Vontobel

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23.10.2009 | 17:32

Als Ökonom muss Sloterdijk noch üben

Als Philosoph hat uns Peter Sloterdijk die fernöstliche Disziplin des Übens wieder näher gebracht. Danke Meister! Als Ökonom hingegen glaubt er, darauf verzichten zu können. In seinem zum "Manifest Aufbruch der Leistungsträger" hochstilisierten Essay im Cicero genügen ihm zwei Zahlen und ein Buch, um die Ökonomie völlig neu zu erfinden. Die zwei Zahlen: "Allein das oberste Fünftel der der Leistungsträger bestreitet rund 70 Prozent des Gesamtaufkommens der Einkommenssteuer." Daraus wird bei Sloterdijk: "Vom Einkommen sowie von den davon abzuführenden Abgaben der 25 Millionen steueraktiven  Leistungsträger, die vorläufig noch damit einverstanden sind, in Deutschland zu leben, stammt praktisch alles, was die 82 Millionenpopulation des Landes am Leben erhält."

Der abgehobene Philosoph hantiert hier mit Zahlen, die er mangels Training nicht versteht.

Erstens: Die Einkommenssteuer taugt nicht als Massstab für die Steuerbelastung. Sie macht inzwischen weniger als 30 Prozent aller Steuereinnahmen des Staates aus. Bei 70 Prozent der Steuern ist auch die "Aktivität" der übrigen 55 Millionen Deutschen sehr gefragt.

Zweitens: Sloterdijks "oberstes Fünftel" kassiert 51 Prozent aller Markteinkommen und weit über 60 Prozent aller steuerbaren Einkommen jenseits des baren Existenzminimums. So gesehen sind 70 Prozent Anteil an den Einkommenssteuern doch ziemlich normal. Alles in allem dürfte auch in Deutschland die Steuerlast in etwa proportional zu den Markteinkommen verteilt sein.

Drittens: Sloterdijk setzt offenbar Einkommen mit Leistung gleich. Er nimmt die Verteilung der Einkommen zum Massstab für die Leistungen bzw. für den geschaffenen Mehrwert. Auch hier kennt Sloterdijk offenbar die Begriffe nicht, aus denen er seine Kurzschlüsse zieht. Das monetäre Einkommen misst eben nicht die Wertschöpfung, sondern bloss das, was jemand für seinen Beitrag ans gemeinsame Bruttoinlandprodukt kassiert. Nur diese Wertabschöpfung kann in Euro beziffert und gemessen werden. Die eigentliche Wertschöpfung, die körperliche Arbeit, der geistige Input, die organisatorische Leistung kann zwar beobachtet und beschrieben werden. Messen, in Euro ausdrücken und damit gleichnamig und vergleichbar machen, kann hingegen nur das, was die die Leistungsbringer für ihre Leistung kassieren.

Dass diese Unterscheidung auch von vielen gelernten Ökonomen nicht begriffen wird, hängt damit zusammen, dass sie bei vielen Fragestellungen keine Rolle spielt. Sloterdijks Pech ist, dass sie für sein "Manifest" zentral wäre. Wer zwischen Lohn und Leistung nicht sauber unterscheiden kann und beide unbesehen gleichsetzt, kann nicht kompetent über Verteilungsprobleme mitreden.

Das ganz grosse Problem der modernen Volkswirtschaft besteht eben genau darin, dass Leistung und Lohn immer weiter auseinanderklaffen. Grosse Teile der Leistungsträger - Friseure, Automobilarbeiter, Verkäufer, Reiniger usw. - leisten immer mehr und verdienen immer weniger. Die Markteinkommen werden immer einseitiger verteilt. Das oberste Fünftel hat seinen Anteil am Kuchen zwischen 1993 und 2005 um nicht weniger als 6,5 Prozentpunkte erhöht. Die ärmere Hälfte kassiert gerade noch 14,9 Prozent aller Einkommen - und muss dennoch tüchtig Mehrwert-, Energie- Tabak- und Kfz-Steuern bezahlen.

Getrieben wird diese Umverteilung durch einen unerbittlichen Ausschlussprozess. Wie man aus den einschlägigen Statistiken errechnen oder im jüngsten Herbstgutachten der Wirtschaftsforschungsinstitute nachlesen kann, nimmt die (zur Herstellung der nachgefragten Produkte und Dienstleistungen notwendige) Arbeitszeit pro Erwerbstätigen trendmässig um jährlich 0,6 Prozent ab. Da gleichzeitig Normarbeitszeiten eher noch steigen, werden immer weniger Vollzeitstellen gebraucht. Das führt zu einem Ausscheidungsrennen, das vor allem die Löhne im unteren Segment brutal gegen unten treibt.

Man kann Sloterdijk nicht vorwerfen, dass er diese komplexen Zusammenhänge nicht durchschaut. Das ist nicht sein Fach und dazu fehlt ihm die Übung. Leider fehlt es ihm nicht an der nötigen Arroganz, sich auf einem Gebiet, mit der er sich nie ernsthaft auseinandergesetzt hat, zum Meinungsführer aufzuschwingen. Das bringt uns zu dem Buch, von dem Sloterdijk immerhin den Titel und 50 Prozent der Autoren kennt.

Gunnar Heinsohn und - Ehre, wem Ehre gebührt - Otto Steiger haben mit "Eigentum, Zins und Geld" in der Tat einen sehrwichtigen Beitrag zum Verständnis unserer Wirtschaftsordnung geleistet. Danach ist die Verpfändung und Belehnung von Eigentum gegen Zins und notfalls die Pfandverwertung die zentrale Innovation, die unsere Wirtschaft dynamisiert hat. Für Sloterdijk ist damit die These von Marc und Ricardo widerlegt, wonach Wertschöpfung ausschliesslich auf den Faktor Arbeit zurück gehe. Auf dieser "groben Fehleinschätzung" beruhe ein "bis heute virulentes System der Leistungsträgerverleumdung."

Falls Sloterdijk damit meinen sollte, dass auch die Eigentümer Anrecht auf einen Anteil am Volkseinkommen haben müssen, rennt er weit offenen Türen ein. Der Anteil der Gewinne Volkseinkommen nimmt seit den Neunzigerjahren ständig zu. Doch darum geht es den Autoren von "Eigentum, Zins und Geld" nicht, oder nur nebenbei. Ihnen geht es um eine Eigentumsordnung, welche die Wirtschaft dynamisiert. Eine zentrale Voraussetzung dafür ist nicht nur der rechtliche Schutz von Eigentum, sondern auch dessen breite Streuung. Genau die aber ist in Gefahr, wenn das "oberstes Fünftel" inzwischen weit über 80 Prozent aller Nettoeinkommen für sich beansprucht und wenn obendrein der führenden Philosophen des Landes noch eine "neue Semantik" schaffen will, der den "Leistungsträgern als Geber Genugtuung verschafft" und sie zu einer "wiedererwachenden Stolzkultur" ermuntert.

Bevor Sloterdijk mit neuem Begriffe die Diskussion prägen will, sollte er erst einmal seinen eigenen Wortschatz sorgfältig überprüfen. Üben, Meister, üben!

 
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Kommentare
Deaktivierter Nutzer schrieb am 23.10.2009 um 19:41
Sloterdijk hat sicherlich schon intelligentere Dinge unter die Leute gebracht. Anscheinend glaubt der Philosoph auch an den dummen Spruch, dass "Geld arbeiten" könne. Geld kann nur arbeiten lassen. Für die Millionen Arbeitender, die bei Vollzeit oft gerade mal den Hartz-Regelsatz nach Hause bringen, sich damit für a l l e anderen regelrecht krummlegen, hat der hochmütige Geistesakrobat anscheinend keinen seiner Gedanken übrig. Arm dran sind also nur die Reichen, die Kapitalisten und die Besserverdiener. Schade um den Mann.
Bildungswirt schrieb am 23.10.2009 um 20:00
Danke für deinen Einspruch!
Sloderdijk als auch die Macher vom Cicero verstehen diese ökonomischen Zusammenhänge sehr wohl. Sie haben offensichtlich ein Interesse daran, dass nur ein begrenzter Blickwinkel in der öffentlichen Diskussion ankommt.
Beim Cicero kann ich das ideologisch nachvollziehen, das es so ist.
Bei Sloderdijk nicht. Keine Ahnung, was mit ihm los ist, passt einfach nicht zur komplexen Philosophie von Kritik der zynischen Vernunft bis Sphären-Trilogie.
Gruß BW
Bildungswirt schrieb am 23.10.2009 um 20:02
Ich frage mich gerade spontan und ernsthaft, warum ich seinen Namen (obwohl mir sein Werk seit 25 Jahren gut bekannt ist) falsch geschrieben habe. Wende ich mich emotional ab? Slodere ich?
Giuseppe Navetta schrieb am 23.10.2009 um 20:15
Dank ebenfalls von mir für diesen Einwand! Es gibt ja selbst in der orthodoxen ökonomischen Theorie zwei Bereiche, die unterrepräsentiert sind: Die Machtfrage und Verteilungsfrage.
Oft wird einfach genug wird einfach nur der Status Quo der ökonomischen Eliten verteidigt, da stören derlei Fragestellungen einfach nur und würden außerdem die wirtschaftspolitische Beratung weniger lukrativ machen. Joan Violet Robinson stellte allerdings am Ende einer erfolgreichen Karriere als anerkannte Ökonomin etwas frustriert sich selber die Frage, ob die entscheidenden gesellschaftlichen Probleme ganz grundsätzlich überhaupt durch die ökonomische Theorie gelöst werden können.
mh schrieb am 23.10.2009 um 21:36
können sie. aber nicht nur durch sie allein und nicht durch die mainstream-ökonomie die sich darauf beschränkt bestehende trends zu reiten und zu verstärken.

generell ist einfach so, dass jede form gesellschaftlicher fragen auch mit einem ökonomischen aspekt betrachtet werden muss. sarrazin hat das mE übrigens getan.

ökonomie darf nicht nett sein, sie muss rational sein und die offensichtliche probleme benennen. der rest ist dann dem gesellschaftlichen diskurs überlassen, denn gesellschaften können und dürfen nicht rational agieren, wenn sie sich ihre stabilität erhalten wollen.

mfg
mh
THX1138 schrieb am 23.10.2009 um 21:47
@MH120480: "ökonomie darf nicht nett sein, sie muss rational sein und die offensichtliche probleme benennen. der rest ist dann dem gesellschaftlichen diskurs überlassen, denn gesellschaften können und dürfen nicht rational agieren, wenn sie sich ihre stabilität erhalten wollen."

Treffender kann man es eigentlich nicht mehr formulieren. Ja, es gilt ein neues Gleichgewicht der Kräfte zu finden- Marktwirtschaft und Zivilgesellschaft müssen über den Staat- oder mittlerweile über inter- und supranationale Organisationen- neu justiert werden.

Das dürfte allerdings nicht ganz einfach werden.
THX1138 schrieb am 23.10.2009 um 21:41
Sloterdijk steht offenbar ganz im Dienste des Kapitals und der Macht. Schade, dass sich ein im Grunde genommen grossartiger Denker wie er dermassen hinreissen und von der "gebenden Hand" vereinnahmen lässt, um dann solche sozialen Zündeleien wie jüngst in der FAZ und jetzt im Cicero vom Stapel zu lassen! "Was die neue soziale Frage angeht, liegt auf der Hand, dass eine Rückkehr zu den Fehlern der Vergangenheit nicht deren Lösung bringen wird.", hat er noch in Zorn und Zeit wohlweislich geschrieben.

Mittlerweile scheint er einen anderen Weg eingeschlagen zu haben.

Offenbar verkennt er die Zeichen der Zeit- doch das tat Heidegger damals ja ebenfalls...
mh schrieb am 23.10.2009 um 22:45
er setzt nur konsequent fort, was er begonnen hat:

Die Revolution der gebenden Hand
Von Peter Sloterdijk

snipurl.com/sp6s6
mh schrieb am 23.10.2009 um 22:46
ist vermutlich der faz-artikel auf den du dich beziehst.

mfg
mh
THX1138 schrieb am 23.10.2009 um 23:25
Ja, mit der "gebenden Hand" habe ich genau dieses Essay gemeint- und ihn gleich selber zitiert- hätte ich in meinem Kommentar stärker betonen müssen.
jfenn schrieb am 23.10.2009 um 23:03
Du hast dem Herrn Professor ja ein regelrechtes Tutorium in Finanzwirtschaft aufgeschrieben. Ich glaube aber nicht, daß er in diesem Sinne üben wird, denn sein ungeübtes Danebenliegen ist ja gerade Voraussetzung für den Absatz seiner Produkte. Die Desinformation, die er transportiert, wird gerne abgenommen, und ich glaube übrigens auch nicht, daß er das alles nicht verstanden haben sollte. Er weiß genau, was er tut. Auch wenn er in "Zorn und Zeit" die Psychoanalyse auf fünf Seiten als Schwachsinn denunziert. Das alles in ironisierender Weise leicht vor sich hin geplappert, die Gesprächsteilnehmer in den dick gepolsterten Sofas in der Autostadt grinsen sinnend vor sich hin, man sieht sie gleichsam vor sich.

Sloterdijks Texte wirken gedruckt wesentlich schärfer als von ihm selbst gesprochen. Hört man ihm zu, mag man die eine oder die andere Formulierung vielleicht noch als anregend empfinden, fabulierend, provokativ. In der gedruckten Form erkennt man problemlos das geistige Brandstiftertum.
Deaktivierter Nutzer schrieb am 23.10.2009 um 23:09
Das ist mein Eindruck, seit ich von seiner Zynischen Vernunft etwas sogar von ihm gelernt habe, seit seinen weiteren Büchern etwas und das meiste gegen ihn gelernt habe: "Hört man ihm zu, mag man die eine oder die andere Formulierung vielleicht noch als anregend empfinden, fabulierend, provokativ. In der gedruckten Form erkennt man problemlos das geistige Brandstiftertum." Genau das ist erkennbar. Danke für solche Lektüre, Lektürenbericht.
Angelia schrieb am 24.10.2009 um 09:00
Glaube keiner Statistik, die du nicht selbst verstanden hast. Ich dachte immer, Philosophie sei vom Wesen her an Wahrheit und Weisheit interessiert. Vielleicht versucht Sloterdijk ja das Wesen der Philosophie umschreiben.
Hans Kelsen schrieb am 24.10.2009 um 10:51
Gott sei Dank:
"Wenn die Philosophie ihr Grau in Grau malt, dann ist eine Gestalt des Lebens alt geworden, und mit Grau in Grau lässt sie sich nicht verjüngen, sondern nur erkennen; die Eule der Minerva beginnt erst mit der einbrechenden Dämmerung ihren Flug."
Das heißt doch dass Slottis ideologischer Aufruf das Ende der selben einläutet, oder? ;-)

Gruß

p.s.: Wer die Absicht in Slottis eingeschränkter (Steuer-/)Weltsicht nicht erkennt, ist selber schuld.
Ich dachte die Herrenmenschenideologie (Nietzschke, Nazis et al) ist in D endlich auf Müllhaufen der Geschichte gelandet. Aber Slotti, Sarrazin und Freunde beweisen das Gegenteil.
Die Rechte polarisiert und die Linke (bzw. kritische Vernunft?): Als Ökonom muss Sloterdijk noch üben?!
rajolitos3 schrieb am 24.10.2009 um 12:02
Stimme voll und ganz diesem Beitrag zu. Aber Sloterdijks Weg war von Beginn an konsequent auf die Zerstörung der kritischen Vernunft ausgerichtet. Als er damals als teutonische Ergänzung zur französichen Postmoderne in einer Art schmatzenden Pointilismus auf das Forum trat,wurde die Philosophie auf jenen Pfad gebracht, auf dem dann "Sofies Welt" ablief und heute Herr Precht wandelt.
Herr Botho (Strauss) aus Berlin hatte etwa zu jenem Zeitpunkt darauf beharrt, dass das Denken nicht mehr kritisch dialektisch weitermachen könne, sondern nun sich zur Dummheit bekennen müsse, um der Wahrheit nahe zu sein. Genau ersteres ist eingetreten: das Denken ist nach Marx und Adorno wahrlich dumm geworden und suhrkamp mitsamt ihrem neuen Star Sloterdijk auch.Von der Wahrheit hat man sich inde meilenweit entfernt. Mein Gott!Manchmal sehne ich mich nach Zeiten zurück, in denen drei Seiten auf irgendeinem Flugblatt der GIM mehr Denkvermögen und Wirklichkeitsdurchdringung aufwiesen als all die Quacksalbereien von Sloterdijk bis Weimer
Angelia schrieb am 24.10.2009 um 15:34
Ja nun, Philosophie ist, wenn die thrakische Magd lacht ;-)

Wenn man Hegels Satz so deutet, dass man hinterher, nach der Reflexion der Vergangenheit, immer schlauer ist und diesen durch Nietzsches Gedanken der stetigen Wiederkehr des ewig Gleichen ergänzt, muss sich für den ein oder anderen Philosophen irgendwie so was wie Langeweile einstellen. Im Großen und Ganzen bleibt nicht viel, was man bahnbrechend neu deuten könnte. Und da der Weg der Vernunft an sich nicht nur sehr anstrengend ist, sondern auch die Überwindung (Nietzsche) des Willens ( im Sinne Schopenhauers Wünsche und Triebe) voraussetzt, muss man sich nicht wundern, wenn die Gegenwart u.a. Philosophen eines Schlags Sloterdijk hervorbringt.
Heutzutage müsste ein Philosoph sich als Sisyphos, im Sinne Camus, glücklich fühlen können, um den Stein der Weisen auf Dauer weiter zu rollen. Ansonsten bliebe ihm, als ultima ratio, nur der Selbstmord. Wobei hier nicht gemeint ist, eine ganze Gesellschaft gleich mit in den Untergang zu ziehen. Sonst hieße es ja nicht Selbst-Mord.
Oder aber man verdingt sich eben als Haus und Hof - Vorzeige- Philosoph am Zweck des Boulevards, des Kommerz, der Wirtschaft und Politik. Um sich wenigstens kurzfristig zu profilieren ist dies jedenfalls der einfachste aller möglichen Wege. Da es für einen Philosophen ohnehin kein richtiges Leben im falschen gibt, spielt Wahrheit und Weisheit eh keine Rolle mehr.

Oder mit einfachen Worten ;-), ich warte auf die neue Casting - Show: Germany´s next Top Philosoph, mit Sloterdijk als Leiter der Jury.
Das wäre immerhin das kleinere Übel.
THX1138 schrieb am 24.10.2009 um 15:53
"Man muss sich Sysyphos als einen glücklichen Menschen vorstellen." Albert Camus (Der Mythos von Sysyphos)
Giuseppe Navetta schrieb am 24.10.2009 um 20:41
...es gab mal'ne hübsche Vorlesung im Bereich Philosophie an der Ruhr-Uni Bochum: Was ist die Bedeutug der Metaphysik in der Philosophie, wenn es sie gäbe?
...was war gemeint: Die Metaphysik oder die Philosopie als gesellschaftlich bedeutende Wissenschaft?
goch schrieb am 24.10.2009 um 13:28
Marx schrieb: die Philosophen haben die Welt nur unterschiedlich interpretiert, es kommt aber darauf an sie zu verändern.
Sloterdijk hat die herrschende Interpretation (marktradikaler Denke ) nur wiedergekäut, weiter nichts.
Giuseppe Navetta schrieb am 24.10.2009 um 20:32
...im Grunde genommen schon - nur das unsere Salon-Philosophon die Tautologien der Neoklassik, des Monetarismus, der Nutzentheorie/Grenznutzentheorie auch noch mit allerlei philosophischen Schmuck verzieren, der nichts anderes ist als überflüssiger Kitsch, der leider befürchten lässt, dass sie nicht allzuviel Wissen um die sozialphilosphischen Grundlagen ökonomischer Theorien haben...
goch schrieb am 24.10.2009 um 13:31
Marx sagte: die Philosophen haben die Welt nur verschieden interpretiert, es kommt darauf an sie zu verändern.
Sloterdijk will sie nicht verändern.
Giuseppe Navetta schrieb am 24.10.2009 um 20:23
@THX1138 @MH120480
"ökonomie darf nicht nett sein, sie muss rational sein und die offensichtliche probleme benennen. der rest ist dann dem gesellschaftlichen diskurs überlassen, denn gesellschaften können und dürfen nicht rational agieren, wenn sie sich ihre stabilität erhalten wollen."

Genau das ist aber Bestandteil der sich sozusagen nicht selber bewußten orthodoxen Lehre: Ihre instrumentelle Vernunft besitzt lediglich Scheinrationalität, die sich, wenn man es polemische Ausdrücken möchte, in angebotstheoretischen Theorien zumeist in Minimax- und Maximinfragen erschöpft. Das ist dann aber nichts anderes als eine zur gewöhnlichen Betriebswirtschaftslehre (...ja, auch der BWL könnte ein Paradigmenwechsel nicht schaden!) reduzierte Politische Ökonomie/Volkswirtschaftslehre, die ihrem Anspruch auf einer gesellschaftlichen Analyse auf der Makroebene nicht mehr gerecht wird.
Das politische Element in der ökonomischen Doktrinbildung ist den sozialphilosophischen Ursprungstheorien Utilitarismus, politischer Liberalismus, Sozialismmus u.a. geschuldet, es kann auch nicht einfach abgelegt werden, da es sich nicht lediglich um eine rein wissenschaftstheoretische Fragestellung handelt, sonder im Kern um die Bildung und Konstitution von Gesellschaft überhaupt geht.
Man kann es leicht feststellen: Die ökonomischen Theorien, die die Wertefreiheit ganz besonders betonen, sind genau diejenigen, die es weder auf empirische Prüfung ankommen lassen, Tautologien am laufenden Band konstruieren (Grundlagen des Homo Oeconomicus/Nutzentheorie) und an den entscheidenen Stellen vorallendingen eines sind: Nämlich normativ!
Die Wertefreiheit, die Max Weber sozusagen als tugenhaftes, wenn auch nur schwer oder im Grunde genommen, gar nicht einhaltbares Gebot wissenschaftlicher Redlichkeit einforderte, verkommt in der orthodoxen Lehre zumeist zur Legitimation des "Vorteils der Krämerseele".

P.S.: Ich möchte mich zu Sarrazin nicht mehr äußern - seine Äußerungen sind inhaltlich indiskutabel, sie sind im höchstem Maße normativ (Sozialdarwinistisch/Eugenik) und das genaue Gegenteil einer seriösen ökonomischen Analyse oder gar einer wertefreien Perspektive. Wer auf die Probleme menschlichen Zusammenlebens eingehen will, kann dies auch ohne sein Misanthropentum tun oder sollte es psychologisch untersuchen lassen. Er präsentierte seine persönliche wie auch intellektuelle Unreife und wurde glücklicherweise aus dem Amt geworfen. Und jetzt: Schluß aus, Basta mit diesem Herrn!
mh schrieb am 25.10.2009 um 16:36
man kanns auch unnötig kompliziert machen.

btw: sozialdarwinismus ist ein bestandteil menschlichen daseins, ob und das gefällt oder nicht.

mfg
mh
THX1138 schrieb am 25.10.2009 um 18:36
Im Gegensatz zu MH120480 bin ich allerdings der Meinung, dass der Sozialdarwinismus (oder das animalisch-destruktive) zwar ein Bestandteil des menschlichen Wesens ist (auch wenn dieser Begriff etwas veraltet wirkt und in Fachkreisen z. T. belächelt wird), der Zivilisationsprozess diese Urtriebe aber ganz erheblich gedämpft hat. Freud hat in diesem Zusammenhang vom Todestrieb gesprochen, an dessen gegenüberliegendem Punkt sich die Libido, das Vereinende befindet. Beides, sowohl das Destruktive als auch das Vereinende sind wesentliche Bestandteile der menschlichen Art. Doch unsere Zivilisationen zeitigen langsam erste Risse, durch die das animalisch-destruktive durchschimmert. Wie wir damit umzugehen gedenken, liegt in unser aller Hände. Natürlich können wir uns auch darauf verständigen, jede Form von gesellschaftlicher Solidarität sausen zu lassen- um den Preis der Mitmenschlichkeit und des gesellschaftlichen Zusammenhalts allerdings. Das wäre dann das Ende der Zivilisation, die ich persönlich als Gegenentwurf zum Gesetz des Dschungels sehe- auch wenn wir uns dann immer noch mittels 2 Gigahertz Prozessoren und Java-Apletts verständigen sollten: Schimpansen sind ja, wie allgemein bekannt ist, nicht nur in der Lage, einfachste Aktionen an einem Computer auszuführen, sondern auch eine gute Performance mit Aktienanlagen zu erzielen...
Angelia schrieb am 25.10.2009 um 22:45
Der Begriff Sozialdarwinismus beruht eigentlich auf einer Fehldeutung Darwins „Survival of the Fittest“ das Überleben des an seine (natürliche) Umgebung am besten Angepassten. Auch ist umstritten, ob man Begriffe aus der Biologie, deren Inhalte obendrein verdreht werden, einfach übernehmen und auf die menschlich konstruierte Lebenswelt projizieren kann. Insbesondere deshalb, weil Gesellschaften ihre Rahmenbedingungen selbst setzen, man die Natur jedoch nicht wirklich beeinflussen kann. Von einer natürlicher Selektion kann beim SD kaum die Rede sein. Das Konstrukt des Sozialdarwinismus findet man in der Ideologie des Nationalsozialismus und des konservativen radikalen Wirtschaftsliberalismus.
Man muss wissen, dass Sozialdarwinismus eine rein menschliche Erfindung ist, die jederzeit durch eine bessere ersetzt werden könnte. Wie THX1138 schrieb, könnte man auch den Weg „das soziale Wesen Mensch“ einschlagen, in Richtung Solidargemeinschaft.
mh schrieb am 26.10.2009 um 15:55
@THX: gedämpft, solange aufschwung herrscht und wohlstand waltet. sobald es da im gebälk knarrt, geht die dämpfung zurück. z.b. zur zeit. solang es dem großteil einer gesellschaft "immer besser geht", ist sozial ok. geht es uns schlecht, wenn auch nur minimal, dann fühlen wir uns bedroht .. es wird nicht mehr geteilt, soziales hat keinen platz mehr.

das legitimiert auch das "menschliche wesen".

@angelia: sozial darwinismus gab es schon vor darwin. da könnt man über vieles unken. aber es dürfte klar sein worum es geht .. der begriff erfüllt also seinen zweck. ;P
h.yuren schrieb am 26.10.2009 um 10:02
sehr schön, wie hier in dem artikel dem allergrößten dichter und denker auf die finger gesehen und getippt wird. sloterdijk ist eine scheinfirma. schon in seinem bewunderten werk der 80er jahre (kritik der zynischen vernunft) ist der wortakrobat dem menschheitlichen denker weit überlegen. ein angebot für viele.
theologen und philosophen hatten schon immer die edle aufgabe, den herrschenden dienstbar zu sein und ideologische munition zu liefern. sloterdijk reiht sich da in eine hehre riege ein. lesen oder hinhören lohnt sich nicht.
Bildungswirt schrieb am 26.10.2009 um 18:49
@alle
Die Gemeinde ist sich hier doch - soweit ich sehe - einig, dass Peter Sloterdijk mit seinen jüngsten FAZ und Cicero-Beiträgen neben der Sache fischt. Soweit, so gut.
Was mir nicht gefällt, ist der Ton der Besserwisserei bezogen auf sein umfangreiches Gesamtwerk, ohne zu zeigen, dass man es wirklich "besser" weiß.
Ich schlage vor, dass die "Kritiker" hier im Freitag mal Klartext vorlegen, z.B. eine fundierte Kritik an "Zorn und Zeit" (ich sage jetzt schon, dass ich es verteidigen werde) oder von "Weltfremdheit" oder der Sphären-Trilogie.
Gruß BW
georg31 schrieb am 26.10.2009 um 20:26
Vontobels Hauptargument gegen Sloterdijk ist die These:

„Das monetäre Einkommen misst eben nicht die Wertschöpfung, sondern bloß das, was jemand für seinen Beitrag vom gemeinsamen Bruttoinlandsprodukt kassiert...

Die eigentliche Wertschöpfung, die körperliche Arbeit, der geistige Input ... , kann zwar beobachtet und beschrieben werden. Messen, in Euro ausdrücken und damit vergleichbar machen, kann hingegen nur das, was die Leistungsbringer für ihre Leistung kassieren.“

Mit anderen Worten: Lohn (Geld) und Leistung (Wertschöpfung) sind nicht zwei Seiten einer Medaille.

Sie mögen häufig korrespondieren, können manchmal aber auch extrem auseinanderfallen (gierige Banker).

Dem liegt die stillschweigende Annahme zugrunde, dass es einen Wert an sich, einen „eigentlichen Wert“ gibt, dem der bezahlte Wert entspricht oder auch nicht.

Wie wird nun der eigentliche Wert erkannt?

Das ist die große Frage.

Die (vorsozialdemokratischen) Juristen hatten/haben damit kein Problem. Für sie gilt das Äquivalenzprinzip: egal, wie toll oder bescheiden eine Leistung oder Gegenleistung zu beurteilen ist – es wird vermutet, dass Leistung und Gegenleistung gleichen Wert haben, demgemäß als äquivalent (gleichwertig) bezeichnet werden können.

Wer so clever ist, den Verkäufer herunterzuhandeln (Neuwagenrabatt), bekommt ein „hochwertiges“ Auto für „wenig (-wertiges) Geld; wer zu doof oder zu faul ist, die Preise zu kennen und dementsprechend zu handeln, bekommt ein „hochwertiges“ Auto für „höher (-wertiges) Geld“.

Der wahre Werterkenner à la Vontobel weiß, welcher „eigentliche“ Wert dem Karren innewohnt, und welcher Preis demselben angemessen ist.

Da scheint er allerdings über seherische Fähigkeiten zu verfügen.

Wer sich jemals damit befasst hat, den Wert einer Immobilie zu erfassen, z. B. einer alten Fabrik (DDR), wird sofort einsehen, dass ein „eigentlicher“ „wirklicher“ Wert nun beim besten Willen nicht zu ermitteln ist.

Im Gegenteil.

Der Wert einer Immobilie ist nicht der vom Vollstreckungsgericht „ermittelte“ Verkehrswert gemäß Sachverständigengutachten, sondern der Betrag, den jemand als Meistbietender für die Hütte zu zahlen bereit ist. Dazwischen können Welten liegen.

Vergessen wir also den „eigentlichen Wert“, weil eh nicht existent.
mh schrieb am 27.10.2009 um 22:56
Das Philosophische Quartett - Halbzeit der Krise?
vom 25.10.09

www.zdf.de/ZDFmediathek/content/872518?inPopup=true
Wolfgang Ratzel schrieb am 30.10.2009 um 21:36
Hallo, Herr Vontobel,
ich habe Ihren Blog-Text in das Dossier Nr. 3 (Debatte Sloterdijk versus Honneth) aufgenommen. Das Dossier wird lektürebegleitend zum Lektürekurs des Autonomen Seminars an der Humboldt-Uni herausgegeben. Wir lesen: Peter Sloterdijk: Du mußt dein Leben ändern.
Ciao - wolfgang.ratzel@t-online.de (Autor des FREITAG)
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