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Im Grunde mangelt es den heutigen Jugendgenerationen nicht an Feindbildern und Problemstellungen, dennoch haftet an den jungen Menschen ein apolitisches und unkritisches Image. Nur selten überraschen wir unsere wutbürgerliche Elterngenerationen durch politisches Aufbegehren und zivilgesellschaftliche Partizipation. Während unsere Eltern auf der Straße gegen überdimensionierte Tiefgaragen der Deutschen Bahn zu demonstrieren versuchen, einverleiben wir uns Billigflüge, technologische Neuheiten und kostengünstige Kleidung im Dauerlauf.
Vor wenigen Monaten kollabierte das Atomkraftwerk in Fukushima, dessen Folgen bis heute nicht geklärt sind, den dramatischen Auswirkungen von Tschernobyl jedoch in nichts nachstehen werden. Vor den Küsten Europas sterben zu Tausenden junge Afrikaner, die den Diktaturen ihrer Heimatländer entfliehen möchten, im reichen Westen jedoch nicht geduldelt werden. In Libyen fliegt die westliche Staatengemeinschaft Luftangriffe gegen einen Führer, der lange Zeit als gern gesehener Gast durch Europa reiste um an unserem Wohlstand mitzuwirken und selbst daran zu verdienen. Schon der Irak-Einsatz der US-Regierung stand unter fragwürdigen Vorzeichen und ist nicht erst heute als völkerrechtswiedrig einzustufen. In vielen Teilen Europas wird der Tonfall gegenüber Migranten und Andersgläubigen rauer und feindseeliger, Dänemark denkt bereits öffentlich über Grenzschließungen nach. Doch wo bleibt der Widerstand unserer Generation? Wir schauen ohnmächtig zu, die Ereignisse schnellen an uns vorbei und ersticken fundierte Gegenwehr schon im Keim.
taz und der Freitag überschlagen sich in Berichterstattungen und Reportagen über die Energiewende, nachhaltiges Wirtschaften und alternative Lebensformen. Wer Peter Unfried, Chefreporter der taz, auf seinem Streifzug durch das französische Viertel in Tübingen und den Entdeckungsreisen durch das wohlstandsbesoffene aber dennoch energiebewusste Hohenlohe folgt, müsste mit Stolz erfüllt sein. Deutschland reflektiert kritisch und mit offenem Ausgang seine eigene Haltung zu Paradigmen der zurückliegenden Dekaden. Sollten wir uns wirklich nur von ökonomischen Zielen leiten lassen? Wo können wir noch ressourcenschonender und nachhaltiger agieren? Endlich kann auch die Jugendgeneration froh sein, in diesen Zeiten zu leben. Es geschieht etwas - so zumindest der Eindruck. Von unseren Eltern und Großeltern bekamen wir frühzeitig vermittelt, dass große Schlachten und Errungenschaften zurückliegen, die ganze Generationen zu Kämpfern gegen Faschismus, Autoritäten, Kriegseinsätze und Atomkraft werden ließen. Die Gegenfrage liegt nicht weit: Und was ist mit euch? Wogegen kämpft ihr?
Meiner Generation mangelte es schlichtweg an Feindbildern. Antiautoritär und mit liberalen Weltansichten großgezogen sind wir nun Wohlstandskinder mit klaren Problemen vor Augen: Klimawandel, Wirtschaftsmigration und die neoliberale Ausrichtung der Wirtschaft für immer mehr Wachstum. Sie wurden uns quasi auf dem Silbertablett präsentiert, wir mussten sie nurnoch greifen. Doch noch ist vieles der Gegenwehr nur heiße Luft. Zusammenhänge zwischen persönlichem Konsumverhalten und weltpolitischen Auseinandersetzungen werden nicht oder unzureichend gezogen. Konsumgesellschaften haben keine Zeit und keinen Platz für Fragen nach Menschenrechten, Produktionsbedingungen und Umweltauswirkungen, insofern diese nur in anderen Teilen der Erde spürbar sind. Die heutige Jugend muss asketischer werden. Verzicht, Reflektion und Kontrolle müssen die Maxime unseres Konsumverhaltens werden. Kompromisse darf es nicht geben. Flüge für 19 Euro nach London sind nicht mit Fairtrade-Kaffee aufzuwiegen, Klamotten aus Biobaumwolle verlieren ihre Tragkraft wenn der Körper der darin steckt, sich täglich von Fleisch ernährt.
Der Netzaktivist Max Winde prägte mit dem Ausruf "Ihr werdet euch noch wünschen, wir wären politikverdrossen" unser Leitmotiv. Es bedarf einer Bewusstwerdung von Folgen und Verantwortung unseres Konsumverhaltens. An Verzicht geht kein Weg vorbei. Wenn wir den neoliberalen und faschistischen Entwicklungen in und um Europa Einhalt gewähren möchten, müssen wir abkehren von institutionstreuen und naiven, populistischen Parolen. Folgen wir dem Trott des Establishments, werden wir uns wiederfinden in totalitären Systemen, die Muslime zu feindseeligen Staatsfeinden stilisieren möchten und nicht bereit sind, Erzeugerländer einen Platz an der Sonne einzuräumen. Wir müssen aufwachen, schon jetzt schwinden Fukushima und der Libyen-Einsatz aus unseren Köpfen, wir verdauen politisches Verbrechen wir Junkfood und verlieren dabei den Bezug zu ihrer Tragweite. Dabei ist es doch so erstrebenswert, eine Generation mit Gesicht zu sein. Und dieses Gesicht sollte wahrlich nicht die Form eines angebissenen Apfels haben.
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Wie genau geht "aufwachen"?
Gern gelesen, JJK |
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Jeder Gang in den Supermarkt, jeder Einkauf, jede Konsummöglichkeit sollte uns zu kritischer Reflektion anhalten. Ich denke, wenn uns bewusst wird, dass auch, oder v.a., unser Konsumverhalten Teil unserer politischen Meinungsäusserung ist, würden wir wesentlich mehr Acht darauf geben, wem wir Macht geben.
In Zeiten des Web 2.0. mangelt es nicht mehr an Informationen über Missstände in dieser Welt. Studenten, die unreflektiert ganze Stadtteile okkupieren, gentrifizieren fleißig mit. Menschen, die fahrlässig mit Daten und Informationen im Internet agieren, öffnen totalitären System die Pforten. Bio-Bananen aus Ecuador sind so umweltschonend wie das Heizen bei geöffnetem Fenster. Worum es mir geht, ist das kritische Bewusstsein gegenüber unserem Alltag. Das ist für mich "Aufwachen". |
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Aber sichtbar werden "wir" ja dadurch noch nicht. Die Proteste der Vergangenheit waren ja deswegen so augenscheinlich und eindringlich, weil publikumswirksam auf Misstände aufmerksam gemacht wurde – und eben gerade nicht klein-klein im eigenen Alltag. Letzters mag oder mag nicht stattgefunden haben, das zu beurteilen bedürfte wohl noch einiger Gesprächsrunden mit der Elterngeneration jenseits der historischen Verblendung.
Lässt sich Dein Geschriebenes auf "Wandel durch Bewusstsein" verkürzen? Das Problem daran ist häufig, dass es eher umgekehrt ist, also "Bewusstsein durch Wandel". Die Bio-Bananen waren ja auch mal "gut", genau wie per se Spenden, der Abbau der Brent Spar etc pp. Ein paar Erkenntnisse später hat man dann den Salat. Omniszienz ist genauso utopisch wie die Annahme, Menschen (also alle - oder realistisch viele) könnten für sich bewusst exakt richtige Entscheidungen treffen. Das klingt für mich ein bisschen wie ein stiller Protest, der keiner ist, weil er entweder nicht stattfindet, von der eigenen Faulheit unterwandert oder von den anzusteckenden Rezipienten nicht gesehen wird. Vielleicht bräuchte etwas Lauteres. Bersten Gruß, JJK |
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@JJK
Da würde ich Ihnen zunmindest teilweise widersprechen. Bewußtes Konsumverhalten halte ich für mindestens genauso wichtig wie Demos. Das muss ja nicht gleich Omniszenz heißen, sondern eben nur sowas: Ich kaufe kein Obst aus Übersee etc., - sich über Produktionsbedingungen und Transport etc. erkundigen und entsprechend kaufen oder liegen lassen. Das tun in zwischen doch einige Leute und dadurch hat sich schon etwas geändert. Das "Laute", was Sie einfordern, ist natürlich auch wichtig, um Signale zu setzten - das hatten wir ja gerade bei den Anti-Atom-Demos (auch wenn es dafür eine schlimme Katastrophe plus kritische Berichterstattung dazu brauchte, um die Leute "aufzuwecken"), jetzt geht gerade eine neue Generation Feministinnen auf die Straße, um sich gegen sexuelle Gewalt zu wehren: www.freitag.de/community/blogs/barbara-muerdter/slut-walk-fuer-sexuelle-selbstbestimmung-und-gegen-sexuelle-gewalt |
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Vielleicht ist der Klein-Klein Protest im Alltag aber eben genau unsere Form der Gegenwehr, da wir nunmal durch Web 2.0 etc. wesentlich mehr Konfrontation ausgeliefert sind.
Der Protest auf der Straße ist tot, Demonstrationen sind modische Events. Durch unseren Konsum haben wir die Zügel aber noch in der Hand, da er die Diktatur der Neuzeit ist. |
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@Jonas Weyrosta
Ich glaube, das gehört alles zusammen - Konsumverhalten, Demos, Diskussionen zur Meinungsbildung, Aktivismus im Kleinen, d.h. einerseits das eigene Verhalten, mit dem man andere anregt, aber auch die vielen kleinen engagierten Gruppen und Vereine, die sich um gesellschaftliche Mißstände kümmern - die darf man auch nicht vergessen. Die waren / sind z.B. auch für die Anti-Atom-Bewegung wichtig, in der Flüchtlingspolitik etc. |
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Wie effektiv das Web 2.0 bin ich mir noch nicht so sicher - ich glaube, da versandet viel, aber an der richtigen stelle kann es auch durchaus was bringen.
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Der Protest auf der Straße ist allerdings wirklich tot. Jede zweite Demo ist ein besserer (schlechterer) Rave.
Und natürlich ist bewusstes Konsumieren wichtig, ich bezweifle nur, dass es das in letzter (!) Konsequenz wirklich gibt – Information zu haben ist die eine Sache, sie in einen globalen Kontext zu setzen (und das richtig!) eine ganz andere. Vielleicht ließe sich ja Konsum, zumindest der im Netz bündeln bzw. umleiten, so dass es an der "richtigen" Stelle weh tut. Wobei mir "richtig" immer Magenschmerzen bereitet, im historischen Rückblick. |
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Das Stichwort ist "Shitstorm". Irgendwie.
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@Popkontext
Klar muss alles ganzheitlich angegangen werden. Aber ein bisschen geht es ja in dem Beitrag darum, wie das neue Gesicht des Protests aussehen soll. |
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@JJK
"Jede zweite Demo ist ein besserer (schlechterer) Rave." Da ist doch nichts verkehrt dran, solange die Aussage klar ist. Das wäre dann ja so ein "neues Gesicht des Protests". Über Kulturveranstaltungen- und Konzerte auf Mißstände aufmerksam zu machen wäre auch so eine Sache - passiert in meiner Wahrnehmung aber nicht mehr so oft, aber vielleicht habe ich da jetzt gerade einen Aussetzer und komm nur nicht drauf, was da in letzter Zeit in der Richtung passiert ist. |
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"Da ist doch nichts verkehrt dran, solange die Aussage klar ist."
Raven für den Weltfrieden, oder wie? (; Als langjähriger Wahlkreuzberger bin ich etwas skeptisch was das politische Potenzial des feiernden Volkes angeht. Etwas bis sehr. |
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@JJK
Hmm, ob es effentiver ist, wenn die Ü50 Generation "Hopp, Hopp, Hopp, Weltfrieden im Galopp" skandiert wage ich zu bezweifeln. Ich finde Rave-Demos völlig in Ordnung, weil sie jüngere Leute ansprechen - nur müssen die politischen Ziele klar ausgedrückt werden. Weltfrieden ist da vielleicht etwas sehr allgemein ;)... Und die Demos mit Flaschen- und Steinewürfen, wie es sie in der Berliner Hausbesetzerszene der frühen 80er gab, und die es bis vor kurzemam 1. Mai, kommen vielleicht schneller zurück als man sich wünscht. Wenn man sich die derzeitige entwicklung anschaut und davon ausgeht, dass es immer mehr Leute gibt, die total abgehängt werden und die dann auch das entsprechende Wut- und Verzweiflungspotential mitbringen. Man schaue sich nur die derzeitige Häufung von Vorfällen in den Jobcentern an... Ich bin mal gespannt auf diesen Slut Walk - das ist ja im Prinzip auch eine Rave-Demo, so wie ich da die Ansätze sehe...und die politischen Ziele sind klar und ernsthaft. |
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Jonas Jonas,
guter Beitrag,präzise und ernüchternd scharf formuliert. gefällt. |
Ausgabe 22/2012
31.05.2012
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