Vincent Knopp

Gedanken zur Gegenwart

10.12.2011 | 12:10

"Es geht um Teilhabe"

 

Wohl kaum eine Floskel schwirrt so beständig durch PR-Abteilungen und sterile Seminarräume wie die der gesellschaftlichen Teilhabe, gern auch: soziale Partizipation. In politischen Diskussionen und im Rahmen feuilletonistischer Zeitgeistdiagnose taucht das vermeintliche Bonmot immer wieder auf, wobei oft genug unklar bleibt, was in concreto gemeint ist. Teilhabe klingt anheimelnd, irgendwie gemütlich, vor dem geistigen Auge taucht ein Tisch auf, an dem sie alle sitzen dürfen, Entrechtete, Entrüstete, Entsetzte. Ein großer runder Tisch, an dem Menschen verschiedenster Hautfarbe, Schichtzugehörigkeit und Portmoneegröße Sätze, Gedanken, Empfindungen beisteuern dürfen.

Doch was bedeutet gesellschaftliche Teilhabe tatsächlich in der spätmodernen Gegenwartsgesellschaft?

Was ist der Bedeutungsgehalt dieses geflügelten Wortes, welches sich einer räudigen Innenstadttaube gleich auf jeder Regenrinne niederlässt?

Nähern wir uns der Sache über den Konjunktiv: was könnte Teilhabe heißen? Mitbestimmen, mitwählen, brüllen die AStA-Vertreter und – sie haben Recht. Jeglicher Input ins politische System läuft berechtigterweise unter Partizipation – so weit, so gut.

Doch was heißt Teilhabe jenseits des akademischen Elfenbeinturms? Welche Umstände sind es, die den meisten Menschen in dieser Gesellschaft das Gefühl geben, Teil eines Ganzen zu sein?

Es ist weniger das vierjährliche Kreuz auf dem Wahlzettel, nicht die Teilnahme an Demos und auch nur bedingt die Mitgliedschaft im Sportverein. Es ist etwas ganz anderes:

es blinkt, es glitzert und wir wollen es haben.

In der Empfindungswelt der meisten Personen wird Teilhabe fast ausschließlich über Konsum hergestellt. Sie wird nicht erstritten und erkämpft, sie wird gekauft. Wenn das Gegenteil des Außenseiters der Innenseiter ist, dann ist dies derjenige, der niemals auf das neuste Smartphone verzichten muss. Der adrett gekleidete Mittzwanziger mit den neuen Puma-Schuhen und auch sein weibliches Pendant – sie sind es, die nicht das Gefühl haben brauchen, von der Tischkante zu fallen.

Der Einkommensarme, der bei der Linken anheuert, hat in den seltensten Fällen das Gefühl, Teil dieser Gesellschaft zu sein – außer eben er stammt aus dem angesprochenen Elfenbeinturm und kann sich eine postmaterialistische Haltung leisten. Ebenso wenig der frustrierte junge Mann aus Vorpommern, der sich im Dunstkreis der NPD bewegt und schon mal Plakate klebt und Andersdenkende vermöbelt.

Gleichwohl realisiert sich Teilhabe nicht primär über einen wie auch immer gearteten Warenkorb, sondern über ein Gefühl. Es ist die Empfindung, materiell mitmischen zu können, die die betreffende Person (für kurze Zeit) zufrieden stellt. Es ist das viel beschworene Gefühl, sich etwas leisten zu können, den Imperativen einer megalomanen Werbeindustrie zu genügen. Diese Empfindung ist ein Erbe aus der Zeit des Wirtschaftswunders, in der hart arbeitende Menschen gerne vorzeigten, welche Früchte die Maloche trägt.

Diese Zeiten sind vorbei.

Der Soziologie Pierre Bourdieu sprach von einem Dienstleistungsproletariat, welches sich um die drei großen S gruppiert: Sicherheit, Sauberkeit, Service. Arbeitende dieser Branchen müssen sich mit Kleinsteinkommen durchs Leben schlagen, das sichere Gefühl, sich etwas leisten zu können (respektive: zu dürfen) ist Utopie. Schlimmer noch trifft es die Arbeitslosen, die – RTL sei Dank – in der Vorstellungswelt der meisten nur noch als fettleibige Versager vorkommen, die sich vor jeder Kamera selbst demontieren, die sich von cleveren Programmmachern beständig demütigen lassen (müssen). Die Selbstentleibung dieser Personen ist ein Kompensat – durch ihren kurzen Auftritt auf dem Flachbildschirm suggerieren sich die Menschen teilzuhaben. Mit dabei zu sein. Eine vermeintliche Innenseiter-Existenz zu leben. Ihre katastrophale materielle Ausgangsposition sowie der Voyeurismus von Bildungsbürgern wie uns macht sie indes zu medialem Freiwild.

Der sozialpsychologische Effekt ist klar: der Puma-Schuh tragende Mittzwanziger wird in seinem Selbstbild bestätigt. Nicht nur, dass er (oder sie) die besseren Klamotten trägt, nein: er (oder sie) kann sich sogar noch daran erfreuen, die telegene Selbstentäußerung nicht nötig zu haben. Identitätsarbeit auf dem Rücken der Sprachlosen und Tränenreichen: „Ich bin um so vieles besser als die da!“

Fortan gilt es, den Teilhabebegriff kritisch zu hinterfragen und bei jeder Gelegenheit auf Herz und Nieren zu prüfen: wer spricht in welchem Zusammenhang? Was bedeutet für wen aus welchem Grund teilzuhaben? Wer kann für sich welche Form von Partizipation realisieren?

Von den sehr wenigen postmaterialistischen Abweichlern abgesehen, dominiert anno 2011 die Teilhabe einer ganz bestimmten Couleur – die Einkaufstüte ist zum Gradmesser des sozialen Mitmischens avanciert. Dies nicht nur bei den Oberflächlichen, nicht nur bei Fashion Victims und den omnipräsenten material girls and boys. Nein, annähernd jeder von uns fühlt sich zugehörig, solange er kaufen kann.

Wer ist Schuld?

Eine Werbeindustrie, der keine marktschreierische Grobheit unbekannt und kein psychologischer Taschenspielertrick fremd ist.

Wer profitiert?

Menschen, die sich aufgrund ihres abgesicherten finanziellen Status erfolgreich am Nullsummenspiel beteiligen können.

Wer leidet?

Menschen, die arbeitslos oder unterbezahlt sind und sich in prekäre Formen der Teilhabe (Reality-TV!) flüchten müssen.

Ergo?

In einer Gesellschaft, die alles und jeden zur Ware macht, ist nur der Tod umsonst. Teilhabe jedoch kostet.

 
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