Die NZZ ist immer noch ein Intelligenzblatt. Doch man liest dort auch Leitartikel wie diesen. Die wahre Schuldenkrise komme noch, warnt Michael Ferber und zitiert eine Studie, in der wieder einmal die "implizite" Staatsschuld geschätzt wurde. Rechne man diese zur expliziten Schuldenlast hinzu, so werde es "erst richtig dramatisch." Für Deutschland errechnet die Studie eine Schuldenlast von 265.8, für Griechenland eine 808 BIP-Prozente. "Diese unglaublichen Werte zeigten, wie sehr die Staaten in den letzten Jahrzehnten über die Verhältnisse gelebt haben", kommentiert Ferber.
Nein, dieser unglaubliche Kommentar zeigt, dass Ferber nicht weiss, wovon er spricht. Die implizite Staatsschuld sagt nämlich, wie viel Kapital geäufnet werden müsste, wenn alle für die Zukunft versprochenen Renten oder Krankenkassenleistungen aus den Zinsen dieses Kapitals bezahlt werden müssten. Es geht es also um künftige und nicht um vergangene Leistungen - von wegen letzten Jahrzehnten. Ausserdem ist die gedankliche Konstruktion der impliziten Staatsschuld ohnehin unsinnig. Mit derselben Logik und mit einem Diskontsatz von 2 Prozent errechnet sich für jedes Land eine implizite Landesschuld von "unglaublichen" 5000 Prozent! In Normalsprache übersetzt sagt man damit allerdings bloss, dass das ganze Sozialprodukt von jemandem beansprucht wird.
Bleibt natürlich die Frage, ob dieses BIP reicht, um alle Ansprüche zu decken, bzw. ob nebst den Ansprüchen der Rentner, Staatsdiener und Krankenversicherten noch genügend BIP für die private Nachfrage bleibt. Doch um darüber etwas Sinnvolles sagen zu können, muss man andere Zahlen bemühen als die im- und explizite Staatsschuld Etwa die Kapitalauslastung, die Arbeitslosenquote oder den von der OECD errechneten Output-Gap. Alle diese Zahlen sprechen eine deutliche Sprache: Griechenland lebt zurzeit deutlich unter seinen Verhältnissen, Deutschland tut dies leider schon seit weit über einem Jahrzehnt.
Ein Grund dafür liegt nicht zuletzt darin, dass zu viele Ferbers die falschen Zahlen falsch interpretieren - falls sie sich überhaupt etwas überlegt haben.
Ausgabe 22/2012
31.05.2012
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