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12.04.2010 | 18:16

Wessen Chimäre - von Buttlar meets Vontobel

Unter dem Titel "Die Konsum-Chimäre" rechnet FTD-Kolumnist Horst von Buttlar mit den Kritikern der deutschen Wirtschaftspolitik ab. Da fühle ich mich persönlich angesprochen. Also mal sehen, was Buttlar zu bieten hat. Die erste Hälfte des Texts verplempert er mit Stilübungen. Wir notieren: Neue Ungleichgewichtsexperten, Konsumchorknaben, willfähriger Chor der Konsumfreunde, Kritik aus deindustrialisierten Erdstreifen, Hyperkonsumismus. Dazwischen ein Bild: "Wenn eine grosse Party zu ende geht, mutet es seltsam an, dass jene Gäste die sich überfressen haben, nun auf den Caterer eindreschen, dass er so viel geliefert hat." Na gut.

Dann kommt plötzlich doch noch ein Argument: "Wer aber genau diese Konsumläuterung aussehen soll, sagt uns niemand. Sollen wir auch Doppelgaragen mit kreditfinanzierten Autos vollstellen. Oder die Ostseeküste mit Häuser vollballern? Sollen wir die Sparquote bei 8 Prozent deckeln? Dann fabulieren die einen abstrakt über mehr Geld für Bildung. Die andern fordern direkt höhere Löhne."

Da ist was dran. Mehr zu konsumieren, ist offenbar gar nicht so einfach. Dem Herrn von Buttlar jedenfalls kommen nur Dinge in den Sinn, die er für überflüssig hält - die Ostseeküste mit Häusern vollballern. Allerdings gibt es in Deutschland immer mehr Familien, die sich auch Ferien  an der Ostsee nicht mehr leisten können. Denen wäre mit Lohnerhöhungen vielleicht doch geholfen.

Doch angenommenvon Buttlar habe recht und mehr Konsum macht wirklich wenig Sinn. Dann stellt sich die logische Frage, warum sich Deutschland krummlegen und auch den die Unqualifiziertesten "in Arbeit bringen" soll, wenn man eh schon genug hat? Um noch mehr zu exportieren zu können? Aber das geht doch nur, wenn wenigstens die andern das konsumieren, was Deutschland verschmäht. Von Buttlar hat offenbar nicht begriffen, worum es uns Deutschland-Kritikern geht, nämlich um das Missverhältnis von Produktion und Konsum. Wenn Deutschland weniger produziert und arbeitet, kann uns das auch recht sein. Im Zweifelsfall sind wir eben mehr Ungleichgewichtsexperten als Konsumchorknaben.

Dann kommt uns Buttlar mit Dänemark, den Niederlanden und mit Schweden - "sonst Lieblingsvorbild der Linken". Auch sie hätten zum Instrument der Lohnzurückhaltung gegriffen. Na und? Auch die Dänen können irren und zudem ist es nicht dasselbe, wenn kleine Länder auf Kosten der grossen sparen, statt umgekehrt. Ausserdem: Wenn Deutschland die Löhne tief hält, sind die kleinen Nachbarn praktisch gezwungen dasselbe zu tun, doch damit ist noch nicht bewiesen, dass der grosse Bruder recht hat.

Etwas kniffliger ist das nächste Argument: "Die letzte Phase hoher Gehaltrunden in den 90er-Jahren, wir erinnern uns dunkel, produzierte allerdings vor allem eines: Massenarbeitslosigkeit." Na ja. Wir erinnern uns ebenso dunkel, dass Deutschland damals um ein Krisengebiet erweitert wurde, was vielleicht die Entwicklung auf dem Arbeitsmarkt mit beeinflusst hat. Dennoch: Es ist nicht auszuschliessen, dass die deutlich über dem Produktivitätsanstieg liegenden Reallohnerhöhungen zwischen 1990 und 1995 die Beschäftigung gedämpft haben könnten. Das wäre eine genauere Untersuchung wert. Das spräche aber nicht gegen die alte These der neuen Ungleichgewichtsexperte, wonach sich die Reallöhne im Gleichschritt mit der Produktivität entwickeln sollten - was in Deutschland seit 1996 nicht mehr der Fall ist.

Und dann noch dies: "Die deutsche Sparquote hat sich durch die Agenda 2010 nicht verändert, sie pendelt seit Dekaden um die 10 Prozent." Ja, da müsste man halt wissen, wovon man redet. Buttlar meint die Sparquote der deutschen Privathaushalte. Was uns Gleichgewichtsapostel aber stört, ist die Sparquote der Gesamtwirtschaft, inklusive Unternehmenssektor. Und gerade der hat dank Hartz IV eine Explosion der Gewinne und eine Implosion - na gut, Stagnation - der Investitionen erlebt. In normalen Zeiten waren die Unternehmen noch auf die 10 Prozent Sparquote der Haushalte angewiesen. In den nicht normalen Zeiten hat man sie halt notgedrungen in Griechenland oder in US-amerikanischen Doppelgaragen investiert.

 

 
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Kommentare
Achtermann schrieb am 12.04.2010 um 21:12
Es wäre durchaus ratsam, darüber nachzudenken, ob Wirtschaften nicht nur an Produktiv- und sonstigen Zuwächsen gemessen werden soll, sondern an kommunitaristischen Ideen. Zuvorderst sollte nicht die Frage der Konkurrenz, das Ausstechen des sog. Mitbewerbers stehen, sondern eine Art Wiederentdeckung des Gemeinschaftsgedankens innerhalb des Wirtschaftsprozesses. Nicht das Einsammeln von Kapital, um Renditen durch irgendwelche (!) Investitionen zu erzielen, wie die in jüngster Zeit entwickelten Derivate, sollte als Maßstab der Vernunft des Wirtschaftens gelten, sondern das Wohl möglichst vieler Menschen mit dem Ziel des gemeinsamen Wirtschaftens müsste mit Besonnenheit gleichgesetzt werden. Das mag sich weltfremd anhören, hätte aber sicher eine radikale Kritik des Bestehenden aus dem Blickwinkel des Gemeinwohls zur Folge.

P.S.: Den 24 Beiträgen, die Vontobel eingebracht hat, stehen null Kommentare gegenüber. Deshalb wäre es für den Wirtschaftsjournalisten ein Novum, wenn er reagierte.
Fritz Teich schrieb am 25.04.2010 um 11:58
<<
eine Art Wiederentdeckung des Gemeinschaftsgedankens innerhalb des Wirtschaftsprozesses.
>>

Das hat er doch gesagt, nur drueckt er es anders aus. Mit Betroffenheitslyrik ist nichts getan.
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