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04.03.2009 | 15:37

"Fall Steinbach": Der Aufarbeitungsweltmeister tritt zum Rückspiel an

 

Können Sie etwas mit der „Königlich Preußischen Ansiedlungskommission“ anfangen? Sagt Ihnen „Irredentismus“ etwas? Vermutlich nicht. Macht aber nichts, denn damit sind Sie in bester Gesellschaft: Sie haben keine Ahnung von der Geschichte Polens im 19. oder auch nur 20. Jahrhundert. Und können deshalb nicht verstehen, was Polen eigentlich gegen Erika Steinbach hat.

Die „Ansiedlungskommission“ war ein Instrument, mit dem der Wilhelminismus im „Westpreußen“ genannten Teil des preußischen Annexionsgebietes aus der Dritten Teilung eine gezielte „Germanisierung“ betrieb. Verschuldete polnische Barone wurden planmäßig ausgekauft, ab 1912 sogar enteignet. Die Ländereien wurden an deutsche Bauern vergeben, um in Regionen mit polnischer Mehrheit die ethnischen Verhältnisse zu drehen. Überwiegend polnische Orte wurden planmäßig umzingelt. Das Multi-Kulti-Gebiet „Westpreußen“ sollte werden, was es nie war: eine deutsche Provinz.

Mit „Irredentismus“ - zeitgenössisch „Nationalitätenkampf“ – bezeichnen Historiker eine in der Zwischenkriegszeit verbreitete politische Technik: In den traditionell multiethnischen mittelosteuropäischen Staaten, die nach dem Ersten Weltkrieg wiedererrichtet worden waren, spielten „eigene“ Minderheiten auf dem Gebiet des Nachbarn eine wichtige Rolle. Als „fünfte Kolonne“ instrumentalisiert, konnten sie genutzt werden, die Nachbarn zu destabilisieren. Besonders Deutschland und Ungarn, Verlierer des Weltkriegs und bei der Neugestaltung Europas vermeintlich zu kurz gekommen, entwickelten eine wahre Meisterschaft auf diesem Gebiet. Augenfällig ist das in der damaligen Tschechoslowakei, wo „Sudetenführer“ Konrad Henlein sich unter großer Zustimmung der Deutschsprachigen von Prag lossagte und schon lange vor dem Münchner Diktat den jungen Staat von innen zersetzte. Berlin hat das stets unterstützt.

Politik der systematischen Störung

Aber auch in Polen betrieb Deutschland eine aggressive „Nebenaußenpolitik“: Die polnische Westgrenze wurde von der Weimarer Republik nie anerkannt, während die deutsche Minderheit in Polen massiv gestützt wurde, wie auch ein weitverzweigtes Netzwerk aus deutschen „Volkstumspolitikern“ - die ironischerweise meist auch noch Antidemokraten waren und gegen die Hand hetzten, die sie fütterte. Welche Folgerung sollte Warschau aus diesem Verhalten ziehen? Es kam zu Animositäten gegen die deutsche Minderheit, die von Berlin immer wieder zu Klagen vor dem Völkerbund genutzt wurden. Auch der Einmarsch der Wehrmacht wurde schließlich mit der vermeintlichen Unterdrückung der Deutschen gerechtfertigt. Aus der Erfahrung dieser systematischen Stör-Politik haben die Polen nach 1945 die Folgerung gezogen, die letztlich von Stalin angeordneten "Umvolkungen" in der westverschobenen Volksrepublik gutzuheißen. Mit einer großen deutschen Minderheit im Land würde kein Staat zu machen sein. Das hatten sie aus der Geschichte gelernt.

Wer in Prag Passanten nach Erika Steinbach fragt, wird etwas von Henlein zu hören bekommen; in Warschau wird es vermutlich zuerst um Hitler gehen. Aber auch wenn der Irredentismus der Zwischenkriegszeit und des Preußenkönigs Germanisierungspolitik den Polen nicht ganz vorne auf der Zunge liegen: Das polnische Trauma reicht weiter zurück als der Zweite Weltkrieg.

Die faktische Auslöschung Polens in den „Teilungen“ des späten 18. Jahrhunderts, 120 Jahre Selbstbehauptung unter Fremdherrschaft gegen Germanisierung und Sprachverbote, die Wiedererlangung von Staatlichkeit nach dem Ersten Weltkrieg und deren intendierte Zersetzung durch „Minderheitenpolitik“: All das gehört zu den Essentials der polnischen Nationalgeschichte, während es in Deutschland weitgehend unbekannt ist. Doch nur wer die Geschichte der „Ansiedlungskommission“ kennt, kann verstehen, warum sich sich Polen so schwer damit tut, wenn Deutsche Grund und Boden kaufen. Und nur wer um die Volkstumspolitik gegen die erste polnische Republik weiß, versteht die Tiefe der Abneigung gegen Steinbach und ihre Organisation. Denn der „Bund der Vertriebenen“, der nie mehr als als Viertel der Betroffenen organisiert hat, wurde bis in die sechziger Jahre von – noch dazu oft NS-belasteten - Funktionären des Irredentismus der Zwanziger und Dreißiger dominiert.

Es ist daher kein Zufall, dass all das im Geschichtsbild des BdV nicht vorkommt. Die Steinbach'sche Vertreibungsausstellung „Erzwungene Wege“ schur alles von den Armeniern in der Türkei über die Juden in Deutschland bis zu den Deutschen in Mittelosteuropa über den Kamm „übersteigerter Nationalismus vertreibt unschuldige Minderheit“. Aus einer sehr hochfliegenden Vogelperspektive mag das eine gewisse Berechtigung haben. Aber sobald man sich mit etwas Sorgfalt den Einzelfällen zuwendet, stellt sich heraus, dass es mehr Unterschiede als Gemeinsamkeiten zwischen diesen „Vertreibungen“ gibt. So hatten sich beispielsweise die Armenier – anders als die übergroße Mehrheit der Sudetendeutschen – nie mit einer feindlichen Übermacht verbündet, um die Auslöschung des „Mutterstaats“ vorzubereiten. Sind beide Fälle also wirklich vergleichbar? Ist dem tschechischen „Vertreiber“ (Erika Steinbach) Eduard Benesch fairerweise der selbe Ungeist zu attestieren wie denen, die ihrerzeit ein Massaker ums andere unter den Armeniern anrichteten?

"Vertrieben" per Vereinsbeitritt

Wohl kaum. Doch der BdV wird dies nie zugeben können, weil seine eigene (Vor)Geschichte mit zu den zentralen Problemen im Komplex „Flucht und Vertreibung“ zählt, wenn man diesen in den historischen Bogen von „Nationalitätenkämpfen“ einordnet, dem er zuzurechnen ist und dessen traurigen Höhe- und Endpunkt er darstellt. Deshalb ist die „Europäisierung“ der Verbandsarbeit, die Erika Steinbach mit ihrer Ausstellung vorgab, nichts weiter als der Versuch, die Geschichtsklitterung des frühen BdV in die Zeit nach dem Tod der „Erlebnisgeneration“ zu retten. Der Irredentismus, und nicht etwa ein latenter Antisemitismus, wie Kritiker der Vertreibungsschau schrieben, ist der wirklich blinde Fleck des organisierten Vertriebenenwesens.

Steinbach klagt gern über die angebliche Tabuisierung der Vertreibungen durch die vermeintlich linke Meinungsführerschaft in Deutschland. Und trägt doch selbst am meisten zu derselben bei. Würde sie einen differenzierten Blick auf die Nationalitätenkämpfe in Mittelosteuropa seit Mitte des 19. Jahrhunderts und ihren Zusammenhang mit der Tabula Rasa nach 1945 zulassen, würde sie endlich konsequent aufräumen mit dem unangenehmen rechten Milieu in ihrer Organisation, wäre das Thema von seinem unbestreitbaren Ruch befreit. Doch davon ist sie trotz ihrer Medienpartnerschaft mit dem hilflosen Moralisten Ralph Giordano weit entfernt. Sie kann das gar nicht leisten, denn es würde das Ende der Legitimation des Verbandes bedeuten, der dann vom Subjekt zum Objekt der geschichlichen Aufarbeitung werden würde. Ein Legitimitätsproblem hat der BdV ohnehin schon heute: Es ist doch merkwürdig genug, dass sich in München oder Greifswald geborene Deutsche für eine „schlesische Heimat“ zu sprechen berechtigt fühlen dürfen. Und dass man den Vertriebenenstatus nicht nur ererben, sondern durch simplen Beitritt erwerben kann.

Also kämpft Steinbach um ihre durch - individuell fragwürdige - „Betroffenheit“ legitimierte Deutungshoheit. Leider mit einigem Erfolg. Ein Zeugnis dessen gab es kürzlich in der Talkshow von Anne Will zu beobachten: Die als Pro-Polen eingeladenen Gäste, der Warschauer Entertainer Stefan Möller und Renate Künast, kamen über den Zweiten Welkrieg nicht hinaus. Sie wirkten emotional und hilflos. Als historischen Experten hatte die Redaktion ausgerechnet den notorischen Stahlhelmer Arnulf Baring eingeladen, der in einer naßforschen Weise über die kollektive „Hysterie“ der Polen herzog. Ansonsten wurde im Stil der zwanziger Jahre über eine sadomasochistische Fixierung der polnischen Volksseele auf die große blonde Frau spekuliert. So klingt es wohl, wenn der Aufarbeitungsweltmeister zum Rückspiel antritt: Jetzt ist aber langsam mal gut, Polake!

Forschung statt Preußenzeitung

Versöhnung, wozu zwei gehören, würde anders gehen. Es müsste nicht nur Erika Steinbach vom Posten im Vertreibungs-Kuratorium zurücktreten. Darüber hinaus müssten die zwei-bis dreistelligen Millionensummen für die Erinnerungsarbeit an die deutsche Kultur im Osten Europas dem BdV weitgehend entzogen – und beispielsweise den Goethe-Instituten übertragen werden. Rot-Grün hat seinerzeit einen zaghaften Versuch in dieser Richtung zu früh abgebrochen. Statt für Brauchtumspflege und die Subventionierung von vollkommen überflüssigen Rechtsblättern wie der „Preußischen Allgemeinen Zeitung“ (oder noch weit schlimmeren Publikationen, die im „Schlesier“ bzw. „Sudeten“-Spektrum fabriziert werden) wären dann Mittel vorhanden für ein breit angelegtes Forschungsprojekt mit offenem Visier.

Auf einer lokalgeschichtlichen Ebene könnten dann die konkreten Beziehungen zwischen Deutschen und Polen erfoscht werden: Die deutsche Begeisterung über die polnischen Aufstände im Gefolge von 1848, die Restauration unter König und Szlachta, die allmähliche Vermengung von demokratischen und nationalen Motiven, die mit Bismarck einsetzende Germanisierungs- und Spracherzwingungspolitik, die temporären Verfolgungs-Bündnisse zwischen polnischem Bürgertum und deutscher Sozialdemokratie, die systematische Benachteiligung des polnischem Bürgertums im Zensuswahlrecht, die Haltung der polnischen Bevölkerung im Ersten Weltkrieg, der Kampf der Milizen gegen die Freikops an dessen Ende, die teilweise Umkehrung der Vorzeichen in den Zwanzigern, Konflikte zwischen Loyalisten und Irredentisten in der deutschen Minderheit – es reicht schon vor dem Zweiten Weltkrieg für mehrere Generationen von „transnational“ angelegten Dissertationen. Das meiste davon wurde entweder in den Zwanzigern und Dreißigern zu „Kampfliteratur“ verarbeitet, die zumindest einer Revision bedarf. Oder es ist schlicht liegengeblieben, weil die (bundes)deutsche Mittelosteuropa-Geschichtswissenschaft bisher viel zu sehr vom BdV und seinem Dunstkreis dominiert worden ist – und die Polen oft nur „Gegenschriften“ produziert haben.

Irgendwann könnte man auf diese Art zu dem vorstoßen, was die Grundlage zur vorbildlichen deutsch-französischen Aussöhnung bildete: Ein halbwegs deckungsgleiches Bild der deutsch-polnischen Geschichte, die noch weit enger, unglücklicher und komplexer verquickt ist als die deutsch-französische. Anfangen aber könnten alle, die mehr als eine „Meinung“ zum polnischen Volkscharakter haben möchten, mit der Lektüre eines Buches, das inzwischen gute 45 Jahre auf dem Buckel hat und weitgehend vergessen scheint: „200 Jahre deutsche Polenpolitik“ des leider zu früh verstorbenen Münchner Zeithistorikers Martin Broszat. Hätte er doch bei Anne Will auf dem Sofa sitzen und Baring die Leviten lesen können!
 
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Kommentare
ChristianBerlin schrieb am 05.03.2009 um 03:06
Herzlichen Dank für diesen Beitrag. Er war informativer als alles, was ich im Freitag oder sonst wo zu diesem Thema gelesen habe.

Trotzdem - oder deshalb? - habe ich Fragen. Vor allem aber sträuben sich an einer Stelle die Haare meines freiheitlich demokratischen Nackens.

Ein gedeihliches Miteinander unter Menschen ist nur möglich, wo Selbst- und Fremdbild kompatibel sind. Häufig sind beide gesellschaftlich vermittelt. Und oft werden sie stärker aus vulgären, medialen, religiösen oder ideologischen Mythen gespeist, als aus den harten Fakten der Realität. Zerrbilder aus der Vergangenheit können Zukunft verbauen. Denn jedes Unrecht gebiert wieder neues, insbesondere, wenn es auch noch verleugnet oder bloß erfunden wird.

Im Miteinander von Deutschen und Polen ist das ähnlich wie bei Juden und Palästinensern. Der solideste Ausweg wäre in beiden Fällen die langfristige Arbeit an jenen gesellschaftlich vermittelten Bildern. Ein wichtiger Partner kann die Geschichtsaufarbeitung sein, wenn sie sich von vorgegebenen Tendenzen befreit und sich unvoreingenommen für Fakten und Zusammenhänge in ihrer ganzen Komplexität interessiert. Deren Rekonstruktion erfordert immer auch ihre Deutung, und Deutung erfordert Empathie – ein sich Heinversetzen in die Interessenlage des anderen.

[Zitat]Irgendwann könnte man auf diese Art [sc. ein differenziertes Geschichtsbewusstsein] zu dem vorstoßen, was die Grundlage zur vorbildlichen deutsch-französischen Aussöhnung bildete: Ein halbwegs deckungsgleiches Bild der deutsch-polnischen Geschichte, die noch weit enger, unglücklicher und komplexer verquickt ist als die deutsch-französische.[/Zitatende] Dem ist im Grunde nur hinzuzufügen, dass die wechsel- und leidvolle Geschichte des Miteinanders und Gegeneinanders von deutschen und slawischen Völkern schon begann, als die Sachsen die Elbe überquerten.

Heftig widersprechen möchte ich aber der auch hier wieder mal auftauchenden Idee, über den Geldhahn inhaltliche Zensur auszuüben. Das ist in einer Demokratie nur dann zulässig, wenn nachweislich verfassungsfeindliche Inhalte mit staatlichen Geldern verbreitet werden. Dass dies beim BdV der Fall wäre, hast Du nicht belegen können.

Zwar redest Du von einem [Zitat] unangenehmen rechten Milieu[/Zitatende] im BdV, verdeutlichst aber nicht, woran es erkennbar wird. Deshalb erfährt man auch nicht, was „rechts“ ist. Das hängt schließlich immer vom Standpunkt des Betrachters ab und kann den NPD-Schläger meinen wie den FAZ-Autor, obwohl Welten zwischen beiden liegen.

Einen Maulkorb darf der Staat dem BdV nur dann verpassen, wenn er „rechts“ im verbotenen Sinne ist. Die Deutehoheit kann dem BdV aber jeder wegnehmen, der historisch zutreffender veröffentlicht, was jene ggf. in ihren Halbwahrheiten übersehen oder verschweigen. Dein Text zeigt, dass es dafür interessante Ansätze gibt.
mathegudrun schrieb am 05.03.2009 um 09:23
Ich hatte es so verstanden, dass das Geld, welches dem BdV entzogen werden soll, Steuergelder sind. Damit wäre die Argumentation, dieses Geld lieber für Versöhnung auszugeben, in meinen Augen absolut legitim.

Wie ist es wirklich, lieber vomsehen?
ChristianBerlin schrieb am 05.03.2009 um 12:31
/* offtopic # diese Reaktion auf mathegudruns Argumentation hat sich inzwischen durch die Klarstellung b von vomsehen zum Teil erledigt. Sie war leider aus technischen Gründen wieder mal nicht angekommen. Ich poste sie jetzt dennoch ein zweites Mal, damit ich sie nicht umsonst bemüht habe - und zwar in zwei Teilen, vielleicht war sie auch zu lang.
*/

so habe ich es ebenfalls verstanden, liebe mathegudrun.

Nur die geforderte Konsequenz kann ich nicht teilen.

Steuergelder werden nach dem Subsidiaritätsprinzip vielerlei gemeinnützigen Organisationen zugewendet. Sie können auch entzogen werden, wenn bestimmte Zwecke nicht mehr als vorrangig förderwürdig betrachtet werden - was z.B. in der Kulturförderung aus angeblichem Geldmangel immer wieder vorkommt.

Was vomsehen hier fordert, ist etwas anderes. Nach seiner Begründung geht es nicht um Geldknappheit, sondern darum eine bestimmte Meinung zu bestrafen.

Seit dem Bayreuther Skandal von 1972 weiß ich, dass es natürlich dennoch immer wieder irgendwie versucht wird. Damals hatte sich die Bayerische Staatsregierung von einer Tannhäuser-Inszenierung des DDR-Regisseurs Götz Friedrich, die sie für zu weit links hielt, so sehr provozieren lassen, dass sie ausgerechnet den Wagnererben mit der Streichung der Fördermittel drohte.

Als Journalist und ehemaliger Zeitungsmacher bin ich an dieser Stelle empfindlich. Keine Zensur oder Einflussnahme auf Medieninhalte von Staats wegen - das ist auch die Linie meines Verbandes. Da lasse mich gern zu Widerspruch reizen, wenn diese Forderung auftaucht, egal wen es betrifft.
ChristianBerlin schrieb am 05.03.2009 um 12:34
Eine andere Frage ist, ob die Belange des BdV heute noch förderwürdig sind. Das kann man aber auf der Grundlage der paar Zeilen des Beitrages nicht beurteilen, weil es darin um ein anderes Thema geht. Vielmehr muss man erst einmal würdigen, warum und wofür der BdV diese Gelder überhaupt bekommt und inwiefern er dafür gesellschaftlich wertvolle Arbeit leistet.

Soweit ich mich erinnern kann, war das vor dem Mauerfall z.B. in ganz erheblicher Weise Integrationsarbeit für sogenannte Spätaussiedler. Die Lokalverbände übernahmen es vielerorts, dafür sorgten, dass jene Neuankömmlinge hier willkommen geheißen wurden und auch in der westlichen Gesellschaft auch ankamen - freilich ohne letztlich verhindern zu können, dass in Ballungszentren doch auch einige sogenannte "Russenghettos" entstanden, deren nachträgliche Integration sich heute in staatlicher Regie unverhältnismäßig teurer und schwieriger gestaltet.

Soweit die gesellschaftliche Relevanz einer Interessenvertretung von der Quote der Mitglieder abhängt, darf dabei nicht mit anderem Maß gemessen werden als bei den Arbeitnehmern, von denen auch nicht alle Gewerkschaftsbeitrag bezahlen und dennoch mitvertreten werden.

Mit fünfundzwanzig Prozent ist bei freiwilliger Mitgliedschaft der Anspruch nach wie vor begründet, die Interessenvertretung jenes Bevölkerungsanteils zu sein, der das Naziunrecht mit einem Sondernopfer sühnen mussten, das anderen Deutschen erspart blieb, woraus man aber nicht den Umkehrschluss ziehen darf, dass deswegen die Stettiner an Hitler mehr Schuld hätten als die Dithmarscher.

Das sollen aber nur Beispiele sein, wie umfassend die Abwägung über die Berechtigung von Zuwendungen aus Steuermitteln erörtert werden müsste. Aus vomsehens Darlegungen schon den Schluss zu ziehen, sie seinen unbegründet, halte ich, gelinde gesagt, für kurzschlüssig, weil willkürlich die dafür maßgeblichen Faktoren einfach nicht berücksichtigt werden.
vomsehen schrieb am 05.03.2009 um 11:00
Hallo Christian:

kurz drei Sachen

a) ich glaube denn doch, dass das Verhältnis zwischen Deutschen und Polen entspannter ist als das zwischen Isrealis und Palästinensern :-)

b) ich finde schon, dass man dem BdV die staatlichen Zuwendungen kürzen darf. Er ist letztlich nur ein gemeinnütziger eingetragener Verein - der aber auf einem zentralen Gebiet unserer Außenpolitik agiert. Die Polen nehmen die Äußerungen des BdV auch als (halb)offizielle Äußerungen der Bundesregierung - was sie ja nicht sind. Dieses Mißverständnis kann man in Warschau zwar erklären, die fragen aber dann zurück: Wenn der BdV nur für den BdV spricht, warum bezahlt ihr ihn dann? An genau dem Punkt werden sie mißtrauisch. Und die Gebildeten unter ihnen erinnern sich eben an die doppelzüngige Politik v.a. Stresemanns, der offiziell sich stets zu Versailles bekannte, inoffiziell aber an der Grenzrevision arbeiten ließ - eben über die Vorgängerorganisationen des BdV.

Es gibt das "Bundesvertriebenengesetz" von 1952, nachdem es einen speziell gesetzlich geschützten Status "Vertriebener" gibt. Daraus leitet der BdV gelegentlich eine quasi öffentlich-rechtliche Position ab. Dieser Status bezog sich aber eigentlich auf materielle Leistungen zugunsten der Integration... Aus meiner Sicht bleibt es eine politische Entscheidung, welchen eingetragenen Verein wir förder und welchen nicht.

c) es geht also gar nicht um einen Maulkorb, sondern um die Frage, wem wir ein Megaphon geben - und wem nicht. Im BdV reagiert man zwar immer, wenn es ein "Problem" gibt. So war zum Beispiel die "Junge Landsmannschaft Ostdeutschland", die neulich diesen makabren Nazimarsch in Dresden organisiert hat, m.W. bis 2006 (!) offizeille Jugendorganisation der Landsmannschaft Ostpreußen. Die "Vertriebenen" halten ihren Kasten einigermaßen sauber (nach Begriffen des Strafrechts), aber da sich am Milieu nichts ändert, wächst immer wieder Mist nach.
ChristianBerlin schrieb am 05.03.2009 um 12:50
kurze Replik

zu a) Hast Recht, war aber schon mal schlimmer :)

zu b) Jetzt wird die Frage der Förderwürdigkeit mit legitimen Fragen verknüpft

zu c) Um diesen Schluss zu ziehen, bräuchte ich mehr Informationen. Wenn deren Wege sich getrennt haben, spricht das zunächst eher für den BdV als gegen ihn (im Sinne von Stefan Dietrichs These, Erika Steinbach habe den BdV "in die Mitte der Gesellschaft" zurückgeholt - also vom rechten Rand weg). Aber es belegt auch, dass es ein Problem am rechten Rand gab.
Butjer schrieb am 05.03.2009 um 11:17
So sehr ich der Forderung von vomsehen nach gemeinsamer Aufarbeitung der deutsch-polnischen Geschichte durch beide Nationen zustimme und so sehr ich viele der von ihm angeführten Fakten und Argumente akzeptiere, so sehr mißfällt mir die Schlagseite seines Blogs. Er spricht von einer "Tabula Rasa nach 1945 " und meint damit vermutlich das Potsdamer Abkommen. Ich zitiere dazu Rudolf Augstein ( der Schnelle wegen nach wikipedia ):"Das Besondere an der Potsdamer Konferenz lag darin, daß hier ein Kriegsverbrechergericht von Siegern beschlossen wurde, die nach den Maßstäben des späteren Nürnberger Prozesses allesamt hätten hängen müssen. Stalin zumindest für Katyn, wenn nicht überhaupt. Truman für die völlig überflüssige Bombardierung von Nagasaki, wenn nicht schon für Hiroshima, und Churchill zumindest als Oberbomber von Dresden, zu einem Zeitpunkt, als Deutschland schon erledigt war. Alle drei hatten Bevölkerungsumsiedlungen verrückten Ausmaßes beschlossen, alle drei wußten, wie verbrecherisch diese vor sich gingen.“
Das Potsdamer Protokoll-Abkommen ist - auch wenn es nicht einmal ein völkerrechtlich verbindlicher Vertrtag war(!) - als ebenso fragwürdig zu betrachten wie der Versailler Friedensvertrag nach dem Ersten Weltkrieg.
Nazi-Henlein in der Tschechoslowakei machte sich dies in der Tat mit massiver Unterstüptzung Hitlers zu Nutze -
dochdie darauf folgende Appeasement-Politik Chamberlains gründete sich sehr wohl auf der Einsicht, daß durch den Versailer-Vertrag willkürliche, unrechtmäßige (nämlich ausschließlich strategische) Grenzen zur
Tschechoslowakei gezogen worden waren. Die Grenzen Polens und Rußlands nach 1945 - die hoffentlich jetzt um des Friedens willen endgültig bestehen bleiben- wurden allerdings ebenso willkürlich festgelegt - und im Falle Stettin sogar ganz offensichtlich unrechtmäßig. Preußentum, Militarismus und Bismarkkult wurden dadurch leider nicht ausgerottet, wie der unbekümmerte Bauplan für ein Berliner Stadtschloß zeigt.
Außerdem vermisse ich neben dem Hinweis auf deutsche Sympathie für polnische Freiheit im Jahr 1848
den Hinweis auf zum Teil auch "polnische" Abordnungen zur Frankfurter Paulskirche. Auch die (russisch)-polnische und später deutsche Sozialistin Rosa Luxemburg sah den damaligen polnischen Nationalanspruch kritisch.Denn wenn wir schon noch so weit zurück in der Geschichte kramen, dann sollte´auch der Größenwahn Pilsudkis (Annexionsversuche Litauen, Ukraine etc) Erwähnung finden. Ohne diese polare Auseinandersetzung würde nur eine neue Frau (oder Herr ) Henlein (?) Auftrieb bekommen.
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