Fokus für sein Interesse zu finden, alles wird angerissen, fast nichts wird bei diesem Fernsehjournalismus, der sich als Film tarnt, deutlich. Dabei liegen die interessanten Themen auf der Hand: Wie funktioniert eine Themenkonferenz bei der New York Times, wie wird dort argumentiert, was wird warum verworfen, wann ist eine Geschichte rund? Das hätte ich gern anderthalb Stunden verfolgt, ebenso wie die investigative Recherche des Medien-Redakteurs David Carr über die krummen Machenschaften von Sam Zell, dem Besitzer des Medienunternehmens Tribune Company. Vor allem aber hätte ich gern mehr erfahren über die Besitzverhältnisse bei der New York Times, ihre finanziellen Verpflichtungen gegenüber Anteilseignern, die Hintergründe der Entlassung von 100 Mitarbeitern. Mehr Buchhaltung, weniger Musik und Emotion.

 

 
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Kommentare
Ullrich Läntzsch schrieb am 07.10.2011 um 15:17
@... dass sie heutzutage nicht mehr an einer Filmhochschule studieren und einen anderen Beruf ergreifen würde, weil die Studenten keine Freiheit mehr hätten, sondern nur noch eine marktkompatible Art des Filmemachens eingetrichtert bekämen

Wie nachvollziehbar. Das gilt im übrigen nicht nur für die Filmhochschulen, die in Wahrheit allesamt nur Fernsehhochschulen sind, so wie es den deutschen Kinofilm an sich nicht gibt.

Als ich vor weit über 30 Jahren das Regiehandwerk von der Pike auf also am Set erlernte, da konnte man mehrheitlich Menschen mit leuchtenden Augen finden und sich mit ihnen austauschen, sich zu eigenen No-budget-Projekten verabreden und durchziehen. Heute lassen sich auf einem Film-set kaum noch Menschen mit leuchtenden Augen finden.

Allerbeste
Ullrich Läntzsch
Volker Hummel
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