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23.02.2009 | 16:00

Schaeffler - welches Exempel statuieren wir?

 
„Wir sind profitabel“, erklärte Schaeffler-Geschäftsführer Jürgen Geißinger im Herbst 2004 einer Wirtschaftszeitung. Aber dennoch müsse sofort eine "Kostensenkung von 20 bis 30 Prozent" erfolgen, sonst könne im Inland leider nicht mehr investiert werden. Also Rückkehr zur 40-Stunden-Woche, natürlich ohne Lohnausgleich: „36 Minuten pro Tag länger zu arbeiten, ist angesichts des harten Wettbewerbs nicht zu viel verlangt.“

Schaeffler setzte dies innerhalb zweier Jahre durch; nicht per Rahmenvertrag, sondern im „Häuserkampf“. Zu einer gewissen Berühmtheit brachte es dabei das zuvor übernommene FAG Kugelfischer-Werk in Elfershausen. Dort hatte Schaeffler die Betriebsrätin offenbar monatelang bedrängt – und sie nach ihrem Nachgeben vorgeführt: Man schickte einen „Spiegel“-Journalisten vorbei, der von dem „historischen“ Ereignis berichtete, wie sich ein Betriebsrat aus freien Stücken der verstockten Gewerkschaftsbürokratie widersetzte. Die Finanzwelt brach in Jubel aus.

Der lokale IG-Metall-Bevollmächtigte und Linkspartei-Politiker Klaus Ernst schätzte damals, dass Schaeffler auch ohne unbezahlte Mehrarbeit zwölf Prozent Rendite erzielte. Doch das reichte nicht, obwohl es bei dem Familien-Konzern keine Aktionäre gab, die Druck hätten machen können. Heute weiß man, wofür der Extraprofit abgepresst wurde: Geißinger, der schon die FAG-Übernahme eingefädelt hatte, füllte die Kriegskasse, um Kredite für den Angriff auf Continental finanzieren zu können.

Trotz Gewinns den Beschäftigten in die Tasche greifen und das Geld dann waghalsig versenken – obwohl Schaeffler keine Bank ist, spiegelt die jüngere Geschichte des Zuliefer-Riesen den Kapitalismus der Nuller Jahre beispielhaft wider. Um so befremdlicher auf den ersten Blick das Bild der vergangenen Woche, als tausende Schaeffler-Arbeiter in der bisher wohl größten deutschen Krisen-Demonstration ihrer Chefin zujubelten.

Soll man nun ein Exempel statuieren, wie Arbeitsminister Olaf Scholz („Man kann nicht im Nerz nach Staatshilfe rufen“) fordert? Oder der IG Metall folgen, die sich ihre Unterstützung für einen „Bail Out“ gegen weitgehende Auflagen abkaufen lässt, was nach internen Umfragen auch der Großteil der Belegschaft fordert?

Viel spricht für das Letztere, auch wenn man die Schaefflers gerne untergehen sehen würde. Selbst wenn nach einer Insolvenz die Bänder nicht zum Stehen kämen, würde eine Zerschlagung des Konzerns massenhaft Arbeitsplätze kosten – und die Bedingungen für die Rest-Beschäftigten nicht besser werden. Es sollte also ein anderes Exempel statuiert werden: Dafür, wie man Staatshilfen künftig vergibt. An eine von den Eigentümerstrukturen komplett transparente Firma, unter Einbeziehung des Privatvermögens der Familie, nur bei einem Schwenk von der gewerkschaftsfreien Zone zu einem vorbildlich mitbestimmten Konzern, der eine Mitarbeiter-Gewinnbeteiligung bietet, ohne diese gegen Tariflöhne auszuspielen. Der Hebel, an dem die Belegschaft sitzt, wird nie mehr so lang sein wie jetzt.
 
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Kommentare
odradek schrieb am 23.02.2009 um 16:39
Zusammenfassung: die Belegschaft hat sich einlullen lassen und länger gearbeitet, damit Frau Schaeffler ins Kasino kann um ihre Arbeitsplätze zu verspielen?

HAHA!

Mich beschleicht so langsam das Gefühl, daß die Leute es nicht anders verdienen.
mephisto schrieb am 24.02.2009 um 13:34
die Angst um den Arbeitsplatz läßt den Hebel wieder schrumpfen: für den bayerischen IG-Metall Chef Neugebauer sind Staatshilfen alternativlos ohne daß er daran ernste Bedingungen knüfen will, er will einfach nur Geld sehen. SPD-MdB Renate Schmidt (Herzogenaurach liegt in ihrem Wahlkreis) erwartet zusammen mit Betriebsräten und Lokalpolitikern äußerst interpretierbare "eigene finanzielle Anstrengungen der Eigentümerfamilie" (http://www.renateschmidt.de/?p=159), eine klassische sozialdemokratische Fauler-Kompromiss-Formel.
dimmi84 schrieb am 27.02.2009 um 17:19
Blog von vomsehen vom 23.02.2009
Schaeffler - welches Exempel statuieren wir?

Ich zitiere aus dem Blog: "obwohl Schaeffler keine Bank ist, spiegelt die jüngere Geschichte des Zuliefer-Riesen den Kapitalismus der Nuller Jahre beispielhaft wider. Um so befremdlicher auf den ersten Blick das Bild der vergangenen Woche, als tausende Schaeffler-Arbeiter in der bisher wohl größten deutschen Krisen-Demonstration ihrer Chefin zujubelten."

Wir sollten uns diese Selbstdarstellung der Frau Schaeffler gründlich anschauen.
Sie hat Tränen in den Augen als sie um Milliarden für das Familien-Unternehmen bettelt. Tun wir das nicht als eine Spielerei ab. Das wäre zu einfach.
Ihr geht es wirklich um das gefährdete Große, in das alle ihre kleinen, von ihr abhängen MitarbeiterInnen eingebettet sind und denen Armut droht. Das Kapital der Familie, Ihr Eigentum ist unantastbar. Das muss als eine für sie unverrückbare Selbstverständlichkeit begriffen werden.
Wandern wir zurück in vergangene Zeiten. Noch bis zu Beginn des ersten Weltkrieges gab es in Deutschland - und nicht nur hier - noch immer eine Art Leibeigene, die ihren Potentaten, Fürsten, Großgrundbesitzern, Gutsherren auf Gedeih und Verderb hörig sein mussten. Die wussten sehr wohl, dass sie von ihren Schäfchen abhängig waren und hatten Tränen in ihren Augen bei Katastrophen oder Massensterben, wenn ihnen ihr Reichtum, ihre Untertanen abhanden kamen, oder zu kommen drohten.
Die Tränenattitude von Frau Schaeffler ist also ernster zu nehmen, denke ich, als nur ein absichtsvolles Spiel. Ihr Verhalten zeugt von einem altherrschaftlichen Sinn aus vergangenen Zeiten des Despotismus und hat offensichtlich keinen Platz für Demokratieverständnis.
Übrigens, jubelnde Mitarbeiter, wie geschrieben wird, dumme Schafe, wie sie sich gebärden, bestätigen meine Sicht.
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