Halt, Stopp! Es ist alles ganz anders: Nicht die Banken haben die Krise verursacht, schuld daran ist vielmehr die von den Linken genährte Illusion der Gleichheit. Und mit ihren Ankurbelungsprogrammen haben die Regierungen nicht etwa den konjunkturellen Zusammenbruch verhindert, nein, sie bereiten sie so eine noch viel schlimmere Krise vor. So war es dieses Wochenende in Leitartikeln der FAZ und der NZZ zu lesen.
Belege für diese gewagte These sucht man in der NZZ vergeblich. Ihr Chefideologe Gerhard Schwarz zieht einfach aus der ohnehin bekannten moralischen Verwerflichkeit aller Schulden den Zirkelschluss, dass auch deren Verursacher moralische Defizite haben müssen, genau wie die Banker - womit er diese aus der Schusslinie zieht: "Die Krise der Werte herrscht in anderen Bereichen der Wirtschaft, in Politik und Gesellschaft genauso, und sie kann dort möglicherweise sogar noch gravierendere Folgekrisen auslösen als die, die wir in den letzten Jahren erlebt haben. Sie zeichnen sich mit Schuldenbergen und Inflationspotenzial bereits am Horizont ab."
Die FAZ stürzt sich da schon in grössere geistige Unkosten. Wirtschaftredaktor Philip Plickert bemüht sich immerhin, eine zeitliche Parallele zwischen den Anwachsen der Staatsschulden und der Umverteilung herzustellen: "In den Siebzigerjahren schlug das Pendel um in Richtung Verteilungsgerechtigkeit. Über die Jahrzehnte hat der verteilende Staat gigantische Schuldenberge angehäuft und auf Kosten der kommenden Generationen agiert."
Ob es zwischen verteilendem Staat und Schuldenbergen einen kausalen Zusammenhang gibt, und wenn ja, in welche Richtung, untersucht Plickert nicht. Ohne weitere Begründung erklärt er den Kampf um die Verteilungsgerechtigkeit als "illusorisch", er spricht von einer "deutschen Gleichheitsfixiertheit" und von "Gleichmacherei". Damit muss für die FAZ-Leser alles alles klar sein: Schlagwörter ersetzen das Denken.
Nach demselben Muster sind denn auch Plickerts Schlussfolgerungen gestrickt: "Eine anspruchsvolle Sozialpolitik setzt einen Mentalitätswandel voraus. Es gilt, die (Selbst-)Blockaden in der Unterschicht aufzubrechen, gerade unter Migranten, und deren Aufstiegswillen zu stärken."
O.k. Aufstiegswille setzt Aufstiegserfahrung voraus oder zumindest entsprechenden Anschauungsunterricht. Blockaden kommen von wiederholten negativen Erfahrungen. Die sind aber in der wachsenden Unterschicht immer mehr die Regel geworden. Die Arbeitslosigkeit nimmt zu und die Qualität der Arbeit sinkt noch schneller als die Kaufkraft der Löhne. Seit mittlerweile 15 Jahren sinken die realen Einkommen der nicht nur der Unter - sondern auch der Mittelschicht. Diese Zahlen kann man nachlesen, wenn man nicht zu faul ist, seine eigenen Denkblockaden aufzubrechen.
Womit also bricht man die Blockaden? Mit einer besseren Verteilung der Einkommen einem nachhaltigen Aufschwung. Damit wären sind Plickert und Schwarz wieder zurück auf Feld 1. Allerdings sollen sie beim Weg über den Start noch ein das nötige intellektuelle Kapital abholen, sonst macht ein Neustart wenig Sinn.
Ausgabe 07/12
16.02.2012
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