vomsehen

underrated news.

05.06.2009 | 02:01

Gute Stasi, schlechte Stasi: Frage an die Schweriner CDU

Keine Frage, es ist moralisch höchst verwerflich, im Dienste einer Staatsmacht Berichte über Uni-Kommilitonen zu verfassen, auf dass diese besser überwacht werden können. Aber ist es besser, solche Vorfälle je nach Lage politisch zu instrumentalisieren - dann zumal, wenn sie längst bekannt sind?

In Schwerin fährt die CDU gegen ihren Koalitionspartner SPD derzeit eine Mid-Term-Kampagne. Die 34-Jährige Sozialministerin Maunela Schwesig, Jungstar des Ministerpräsidenten Erwin Sellering, steht dabei im Zentrum. Die Frau ist zielstrebig, kompetent, gewinnend - und, man muss es in diesem Fall erwähnen, denn es gehört zur Strategie, sieht umwerfend aus. Schwesig besetzt zur Zeit die freiwerdenden Stellen in ihrer Verwaltung mit Genossen aus dem Schweriner Ortsverband. Das würden alle tun in ihrer Lage. Dumm nur, dass darunter jetzt auch ein gewisser Ralf Schattschneider war. Der war nämlich bei der Stasi.

Besonders viel Schaden angerichtet haben die wenigen streberhaften Berichte, die er als "IM-Kandidat" in den 80er Jahren an der Rostocker Uni abgefasst hat, zwar offenbar nicht. 1995 wurde dem jetzt 51-Jährigen bei der Stasi-Regelüberprüfung für Landesbedienstete bescheinigt, weiterhin bedenkenlos Ministerialer sein zu können. Neue "Erkenntnisse" über seine Tätigkeit hat es seither nicht gegeben.

1999 aber hatte Schattschneider nach seiner Wahl in den Schweriner Stadtrat in der Ratsfraktion der SPD versichert, mit "der Firma" nichts zu tun gehabt zu haben. Hatte er doch, kam 2002 nach einer internen Selbstprüfung der Landeshauptstadt-Sozialdemokraten heraus. Da er dies zuvor verschwiegen hatte, drängten ihn die Genossen zum Rücktritt aus der Stadtfraktion. Und in der Aufregung verlor Schattschneider, der in der Landesverwaltung Karriere gemacht hatte, gleich noch seinen Posten als Pressesprecher des  - damals SPD-geführten - Schweriner Bildungsministeriums.  Der Minister versetzte ihn in die zweite Reihe. Und dort tat er bis Donnerstag letzter Woche unbeanstandet seinen Dienst. Er war für Schulen zuständig, auch nachdem das Ministerium nach der Landtagswahl 2006 an die CDU gefallen war.

Vor einer Woche wurde Schattschneider dann vom CDU-Bildungs- in das SPD-Sozialministerium "ausgeliehen", weil es dort einen Personalengpass gab. Unter Schwesig hätte er in der Sachbearbeiter-Funktion eines "beigeordneten Referenten" das Landesprogramm für Demokratie und Toleranz mitbetreuen sollen.  Grund genug für CDU-Fraktionschef Harry Glawe, sich dessen zu erinnern, was alle wussten und was jahrelang kein Problem war. Mit drei, vier derben Interviewäußerungen zwang er die Ministerin, die Personalie zurückzuziehen. Nun soll ein anderer Posten im Ministerium für Schattschneider gefunden werden - in der er wiederum nur zuarbeitende Funktionen wahrnehmen wird.

In der Sache ändert sich wenig, aber Schwesig ist erstmals seit ihrem Amtsantritt vor einem guten halben Jahr ernsthaft beschädigt, wie die Leserbriefspalten der Nordostpresse beweisen. Da ließ es sich der stattliche Glawe auch nicht nehmen, jovial zu verkünden: das Mädchen habe wohl nicht gewusst, was sie da tat.

Seit Wochen war zudem bekannt, dass Schattschneider diesmal wieder zur Stadtvertreterwahl antreten würde - nachdem ihn die SPD nach seinem Rücktritt 2002 bei der Kommunalwahl 2004 nicht aufgestellt hatte. Doch skandalisiert hat die Schweriner Union das nicht bei Bekanntwerden, sondern erst kurz vor der Wahl am Sonntag - in exakt dem Moment, wo Schattschneiders Schatten nicht mehr auf seinen Dienstherrn, den CDU-Bildungsminister Henry Tesch, zurückfallen konnte.

Konsequentes Auftreten gegen Stasi-Spitzel oder fade Instrumentalisierung zu durchsichtigen, kurzfristigen Zwecken? 

Was ist Ihre Meinung? 

 

 

 

 

 
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Kommentare
ChristianBerlin schrieb am 05.06.2009 um 08:17
Ersteres. Ohne Wenn und Aber.

Wenn ich nämlich Deinen Bericht einfach als wahr und vollständig unterstelle (also ohne nachzurecherchieren oder eigenes Wissen über Schattschneider einzubringen), ist mir klar, worum es geht: Die aktuelle nachgewiese Lüge hat ihn diskreditiert, nicht die "seit langem bekannte" Vergangenheit.

Die eigenen - an sich harmlosen - Fehler schöner reden zu wollen, als sie waren, führt bei Politikern regelmäßig zum Gegenteil dessen, was sie damit erreichen wollten - jedenfalls, wenn das nachweisbar ist. Die meisten sind damit für immer verbrannt, auch für andere öffentliche Funktionen, Gnadenbrot in der zweiten Reihe oder in Aufsichtsräten ist aber nicht ausgeschlossen.

Eine Ausnahme, die das Comeback ins Rampenlicht geschafft hat, war vielleicht Möllemann, allerdings nur bis zum nächsten politischen Absturz. Erfahrungsgemäß ändern nämlich Schummelanten ihren Charakter nicht. Die politische Öffentlichkeit scheint das noch zu wissen und - normalerweise - nach dem strengen Grundsatz zu verfahren: Wer einmal lügt, dem glaubt man nicht, und wenn er auch die Wahrheit spricht. Und das ist gut so. Denn bei Kirchens habe ich zum Teil das genaue Gegenteil erleben müssen: Aus falsch verstandener christlicher Nachsicht kommen Lügner weit nach oben.

Ein ehemaliger Stasi-Pfarrer hat sich beispielsweise an die Spizte einer bundesweiten Initiative gegen Mobbing in der Kirche geschwindelt, indem er unter anderem mir 2005 in Erfurt noch erzählte, er könne überhaupt nicht verstehen, wie Menschen mit so etwas wie der Stasi hätten zusammenarbeiten können. Als ich später aus Äußerungen des früheren Vorsitzenden Richters der Disziplinarkammer den erschreckenden Schluss zog, der sich dann bestätigte, haben ihm fast alle christlich verziehen - jedenfalls die meisten Westdeutschen, die nie von der Stasi geschädigt worden waren. Die ostdeutschen Amtsgeschwister haben dagegen zusammen mit mir die Initative verlassen, wenn sie nicht aufgrund kritischer Äußerungen gegen ihn aus dem Verteiler genommen und nicht mehr eingeladen wurden.

Wer eine solche Vergangenheit hat und damit offen und ehrlich umgeht, verdient - dafür jedenfalls - allen Respekt. Wer sie dagegen leugnet, beweist damit nur, dass er seinen Charakter nicht geändert hat. Wieviel Macht über andere darf man ihm anvertrauen?
vomsehen schrieb am 05.06.2009 um 10:20
Nun ja:

1. "Macht" hat man als Sachbearbeiter im Ministerialapparat nur in einem sehr eingeengten Sinn. Und jetzt, also nach der Intervention, hat er nicht weniger als sonst gehabt hätte.

2. Die Lüge über die Zusammenarbeit mit dem MfS war ja nicht aktuell, sondern 2002 aufgeflogen und - empfindlich - geahndet. Damals war er tatsächlich auf dem Weh zur Macht, oder zumindest einer Karriere.

Aktuell ist nichts bekanntgeworden, was neu wäre. Und es gibt trotzdem eine neue "Runde".
Magda schrieb am 05.06.2009 um 09:48
So wie Du das schilderst – und ich bin überzeugt, dass hierzulande so der Hase läuft – beweist es nichts anderes, als dass die vielbesprochene Stasi- und Aufarbeitungsgeschichte nur noch ein politisches Instrument ist, mit dem man – immer bei Bedarf und nach Situation – herumwirtschaften kann. Das Thema vergiftet die politische Landschaft in unglaublicher Weise. Aber – ich kann mir nicht helfen – es scheint auch politisch so gewollt zu sein. Sie wollen ja jetzt die Verdächtigungen auch in die alten Bundesländer schleppen. Deutschland wird ein schlimmes Land und auch der Ruf nach Gerechtigkeit kann das nicht ausgleichen.

Andererseits – so etwas gehört generell zur politischen Kultur. Das Auskramen von Fehlverhalten. Ich denke an den ehemaligen Verkehrsminister Wiesheu (CSU), dessen Delikt, ein Verkehrsunfall mit Todesfolge, auch immer mal auftauchte und dann wieder in der Versenkung verschwand.

@ ChristianBerlin – Dein Plädoyer für mehr Offenheit ist ehrenwert, aber das politische Klima und die Medienlandschaft – die sind darauf überhaupt nicht gepolt. Ganz im Gegenteil: Die gesamte Aufarbeitungsdebatte lebt vom Skandalisieren, von der Katharsis, vom Entdecken verschwiegener Leichen im Keller. Und natürlich vom Instrumentalisieren.
Wenn ich mich recht erinnere, gab es mal Gespräche zwischen Betroffenen und Stasi-Offziellen. Da war sicherlich auch viel Beschönigung und Trickserei auf Seiten der Stasi-Vertreter und zu wenig Sachkenntnis bei den Betroffenen. Wenn sich heute jemand outet, dann unterstellt man bei jedem Wort, er wolle verharmlosen, sich reinwaschen, die Opfer verhöhnen. Es funktioniert nur so und so ist es gewollt.
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