Vontobel

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16.12.2009 | 16:48

Warum dieser Aufschwung keiner ist

 

Geschafft! Nach sieben Quartalen ist die US-Wirtschaft im 3. Quartal erstmals wieder gewachsen. Doch die inzwischen nachgelieferten Zahlen zeigen, dass der sich anbahnende Aufschwung weit davon entfernt ist, selbsttragend zu sein.

 

Kein Land der Welt hat aufwändigere Konjunkturprogramme lanciert als die USA - zumindest in absoluten Zahlen gemessen. Im dritten Quartal 2009 ist nun das BIP endlich wieder gewachsen, wenn auch nur um 0,7 Prozent gegenüber dem Vorquartal. Fast alle Konjunkturexperten gehen davon aus, dass dies wie einst die Wende zu einem selbsttragenden Aufschwung sei. Sie haben noch nicht begriffen, dass die Wirtschaft heute anders tickt. Der alte Business-Cycle ist schon lange tot.

 

Im Abschwung des klassischen Business-Cycle gehen die privaten Investitionen zurück, es kommt zu Entlassungen, die Konsumenten fangen ansparen und verstärken damit den  zu Abschwung. Dann beginnt der Staat zu investieren, er zahlt Arbeitslosengelder aus und senkt die Zinsen, kurz er kurbelt die Nachfrage wieder an. Das ermuntert die privaten Unternehmen ihrerseits wieder mehr zu investieren und neue Stellen zu schaffen. Ende des Konjunkturzyklus.

 

Man beachte: In diesem Szenario hängt die Gesamtnachfrage nur von der Schwankungen der Investitionen und den damit direkt verbundenen Veränderungen der Beschäftigung ab. Verteilungsfragen spielen keine Rolle.

 

Soweit die Theorie. Nun zur Praxis. Anhand der volkswirtschaftlichen Daten können wir im Einzelnen nachvollziehen, wie sich die einzelnen BIP-Komponenten seit dem 3. Quartal 2008 in den USA entwickelt haben. Wenden wir uns zunächst dem Staat zu: Allen Ankündigungen zum Trotz sind die staatlichen Konsum- und Investitionsausgaben in diesen vier Quartalen nur gerade um 17 Milliarden Dollar gestiegen. Schuld daran sind vor allem die um 50 Milliarden gesunkenen Konsumsausgaben der Einzelstaaten und der Kommunen, die gesetzlich gezwungen sind, ihre Ausgaben den schwindenden Einnahmen anzupassen.

 

Dennoch hat der Staat die Wirtschaft kräftig angekurbelt und zwar erstens über die um 280 Milliarden Dollar gestiegenen Transferausgaben (Arbeitslosengelder, Pensionen usw.) und zweitens indem er auf insgesamt 340 Milliarden Dollar Steuereinnahmen verzichtet hat, bzw. verzichten musste. Obwohl diese Steuerersparnisse in erster Linie den wohlhabenden Schichten zugute kommen, dürften sich doch auch zur Stützung der privaten Konsums beigetragen haben.

 

Der private Konsum - er macht fast drei Viertel des US-BIP aus - hat sich denn auch leidlich gut gehalten. Er ist im 3. Quartal um immerhin 1,2 Prozent gestiegen und legt damit nur noch um rund 1 Prozent unter dem Niveau des Vorjahres. Bei normaler Konjunktur und angesichts weiterhin um rund 1 Prozent jährlich steigenden Bevölkerung hätte der Konsum allerdings um rund 3 bis 4 Prozent zulegen müsse. Jedes Prozent weniger schafft rund eine Million zusätzliche Arbeitlose.

 

Obwohl die Konjunkturprogramme also weit weitem (noch) nicht genügten, waren sie doch enorm teuer. Die Zunahme der Staatsschulden hat sich stark beschleunigt. Der Pegelstand der Nettoschulden ist innert Jahresfrist um 1900 auf 7500 Dollar angestiegen. Die Nettoschuld der USA gegenüber dem Rest der Welt liegt inzwischen bei 8000 Milliarden Dollar.*

 

Wer ist schuld an dieser Entwicklung? Die volkswirtschaftliche Gesamtrechnung gibt darauf eine klare Antwort: Schuld sind die privaten Arbeitgeber. Sie haben ihren Angestellten 280 Milliarden Dollar weniger Lohn ausbezahlt und konnten nicht zuletzt dadurch ihren Gewinneinbusse auf 84 Milliarden Dollar begrenzen. Weil sie aber gleichzeitig 240 Milliarden weniger investiert und die Dividendenauszahlungen um 130 Milliarden Dollar gekürzt haben, konnten sie trotz der Krise Bargeld bzw. Wertschriften horten. Die unausgeschütteten Unternehmensgewinne im 3. Quartal bereits wieder auf 640 Milliarden Dollar.  (Bei allen Zahlen handelt es sich um aufs Jahr hochgerechnete Quartalszahlen.)

 

Damit haben also die privaten Arbeitgeber der Wirtschaft einen grossen Teil der Kaufkraft, den ihr die staatlichen Ankurbelungsprogramme zugeführt haben, wieder entzogen. Das ist im klassischen Aufschwungsszenario nicht vorgesehen. Nach diesem Drehbuch müssen die Unternehmen im Abschwung mit unter den Vollkosten liegenden Preisen um die Gunst der Konsumenten kämpfen. Ihre Gewinne müssten im Abschwung schneller schrumpfen schneller als die Löhne und sich erst kräftig erholen, nachdem der Aufschwung selbsttragend geworden ist.

 

Doch davon ist in den volkswirtschaftlichen Daten der USA (noch) nichts zu sehen. Vor allem die Banken horten Geld wie noch. Ihre unverteilten Gewinne liegen bereits deutlich über dem Niveau vor der Krise. Dabei hat sicher mitgeholfen, dass die Krise die Zahl der Konkurrenten dezimiert hat. Die grossen Nahrungsmittekonzerne haben ihre Gewinnmargen auch während der Rezession laufend steigern, die Pharmakonzerne haben sie wenigstens halten können. Die Automobilindustrie mit ihren Milliarden-Verlusten ist eher die Ausnahme.

 

Eine erste Bilanz zeigt, dass die Krise das strukturelle Grundproblem der Weltwirtschaft eher noch verstärkt hat. Die Stellung der Arbeitnehmer ist noch schwächer geworden. Gemäss dem Wage-Report 2009 der Internationalen Arbeitagentur IAO ist das Verhältnis von Lohnwachstum zu BIP-Wachstum von 0,9 vor der  Krise auf 0,6 nach der Krise gesunken. Das zeigt auch, dass Konkurrenz auf den Gütermärkten offenbar nicht stark genug ist, um die Unternehmen zu zwingen, ihre sinkenden  Lohnkosten an die Konsumenten weiter zu geben. Damit entziehen sie der Gesamtwirtschaft die dringend benötigte Kaufkraft und verunmöglichen so einen selbsttragenden Aufschwung.

 

Dass es dennoch regelmässig wieder zu Aufschwüngen kommt, ist die Folge  Anlagenotstands. Wohin sollten die Unternehmen mit ihren unausgeschütteten Gewinnen? Für  eigene Investitionen brauchen sie sie offensichtlich nicht. Die anderen Unternehmen finanzieren sich auch locker selbst. Was bleibt sind einerseits Staatsschulden. Der Staat nimmt den Unternehmen das Geld ab, gibt es aus, und schliesst so die Nachfragelücke.

 

Doch Staatsobligationen bringen wenig Zins. Kein Problem. Man kann seine Guthaben beim Staat gegen einen tiefen Zins bei einer Bank belehnen und damit Aktien hoch rentable Aktien kaufen. Weil aber die Firmen per Saldo keine neuen Aktien ausgeben - sie finanzieren sich ja locker selbst - führt die steigende Nachfrage nach Aktien zwingend zu Kurssteigerungen, die wiederum neue Nachfrage auslösen.

 

Statt Aktien können es natürlich auch Immobilien sein. Ein Immobilienboom hat den Vorteil, dass davon auch sehr breite Schichten profitieren können, vor allem in Ländern wie den USA oder England mit einem hohen Anteil von Hausbesitzern. Diese können ihre wertvoller gewordenen Häuser belehnen, mit den so geschöpften Geld Konsumgüter kaufen und so die Nachfrage beleben.

 

Der jetzt in Gang gekommene Aktienboom eignet sich dazu weniger. Deshalb sorgt zurzeit noch der Staat für die nötige Nachfrage, doch dieser Staatschulden- und Aktienboom ist noch weniger nachhaltig als der Subprime-Immobilienboom von dem wir uns zurzeit gerade zu erholen versuchen.

 

 

 

 
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Kommentare
Giuseppe Navetta schrieb am 19.12.2009 um 12:45
Vielen Dank für den Artikel!
Vontobel
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Logbuch
02:26
archinaut hat gerade einen Kommentar geschrieben.
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Georg von Grote hat gerade einen Kommentar geschrieben.
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Hans Springstein hat gerade einen Blogbeitrag erstellt.
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Fro hat gerade einen Kommentar geschrieben.
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archinaut hat gerade einen Kommentar geschrieben.
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