Film ist: This Is Not a Film
Gestern hatte ich meinen ersten Gerry-Moment, bei der Akkreditierten-Vorführung von This Is Not a Film von Jafar Panahi und Mojtaba Mirtahmasb. Die als Leitfaden durch diesen Blog sich ziehende Frage, was ein Film ist, wird von Panahi in 75 Minuten in einem quälenden und zugleich sehr witzigen Diskurs immer wieder neu gestellt, beantwortet, verworfen. Seine Mittel sind dabei sehr reduziert: Gedreht wurde der Film unter Hausarrest, in der Wohnung Panahis, mit einer meist von Mirtahmasb geführten Digitalkamera und einem iPhone, das, so habe ich hier gelesen, solidarische Landsleute ihm geschenkt haben. Als weitere Akteure treten auf: eine große Eidechse namens Igi, ein kleiner Hund namens Micky und ein gut aussehender junger Mann, der sich als Hausmeister-Aushilfe vorstellt, aber auch etwas anderes sein könnte. Das Problem, das einem als Filmjournalist begegnet, wenn man über einen Film wie This Is Not a Film schreibt, ist verwandt mit dem Problem, dem sich Panahi in seinem Film stellt: Wie findet man eine dem eigenen Handwerk (Filmkritik/Filmemachen) gemäße Form, etwas zu beschreiben, ohne mit erklärenden Worten und Bildern erst mal umständlich den politischen Hintergrund zu erklären, vor dem das Werk doch seine ganze Bedeutung zu erhalten scheint.
Lässt man alles beiseite, was man über die Lage von Mohammad Rasoulof (Regisseur des Eröffnungsfilms Auf Wiedersehen) und Jafar Panahi weiß (ein erster Überblick findet sich neben dem oben verlinkten Zeit-Artikel auch hier), lassen sich anhand von This Is Not a Film folgende Fakten rekonstruieren: Panahi und Rasoulof sind bei der gemeinsamen Arbeit an einem Film festgenommen und anschließend zu sechs Jahren Haft verurteilt und mit einer Reihe von Auflagen belegt worden: 20 Jahre lang dürfen sie keine Filme mehr drehen, das Land nicht verlassen und keine Interviews geben. Panahi ist zur Zeit der Dreharbeiten unter Hausarrest, was nicht offen ausgesprochen, aber implizit mitgeteilt wird, vor allem in der letzten Sequenz. Aus einem laut gestellten Telefongespräch mit einer Anwältin erfährt man, dass ein Berufungsverfahren läuft und die Aussicht besteht, dass das Berufsverbot aufgehoben und die Gefängnisstrafe reduziert wird. Durch im Verlauf des Films immer häufiger von außen in die Wohnung dringende Knall- und Explosionsgeräusche, am späteren Abend vom Balkon aus zu sehende Feuerwerkskörper und besorgte Telefongespräche Panahis erfährt man, dass in Teheran das Chahar Shanbeh Suri steigt, ein Fest am Vorabend des letzten Mittwoch vor Nowruz, dem iranischen Neujahrsfest. So wird klar, dass der Film an einem einzigen Tag gedreht wurde, dem 20. März 2011.
Auf der Ebene der Dokumentation, der Vermittlung von Fakten, funktioniert This Is Not a Film also hervorragend. Das laute Nachdenken Panahis vor der Kamera, seine Gespräche mit Mirtahmasb, die Telefonate mit der Anwältin und Freunden, der Blick vom Balkon vermitteln trotz der begrenzten Mittel sehr viel konkretes Anschauungsmaterial darüber, was es heißt, in einem repressiven Regime als Künstler auf ein Urteil zu warten. Auf andere Weise, mit den Mitteln des erzählenden Film, gelingt dies auch Rasoulof in Auf Wiedersehen, der Geschichte der ebenfalls mit Berufsverbot belegten Anwältin Noura, die sich fast ausschließlich in Innenräumen abspielt. Auch Auf Wiedersehen ist ein Kammerspiel, das die Repression außer in einer eindrucksvollen Durchsuchungsszene nicht direkt sichtbar macht, sondern vermittelt in den verhaltenen Gesten der Hauptdarstellerin Leyla Zareh, in die bis in die privatesten Unterhaltungen vorgedrungene Selbstzensur der Sprache, die Meidung jeder Öffentlichkeit.
Dass ich Auf Wiedersehen trotz seines klugen Aufbaus und der mutigen Themenwahl trotzdem als zu vage empfand, liegt vielleicht daran, dass ihm etwas fehlt, nach dem Panahi in This Is Not a Film sucht: die Reibung mit der Realität, die Integration von unvorhersahbaren Dingen (Henna Peschel: Film ist eine Mischung aus geplanten und zufälligen Elementen). Auf Wiedersehen wirkt klaustrophob und eng, man hat sich auf die Gefühlslage der Protagonistin bald eingestimmt, alles verharrt, man muss warten, das etwas passiert, und vielleicht reicht das auch schon. Meine Vermutung ist aber: Der Film funktioniert deshalb, weil man als halbwegs aufgeklärter Zuschauer schon vorher ein bisschen weiß oder ahnt über die Lage im Iran, aber es wird zu wenig lebendig gemacht durch Geschehnisse, Blicke, Gesten, Irritationen im Fim selbst. Alles ist einem Stadium der Stasis, wie die Schildkröte, die ein bisschen zu symbolträchtig gegen die Wände ihres Terrariums krabbelt.
Brüche, Irritationen finden sich in This Is Not a Film dagegen zuhauf, und sie alle kreisen um die Frage, wie ein Regisseur, der keine Mittel mehr hat, einen Film zu drehen, einen Film drehen kann, der auch Bestand haben kann jenseits der Tatsache, dass er von einem Regisseur gemacht wurde, der ihn gar nicht hätte machen dürfen. Einfacher gefragt: Wie wird ein Film unabhängig von seinem Regisseur? (Implizite These: Erst wenn das gelingt, wird er ein Film.) Panahis erster Versuch, eine Antwort zu finden, besteht darin, dass er ein von der Zensurbehörde abgelehntes Skript vor der Kamera vorliest und in seinem Wohnzimmer vorspielt. Doch der Versuch, die Geschichte einer jungen Frau, die sich in Teheran an der Uni einschreiben will, ihr Zimmer aber nicht verlassen darf, mithilfe von auf den Teppich geklebtem Klebeband und Szenenbeschreibungen dem Zuschauer vor Augen zu führen, bricht Panahi bald ab mit der verzweifelten Frage: Wenn etwas, das man mit Worten erzählen kann, einen Film ersetzen kann, warum dann überhaupt einen Film drehen?
Einen Film zu drehen, das wird deutlich in Szenen, in denen Panahi Momente aus seinen früheren Werken The Mirror, Der Kreis und Crimson Gold kommentiert, ist für ihn nämlich eine Begegnung mit der Realität im Sinne einer Umkehrung: Ein Film entsteht, wenn der Regisseur die absolute Kontrolle über die Situation verliert und stattdessen gelenkt wird durch einen Ort oder einen (Laien-)Schauspieler. Diese Begegung mit der Realität, die Panahi auch im Spielfilm sucht und die für meinen Geschmack in Auf Wiedersehen zu selten gelingt, erklärt die eigentümliche, etwas unheimliche Präsenz dreier Nebendarsteller in This Is Not a Film: ein Hund, auf den Panahi für eine Nachbarin aufpassen soll, das Haustier Igi und der junge Mann am Ende des Films. Vor allem die Echse (zusammen mit den Schildkröten von Noura und der von Milan Peschel in Andreas Dresens Halt auf freier Strecke schon das dritte Reptil auf dem Filmfest Hamburg) bringt mit ihren erratischen Bewegungen über das Mobiliar und den Körper Panahis richtiggehende Slapstick-Momente in den Film hinein, während der junge Mann im Treppenhaus, dessen Beruf und Funktion trotz seines freimütigen Geplauders nicht recht deutlich werden, trotz seiner Freundlichkeit eine Bedrohung ausstrahlt, die man vielleicht gar nicht inszenieren, sondern nur dokumentieren kann.
Aber vielleicht ist ja doch alles inszeniert? Auch das macht This Is Not a Film zu einem tollen Werk, dass man die Antwort auf diese Frage ebenso wenig finden kann wie die nach dem eigentlichen Regisseur des Films. Wer filmt hier eigentlich wen, Panahi Mirtahmasb oder Mirtahmasb Panahi, das iPhone die Digitalkamera oder die Digitalkamera das iPhone?
This Is not a Film läuft heute Abend um 21.15 Uhr im Cinemaxx 3.
************************************
Meine Begeisterung für Marcel Carné hat sich durch Der Tag bricht an (OT: Le jour se lève) noch verstärkt. Ich kann diese tiefe Bewegung noch nicht so genau in Worte fassen, aber ich vermute, dass sie jenseits aller technischen, erzählerischen, darstellerischen Meisterschaft etwas mit der ganz unvergleichlichen Art zu tun hat, wie die Figuren miteinander sprechen, flüstern, wispern. Carnés Filme bestehen aus einer Vielzahl von Zwiegesprächen, Rendezvous und Konfrontationen, die fantastisch geschrieben sind (Autoren von Hotel du Nord: Henri Jeanson und Jean Aurenche, Le jour se lève: Jacques Viot und Jacques Prévert), vor allem aber intoniert und gesprochen werden in einer so eigentümlich verhaltenen, verträumten und zugleich intensiven Tonlage, dass ich fast meine, plötzlich des Französischen mächtig zu sein. Das zärtliche Geflüster zwischen Françoise (Jacqueline Aurent) und François (Jean Gabin) mit seinen Anspielungen, erotischen Untertönen, Forderungen und Missverständnissen zählt ebenso wie die Gespräche des Selbstmörderpärchens in Hotel du Nord zu den schönsten Liebesdialogen, die ich kenne, weil in ihnen trotz aller Zurückhaltung ein ungeheures Begehren herauszuhören ist sowie auch schon die vielfältigen Möglichkeiten der Enttäuschung. Die Sprache öffnet die Menschen, aber sie fängt sie auch ein in einem feinen Gespinst von Unwahrheiten, deren monströser Meister Valentin (Jules Berry) ist, eine der unheimlichsten Figuren, die mir auf der Leinwand je begegnet sind.
Heute Nachmittag um 17.30 Uhr läuft im Kleinen Abaton Unter falschem Verdacht (OT: Quai des Orfèvres) von Henri-Georges Clouzot
************************************
Ein guter Witz aus Andreas Dresens Halt auf freier Strecke, den man am besten, wie Milan Peschel im Film, mit längeren Pausen zwischen den einzelnen Sätzen auf seinem Handy aufnimmt und sich hinterher anschaut:
Kommt ein Mann zum Arzt.
Sagt der zu ihm: „Ich habe zwei schlechte Nachrichten für Sie.
Die erste schlechte Nachricht ist: Sie haben Krebs.
Die zweite schlechte Nachricht ist: Sie haben Alzheimer.“
Worauf der Mann erleichtert entgegnet: „Na wie gut, dass es kein Krebs ist.“
(Ich konnte noch nie Witze erzählen, freue mich aber, dass ich diesen behalten habe.)
Ausgabe 22/2012
31.05.2012
keine Versandkosten
kein Aufpreis
Einzelpreis: 3.60 €
>> bestellen