Vincent Knopp

Gedanken zur Gegenwart

04.01.2012 | 08:03

Die Reise zum südlichsten Punkt der Erde

Vor 100 Jahren lieferten sich zwei Expeditionsteams einen bizarren Wettlauf zum Südpol. Die Polarforscher Roald Amundsen und Robert Scott wurden als Helden verehrt. Doch den Wettstreit in der Antarktis überlebte nur einer von ihnen. Eine aus heutiger Sicht absurde Aktion, die den Geist ihrer Epoche atmete.

Es ging weder um Ressourcen noch um Territorium, als sich im Jahre 1909 England und Norwegen in einem Wettstreit der besonderen Art begegneten. Ein halbes Jahrhundert vor dem Wettlauf zum Mond, der zwischen den USA und der Sowjetunion ausgetragen wurde, lieferten sich die beiden europäischen Nationen ein skurriles Duell um die symbolische Vorherrschaft über den Südpol. Die Briten schickten Robert Falcon Scott in den Ring: einen Mann, der bereits im Vorfeld der Expedition mit Vorschusslorbeeren bedacht wurde und der den Nationalstolz der englischen Öffentlichkeit zu bedienen hatte. Der Retorten-Nationalheld Scott fügte sich in das ihm angedachte Schema: fortan verklärte er die stümperhaft vorbereitete Mission, die ihm schließlich das Leben kosten sollte.

Während Scott zur Projektionsfläche nationaler Gefühlsstürme avancierte, wehte um seinen Konkurrenten ein eher laues Lüftchen. Bewusst hielt sich der Norweger Roald Amundsen abseits, die Weltöffentlichkeit erfuhr vergleichsweise spät von dessen Plan, den Kampf um die Antarktis aufzunehmen. Akribisch bastelte Amundsen, der sich bereits von Kindesbeinen an für Polarforschung interessiert hatte, an seiner Strategie. Gleichwohl war auch er eine Schlüsselfigur für das noch junge Norwegen, welches kurz zuvor seine Unabhängigkeit gegenüber Schweden durchgesetzt hatte. Auch für Amundsen galt: siegen, um das Prestige des eigenen Landes zu steigern, eine Wegmarke setzen für die noch junge Nation.

Auch für die Reise zum südlichsten Punkt der Erde galt: der Teufel steckt im (vermeintlichen) Detail. So hatte es das Expeditionsteam um Amundsen leichter, Essensvorräte zu finden, da spezielle Fahnen den Männern den Weg durch die Eiswüste wiesen. Während die Engländer schwarze Fahnen drapierten, um ihren Pfad durch das Weiß zu kennzeichnen, markierten die Norweger ihre Wegmarken mit Pfeilen, welche eine minimale Orientierung ermöglichten. Auch die Ponys, die Scott geordert hatte, stellten sich als denkbar ungünstig heraus, als es darum ging, schwierige Passagen zu überwinden. Auch hier obsiegte Amundsens Pragmatismus: sein Team verspeiste einen Großteil der Schlittenhunde, um sich dem südlichsten Punkt der Erdkugel Kilometer um Kilometer zu nähern.

Posthum fällt es schwer zu sagen, ob die Männer eher Opfer eines übersteigerten Nationalstolzes waren oder ihres eigenen Ehrgeizes. Scott jedenfalls starb den ersehnten „Heldentod“, würzte diesen mit literarischen Einlassungen, die er seiner Witwe zukommen ließ. Amundsen überlebte und vollzog mit seiner Mannschaft die norwegische Mondlandung. Fotos zeigen in Pelze gehüllte Männer, die eine norwegische Fahne in die Eisschicht versenken. Doch auch der taffe Skandinavier wurde Opfer seiner Leidenschaft: wenige Jahre später verstarb er, als sein Flugzeug in der Arktis abstürzte. Es war in eine Nebelwolke geraten.

Unsagbare Strapazen mussten die Crewmitglieder erdulden, ihre eigene Befindlichkeit stellten sie konsequent hintenan. Scott, Amundsen und ihre unglückseligen Begleiter trieb ein kindlicher, um nicht zu sagen: kindischer Ehrgeiz. Aber sie waren eben auch Kinder ihrer Zeit. Sie wurden dem Stolz und dem Geltungswillen tumber Nationalstaaten geopfert, für die individuelle Schicksale keine Kategorie waren. Das Machtstreben von Regierungsspitzen, der morbide Tatendrang ranghoher Militärs mündete wenige Jahre später in den Ersten Weltkrieg. Hier sollten noch weitere Millionen die Gelegenheit erhalten, einen pseudoheroischen „Heldentod“ zu sterben. Aus der Eiswüste wurde der Schützengraben – den Mächtigen war‘s recht.

 
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