1
]
"Diese Geschichte immer mit dem Tiefpunkt, dann und noch einmal 'nen Tiefpunkt, dann gibt es noch einmal 'nen niedrigeren Tiefpunkt - ich kann diesen Scheißdreck nicht mehr hören." Na, wer hat's gesagt? Richtig: Rudi Völler, im September 2003. Die Berichterstattung der beiden Fußballexperten Gerhard Delling und Günther Netzer nach dem verkorksten Auftritt gegen Island hatte den damaligen Trainer der deutschen Nationalmannschaft derart in Rage gebracht. Völler sah sich und sein Team ungerecht behandelt und schlug zurück. Nach dem Zwischenfall ging es sowohl mit der Leistung der Mannschaft als auch mit dem Wohlwollen der Kommentatoren bergauf.
Die Geschichte mit dem Tiefpunkt wiederholt sich auch im aktuellen Bundestagswahlkampf und zwar für die SPD und ihren Kanzlerkandidaten Frank-Walter Steinmeier.
Am 3. August titelte Bild.de "Steinmeier versinkt im Umfragetief". Nicht der erste Tiefpunkt. Am 5. August hieß es nicht nur auf faz.net "SPD stürzt auf 20 Prozent ab". Ein neuerlicher Tiefpunkt. Laut einem Bericht des Handelsblatts "dümpelt" die SPD am heutigen Mittwoch bei 24 Prozent. Trotz Zuwachses noch immer ein Tiefpunkt. Auf Focus-Online ist von nur 21 Prozent die Rede. Der Titel: "SPD noch immer im Abseits"- immer noch am Tiefpunkt. Ein völlerscher Ausraster ist bei Steinmeier (noch) nicht in Sicht - zumindest nicht in der Öffentlichkeit. Besserung aber auch nicht.
Kann Steinmeier das Ruder noch herumreißen?
Letzten Mittwoch ging diese Freitagsfrage der Woche in der Wahlkampfarena online, heute abend wird sie als solche abgelöst. Das vorläufige Endergebnis ist eindeutig: 28 Prozent der Teilnehmer an der Debatte trauen es Steinmeier zu, 72 Prozent nicht. Immerhin: Hinter der zwei der Pro-Fraktion steht eine acht. Dennoch ist das Votum klar. Ein Blick auf die Antworten und das Abstimmungsverhalten gibt eine Ahnung, worin diese Probleme liegen könnten - natürlich ohne Anspruch auf Vollständigkeit.

Das Wordle zur Freitagsfrage der Woche.
1. Fehlende Alleinstellungsmerkmale der SPD
In einer großen Koalition nähern sich die Koalitionäre an, das sagt die Theorie, das zeigt die Praxis. Nicht wenige Wähler werfen SPD und Union deshalb fehlendes Profil vor - auch in der Debatte in der Wahlkampfarena.
wwalkie: "In Wirklichkeit dümpelt Stony's Boot neben dem der christlichen Seefahrt auf dem Mainstream. Da wird nix 'rumgerissen!" MMeester konkretisiert: "Die SPD hat die meisten ihrer inhaltlichen Alleinstellungsmerkmale verloren, oder, noch schlimmer, freiwillig abgegeben. Sie ist ausgehöhlt, inhaltlich wie personell."
2. Der Kandidat Steinmeier
Seit seiner Kandidatur muss sich Frank-Walter Steinmeier zahlreicher Skeptiker erwehren, die ihm die Fähigkeit absprechen ein guter Wahlkämpfer bzw. Kanzler zu sein. Er sei zu zurückhaltend, zu wenig kämpferisch, zu blass.
"Taschentiger" etwa schreibt: "Angela Merkel ist beliebt, und Steinmeier fehlt das Charisma um überhaupt noch einen Punkt aufzuholen." derfreitagsmaler und magda meinen, er wolle lediglich das "20%-x-Debakel halbwegs verhindern" und "nur so schippern, dass es am Ende eine Große Koalition gibt". Der CDU-Politiker Simon Zeimke ergänzt, Steinmeier sei "ein Stratege und kein Wahlkämpfer".
3. Politische Fehler
Viele SPD-Wähler und ehemalige Sozialdemokraten nehmen der Partei die Agenda 2010 immer noch übel. Sie erkennen das "S-" im Titel der SPD nicht mehr wieder (vgl. born2bmild).
Dr. Kirsten Tackmann, Abgeordnete der Partei Die Linke: "Für die SPD gibt es nur eine Chance wieder in ruhigere Gewässer zu kommen: Sie müssen wieder sozialdemokratische Politik machen." Diese Forderung kommt aus dem Mund des politischen Gegners wenig überraschend. Dennoch teilen sie viele andere Nutzer, wie zum Beispiel urdenc: "Ich sehe für die SPD derzeit mit Frank-Walter kein Licht am Horizont. Was helfen könnte, wäre ein klarer Kurswechsel nach links und eine Neuwahl des Führungspersonals." Auch misterL meint, um das Ruder herumzureißen, müsse "man den Kurs glaubhaft ändern." Die SPD renne in eine Sackgasse, namens “Hartz IV”, schreibt rheinelbe.
MMeester ergänzt: "Dazu kommen Fehler wie die geradezu kindische Verweigerungshaltung gegenüber der Linkspartei, Einknicken vor der Bildzeitung, Unterschätzen der Dynamik des Internets, und noch viele mehr." Gepaart mit der "subtilen Meinungsmache der Mainstreammedien" würden diese handwerklichen Fehler Steinmeier das Genick brechen. Hinzu kommen, nach Meinung von CDU-Mann Simon Zeimke, individuelle Patzer und Fehlbesetzungen: "Zum einen das Problem Schmidt (...), dann das Debakel mit dem sog. Kompetenzteam. Vor "Kompetenz" hat besonder der "Internetbeauftragte" Heil gestrotzt... ."
4. Die Schockstarre oder Trägheit der SPD'ler
Bei der Auswertung der Freitagsfrage der Woche fällt, neben dem SPD-Frust mancher Diskutanten, vor allem die Abwesenheit der SPD auf. Der Bundestagsabgeordnete Manfred Zöllmer und der Kommunalpolitiker Max Schmidt haben sich als einzige Politiker getraut, schriftlich Stellung zu nehmen. Unterstützt werden sie von lediglich sieben Nutzern, die Steinmeier zutrauen, das Ruder herumzureißen.
Nur 33 Prozent der Steinmeier-Unterstützer sind SPD-Anhänger, aber auffallend viele haben keine Angabe über ihre Parteipräferenz gemacht. Sind das etwa die enttäuschten SPD-Leute, die nur noch anonym zu ihrer alten Liebe stehen? Oer kritisieren sie sie deshalb umso heftiger, umso sarkastischer. Wer manche Antwort auf der Pro-Seite betrachtet, kann diesen Eindruck gewinnen.
Wo also ist die SPD? Das Ergebnis der Freitagsfrage der Woche war vor dem Hintergrund der aktuellen Umfrageergebnisse durchaus zu erwarten. Eine Überraschung ist hingegen, dass die SPD-Politiker und Anhänger entweder völlig verunsichert, wenig internet-affin oder einfach sehr sehr wenige sind. Die schlechte Ausgangslage vor der heißen Phase des Wahlkampfs ausschließlich auf die Dauerberieselung irrelevanter Umfrageergebnisse und die Passivität der Gegner zu verweise reicht nicht.
Es braucht vielleicht einige deutliche Worte von Frank-Walter Steinmeier an die Adresse seiner Mitstreiter. Das Teamplay funktioniert nicht.
Janusz für die Wahlkampfarena
|
|
Ich denke, es ist das Problem der dritten Dimension. Auf seiner Tauchfahrt mit der SPD kann Steinmeier das Ruder durchaus noch herumreißen.
Er kann wild nach rechts oder links driften. Ob er allerdings wieder an Höhe gewinnt, wage ich zu bezweifeln. Vielleicht hätte Steinmeier einen Tauchlehrgang absolvieren sollen. Einen Trost gibt es. Die Welt der Tiefsee bietet auch atemberaubende Anblicke. |
Ausgabe 22/2012
31.05.2012
keine Versandkosten
kein Aufpreis
Einzelpreis: 3.60 €
>> bestellen