Walkus

Kritische Reflexion

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Industrialisierung des Mitleids

Positionen | 19.03.2009 | 05:00 Götz Eisenberg
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23.03.2009 | 12:30 Walkus
In Spiegel-Online vom 17.3.2009 wie auch in anderen Zeitungen war zu lesen unter der Übeschrift: "Hunderudel fällt deutsche Touristin an": Spiegel-Text: In Süditalien ist eine deutsche Touristin von ...
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25.03.2009 | 12:22 Walkus
Christian, eben der profane Sinn der Alltagssprache ist das Problem, weil sich der Sinn schon aus Rollen ergibt, die im gesellschaftlichen Zusammenhang erfüllt werden. Das was geschieht wird in Beziehung zu diesen Rollen interpretiert. Damit werden die Subjekte praktisch zu Handlangern eines äußerlichen gesellschaftlichen Zusammenhangs degradiert, bzw. wenn die Subjekte ihr Leben und die Herausforderungen des Lebens in Beziehung zu diesen Rollen begreifen, dann machen sie sich zu diesen Handlangern. Leider fehlt mir momentan die Zeit, diese näher auszuführen. Falls Dein Danke nicht in dem Sinne zu interpretieren ist, dass die Frage für Dich abgeschlossen ist, dann werde ich versuchen, im Laufe der nächsten Tage noch einmal darauf zurückzukommen. Noch etwas, was die Verständlichkeit angeht. Verständlich ist es für uns immer dann, wenn wir uns im Bereich des Bekannten aufhalten, wegen in der Argumentation Bekanntes zu Bekanntem in Beziehung gesetzt wird, Bekanntes gegen Bekanntes gewendet wird. Diese Borniertheit, in der wir uns geistig in unserer verstandesmäßigen Tätigkeit bewegen, ist mir seit Jahrzehnten eine Frage von ungeheuerlicher Bedeutung. Die Frage, die ich mir stelle ist: Wenn der Verstand sich immer nur im Bereich des Bekannten hin und her bewegt, wie kann etwas erkennt werden, das nicht bekannt, von dem man nicht weiß? Auf welche Weise zeigt das Unbekannte? Wie muss der Zustand der Wahrnehmung sein, damit das, was nicht bekannt ist, gesehen werden kann? Die erste Frage, die sich dabei stellt ist, wie der profane Sinn der Umgangssprache die Sicht auf das Unbekannte verstellt. Wenn wir also als Menschen frei handeln wollen, und nicht in einer illusorischen Freiheit als Handlanger eines scheinbar äußerlichen gesellschaftlichen Zusammenhangs, dann muss man mit der Kritik dieses profanen Sinns der Umgangssprache beginnen. Denn es ist dieser profane Sinn, in dem sich die Vermittlung von Individuum und Gesellschaft vollzieht, in dem die Individuen durch den inneren Konflikt, in dem ihre Handlungen stehen, genau das hervorbringen, was sie hinterher bedauern und zu dem sie sich dann wieder als etwas äußerlichem verhalten. (vgl. auch Huiskens Artikel zum Anerkennungswahn).
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Industrialisierung des Mitleids

Positionen | 19.03.2009 | 05:00 Götz Eisenberg
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23.03.2009 | 12:30 Walkus
In Spiegel-Online vom 17.3.2009 wie auch in anderen Zeitungen war zu lesen unter der Übeschrift: "Hunderudel fällt deutsche Touristin an": Spiegel-Text: In Süditalien ist eine deutsche Touristin von ...
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24.03.2009 | 09:30 Walkus
Ja, Christian, ich kenne die junge Frau. Aber ich sehe sie nicht als 'Opfer', genauso wenig wie ich Menschen als 'Opfer' erkenne und ich anerkenne auch nicht den gesellschaftlichen Bewusstseinszusammenhang, in dem menschliche Wesen zu 'Opfer' werden. Götter brauchen Opfer. Priester brauchen Opfer. Sie leben davon. Als Opfer erscheint der Mensch in einem Zusammenhang in dem das gesellschaftliche Leben pervertiert ist, durch die Brille der Pervertierungen. Mir war wesentliche Seite des vorstehenden Artikels, dass er reflektierend eine Beziehung zu diesem gesellschaftlichen Bewusstseinszusammenhang herzustellen versucht. Was mich jedoch wunder nimmt, und was ich eigentlich nicht verstehen kann, ist, dass der Artikel nach dieser Seite anscheinend gar nicht wahrgenommen wird. Der Artikel wird eher von der Seite her reflektiert, welche Rolle man in einem großangelegten gesellschaftlichen Erziehungsprojekt einnimmt, innerhalb dessen man sich sowohl als Subjekt als auch als Objekt begreift.
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Industrialisierung des Mitleids

Positionen | 19.03.2009 | 05:00 Götz Eisenberg
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23.03.2009 | 12:30 Walkus
In Spiegel-Online vom 17.3.2009 wie auch in anderen Zeitungen war zu lesen unter der Übeschrift: "Hunderudel fällt deutsche Touristin an": Spiegel-Text: In Süditalien ist eine deutsche Touristin von einem Rudel streunender Hunde angefallen und schwer verletzt worden. Die 24-Jährige wurde am Dienstagmorgen bei einem Spaziergang am Strand bei Scicli im Süden Siziliens von etwa zehn Hunden angegriffen, berichtete die italienische Nachrichtenagentur Ansa. Nach Angaben von Augenzeugen erlitt sie schwere Bisswunden an Kopf, Gesicht, Armen und Beinen. "Sie spazierte am Strand entlang, als das Rudel sie überfiel. Die Hunde haben sie überall gebissen. Es war furchtbar", berichtete ein Augenzeuge. Ohne das schnelle Eingreifen einer Gruppe von Beamten des Ortes, inklusive des Bürgermeisters, sei sie "sicher getötet worden". Die deutsche Touristin wurde wegen ihrer schweren Verletzungen per Helikopter in das Krankenhaus Canizzaro in der Stadt Catania im Osten der Insel gebracht. Sie schwebe "in Lebensgefahr", sagten die Ärzte laut italienischen Medien.Die Helfer seien dabei gewesen, den Strand wegen eines anderen Hundeangriffs am vergangenen Sonntag zu kontrollieren, hieß es. Dabei war ein neunjähriger Junge von rund 50 streunenden Hunden zu Tode gebissen worden. Die italienische Gesundheitspolizei hatte am Montag rund 35 der aus einem verwahrlosten Zwinger in Strandnähe ausgebrochenen Vierbeiner wieder eingefangen. Heute brachte die Post eine Postkarte an mit folgendem Text: Lieber W., Mein Aufenthalt in Italien zieht sich dem Ende zu. Es ist aber ein sehr süßes und angenehmes Ende, denn gerade bereise ich mit dem Rucksack die wunderschöne Insel Sizilien. Neben ausgezeichnetem Essen und herrlicher Landschaft sind viele der Leute hier sehr aufgeschlossen und gastfreundlich. Ich hoffe ihr beiden seid wohlauf. Viele Grüße ... Jetzt liegt sie im Koma. Ihr Gesicht ist zerfleischt. Ein Arm ist abgebissen. Die Ärzte und ihre Eltern bangen um ihr Leben. Sie soll für kurze Zeit aus dem Koma erwacht sein. Dabei hat sie ihre Eltern wiedererkannt. Die Ärzte mussten sie jedoch wegen der ungeheuren Schmerzen wieder in das Koma überführen.
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Industrialisierung des Mitleids

Positionen | 19.03.2009 | 05:00 Götz Eisenberg
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22.03.2009 | 16:07 Walkus
Teil 3: Innere psychologische Verarbeitung und gesellschaftliche Form der Verarbeitung von Ereignissen lassen sich nicht trennen. Der Zwang, Ereignisse verarbeiten zu müssen, ergibt sich aus der Form der Wahrnehmung, die zwischen Vergangenheit und Zukunft vermittelt. Innere Verarbeitung und gesellschaftliche Form der Verarbeitung stehen in direkter Beziehung zueinander. In der Auseinandersetzung mit den äußerlichen gesellschaftlichen Formen der Verarbeitung und Bewältigung findet die innere Form der Verarbeitung und Bewältigung ihrer Bestätigung. In der Abscheu vor der Schrecklichkeit der Tat sowie im Mitleid mit dem Opfer findet das 'autonome Ich' einen äußerlichen affirmativen Bezug dazu, wie es mit seinem inneren Konflikt umgeht. Und es scheint mir so zu sein, dass sich das ganze Szenario der 'Industrialisierung des Mitleids' und die gesellschaftlichen Diskussion um Vorbeugemaßnahmen und Frühwarnsysteme auf diesem affirmativen Bezug entfaltet. Wenn die Form der Wahrnehmung als Vermittlungsstelle zwischen Vergangenheit und Zukunft naturgegebenes Moment unserer Psyche ist, dann wird es auch immer diesen affirmativen Bezug zwischen individueller und gesellschaftlicher Verarbeitung geben, wie er geschichtlich auch durch die vielen religiösen Mythen und Sagen vermittelt ist. Diese 'Industrialisierung des Mitleids' ist eine neue Form von Religion, die durch Wissenschaft gesellschaftlich vermittelt ist, einer Religion, die ihre Wahrheit aus der Abstraktion vom empirisch Vorgegebenen bezieht. In dieser neuen Form der Religion sind es nicht mehr die alten mystischen Gestalten von denen erzählt wird, sondern die wirklichen Gestalten, die über die Medien vermittelt werden, die bildhafte Orientierung im inneren Konflikt zwischen Vergangenheitsbewältigung und Zukunftsgestaltung liefern.
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Positionen | 19.03.2009 | 05:00 Götz Eisenberg
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22.03.2009 | 16:06 Walkus
Teil 2: Dieser innere Konflikt in der Form der Wahrnehmung zeigt sich im Außen in einem Konflikt von Täter und Opfer als getrennte Subjekte. Der Täter ist stets in Beziehung zur Vergangenheit in einem Täterprofil definiert. Hier fragt man, was hat er erlebt, wie ist er dazu gekommen? Was ist in der Verarbeitung seiner Erlebnisse falsch gelaufen? Bei einer Tat, wie dem Amoklauf, da hat er physisch keine Zukunft mehr. Er endet mit dem physischen Tod. Weiter lebt er nur psychologisch als Symbol für menschenmögliche schreckliche Handlungen. Nur insofern hat er eine Zukunft. In den meisten anderen Fällen, da muss er hinter Gitter oder es wird auf irgendeine andere Weise dafür gesorgt, dass er keinen weiteren Schaden anrichten kann (jedenfalls wird es versucht). Das Opfer steht wesentlich als solches in Beziehung zur Zukunft. Es hatte ein glückliche Vergangenheit, jetzt droht ihm eine unglückliche Zukunft. Als Opfer existiert es als solches in Bezug auf diese drohende unglückliche Zukunft. Worin aber Täter und Opfer ihr Gemeinsamkeit haben ist der vermittelnde Bezug zwischen Vergangenheit und Zukunft. Der Bankräuber ist als Bankräuber Täter, weil er sich mit seiner Tat etwas beschaffen will, was ihm in der Vergangenheit verwehrt wurde. Und er hat nur solange etwas von seiner Tat, als er als Täter nicht erkannt wird. Die Geisel ist als Geisel Opfer, weil sie durch die Tat etwas zugefügt bekommt, was sie in der Zukunft weiter verfolgen wird. Und sie hört auf, sich als Opfer der Tat erkennen zu geben, wenn sie nicht mehr von den Folgen der Tat verfolgt wird.
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Industrialisierung des Mitleids

Positionen | 19.03.2009 | 05:00 Götz Eisenberg
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22.03.2009 | 16:02 Walkus
Teil 1: Unabhängig von dem gesellschaftlichen Szenario, das sich an solch einem schrecklichen Ereignis wie dem Amoklauf von Winnenden entfaltete, sollten wir uns meiner Ansicht nach grundsätzlich mit der Form befassen, in der wir Ereignisse interpretieren und wie diese Form wiederum in der Entfaltung eines gesellschaftlichen Zusammenhangs von Individuum und Gesellschaft wirksam wird. In der Wahrnehmung eines Ereignisses haben wir die Beziehung zwischen einem Erlebenden und einem Erlebnis. Der Erlebende ist der, der sein Erlebnis auf irgendeine Weise verarbeitet und aufarbeitet. Traumatische Erlebnisse sind für ihn zu bewältigen. Er verarbeitet, arbeitet auf und bewältigt weil er in seinem weiteren Leben von dem, was er aus dem Erlebnis als Erinnerung mitnimmt, beeinflusst wird. Die Wahrnehmung des unmittelbaren Erlebens steht in Beziehung zu den Erinnerungen aus Ereignissen der Vergangenheit. Und damit ist die Gestaltung des zukünftigen Erlebens an die Verarbeitung und Aufarbeitung der Vergangenheit gebunden. Das ist der abstrakte Zusammenhang indem wir uns psychologisch verhalten. Dieser abstrakte Zusammenhang zeigt sich in unserem empirischen Verhalten und wird in den verschiedenen Ausdrucksformen der Psychologie reflektiert. Die Ausdrucksformen der Psychologie stellen nun wiederum für die Subjekte Haltepunkte dar, an denen sie sich in ihrem Verhalten orientieren. Die Psychologie stellt fest, dass wir uns danach verhalten, wie wir Ereignisse verarbeiten und wir finden uns in der Form der Wahrnehmung als Beziehung von Erlebendem zum Erlebnis bestätigt. In dieser Form der Wahrnehmung ist das Erlebnis etwas Vergangenes. Als Vergangenes hat es etwas hinterlassen, die Erinnerung. Zukünftiges Erleben ist nicht mehr frei von dieser Erinnerung. Die Erinnerung interpretiert jedes weitere Ereignis. Wie wir dieses nun erleben, freudig oder ängstlich, hängt nun von der Hinterlassenschaft der Vergangenheit ab. Daher gibt es in Bezug auf die Hinterlassenschaft etwas zu tun, als Ausgleich hinsichtlich des zukünftigen Lebens. Die Form der Wahrnehmung des Erlebens vollzieht sich in einem Bezug von Vergangenheit und Zukunft. In Beziehung zur Vergangenheit gibt es etwas zu tun, in Beziehung zur Zukunft besteht Abhängigkeit zu dem, was zuvor getan wurde. Die Form der Wahrnehmung bewegt sich in einem inneren Konflikt. Psychologisch zeigt er sich in den ausgleichenden Aktivitäten eins 'autonomen Ich', das was war mit dem was sein soll abzustimmen. In dieser ausgleichenden Aktivität ist das 'autonome Ich' Täter und Opfer zugleich - Täter in der Verarbeitung der Hinterlassenschaft der Vergangenheit, Opfer im Tragen der Bürde, die aus dieser Verarbeitung resultiert.
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Industrialisierung des Mitleids

Positionen | 19.03.2009 | 05:00 Götz Eisenberg
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21.03.2009 | 19:20 Walkus
Ja, es ist wirklich ein sonderbares Phänomen, kaum geschieht irgendwo ein Unglück, dann wird nach den Ursachen gefragt, wird nach Maßnahmen gefragt, aufgrund derer ein solches Unglück für die Zukunft verhindert werden kann. Die gesamte Gesellschaft ist elektrisiert und unter Spannung. Jeder will hinsichtlich der Wirksamkeit der Vorsorge Gewissheit haben, damit ihm so etwas nicht zustoßen möge. Und jeder will sich auch versorgt sehen, falls ihm so etwas zustoßen sollte. Wir sind zu Sklaven unseres Wissens geworden. Und unser Wissen sagt uns, wenn einem so etwas zustößt, dann ist das ein traumatisches Erlebnis, unter dem man sein ganzes weiteres Leben lang leiden wird. Also verlangen wir, wenn schon die gesellschaftlichen Präventivmaßnahmen nicht gegriffen bzw. noch nicht ausreichend entwickelt sind, dass wir wenigstens dann, wenn wir betroffen sind, in unserer Betroffenheit erleichtert werden. Und wir fordern das als gesellschftliche Aufgabe ein.
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Maike Hank hat gerade einen Kommentar geschrieben.
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poor on ruhr hat gerade einen Blogbeitrag erstellt.
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Kopfmachen21 hat gerade einen Kommentar geschrieben.
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