wahr

after the fade

26.05.2011 | 12:01

Bob Dylan zum 70sten: Überlagerungs-Dub Revisited

 

Was ich lange, lange Zeit an Dylan so verabscheute - seine Uneindeutigkeit, seine gleichzeitig in allen Zeiten verpflanzte Musik, seine Nachlässigkeit und Sprunghaftigkeit dem eigenen Material gegenüber - kumulierte in meiner völligen Intoleranz gegenüber seiner Stimme. Ich spürte schon immer irgendwie, dass sie der Schlüssel zu seiner Gesamtkunst darstellt, der Kern dessen, warum sie nicht greifbar ist. Ich spürte auch, dass ich Dylan eigentlich gut finden müsste. Dass ich es nicht tat, machte mich seinem Werk gegenüber zynisch und herablassend. Dylan war für mich ein erledigter Fall, mein Fall sowieso nie, und allenfalls erträglich, wenn jemand einen Dylan-Song coverte, was immer der Dylan-Version vorzuziehen war. Das machte mich noch wütender gegenüber seinem Werk. Wieso schaffte der Typ es nicht wenigstens, seine eigenen Songs am überzeugendsten zu spielen? Wieso konnten selbst das andere besser als er?

Dann hörte ich zufällig eine aktuelle Platte von ihm - „Modern Times“ - und fand plötzlich seine Stimme sehr angenehm sanft und Dylan-fremd. Aber auch „Modern Times“ war nicht einfach für mich. Mich störte, dass Dylan alles zusammengeklaut hatte. Ich las, er hätte ganze Passagen aus fremden Songs und Texten zusammengetragen und zum Teil wortwörtlich übernommen. Für die Musik galt das gleiche: Keine Sekunde war neu, die Songs waren aus bekannten Versatzstücken zusammengebaut, trotzdem autorisierte er sie als Dylan-Kompositionen. Aber das geht doch nicht, empörte ich mich, wo bleibt denn da die Eigenständigkeit? Klaut einfach und gibt es als das seine aus! Ich hatte daran zu knacken (und sah erst später, dass die Kunst darin liegt, das vorliegende Material sich überlagern zu lassen, woraus sich eine andere, ganz eigene Textur ergibt; im Prinzip baut sowieso alle Kunst auf vorher von anderen geschaffener Kunst auf - Gegenbeweise nehme ich gerne entgegen).

Die Songs auf „Modern Times“ jedenfalls waren mit einer großen Lockerheit gespielt. Seine Band schien musikalische Geschichten und Querverweise der amerikanischer Pop-Kultur schlafwandlerisch aus dem Ärmel zu ziehen. Ich war fasziniert - und froh, endlich einen Zugang zu Dylans Stimme gefunden zu haben. „Modern Times“ wurde die erste Dylan-Platte, die ich mir kaufte.

Von hier aus können wir schneller skippen: Von diesem winzigen ersten Zugang zu Dylans Stimme aus rollte ich das Feld von hinten auf: Ich las Heinrich Deterings Dylan-Büchlein von 2007 (Reclam), besorgte mir „Dylan Live 66 (The Bootleg Series Vol. 4)“ und war total begeistert von der rauen Musik und der arrogant-irrisierenden Aura des Gipfelstürmers und Enigmaten, den Dylan 1965/66 darstellte. Ich lernte seine Art des Gesangs und der Intonation zu schätzen. Ich kenne eigentlich niemanden, der Verse in dieser Weise in den Sog ziehen, peitschen, betonen und formen kann, wie Dylan es zu seiner Punk-Zeit 1965/66 vermochte. Außer Johnny Rotten vielleicht, der eine ähnlich pointierte Leistung hinbekam, als er beispielsweise „I don’t want a holiday in the sunnnya!/ I just wanna go to the new Belsennnya“ sang.

Dylans „Holidays In The Sun“ heißt „Subterranean Homesick Blues”, ein atemlos virtuoser, schneller Versfluss, erschienen 1965 auf „Bringing It All Back Home“. Eine unerreichte Fluchtfahrt durch Amerika, die das äußere nach innen kehrt. Die Musik ein schnelles, dichtes elektrisch-akustisches Gelärme, noch so gerade als Blues erkennbar. In Form gehalten durch Dylans virtuosen Schnurgesang. Es gibt auch reine Folksongs auf „Bringing It All Back Home“, jedoch mit einer Schärfe und Attitude gespielt und gesungen, dass sie den elektrischen Songs in nichts nachstehen.

Beispielsweise auf „Gates Of Eden“ oder auch „She Belongs To Me“ bekommen die Lyrics eine nachdrücklich rhythmische Betonung (statt eine melodiöse), wie sie so ganz ähnlich auch im Hip Hop Jahre später eingesetzt wurde. Sowieso hat der Dylan (nur zu jener Zeit? Zu allen Zeiten? Zu bestimmten Zeiten?) ein ähnliches Sprechgefühl wie viele Rapper sie haben. Ich sehe da starke Ähnlichkeit zum Beispiel zu Rakim. Dylan selbst war/ist ja HipHop ziemlich zugetan, er arbeitete mit Kurtis Blow zusammen, der ihn mit Public Enemy, Ice T. und N.W.A bekannt machte. In seinen „Theme Time Radio Shows“ verirrt sich auch immer mal wieder ein HipHop-Track.

Auch toll: Dylan 1965/66 klingt arrogant wie Sau! Du kannst ihm nichts, ich kann ihm nichts, the Government kann ihm nichts. Er arbeitet nicht mehr für jemand anderen. Auf Interviewfragen gibt er Nonsense-Antworten, er versteckt sich hinter seiner Sonnenbrille, den Wuschelhaaren, verrätselten Versen und dem schrammeligen Strom seiner Songs. Dylans Ich war hinter der Linse seiner Kunst nicht scharf zu stellen und ist es bis heute nicht.

Und dann merkte ich irgendwann, dass ich auch über meine Liebe zu Dub-Reggae zu Dylan hätte finden können. Denn Dylan und Dub geht gut zusammen. Auch im Dub wird der Autor vom Track entfernt, durch Elektromechaniker und Tontechniker wie Scientist und King Tubby auseinandergenommen und seiner Ich-Bezogenheit beraubt. An dessen Stelle tritt der abstrakte Effekt, oder ein anderer Sänger oder DJ (oder ein DJ, der über einen anderen DJ drübersingt, der über den Sänger drübersingt).

Aus Zitaten und ganzen Originalpassagen eines Reggae-Tunes entstehen so im Dub wieder neue Texturen, wie bei Dylan, der sich den gesamten Schatz amerikanischer Folk-, Blues-, Country- und Rockmusik einverleibt und mit geklauten Passagen eines japanischen Yakuza-Romans verschränkt, was im Dub der Phase entsprach, als Geräusche und Kontexte von Bruce-Lee-Kung-Fu-Filmen die Dubversionen in neue Zusammenhäge stellten. Auch Dub-Adepten wie Moritz von Oswald entziehen ihren elektronischen Dubs das eigene Ich, geben keine Interviews und lassen sich nicht per Foto oder Film personalisieren. Und Sie dachten jetzt, das kommt bei Oswald/Rhythm&Sound/Basic Channel wegen Elektronik-Background, Weißmusterplattendingens, Pseudonymenspiel und Anonymisierung im Techno-Kontext, was? Hahaha! Aber es kommt von Dylan, Dylan, Dylan!!! Nur Dylan! Lasst mich! Weg! Lasst miph…!!!

("wahr" wird überwältigt, szenerie verdunkelt sich, man hört beruhigend einredende stimmen, bis auch sie verhallen)

„I’m Not There“, der episodische, Dylan kaleidoskopisch spiegelnde Film, ist übrigens nicht so toll. Vielleicht, weil sich Dylan dann eben doch nicht in die einzelnen Phasen seiner Kunst/ seines Lebens aufspalten lässt, ohne dass selbst in der Summe Essenzielles verloren geht.

 
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Kommentare
Popkontext schrieb am 26.05.2011 um 12:15
Sehr schöner Text. Mal ein völlig anderer, und sehr richtiger und wichtiger Zugang / Kontext zu Dylans Werk und Person. Danke dafür!
goedzak schrieb am 26.05.2011 um 13:45
Wir scheinen seelenverwandt, wahr! :)) - „'Modern Times' wurde die erste Dylan-Platte, die ich mir kaufte." Ging mir genauso. Inzwischen habe ich die ganze Trilogie (Time Out Of Mind / Love And Theft / Modern Times) und hör mir immer mal wieder eines der Alben an.
Gehasst habe ich ihn eigentlich nie. Ich glaube, es sind die Dylanologen und die immer mal wieder ob einer 'kopernikanischen Wendung' ihres Idols tief enttäuschten hysterischen Fans, die einen den Mann verhasst machen. Dabei sind es deren Projektionen, die dann als 'Bob Dylan' auf der Welt erscheinen.
Ein Freund von mir, genau gleich alt wie ich, mit dem ich in jungen Jahren eine große Neil-Young-Verehrung teilte, hasst Dylan heute gerade wegen seines Alterswerkes, in dem er das missgelaunt-verbitterte Grummeln eines alten Mannes sieht, der sich musikalisch nur noch in Erinnerungen suhlt. Nun, dieser mein Freund hat, das ist mein Eindruck, selbst ein großes Problem, sein stetig wachsendes Alter zu akzeptieren.
Popkontext schrieb am 26.05.2011 um 13:56
"Ich glaube, es sind die Dylanologen und die immer mal wieder ob einer 'kopernikanischen Wendung' ihres Idols tief enttäuschten hysterischen Fans, die einen den Mann verhasst machen."
Jawohl. Genau der Punkt.
Popkontext schrieb am 26.05.2011 um 13:57
Also nicht verhaßt, aber das nervt mich am Komlex namens "Bob Dylan" und läßt mich auf Distanz gehen.
Popkontext schrieb am 26.05.2011 um 13:57
+p
Knüppel schrieb am 26.05.2011 um 14:55
@wahr

Ein fantastischer Text, lieber wahr!

Ich bin ja schon ein wenig älter ... :-) und erinnere mich "mit Schrecken" :-), dass ich mit einer Clique abends am Strand von Wenningstedt (Sylt) war und einer der Jungs seine Gitarre nahm und "Blowing In The Wind" spielte und sang. Einer der ersten Dylan-Songs, an den ich mich erinnere ...

Meine Lieblings Cover-Versionen von Dylan Songs stammen von NINA SIMONE (mal schaun, was ich finde ... :-) )



mp3.xalo.vn/bai-hat/nina-simone/the-times-they-are-a-changing/8dc564e
Knüppel schrieb am 26.05.2011 um 15:00
Nachtrag:
Die 2. Cover-Version "The Times ..." läuft auf der asiatischen Website etwas schleppend an (wenn man den Button 'Play/Pause' aber mehrmals abwechselnd gedrückt hat, funktioniert's, habe ich festgestellt) Viel Spaß!
wahr schrieb am 26.05.2011 um 23:40
Erstmal lieben Dank an alle für das schöne Feedback.

Ich behalte mir zwar vor, dem ein oder anderen Dylanologen (Detering, Diederichsen, Greil Marcus) durchaus gerne beim Dylanologisieren zuzu-äh-lesen, stimme aber von der Richtung her trotzdem dem zu, was goedzak und Popkontext schon so ähnlich schrieben: An Dylan nervt nicht so sehr Dylan, sondern der dylanologistische Komplex der Wolfgang Niedeckens und Willi Winklers dieser Welt. Ebenso das ungenießbare Gebräu aus "His Bobness"-Die-Hard-Fans mit Bauch und Lederweste, und denjenigen, die immer noch "ihrem" Protestsänger Bob Dylan nachtrauern, obwohl Dylan die Rolle des Protestsängers schon vor ungefähr 47 Jahren - 1964 etwa - ablegte. Aber mittlerweile sollen ihn ja schon wieder viel jüngere Generationen lieb haben. Gut so. Und die drei Alben Time Out Of Mind / Love And Theft / Modern Times liefern auch allen Grund, ihn mögen zu lernen.

@knüppel
Traumatische Erinnerungen an Blowin-In-The-Wind-Geklampfe am Lagerfeuer haben wohl wirklich sehr, sehr viele Leute gehabt, Knüppel. :-) Danke dir auch für die Dylan-Cover-Links. Eine meiner liebsten Coverversionen eines Dylan-Titels ist die gutgelaunte, schleimig-dekadente Version von "A Hard Rain's A-Gonna Fall" von Bryan Ferry.

Popkontext schrieb am 27.05.2011 um 01:27
Nein, gegen Diederichsen und Greil Marcus wollt eich auch nichts gesagt haben. Es ging mir mehr um die Sorte Männer, die in unterschiedlichem Grad glauben, sie seien Bob Dylan, wo ich mich immer Frage, ob die heimlich feuchte Träume von ihm haben, und die oben Beschriebenen.

Und ich mag nicht nur sein Alterswerk - Desire ist zum Beispiel ein Album, was für mich herausragt. Aber da habe ich auch einen sehr starken persönlichen Bezug dazu - Geschichten, und es hat mich auch seit meiner Teenagerzeit, als ich Musik entdeckt habe, bis heute begleitet und ist wichtig geblieben.

Und seine Radiosendungen waren auch großartig.
Columbus schrieb am 29.05.2011 um 01:06
Lieber Wahr,

Ihr Blog-Artikel ist einfach gut und sehr anregend. Danke
Christoph Leusch
wahr schrieb am 30.05.2011 um 06:59
Das freut mich wirklich. Vielen Dank für Ihr Feedback.
wahr
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