Wahlkämpfer auf Achse

Wahl lokal

12.08.2009 | 16:42

Ahoi! Oder wie ich mein Herz an die Piraten verlor

"Free your mind. And your heart will follow."

Maike Hank (Piratenpartei)

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Ich blicke zurück auf ein recht unpolitisch gestaltetes Leben, weich gebettet auf der nicht gerade singulären Haltung, man könne ja ohnehin nichts bewirken.

Jedoch, die politischen Ereignisse der letzten Monate, gepaart mit der Dynamik der Online-Petition von Franziska Heine, haben mich sehr berührt und geradezu elektrisiert, so dass ich Mitglied der Piratenpartei wurde. Und das nicht, obwohl dort angeblich so viele männliche Nerds agieren, sondern gerade deswegen. So sollte es schließlich nicht bleiben. Ich trat den Piraten bei wider die kritischen Blicke diverser Freunde und vor allem wider die Bedenken anderer Frauen.

Ein Alleingang also. Und wie sich herausstellen sollte, ein ganz persönlicher Entwicklungsprozess.

Bereits beim ersten Treffen, angesteckt von der Aufbruchstimmung, die in der Luft lag, und einem nicht ignorierbaren metaphorischen Surren all jener völlig unterschiedlichen Menschen, die sich dort einfanden, im Affekt dann sofort meine Zusage, ein paar Tage später mit nach Potsdam zu fahren, um noch fehlende Unterstützerunterschriften für Brandenburg zu sammeln.

Dort sprach ich bei schlechtem Wetter, ein Klemmbrett in den Händen und mit noch etwas zaghafter Stimme, Menschen an und bestaunte ein wenig meinen Mitstreiter, der wesentlich enthusiastischer und vor allem entspannter war als ich und selbst nach wiederholten Absagen nicht von seiner guten Laune abwich.

Ich dachte an all die Telefonakaquisiteure, Straßenverkäufer und -spendensammler, die ich in meinem Leben bisher ignoriert oder gar unhöflich behandelt hatte. Und inwiefern sich dies karmatisch auf meine Zukunft im Straßenwahlkampf möglicherweise auswirken würde.

Auf der Heimfahrt saß ich alleine in der M4 und trug an meiner Jacke noch einen kleinen Piratenpartei-Aufkleber. Es fühlte sich eigenartig an, jenes Branding, noch fremd. Und gut - genauso wie der ganze Tag.

Es folgten Treffen der Crew (Crews ersetzen in unserer Parteistruktur die starren Bezirksverbände etablierter Parteien) und der Presse- und Öffentlichkeitsarbeitsgruppe. Immer wieder neue Gesichter und immer wieder die gleiche, beeindruckende Geschäftigkeit, mit der Dinge geplant und organisiert wurden. So sagte ich dieses Mal meine Teilnahme am Killerschachspiel zu, das von einer Frau koordiniert wurde. Die Veranstaltung sollte im Anschluss an die Gamer-Demo auf dem Alexanderplatz stattfinden, um ironisch die Brutalität des Schachspiels zu inszenieren. Mit echten Menschen als Figuren und viel selbst angerührtem Kunstblut.

Dort zog ich am Tag des Spiels einen weißen Maleranzug an, wählte aus den Kostümen ein Piratentuch und besonnenbrillte mich bis zur Unkenntlichkeit. Ich war mir nach wie vor selbst nicht geheuer.

Als Läufer stand ich mit wehender Piratenpartei-Fahne unter einem grauen Gewitterhimmel am Alexanderplatz und dachte an den lächerlich kleinen Aufkleber am Revers eine Woche zuvor. Nach wenigen Spielzügen ging ich bereits zu Boden. Lange zehn Minuten lag ich regungslos am Spielfeldrand herum. Um am Ende auch noch von zwei ächzenden Jungs an Armen und Beinen davon getragen zu werden.

Die anderen Mitspieler erinnerten mich an die Animateure des Ferienclubs, für den ich vor Jahren einmal gearbeitet hatte: Das Austoben in den Kostümen, das Über-die-Stränge-Schlagen, die Selbstinszenierung, das Lachen. Ich fand das toll.

Nach dem Abschlussfoto, für das wir uns alle gemeinsam auf das blutige Schlachtfeld legten – ein großer, in flüssiges Rot getunkter Menschenhaufen - wuschen wir unsere Arme und Gesichter im Neptunbrunnen. Über Nacht war dieser von irgendjemandem mit Putzmittel bedacht worden und das Wasser trug weißen Schaum auf der Oberfläche. Nachdem wir wieder sauber waren, schimmerte dieser rosafarben.

Beim nächsten Crew-Treffen beschlossen wir, am darauf folgenden Samstag bei den Tischtennisplatten auf dem Helmholtzplatz für Piraten und Nichtpiraten eine Partie Ping-Pong zu veranstalten. Wir wollten das Ganze als Rundlauf spielen. Hier in Berlin sagt man doch tatsächlich „chinesisch“ dazu – bisher konnte mir allerdings niemand die Herkunft jener obskuren Bezeichnung erklären. Als zusätzliche Schwierigkeit würde die Teilnahme am Turnier nur mit – von den Piraten gestellten – Augenklappen möglich sein. Wer die meisten Runden gewann, sollte am Ende eine Flasche Rum geschenkt bekommen.

Credit: Maike Hank

Meine Crew ist ein gutes Beispiel für die in der Öffentlichkeit nicht immer wahrgenommene Unterschiedlichkeit der Piratenparteimitglieder: Dort finden sich beispielsweise Menschen vom klassischen Programmierer bis hin zum Betriebswirtschaftler, Kommunikationsberater, Media-Agenturinhaber, Kabarettisten, eine ehemalige Greenpeace-Aktivistin oder ein Producer - zum Teil gar mit Familie und Kindern.

Ich selbst bin Webdesignerin, arbeite aber seit fast zwei Jahren als Produktionsassistentin und bin Redakteurin eines kleinen Print-Magazins.

Ich erklärte mich dazu bereit, die Piratenpartie Ping-Pong zu koordinieren und auch nötige Vorbereitungen zu treffen. Im Westen der Stadt kaufte ich in einem wundervollen Dekorationsladen diverse Piratendevotionalien, freute mich über ein anderes Crewmitglied, das von einem Tischtennisclub ausgediente Schläger lieh und bei ebay Augenklappen für uns ersteigerte. Höchst altmodisch kopierte und faltete ich Flyer, da die gedruckten noch nicht fertig waren und trug mit einem Schmunzeln die benötigte Parteifahne zu mir nach Hause. Wo ich sie von einer Zimmerecke in die nächste stellte, weil sie noch nirgendwo richtig hinzupassen schien.

Die Aufhebung des räumlichen Sehvermögens mittels der Augenklappen führte am Tag der Piratenpartie zu sehr viel Spaß. Und wenn wir nicht gerade um die Tischtennisplatte hechteten, verteilten wir Flyer, sprachen mit Passanten, luden sie zum Mitspielen ein und gaben den am Helmholtzplatz herumlungernden Biertrinkern von unserem Eis, unseren Gummibärchen und unseren Augenklappen ab.

"Ohje, geht es etwa jetzt schon los?" stöhnte eine junge Frau, der ich einen Flyer anbot.

Aber ja! Geht es! Als ich am Abend den Helmholtzplatz verließ, waren die restlichen Piratenjungs damit beschäftigt, sich gegenseitig ihre GayRomeo-Accounts auf ihren iPhones zu zeigen.

Vergangenes Wochenende fand nun eine ganz besondere Aktion der Mitte-Crew „Jot Wee Dee“ statt. Bereits am Freitag wurde mit einem kleinen Motorboot symbolisch der Reichstag geentert. Es gab eine feste Anlegestelle, von der aus immer wieder in Richtung Regierungsviertel oder Museumsinsel gefahren wurde. Mittels Megaphon wurden die Menschen am Ufer dazu aufgefordert, die Piratenpartei zu wählen oder jemand las ihnen und vor allem diversen Politikern Passagen aus dem Grundgesetz vor. Da es sich um eine angemeldete Demonstration handelte, wurde das Ganze von der Wasserschutzpolizei eskortiert und auch die Presse war in Scharen anwesend, fuhr manches Mal gar auf dem Boot mit. Dieses wurde zudem von Fahrradpiraten mit wehenden Fahnen flankiert, die Flyer an Interessierte verteilten.

Zeitgleich, an einer anderen Stelle der Stadt, hatte sich eine Gruppe eingefunden, zu der auch ich abends nach der Arbeit für wenigstens zwei Stunden stieß. Frisch eingetroffene Plakatträger wurden dort mit Löchern samt Drähten versehen sowie vor allem piratisch besprüht. Einige Parteien hatten wider die Vorschriften bereits zu plakatieren begonnen, und da unsere Plakate noch nicht fertig waren, wollten wir mit den Pappen wenigstens gute Laternenplätze reservieren. Ein wenig so, wie die Urlauber in Spanien es mit ihren Liegestühlen handhaben. Gewiss würden die meisten Bewohner Berlins denken, die besprühten Hartfaserplatten stellten bereits unsere Plakate dar. Schön sahen sie nämlich aus.

Credit: Florian Bischof

Den Samstag verbrachte ich endlich auch bei den Spreepiraten. Direkt nach meiner Ankunft am Schiffbauerdamm war ein Platz für mich auf dem Boot frei. Ich sollte den Menschen am Ufer und den Touristen auf den anderen Schiffen winken, wenn ich wollte, denn diese winkten tatsächlich zurück.

Es klappte hervorragend. Einige jubelten uns sogar zu, hielten Daumen nach oben oder riefen, dass sie uns wählen würden. Zwei Mal passierten wir die Stelle, wo am Ufer gerade die Piratenkapelle ihr Musikvideo drehte, gleichzeitig brausten die Fahrradpiraten vorbei, die Sonne schien und alles fühlte sich ziemlich rund und vor allem nicht belanglos an.

Zurück am Schiffbauerdamm war ich beeindruckt von der positiven Resonanz und dem Pathos in meinem Herzen. Das letzte bisschen Zögerlichkeit und Distanz hatte ich eben in der Spree vesenkt. Außerdem überlegte ich, ob ich irgendwann einen phänomenologischen Text über das Winken schreiben sollte.

Über den Nachmittag verteilt kamen und gingen Interessierte und Piraten. Es wurde ziemlich viel Club Mate getrunken und diskutiert. Ein Pirat fasste für mich ganz gut zusammen, wie schade es sei, dass es bei uns noch nicht so viele Frauen gebe und dass es doch viel einfacher sei, jetzt bereits dabei zu sein, wo die Strukturen noch nicht gefestigt sind, alles in Bewegung ist.

Ich habe mich lange nicht mehr so häufig mit Gender-Fragen auseinandergesetzt wie in den letzten Wochen und befinde mich diesbezüglich in der Partei nach wie vor in einer beobachtenden Position, stelle aber immerhin schon einmal fest, dass man es als weibliches Neumitglied einfacher hat, da man unter den vielen hinzukommenden Gesichtern nicht so leicht untergeht. Insgeheim bin ich übrigens Piratin, obwohl es diese Bezeichnung offiziell gar nicht gibt.

Später kam unser Spitzenkandidat Florian Bischof direkt vom Plakatträgersprühen zum Bootfahren vorbei und ein Mitglied der Crew „Seetiger“ traf gar im Tigerkostüm ein. Von weitem hatte ich ihn, so plüschverhüllt, zuerst für einen bedauernswerten Junggesellenabschiedler gehalten. Gemeinsam waren wir Passagiere der letzten Spreerunde. Ich hatte das Gefühl, die Menschen am Ufer, auf den Brücken und Schiffen waren ebenso wie wir aufgeheizt vom Tag und deshalb genauso überdreht. Dass einer der Mitfahrer die Durchsagen vor der Ständigen Vertretung dann  „op Kölsch“ machte, gab dem Ganzen eine höchst surreale Anmutung. Ich hatte immerhin 15 Jahre lang im Rheinland gelebt. Und neben mir saß auch noch ein Tiger.

Kurz bevor die Fahrt endete, bekam ich das Mikro des Megaphons in die Hand gedrückt und las den ersten Absatz von Artikel 5 des Grundgesetzes vor. Meine Stimme hallte mir vom Ufer entgegen und ich erreichte tatsächlich all die Menschen dort. Ich schloss meine Durchsage mit den Worten: Eine Zensur findet nicht statt.

Credit: Cornelius Bartke

 
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Kommentare
Streifzug schrieb am 12.08.2009 um 16:53
Piraten fischen im Meer der Nichtwähler

Die Piraten sind der Guerilla-Faktor dieser Wahl. Sie brauchen anderen Parteien keine Wähler abspenstig machen sondern schöpfen aus dem Meer der Nichtwähler. Die anderen Parteien und die Journaille sind auf dem falschen Fuß erwischt, da sie alle Dreckschleudern auf die Linke und dort besonders auf Lafontaine gerichtet haben.

Es wird hoffentlich eine dicke Überraschung geben, toi, toi, toi.
dialog schrieb am 12.08.2009 um 18:02
Was genau möchtest du uns sagen, außer, dass es scheinbar Spaß macht und du dich da in eine Rolle versetzt fühlst? Irgendwie fehlt mir da vollkommen der politische Konsens und das unterstreicht gleichzeitig wieder ein bisschen die Meinung über eine Hype-Partei, die Leute umwirbt, die sich deren Wahlprogramm ohnehin nicht durchlesen werden und eher aus Jux mitmachen oder weil "die halt für Freiheit und soo sind", wie mir ein engagierter Pirat letztens seine Entscheidung begründete.
Streifzug schrieb am 12.08.2009 um 18:19
@dialog,

sprichst du von dir in der dritten Person, oder wer ist "uns"?
Deaktivierter Nutzer schrieb am 12.08.2009 um 19:04
@Streifzug: Streifst du durch alle Gewissen und Gewässer, die kein Wässerchen trüben, ähh, trügen können? So wie Capt. Ahab, der alle flinken dicken, mobilen Wale in einen großen Wähler-Pott schmeißt? Aber gut, dass du anstatt ‘fischen’ ‘schöpfen’ geschrieben hast, denn der big dipper kann schließlich nur letzteres, d.h. (dicke) Säugetiere und Artverwandte angeln.

Toi-Tieftauchchen finde ich zwar sehr mutig, allerdings werden da eher alte dicke Würste hervorgekramt, emporgeschöpft und verwurstet. What a Wurst. Oder so.
Maike schrieb am 12.08.2009 um 18:52
@diagonale
Als Autorin wurde ich gebeten, das Blog nicht zu Zwecken der Wahlwerbung zu nutzen und daran möchte ich mich halten. Darüber hinaus steht oben rechts in der Bechreibung "ein Tagebuch der Wahlkämpfer - ohne Wahlkampfgetöse."

(In meiner Kurzvorstellung äußerte ich mich bereits zu meiner politischen Motivation: www.freitag.de/community/blogs/wahlkaempfer-auf-achse/piraten-fuer-uns-auf-achse-maike-andreas-und-anita)
mh schrieb am 12.08.2009 um 19:51
ich fands ganz unterhaltsam... so als abriss über das, was die betreffenden so an der bewegung fasziniert.

mfg
mh
Maike schrieb am 12.08.2009 um 18:58
@dialog Entschuldigung, versehentlich falsche Anrede oben.
mh schrieb am 12.08.2009 um 19:46
vergleicht man mal so die texte in wahl lokal, stellt man hier zumindest mal qualitativ einen großen unterschied fest. ;)

@streifzug: ich kenne nun schon mehrere überzeugte nichtwähler, die die piraten wählen werden. ich selbst werde es auch tun.

strategisch gesehen ist es auch die beste alternative. protest auf der einen und ein wichtiges anliegen auf der anderen seite. lass es zum schluss zwei prozent sein, die merkel und fdp dann fehlen und es reicht aus um indirekt ein bewusstsein für die themen zu generieren.

die harte zeit für die piraten wird aber nach der wahl kommen, wenn auch die ersten enttäuschungen zu verdauen sind. da wird sich dann zeigen, ob sie als partei ernst genommen werden können und wenn ja, in welchem ausmaß.

mfg
mh
Karlender schrieb am 12.08.2009 um 21:53
Danke für diesen sehr persönlichen Einblick in das Wesen des Wahlkampfs. Sehr amüsant!
tok schrieb am 13.08.2009 um 13:20
Ein sehr schöner Text - mal was anderes als die so häufig wahlweise in die Rubriken Gesinnungs-, Reinwaschungs- oder Rückblickverklärungsaufsätze einzuordnenden Texte anderer "Politiker" (Politiker ist jetzt hier als Wortmarke für parteipolitisch in die Öffentlichkeit tretende Menschen gemeint).
Zustimmen muss ich Streifzug bei der Aussage des Fischens im Meer der Nichtwähler. Und das ist, um es mit einem weit etablierteren Berliner zu sagen, auch gut so. Der Nichtwähler ist ja als solcher nicht zwangsläufig unpolitisch, er hat aber möglicherweise einfach keine Veranlassung (mehr), seine Stimme abzugeben.
ebertus schrieb am 14.08.2009 um 00:14
Aus etwas anderer Perspektive, mit gewiss unterschiedlicher Intention, bei eher verschiedener Generationenzugehörigkeit und mit weniger direktem Engagement:

www.freitag.de/community/blogs/ebertus/was-soll-man-waehlen-wenn-ueberhaupt

...machen wir das Kreuz dennoch an der gleichen Stelle!?
testballon schrieb am 19.08.2009 um 09:18
Nicht Übel...

du kannst nicht nur gut schreiben, du siehst auch noch gut aus.

Wollte ich an dieser Stelle mal loswerden.

sommerliche Grüße
Wahlkämpfer auf Achse
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