Der gestrige Tag enttäuschte meine naive Erwartung, die Jahresbestsellerliste des SPIEGEL könnte mir vorweihnachtliche Freude zuteil werden lassen. Während es mir in einem Akt mentaler Stärke gelang, Ghostwriters Einlassungen über die Heterosexualität von Phillip Lahm zu ignorieren (Platz 9), stießen mir die Platzierungen 10 und 17 doch eher unangenehm auf.
Die 17 belegt ein Werk, welches erst seit wenigen Wochen im Handel ist – Vorerst gescheitert von Karl-Theodor zu Guttenberg und Giovanni di Lorenzo. Die Frage, warum sich eines der renommiertesten deutschen Wochenmagazine zum Steigbügelhalter des Lügenbarons macht, verdient einen eigenen Blog und soll an dieser Stelle nicht weiter erörtert werden. Als erschütternd empfinde ich es, dass es das in Buchform gefasste Interview binnen so kurzer Zeit schaffte, einen breiten Leserkreis zu erreichen. Das Interesse an Guttenberg scheint ungebrochen, ebenso die Bereitschaft, dessen Doppelmoral und Scheinheiligkeit zu verzeihen – aber warum?
Es sind nicht in erster Linie politische Inhalte oder Sachleistungen irgendeiner Art, denen Guttenberg seine Popularität verdankt. Die Kurswechsel, die er forcierte, hatten andere schon seit Jahrzehnten gefordert – etwa die Abschaffung der Wehrpflicht. Guttenberg war auch nicht der einzige, der sich innerhalb seiner Partei gegen die Rettung Opels aussprach und damit auf Konfrontationskurs zur Kanzlerin ging. Auch vermeintlich authentische Bilder mit Soldaten und/oder Sportlern sind nicht nur vom Dr. a. D. überliefert. Worin also besteht Karl-Theodors Erfolgsrezept? Und welche Zutaten sind es, die das Gericht immer wieder aufgehen lassen?
Karl-Theodor von und zu Guttenberg fungiert als Projektionsfläche, auf der weite Teile einer verunsicherten Bevölkerung ihre Sehnsüchte nach einem unverdorbenen, unkorrupten Leader ausleben können. Der aus der Psychologie in die Alltagssprache geschwappte Projektionsflächenbegriff beschreibt, wie Individuen oder Gruppen andere Individuen oder Gruppen dazu nutzen, eigene Ängste, Hoffnungen, Befürchtungen und Wünsche zu bearbeiten. Auf die Projektionsfläche wird einerseits all das ausgelagert, was die Betreffenden bei sich selbst nicht sehen wollen, können oder dürfen; uneingestandene Schwächen, Komplexe, Hemmnisse jedweder Art. Der berühmte Ausspruch Schließ nicht von dir auf andere ist eng mit dieser Lesart der Projektionsfläche verknüpft. Wer den Teufel bei sich selbst nicht austreiben kann, bekämpft ihn umso rabiater bei den berühmt-berüchtigten Anderen.
Mit Blick auf die Causa Guttenberg ist eine zweite Lesart des Begriffs interessant: der Term „Projektionsfläche“ umreißt eine Situation, in der ebenjene Projektionsfläche genau das anzubieten scheint, was die Betreffenden bei sich selbst missen. Wer sich klein und hilflos fühlt, schaut umso gebannter auf, wenn Lichtgestalten und Heilsbringer den (öffentlichen) Raum betreten. Der Projektionsfläche kommt dann die Aufgabe zu, für all das vermeintlich Erstrebenswerte zu stehen, was der Aufschauende selbst nicht anzubieten hat. Guttenberg ist – trotz seines Plagiatsskandals – eine Projektionsfläche der zweiten Art. Für seine Fans repräsentiert er geistige Größe, mondäne Weitsicht, ein stabiles Rückrad. All die Entwürdigungen unseres Arbeits- bzw. Arbeitslosenalltags verblassen angesichts der Strahlkraft eines vermeintlichen Vorzeige-Adligen.
Nicht nur der persönliche Alltag, auch die Politik wird von vielen Menschen als zerfasert, wenn nicht zerrüttet wahrgenommen. Der Wendehals-Vorwurf ist schnell bei der Hand, wenn Politiktreibende ihre Positionen revidieren, sie an die politische Großwetterlage anpassen – Atomfreundin /-feindin Merkel lässt grüßen. Das Versprechen Guttenbergs und seiner PR-Profis lautete: der Baron ist anders. Kompetent und verlässlich. Mehr als ein Aushängeschild oder ein Feigenblatt – „der lässt uns nicht im Stich.“
Guttenberg als Projektionsfigur. Aber: sowohl die persönlichen Schwächen des ehemaligen Ministers (übersteigertes Geltungsbedürfnis, Unehrlichkeit) als auch die Spielregeln der Mediengesellschaft des Jahres 2011 sprechen – eigentlich – gegen eine derartige Figur. Weil die medialen Scheinwerfer (glücklicherweise) auch auf den Raum hinter der Bühne gerichtet sind. Weil eine Armada von (Laien-)Journalisten (glücklicherweise) eine gnadenlose Suche nach Wahrheit betreibt. Weil (glücklicherweise) nicht jeder Bürger sein politisches Seelenheil einer unebenen Projektionsfläche anvertraut.
Während Guttenbergs Rolle also die einer Projektionsfläche ist, dient Thilo Sarrazin in vielen Kreisen als Sprachrohr, welches die immergleichen Vorurteile hinsichtlich Nationalität in die Welt posaunt. Deutschland schafft sich ab landete auf Platz 10 des SPIEGEL-Rankings, obwohl das Erscheinungsdatum des Buches im vorangegangenen Jahr liegt. Auch hier stört es viele Rezipienten nicht im Geringsten, dass Sarrazin überholte und längst widerlegte Positionen vertritt. Um den Rassismus seines pseudowissenschaftlichen Gehabes zu entkleiden, ließ die UNO nach dem Zweiten Weltkrieg Studien durchführen, die ein für alle mal belegten, dass es zwischen so genannten „Rassen“ keinerlei naturgegebene intellektuelle Unterschiede gibt. Auch Milieutheorien, nach denen sich die Mitglieder eines sozialen Umfelds unabhängig von ihrem „Blut“ gegenseitig beeinflussen, werden von Sarrazin stiefmütterlich behandelt. Die Geschichte der türkischen Migration kommt beim ehemaligen Berliner Finanzsenator nur am Rande vor, ebenso das diesbezügliche Versagen der deutschen „Mehrheitsgesellschaft“ im Allgemeinen und des Bildungssystems im Besonderen. Dass aufgrund der Zuwanderungsgeschichte viele Deutschtürken in oftmals bildungsfernen Arbeitermilieus sozialisiert werden und deshalb Nachteile in Schule und Beruf vorprogrammiert sind, wird in den Hintergrund gerückt. Stattdessen im Vordergrund: ein biologistischer und diskriminierender Gen-Diskurs, der einen großen Teil der bundesdeutschen Bevölkerung als geborene Verlierer zeichnet.
Die Essenz dieses Beitrags: Sprachrohre gilt es zu hinterfragen und gegebenenfalls – argumentativ – zu stopfen. Projektionsflächen gehören – argumentativ – gefegt und gewienert.
Wer sich dennoch auf ihnen bewegt respektive auf ihre Stabilität vertraut, hat sich noch nicht selbst auf diese stürmische Odyssee namens Wahrheitssuche eingelassen.
Wer lieber Galionsfiguren anbetet anstatt selbst zu segeln, ist meilenweit entfernt von jedem aufklärerischen Ideal.
Ausgabe 22/2012
31.05.2012
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