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Tuxedomoon - Half-Mute (1980)
In einem Mitbewerberprinterzeugnis schrieb ich einmal in einer Rezension zu „Cabin In The Sky“ (einem Tuxedomoon-Album von 2004) einen langen Satz, der unter anderem davon handelte, dass sich Tuxedomoons Hang zur ernsten Musik in ihrem Schaffen bis einschließlich ihrem ersten langen Album „Half-Mute“ in einem faszinierend unschlüssigen Stadium befand, das so klang, als hätten sie im Studio alle Fehler gekünstelter Theatralik im Schnelldurchlauf vollzogen, dann wieder verworfen und versucht, sich von dessen Einfluss zu befreien (statt wie in Wirklichkeit geschehen, erst so richtig in Theatralik und moderne Klassik einzutauchen, was ihren spätereren Platten leider nicht so gut bekam).
Und, ehrlich gesagt, schrieb ich das nur, um auch mal einen langen, altklugen, irgendwie schlau aus der Wäsche guckenden Satz in einem Text unterzubringen, der das, was er behauptet, sofort wieder widerlegt. Denn so scheint mir manchmal das gesamte Handeln des Menschentiers angelegt, und so in der Folge natürlich auch seine Kunst und damit ebenso das Schreiben über Kunst. Den Witz hat aber damals wohl keiner verstanden. Lustigerweise bekam ich dann aber eine - ernstgemeinte - E-Mail-Antwort vom Labelpromoter, dem meine Rezension sehr gut gefiel und der mich unbedingt weiter mit allen Neuigkeiten und Interview-Terminen der Musiker aus seinem Stall versorgen wollte (meist irgendwelche eher gemäßigten Jazzer, oder Soulsängerinnen im Bar-Jazz-Stil). Ich sagte nicht nein, habe mich dann aber nie wieder auf seine regelmäßigen Newsletter gemeldet. Ich mag den langen Satz aus der Rezension immer noch gerne lesen, mittlerweile glaube ich sogar, er könnte stimmen.
Es soll hier in diesem Text aber um die ersten Schritte von Industrieromantik in einer Zeit gehen, als immer mehr Musikprojekte bestrebt waren, dem ganzen Rockmist und Gitarrenmist einen Schuss Realität und Nervigkeit entgegenzustellen. Auch Punk-Gitarrenkram musste damals - 1979 - überwunden werden, die Gitarre entweder mittels Elektronik völlig verworfen (This Heat, Residents, Wire im Ambient-Wahn) oder neu überdacht werden (Chrome, Dr. Mix & The Remix, Young Marble Giants, Wire im Scharfschnitt-Wahn) oder das eine musste das Filetiermesser des anderen sein (Pere Ubu).
Tuxedomoon, gegründet als Projekt von in San Franzisko Studierenden der elektronischen und klassischen Musik (Violine, Saxophon), setzen zu jener Zeit ebenfalls auf einen wachhaltenden Realitätsbezug, der in Form von im Hintergrund wirkender, anätzender Elektronik an der Substanz der Tracks nagt und sie korridiert. Schönspielerei wird auf „Half-Mute“ nicht betrieben. Violine und Saxophon spielen meist gerade so lange eine Melodie, bis sie zu einem genau tarierten Augenblick abbrechen, einen sekundenkurzen Sturz ins Atonale erleben, aus dem sie sich dann wieder notdürftig fangen, um das Spiel an schwer berechenbaren Stellen erneut abzubrechen. Und wenn sie doch mal einen längeren, melodietragenden Part einnehmen, dann wird dieser gleich wieder durch Störungen unterminiert. Zu keinem Augenblick lässt „Half-Mute“ dabei erahnen, welche musikalischen Verbrechen im Folgejahrzehnt am Saxophon begangen werden sollten.
Natürlich ist Tuxedomoons Kunst Theatralik nicht fremd, aber sie findet noch auf den Straßen statt (über deren Straßenlärm auch mal ein Hubschrauber rotiert). Blaine L. Reiningers überspannter, leicht paranoider Gesang handelt von 59 Sekunden einer jeden Minute, die gegen dich sind, gegen dich und gegen mich. Wir haben also etwas gemeinsam, du und ich. Wir haben einen gemeinsamen Gegner, gegen den wir uns gemeinam in Bewegung setzen können. Tatsächlich wurde „59 to 1“ folgerichtig ein kleiner, gemeinsamer Wave-Disco-Tanzflur-Hit. Auch sonst ist auf "Half-Mute" dank der prägnanten und trockenen Bassarbeit und dem Einsatz einer kühl klopfenden Beatbox in vielen Tracks ein stabiles Fundament gelegt. Etwas, das ich bei einigen drögen Labtop-Exegeten der neueren Zeit doch etwas vermisse.
Die (geschwindigkeitsmanipulierten) Glocken auf „James Whale“ beziehen sich eindeutig auf klassische Gruselfilme der dreissiger und vierziger Jahre. Unterfüttert werden sie mit seltsam künstlichen Galoppgeräuschen und einem Rauschen ganz ähnlich dem, das alten Filmen aus der ersten Hälfte des vergangen Jahrhunderts zugrundeliegt. Ein Synthesizer zieht den Track in die Gegenwart: Er verteilt unheimliche Schlieren, die gut zu einer modernen Menschwerdung künstlicher Wesen gepasst hätten. James Whale, der Namensgeber des Tracks, war einer der fähigsten, virtuos mit stimmungsvollem Licht und vielschichtigen Charakteren arbeitenden Regisseure jener Zeit („Frankenstein“, „Der unsichtbare Mann“), als Gruselfilme einem noch nicht den Magen umdrehen wollten, sondern dem Zuschauer nur das Streichholz hinhielten, damit der die Lunte im Kopf selbst entzünden konnte (das Löschwasser bildete dann der kalte Schweiß).
Tuxedomoon waren also eine Vorstufe derjenigen Romantik, die sich dann leider zu Goth-Romantik entwickeln sollte. Auch Tuxedomoon selbst waren nach „Half-Mute“ in diese Richtung abgedriftet, ja, schlimmer noch, sie zogen nach Brüssel und lenkten ihre Musik zudem in Richtung europäischer Harmoniekultur. Ihre Elektronik setzte keine Gegengewichte mehr, die Tracks wurden nicht mehr von innen zersetzt. Aber in ihren Arbeiten bis einschließlich „Half-Mute“ hielten sie ihre Kunst in vollkommener, unberechenbarer Balance aus Realitätssinn und manisch-kühler Leidenschaft. Ich kenne aus jener frühen Phase nicht jedes Fitzelchen an Singles, EPs und Samplerbeiträgen, das sie produziert haben, aber das was ich davon kenne, ist ausnahmslos von Midas berührt. Ich verlor, wie so oft, mit der zweiten LP ("Desire") das Interesse.
(Fotos: Ausschnitte aus dem Cover von "Half-Mute". Letztes Foto zeigt auf der linken Hälfte den Ausschnitt einer Fensterbank mit kalkigen Einschlüssen)
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Lieber wahr,
obwohl es für mich jetzt bereits etwas zu spät am Abend ist, um noch etwas kluges zu Deinem Blog zu schreiben :-), möchte ich doch betonen, wie sehr mir Deine Texte regelmäßig gefallen. Vielen Dank dafür! Frohe Pfingsten und beste Grüße Knüppel |
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Vielen Dank für den Text! Während ich mich mit Bands wie Pere Ubu immer mal wieder näher beschäftigt habe (gerade wieder auf Tour hier gewesen, mit einem für seine Verhältnisse gertenschlanken, aber nicht weniger ungnädigen David Thomas: www.popkontext.de/index.php/2011/05/28/pere-ubu-am-26-5-2011-im-quasimodo-berlin/), habe ich mich mit Tuxedomoon nie weiter auseinandergesetzt, nur immer mal wieder No Tears aufgelegt und sie so Pi mal Daumen eingeordnet. Also auch in der Hinsicht für mich Neues.
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Danke an euch beide da oben für die lieben Kommentare.
Pere Ubu hätte ich mir im Mai gerne in Hamburg angeschaut, zumal "Modern Dance" zu meinen Allzeit-Lieblingen gehört. Leider hatte ich keine Zeit. Wie du, Popkontext, schon schriebst in einem prima Text (nämlich hier: www.popkontext.de/index.php/2011/05/11/pere-ubu-mit-the-annotated-modern-dance-auf-tour/), sollte man einmal im Leben Pere Ubu mal live gehört haben. Bei mir war es Bremen, 1980. Aber das ist ja nun auch schon eine Weile her. Nächstes mal klappt es vielleicht endlich mal wieder. Schöne Fotos vom Konzert übrigens. David Thomas hat wirklich merklich abgenommen. Steht ihm gut. |
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1980! Neid! Da war ich leider noch deutlich zu klein und habe zudem auf der falschen Seite des Eisernen Vorhangs gewohnt. Wenn ich mich auf eine Lieblingsperiode in der Popmusikgeschichte festlegen müßte, wäre es ja die Zeit von den späten 70ern bis in die frühen 80er - da beneide ich jede/n, der / die da im ausgehfähigen Alter war, und natürlich am richtigen Ort mit den nötigen Finanzen oder Beziehungen.
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Um deinen Neid zu dämpfen: Der Sound war mieser Matsch, Allan Ravenstines Synthesizer kaum zu hören, David Thomas schmiss entnervt sein kleines Silberhämmerchen weg, mit dem er auf Schrottteile einzudreschen pflegte, Mayo Thompsons Gitarre ging unter. Trotzdem ein für mich ein sehr einflussreiches Konzert. Man spürte, da stand eine große Band aus dem mythologischen, industriellen Amerika auf der Bühne.
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Da kann ich sogar mal verstehen, wenn David Thomas abtickt, was er ja habituell tut, oft auch ungerecht auf Kosten seiner Mitmusiker/innen und des Publikums wie in Berlin gerade. Sound und Show insgesamt sind glaube ich für ihn - nachvollziehbar - wichtig.
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Merci, mein Lieber.
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Ausgabe 22/2012
31.05.2012
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