Wahlkampfarena

Die Wahlkampfarena

09.03.2009 | 13:28

Blogger im politischen Diskurs: Interview mit Blogforscher Jan Schmidt

Dr. Jan Schmidt vom Hans-Bredow-Institut über politische Blogger, den Professionalisierungsgrad der deutschen Blogosphäre und die Rolle von Weblogs im Wahlkampf 2009

Kommunikation, Partizipation und Wirkungen im Social Web aus wissenschaftlicher Perspektive: Der Soziologe und Kommunikationswissenschaftler Dr. Jan Schmidt ist Referent für digitale interaktive Medien und politische Kommunikation am Hans-Bredow-Institut und hat sich auf die Erforschung der Blogosphäre spezialisiert. Seine Erkenntnisse über die Vielfalt von Weblogs und Bloggern, Nutzungspraktiken und Veränderungen gesellschaftlicher Bereiche durch das Social Web veröffentlicht er auch auf seinem eigenen Blog schmidtmitdete. Im Interview mit der Wahlkampfarena geht es um die Spezies der politischen Blogger, den Professionalisierungsgrad der deutschen Blogosphäre sowie um das Potential von Blogs als politisches Gewicht oder Medium einer Gegenöffentlichkeit.


Wie viele deutsche Blogs sind auf Politik spezialisiert, mit welchen Themen beschäftigen sie sich – und gibt es den typischen Politikblogger?
Diese Fragen kann man derzeit nicht wirklich beantworten. Es liegen keine aktuellen Studien vor, die das Themenspektrum und die Soziodemographie der deutschsprachigen Blogosphäre verlässlich (geschweige denn repräsentativ) erfassen. Bei den "Wie ich blogge?!"-Befragungen von 2005 und 2006 hatten wir unter anderem ermittelt, dass Blogger, die (auch) politische Themen anschneiden, tendenziell auch stärkeres politisches Engagement und Interesse an den Tag legen.Die Auseinandersetzung mit politischen Themen in Blogs kann aber auf unterschiedlichen Wegen geschehen; damit meine ich, dass politische Themen nicht nur in den auf Politik spezialisierten Blogs vorkommen können, sondern auch in Blogs, die sich eigentlich mit ganz anderen Themen beschäftigen. Ganz allgemein sollte man bei Politikblogs auch noch differenzieren, beispielsweise zwischen Blogs, die von Mandatsträgern, Kandidaten oder Parteigliederungen verantwortet werden einerseits, und Blogs, die von Bürgern geführt werden andererseits.


Welche deutschen Politblogger sind für Sie herausragend und lesenswert?
Das ist immer schwer, jemanden herauszuheben – ich nenne deswegen einfach stellvertretend nur netzpolitik.org: Einerseits wegen seiner Prominenz, andererseits weil die Autoren meines Erachtens die Kombination von Öffentlichkeitsproduktion und handfestem Engagement beziehungsweise Lobbying sehr gut bewerkstelligen – und beides ist nötig, wenn man sich in politische Diskurse und die daraus folgenden Entscheidungen einmischen möchte.


Wie gut sind die politischen Weblogs untereinander vernetzt?
Auch hier kann man das so allgemein nicht beantworten; es gibt thematische Cluster genauso wie Netzwerke entlang von Parteizugehörigkeit. Ich vermute, dass der bloße Umstand, über Politik zu bloggen, kein großes Gemeinschaftsgefühl – zum Beispiel über Parteigrenzen hinweg – mehr stiftet, dazu ist die Blogosphäre zu ausdifferenziert.


Deutschen Bloggern wird zum Beispiel von Ansgar Zerfass nur ein geringer Professionalisierungsgrad attestiert. Wie groß ist die Kluft zwischen Deutschland und den USA noch?
Was genau meint Professionalisierung in diesem Zusammenhang? Dass man als Blogger von seinem Blog lebt? Solche Fälle sind in Deutschland mangels "Masse", sowohl auf Seiten der Blogger als auch auf Seiten eines Publikums, sicherlich deutlich seltener. Dass man über die Themen bloggt, die man auch professionell, das heißt beruflich bearbeitet? Da gibt es schon deutlich mehr Vertreter, nicht zuletzt die Blogs von Parteigliederungen oder Berufspolitikern. Dass politische Blogs an professionell hergestellte, das heißt an journalistisch produzierte Öffentlichkeiten anschließen beziehungsweise sich mit ihnen überlappen? Hier sehe ich noch Verbesserungsbedarf, wobei ich meine, dass gerade im Bereich IT-Politik/Datenschutz/digitale Bürgerrechte die deutsche Blogosphäre sehr wichtige Arbeit leistet.


Erfüllen die deutschen Politblogger die Hoffnung, eine Gegenöffentlichkeit zu den klassischen Medien zu stellen?
In bestimmten Politikfeldern ja, siehe das gerade erwähnte Thema "Internetpolitik" – wobei es vielleicht gar nicht mal eine Gegenöffentlichkeit ist, sondern vielmehr überhaupt eine Öffentlichkeit. Bestimmte Themen und Meinungen aus diesem Bereich wie Überwachung, Internetregulierung, etc. schaffen gar nicht den Sprung in die Massenmedien. Hier sind Blogs eine wichtige Ergänzung des Journalismus. Ganz allgemein aber überfrachtet man individuelle Blogger und die Blogosphäre, wenn man sie in Konkurrenz zu den etablierten Medien stellt. Blogs folgen anderen Regeln und Routinen für die Auswahl, Aufbereitung und Präsentation von Informationen und Themen; sie sind keine Konkurrenz, sondern eine Ergänzung und Erweiterung der klassischen Medien.

Blogforscher Dr. Jan Schmidt: "Das Internet erhöht nicht von sich aus einfach mal politisches Engagement oder politisches Interesse, sondern es ist ein Werkzeug, um an diejenigen Informationen zu kommen, die mich interessieren." 




Führt das Internet (und die Option, zum Beispiel via Blogs Meinung und Information zu suchen und zu verbreiten) zum Empowerment des Durchschnittsbürgers oder sind es die sowieso schon Politikinteressierten, die ihr Engagement auf das Netz ausweiten?

Eindeutig letzteres; das zeigen zahlreiche Studien, nicht nur für die blogbasierte Kommunikation. Das Internet erhöht nicht von sich aus einfach mal politisches Engagement oder politisches Interesse, sondern es ist ein Werkzeug, um an diejenigen Informationen zu kommen, die mich interessieren. Das können politische Meinungen genauso sein wie Videos von kleinen Katzen, die von Schaukeln fallen. 

Das Internet ist auch nicht per se "inhaltlich demokratisch", wie die gar nicht mal so kleine Szene von rechtsradikalen Communities und Foren zeigt.Allerdings, und insofern kann man von Demokratisierung sprechen, senkt das Internet die Hürden, seine eigene (politische oder sonstige) Meinung zu äußern und mit anderen zu teilen; ich brauche keine Druckerpresse oder keinen Funkturm mehr. Das garantiert zwar noch kein Publikum für die eigenen Äußerungen, aber zumindest besteht die Chance, dass man sich mit anderen Menschen austauschen, gegebenenfalls auch vernetzen und organisieren kann.


Welche Impulse können Politikblogger an das reale politische Geschehen abgeben?
Als Blogger tragen sie zu Öffentlichkeiten bei, die unterschiedliche Reichweite haben; um tatsächlich politischen Druck auszuüben, ist es aber in aller Regel noch notwendig, von etablierten Medien aufgegriffen zu werden, die deutlich mehr Menschen erreichen und so Themen auf die gesellschaftliche Agenda setzen können. Als Bürger stehen ihnen weitere Möglichkeiten des politischen Engagements zur Verfügung, von der Mitsprache in Parteien über Demonstrationen bis hin zum Spenden Sammeln. Hier können Blogs vor allem Mobilisierungs- und Vernetzungsfunktionen übernehmen.


Welche Rolle werden die politischen Blogger im Wahlkampfjahr 2009 übernehmen?
Hier ist erneut zwischen den partei- bzw. organisationsnahen und unabhängigen Bloggern zu unterscheiden. Die Parteien werden in ihren Wahlkämpfen Blogs nicht in den Mittelpunkt der Online-Kampagnen stellen, sondern sie eher als Ergänzung zu den eigenen Vernetzungs- und Mobilisierungsangeboten – wie meine-spd.net oder my.fdp.de – sowie zu den Aktivitäten auf Video- und Netzwerkplattformen nutzen.

Das hat zum einen etwas mit Reichweite zu tun – durch gut gemachte Angebote auf studiVZ oder wer-kennt-wen, oder durch clever produzierte und verbreitete Videos auf Youtube erreicht man deutlich mehr Nutzer, als über die vergleichsweise kleine Szene der Blogs. Zum anderen hat es etwas mit der Art der Kommunikation zu tun - Parteien und einzelne Mandatsträger oder Kandidaten tun sich augenscheinlich weiterhin schwer, die in Blogs erforderliche offene, authentische, subjektiv-persönliche Sprache zu finden; ein Umstand, der übrigens auch daran liegt, dass Politiker aufgrund ihrer Rolle und Position ihre Außendarstellung und öffentliche Kommunikation sehr stark kontrollieren müssen. Twitter erscheint mir da interessanterweise sogar deutlich besser geeignet; in 140 Zeichen erwartet niemand ein ausgefeiltes Statement, und die Möglichkeit des mobilen Publizierens passt wohl besser zu den Arbeitsroutinen von Politikern.

Unter den unabhängigen Bloggern wird Politik in diesem Jahr sicher auch eine stärkere Rolle spielen, einfach weil Wahlen, Bundestagswahlen noch dazu, ein beherrschendes Diskussionsthema sein werden. Es ist vorstellbar, dass es Initiativen und Experimente mit blogbasierten Debatten geben wird – vielleicht entwickelt ja im Moment schon jemand einen Aggregator für politikbezogene Blogbeiträge?


Und wie wird sich die politische Teilöffentlichkeit der Blogosphäre in Zukunft entwickeln?
Mittelfristig wird sich meines Erachtens die Blogosphäre als Geflecht von vernetzten thematischen Teil-Öffentlichkeiten weiter etablieren. Sie wird in Bezug auf Reichweite und Anspruch an die Selektion und Aufbereitung von Themen zwischen den massenmedialen, professionell produzierten Öffentlichkeiten mit hoher Reichweite einerseits und den persönlichen Öfffentlichkeiten der Netzwerkplattformen andererseits liegen, und viele Überlappungen und Verschränkungen mit diesen Sphären der Öffentlichkeit haben.

Jan Schmidt wird auf der re:publica’09 mit einem Beitrag zu seiner aktuellen Studie “Jugendliche und Web 2.0″ vertreten sein.
 
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Kommentare
cemb schrieb am 24.03.2009 um 15:04
Blogs sind nur eine Option politische Meinung im Web zu äussern oder zu Themen zu mobilisieren. Die Spannweite des politischen Diskurses erstreckt sich nicht nur auf Blogs sondern auf alle Möglichkeiten im Social Web: Microblogging via Twitter & Co, Social Networks wie Xing, LinkedIn, MySpace oder StudiVZ, die altbekannten unzähligen Foren, in verschiedenen Wikis etc.

Alle diese Möglichkeiten werden auch praktisch und intesiv genutzt. Von den Bürgern. Die Parteien und politischen Gruppen entdecken sie momentan erst zaghaft nach und nach. Sie werden von ihnen aber kaum genutzt. Ein Diskurs zwischen den Parteien und den Bürgern findet im Social Web kaum statt.

Das zu ändern und dafür neue Impulse zu schaffen, ist die Aufgabe des PolitCamps09 in Berlin. Siehe auch hier.
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weinsztein hat gerade einen Kommentar geschrieben.
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@dllxllb hat gerade einen Kommentar geschrieben.
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