Immer wenn die Arbeitslosigkeit zunimmt, schreien alle nach Innovation, nach neuen Produkten und neuen Tätigkeitsfeldern. Es müsste uns doch wieder etwas einfallen, wie damals das Auto, oder das Fernsehgerät. "Wie gibt es Neues?", fragt sich denn auch die deutsche Wochenzeitung "Zeit" zum Anlass des Regierungswechsels. Doch obwohl sie dem Thema eine ganze Seite widmet, kommt darin ein zentraler Gedanke nie vor: 90 Prozent aller Innovationen dienen dazu, bereits existierende Bedürfnisse mit noch weniger Arbeitsaufwand befriedigen zu können. Und selbst wenn wirklich neue Produkte erfunden werden, so hat der Tag des Konsumenten doch immer nur 24 Stunden. Neue Bedürfnisse fressen das Zeitbudget der alten weg.
Zwar kann es durchaus eine Rolle spielen, ob der Betrieb X eine Innovation schneller zu einem marktgängigen Produkt reifen lässt als Betrieb Y. Je nach dem werden die Arbeitsplätze hier geschaffen und dort abgebaut oder umgekehrt. Aber insgesamt wird die Arbeit dadurch nicht mehr.
In solchen Berichten fehlt nie das Lamento über die verpassten Chancen: Bei uns erfunden, aber in einem Land zum Markterfolg geworden. In Schweizer Medien wird jeweils die Flüssigkristalle erwähnt, in Deutschland ist es der MP3-Player. Und dann wird der Blues vom mangelnden Unternehmergeist wird angestimmt, der doch in den USA viel besser entwickelt sei, zumal es dort eine viel höhere Kultur des Risikokapitals gebe. Mag sein, doch was soll's? Tatsache ist, dass die USA ein riesiges Handelsbilanzdefizit haben, die Schweiz und Deutschland hingegen hohe Überschüsse. Und genau das ist schliesslich die Nagelprobe, wenn es um Erfolg oder Misserfolg im Innovationswettbewerb geht.
Doch wie insbesondere Deutschland und Japan erlebt haben, schützen auch Handelsüberschüsse und Innovations-Erfolge keineswegs vor Stagnation und Arbeitslosigkeit. Arbeit kommt eben nicht von Produkten, die noch keiner kennt und von Bedürfnissen, die erst noch geweckt werden müssen. Nein, die Sache ist viel einfacher. Jobs kommen beispielsweise davon, dass es sich viele Leute leisten können, sich im Restaurant bedienen zu essen, statt zu Hause selbst zu essen.
In Deutschland muss man dieses Beispiel inzwischen leicht variieren. Dort kommt die Arbeitslosigkeit auch davon, dass sich schon mehr als eine Million Menschen auch den Aldi nicht mehr leisten können und auf Suppenküchen angewiesen sind. Wer Glück hat, kann dort sogar einen 1-Euro-Job ergattern.
Die Suppenküchen heissen jetzt übrigens "Tafeln". Soviel Innovation muss sein.
Ausgabe 22/2012
31.05.2012
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